Wort, das wirkt

Apostelgeschichte 2, 37 – 41

 37 Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? 

Das, was sie hörten, war: Gott hat Jesus zum Herrn und Christus gemacht. Das ist die Botschaft, die Herzen durchdringen soll und kann. Wie es dazu kommt, dass es ihnen durchs Herz ging, wird nicht erklärt. Am Erklären, am Zusammenhang von Ursache und Wirkung, der uns so beschäftigt, hat Lukas oft nicht allzu viel Interesse. Ich sage: Es ist die Wirkung des Geistes, der sie ja auch zuvor hat hören lassen, wie die Jünger von den großen Taten Gottes reden. 

Das legt nahe zu sagen: Es gibt nur ein Hören, das das Herz berührt, wenn Gott seinen Geist gibt. Darum ist es angemessen, zu tun, was wir in unseren Gottesdienst tun, um geöffnete Ohren zu bitten, um das Wirken des Geistes zu bitten: “Gib uns ein Wort für unser Herz und öffne unser Herz für Dein Wort.”

Eine biographische Erinnerung. In meiner Bibel steht am Rand zu dieser Stelle ein Datum: Pfingsten 1967. Da hat Gott mir zu Herzen gesprochen, durch einen Menschen und seine Predigt. An diesem Tag liegt der Anfang meiner Umkehr. Abgeschlossen ist sie bis heute nicht.

 Was sollen wir tun? Das ist die Frage, die die Bußpredigt des Täufers Johannes bei ihren Hörern ausgelöst hatte. Seine eindrucksvolle Antwort:Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“ (Lukas 3,11 – 14) Johannes antwortet mit ethischen Weisungen, die in die konkrete Lebenssituation der Fragenden führen.

 Die Frage bleibt. Sie entsteht wohl immer, wenn einer im Herzen getroffen wird, weil er spürt, es geht nicht „Weiter so! Immer weiter!“ Es ist die Frage derer, die spüren, dass in ihrem Leben Umkehr angesagt ist, weil Neues in ihr Leben regelrecht eingebrochen ist.

 38 Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. 39 Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.

 Die Antwort des Petrus auf diese Frage ist nun gerade keine ethische Weisung! Auch Tut Buße ist erst einmal keine ethische Aufforderung. Es wird kein neues Handlungsmodell vorgestellt. Sondern es geht um eine “inhaltlose” Hinkehr zu Gott. Es geht um empfangen, sich taufen zu lassenauf den Namen Jesu Christi. Empfangen, an sich geschehen lassen. Aus Tätern werden Empfangende, Beschenkte. “Die Umkehr ist nun nicht mehr nur Forderung, sondern Gabe, Umgestaltung des geschichtlichen Lebens durch die Heilsmacht Jesu.” (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 62)

 Dreimal wird mit dem Wort “Tut Buße”μετανοέίτε – im Neuen Testamen ein Weg eröffnet. Es ist der Leitsatz der Predigt des Täufers “Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!” (Matthäus 3,2) Und dieser Leitsatz des Täufers wird auch zum Leitsatz der beginnende Verkündigung Jesu (Matthäus 4,17). Hier nun ist es der Beginn der Verkündigung der Gemeinde im Mund des Petrus. Das ist gewiss kein Zufall.

Es ist der Einspruch gegen eine Welt, deren Leitsatz so oft heißt: Weiter so! Zwischen diesen beiden Polen – “Weiter so!” und Tut Buße!” spielt sich das Leben ab, meines auch. Wie oft mache ich einfach weiter – aus Gewohnheit, aus Trägheit, aber auch aus Überzeugung. “Es wird schon werden, man muss nur durchhalten.” Wie schwer hat es dem gegenüber der Ruf zur Umkehr, der Ruf auf neue Wege.

 Das ist ja der Inhalt des Wortes Tut Buße! Es gibt die Möglichkeit, neue Wege zu gehen. Dieser Ruf eröffnet sie. Es ist ein schreckliches Missverständnis, dass aus dem Bußruf so etwas wie eine Aufforderung zur Selbstbeschimpfung und Zerknirschung geworden ist. Es ist ein stolzes, ein schönes Wort: Ihr seid nicht die Unverbesserlichen. Ihr könnt neu werden. Gott eröffnet neue Wege für euch.

