Die Lehre einer Mutter

Sprüche 31, 1 – 9

 Dies sind die Worte Lemuels, des Königs von Massa, die ihn seine Mutter lehrte.

               So wenig ich weiß, wer Agur ist, weiß ich auch, wer Lemuel ist. Und Massa kenne ich nur als einen Nachkommen Ismaels. Aber das ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, was über Lemuel hier geschrieben steht. Es geht um seine Worte, die ihn seine Mutter lehrte. Das ist einzigartig im Alten Testament, dass eine Textpassage ausdrücklich einer Frau zugeschrieben wird. Dies gibt den nachfolgenden Worten noch einmal ein besonderes Gewicht.

Lemuel hat diese Worte mit bekommen auf den Weg seines Lebens. Worte einer königlichen Mutter. Sie haben sich so tief eingeprägt, dass er sie wieder hervorholen kann aus der Erinnerung. Es ist ein Schatz, Worte zu haben, an die man sich erinnern kann, die einem die auf den Weg des Lebens gesagt haben, die es gut mit einem meinen. Worte der Großeltern, der Väter, der Mütter.

             Es sind nicht unbedingt die Väter, die königliche Söhne lehren. Es sind vor allem – so ist das ja auch heute noch – Mütter, die Kinder auf den Weg des Lebens stellen. Sie lehren sie sprechen, laufen, die Welt sehen. Sie wenden sich ihnen zu und helfen ihnen damit, sich selbst der Welt zuzuwenden. Sie bieten ihnen Schutz und helfen ihnen damit, sich in die Welt zu wagen. Und sie geben ihnen ihre Worte mit auf den Weg.

2 Was, mein Auserwählter, soll ich dir sagen, was, du Sohn meines Leibes, was, mein erbetener Sohn? 3 Lass nicht den Frauen deine Kraft und geh nicht die Wege, auf denen sich die Könige verderben!

             Ob es typisch ist, weiß ich nicht, aber es fällt auf: Lemuels Mutter warnt. Ihre Weise, den Weg ins Leben zu zeigen ist Warnen: Leben ist gefährdet. Sie warnt wohl auch deshalb, weil sie in einer besonderen Verbindung zu ihrem Sohn steht: mein Auserwählter… , du Sohn meines Leibes, mein erbetener Sohn. Es ist ein ersehnter Sohn, ein Kind der Sehnsucht, der Liebe. Hat sie lange auf ihn warten müssen und die Hoffnung fast schon aufgegeben? Ist sie deshalb auch besonders besorgt um ihn? Es wäre ja kein Einzelfall in den biblischen Texten.

Dass Kinder nicht auf Bestellung und nach Wunsch und Planung kommen, zieht sich durch die Erzählungen wie ein roter Faden – Sarah, Rebekka, Rahel, Hannah, Elisabeth. Es gibt Kinder nicht anders als erbeten. Das gilt, auch wenn unsere Zeit das irgendwie zu vergessen droht und so tut, als könnte man Kinder nach Wunsch produzieren, notfalls im Reagenzglas. Selbst das Leben dieser Kinder ist Gabe, ihr Lebensatem kommt aus der Wirklichkeit Gottes und wird erst im Beten recht empfangen. So jedenfalls sieht es der Psalmbeter:

Es warten alle auf dich,  dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.                        Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie;                                                                                     wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.                                   Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;                                                               nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.                 Du sendest aus deinen Odem,  so werden sie geschaffen,                                               und du machst neu die Gestalt der Erde                   Psalm 104, 27-30

             Lemuels Mutter sieht die Gefahren des königlichen Lebens und möchte ihren Sohn vor den gefährlichen Wegen bewahren. Ist es das Privileg der Mütter, dass sie eher warnen, eher Gefahren sehen? Und ist es die traditionelle Aufgabe der Väter, nach vorne zu locken, an die Grenzen zu führen, zu helfen, die eigenen Kräfte zu erproben und dabei auch einmal zu scheitern?

Das klingt nach Rollenklischee. Aber es ist zugleich wohl ein Fünkchen Wahrheit darin. So gehen Väter mit den Söhnen um, dass sie anspornen, reizen, auch einmal überfordern. Väter glauben an die Formel: Fördern durch Fordern. Und sie interessieren sich umso mehr für ihre Söhne, wenn sie sich fördern lassen. (Sehr schön erzählt davon Wilhelm Hauff, Werke, Band I, Die Sage vom Hirschgulden) Mütter dagegen glauben an etwas anderes: An die Kraft der Bindung, an die Fähigkeit, sich zurück zu nehmen, an die Selbstbeherrschung und Besonnenheit. Sie eröffnen Spielräume, aber sie stehen auch immer zum Schutz bereit.