 Und doch ist das kein einfacher Ruf, der einfach zu befolgen wäre. Mit den alten Wegen kennen wir uns aus. Die alten Denkmuster sind fest verwurzelt und eingeübt. Das Neue, der noch nicht bekannte Weg macht auch Angst, unsicher. Das Neue ist nie nur verlockend. Heraus aus dem alten Leben, den alten Überzeugungen, den alten Werten geht nicht leicht. Es ist die Weise, wie Gott ruft: Er lockt ins Freie, in die Weite, in das unbekannte Land der Zukunft.

 In der Gabe des Geistes werden sie, die Hörer der Petrus-Predigt, alles empfangen, was sie für den neuen Weg nötig haben. So hat es ja schon Jesus gesagt. “Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!” (Lukas 11, 13) Mit dem Geist wird neues Leben empfangen, ein Leben, das nicht mehr festgelegt ist durch das was war, auch nicht mehr festgelegt durch alte Schuld, durch die Gottesentfremdung, durch die Sünde. Der Geist öffnet das Leben neu. “Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.” (2. Korinther 5, 17) Wie einig sind sich Lukas und der Apostel darin: Sündenvergebung eröffnet neues Leben in der Kraft des Geistes.

 Das ist nicht nur ein guter Horizont für die, die gerade in Jerusalem sind und zuhören. Das ist zugleich der gute Horizont für alle, die dazu kommen werden, die durch die Botschaft von Jesus als dem Herrn und Christus gewonnen werden. Das ist der gute, weite Horizont auch für die Leserinnen und Leser des Lukas, bis zu uns heute.

 Ob es wirklich eine Einschränkung ist, wenn das alle, die fern sind weiter aufgenommen wird mit so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird? So, als Einschränkung, kann man lesen. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, wie wenig das alle in unserer Zeit heute eingelöst scheint. Aber so muss man nicht lesen. Es mag ein Vorgriff sein – aber das letzte Wort der Apostelgeschichte heißt “ungehindert”, ακωλύτος. Ich denke, dass man von diesem Wort her auch diesen Satz zu lesen hat – und dann ist mehr vom Heilswillen Gottes zu reden, der alle sagt und meint, als von der oft entmutigenden Praxiserfahrung, die sich an der kleinen Zahl wundreibt.

 40 Auch mit vielen andern Worten bezeugte er das und ermahnte sie und sprach: Lasst euch erretten aus diesem verkehrten Geschlecht!

 Das „fiktive Redemanuskript“ ist erschöpft und wird summarisch zusammengefasst: mit vielen andern Worten. Das ist nicht Misstrauen gegen die eigenen Worte. Das ist auch keine kritische Anmerkung nach dem Motto: Weil keiner hörte, redete er immer mehr. Nein, dieser Wille, das Heil Gottes anzusagen, kann gar nicht genug Worte finden. Petrus macht so viele Worte, weil er das will: bezeugen und ermutigen. So lässt sich das griechische Wort παρακαλείν auch übersetzen, das in unseren Bibeln fast immer, auch hier, mit „ermahnen“ wieder gegeben wird. Es geht nicht um den erhobenen Zeigefinger! Es geht um eine Ermutigung zu neuen Lebensschritten.

 Lasst euch erretten aus diesem verkehrten Geschlecht! Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine geistliche Sicht. „Weiter so“ ist eine Sackgasse. Sie wird auch dann nicht zur Durchgangsstraße, wenn viele in sie hineinfahren. Gerade darum ist nicht zu verschweigen: Diese Schritte führen heraus aus der alten Existenz. Sie führen auch zu Trennungen. „Die Entscheidung für Christus bedeutet Rettung (V.21), aber eben auch Scheidung von denen, die diese Entscheidung verweigern.“ (G. Stählin, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 55) Christ-werden ist nicht immer beifallsfähig von allen Seiten.

 Aber noch einmal: Niemand kann sich selbst retten. Niemand kann sich selbst auf die richtige Seite stellen. Das wehrt allem Hochmut, auch allem Drängen der Prediger. Es führt hin zu einer tief demütigen Haltung des Bittens. So ist Petrus hier ganz nahe bei Paulus, der sagen kann: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! (2. Korinther 5,20) Wie wenig hat eine triumphalistische Kirche, die sich im sicheren Besitz der Wahrheit wähnt, sie gerne auch einmal als „Schatz der Kirche“ bezeichnet, davon begriffen. Auch die Wahrheit, sogar die rettende Wahrheit Gottes, lässt sich immer nur in der Form der Bitte weitergeben! Anders als bittend wird sie ja auch nicht empfangen.

 41 Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.

Diese Pfingst-Predigt hat sensationellen „Erfolg“. Sie findet Echo, Antwort in dem, was die Menschen tun. Viele lassen sich taufen. Sie suchen das äußere Zeichen, das sie innerlich bindet. Sie hören über sich den Namen Jesu ausgesprochen und werden so mit ihm verbunden, mit seinem Tod und seiner Auferstehung. Dreitausend Menschen kommen hinzu – genauer sie wurden an diesem Tage hinzugefügt. Es ist eine der Passiv-Formulierungen, in denen das Handeln Gottes verborgen wird. Nicht Petrus hat sie „bekehrt“, die Früchte seiner Arbeit eingesammelt. Gott hat hinzugefügt.

 So wie sich keiner selbst retten kann, so können auch Prediger, und seien sie noch so vollmächtig, keinen retten. Sie können sagen, bitten, rufen. Sie können auch taufen. Aber dass daraus ein „hinzugefügt Werden“ wird, das ist nicht mehr in der Hand der Menschen. Die Aufnahme in eine Gemeindegliederkartei durch die Taufe macht es noch nicht. Das ist ärgerlich für Kirchen, die um ihren Mitglieder-Bestand bangen und kämpfen. Aber es geht um mehr als um Mitglieder – es geht um die Eingliederung in das Volk Gottes. Und da gilt: Gott muss machen.

Ein Letztes. Ich lese: „Das Neue Testament redet in zweifacher Weise vom heiligen Geist. Der Geist, zusammen mit dem Feuer, das Element der oberen Welt, das, wenn es in diese irdische Welt hineinbricht, in der Ekstase gespürt wird, – das ist das eine. Der Geist, das neue Wesen derer, die in Gemeinschaft mit dem erhöhten Herrn stehen, das Wesen also, dessen Früchte der Apostel Paulus so beschreibt: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit, – das ist das andere. Es ist beide Mal ein Geist, nämlich der Geist Jesu Christi. Aber er bezeugt sich verschieden. Was den Gliedern der Gemeinde verheißen wird, ist nicht eine Pfingsterfahrung, wie sie den Aposteln gegeben war, sondern eine neue Glaubenshaltung, die das ganze Leben durchzieht.“ (O.Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 38)

 Ich bin versucht zu fragen: Wie können Sie, Herr Dibelius, Bischof und Wissenschaftler zugleich, so sicher sein? Gewiss darf man aus der ekstatische Erfahrung keine Forderung machen: So müssen alle den Geist erfahren. Aber genauso gewiss darf man diese Erfahrung nicht auf die Zeit der Apostel eingrenzen. Mein Verdacht ist: Dahinter verbirgt sich Interesse, auch Kirchenleitendes Interesse. Nach dieser etwas ungestümen Anfangszeit des Geistes kommt die Zeit der stillen Glaubenshaltung, die das ganze Leben durchzieht. So hätte man es wohl gerne, wenn es um gut geordnete Kirchlichkeit geht. „Friede sei mit euch“ sagen wir und meinen „Haltet Ruhe“. Wir haben es gerne ruhig. Aber der Heilige Geist fragt nicht nach Kirchlichkeit. Er schenkt überborderndes, überschäumendes Leben. Er durchbricht alte, bewährte Grenzen – nicht nur damals.

 Ich glaube, wir brauche beide Erfahrungen des Geistes – die, die uns über unsere Grenzen hinausführt, begeistert, selbstvergessen werden lässt und die andere Erfahrung, die lang-anhaltende und tief-greifende Veränderungen auch des Wesens und des Handelns bewirkt, die überhaupt nicht spektakulär sind, aber dem Miteinander dienen.

 Heiliger, barmherziger Gott                                                                                                  Du hast zu Herzen geredet                                                                                             Herzen berührt                                                                                                                      geöffnet                                                                                                                              gewandelt                                                                                                                           Damals                                                                                                                             Heute                                                                                                                                     bei vielen                                                                                                                                           bei mir.

 Ich danke Dir                                                                                                                          für alle Worte                                                                                                                        alle Erfahrungen                                                                                                                   die unter die Haut gegangen sind                                                                                     erschüttert                                                                                                                            ins Fragen gebracht                                                                                                          verwandelt haben.

 Ich danke Dir                                                                                                                           dass Dein Geist wirkt                                                                                                        manchmal mit einer Macht                                                                                                  die erschreckt                                                                                                                          und manchmal                                                                                                                      wie ein stilles leisen Wehen                                                                                                      das doch auf einen neuen Weg bringt.

Schenke uns Deinen Geist                                                                                                     so wie Du willst. Amen