Was würde der Vater Lemuels sagen? „Der Junge muss sich die Hörner abstoßen.“ – „Man muss Erfahrungen mit Frauen sammeln.“ – „König sein lernt sich nicht, wenn man Angst hat.“ Es ist das Privileg der Mutter, dass sie im Sohn zuerst den Menschen sieht und die Gefahr, dass er sich in seiner Funktion „König“ verliert. Und so will sie ihn lehren, dass er über dem König-Sein nicht sich  als Mensch verliert.

4 Nicht den Königen, Lemuel, ziemt es, Wein zu trinken, nicht den Königen, noch den Fürsten starkes Getränk! 5 Sie könnten beim Trinken des Rechts vergessen und verdrehen die Sache aller elenden Leute. 6 Gebt starkes Getränk denen, die am Umkommen sind, und Wein den betrübten Seelen, 7 dass sie trinken und ihres Elends vergessen und ihres Unglücks nicht mehr gedenken.                                                                                                                                                                                 Es geht um angemessenes königliches Verhalten. Der Warnung vor dem Missbrauch der königlichen Privilegien (= Frauen) folgt die Warnung vor der Zügellosigkeit in Sachen Wein. Nicht dem Wein huldigen, nicht sich das Leben leicht trinken. Es wird schon damals so sein, dass das Leben eines Königs nicht leicht ist. Er hat Verantwortung für seine Leute, manchmal unerträglich viel. Und verdient, wer viel Verantwortung verträgt, nicht auch Entlastung, Entspannung?  So geht ja die Logik ausufernder Feste bis heute. Wer hart arbeitet, wer erfolgreich ist, der darf auch feiern. Und Feiern ist aus Männersicht bis heute Frauen und Alkohol.

Wie fremd ist demgegenüber die Botschaft dieser Mutter. Das Fest darf nicht dazu führen, dass der Blick auf das Recht erblindet, dass die Aufmerksamkeit für die verloren geht, die elende Leute sind. Es ist bemerkenswert: Der Weisheit Israels, die so existentiell, grundsätzlich argumentiert, geht der Blick für die nicht verloren, die auf der Schattenseite des Leben stehen. Das ist beim Prediger so: „Wiederum sah ich alles Unrecht an, das unter der Sonne geschieht, und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und keinen Tröster hatten. Und die ihnen Gewalt antaten, waren zu mächtig, sodass sie keinen Tröster hatten.“(Prediger 4,1) Und auch hier, in den Sprüchen, ist es ein großes Thema:„Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott.“ (14,31)   

Damit lehnt diese Sicht sich an das Bild von Gott an, das für Israel bestimmend ist: Gott sieht besonders auf die Witwen und Waisen, die rechtlos und ungeschützt sind. „Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen. Ihr sollt Witwen und Waisen nicht bedrücken. Wirst du sie bedrücken und werden sie zu mir schreien, so werde ich ihr Schreien erhören. Dann wird mein Zorn entbrennen, dass ich euch mit dem Schwert töte und eure Frauen zu Witwen und eure Kinder zu Waisen werden. Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen. Wenn du den Mantel deines Nächsten zum Pfande nimmst, sollst du ihn wiedergeben, ehe die Sonne untergeht, denn sein Mantel ist seine einzige Decke für seinen Leib; worin soll er sonst schlafen? Wird er aber zu mir schreien, so werde ich ihn erhören; denn ich bin gnädig.“(2. Mose 22, 20 – 26) Gott ist Partei für die Schwachen, die Rechtlosen, die Unterdrückten. Darum soll es auch der König sein!

Es ist das die vornehmste Pflicht des Königs, für sie zu sorgen. Darin gleicht er Gott. Darin ist er Ebenbild des fürsorglichen Gottes – „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei,“(1. Mose 1,26) -, erfüllt er die Bestimmung seines Mensch-Seins. Es ist nicht auszudenken, was das für einen Staat in der Nachfolge des christlichen Glaubens heißen könnte, für das Handeln derer, die stark sind, einflussreich und Macht haben – und sich womöglich auch noch als Christen verstehen.

Der andere Satz ist demgegenüber gefährlich: Gebt starkes Getränk denen, die am Umkommen sind, und Wein den betrübten Seelen, dass sie trinken und ihres Elends vergessen und ihres Unglücks nicht mehr gedenken. Das klingt nach Opium für das Volk, nach Brot und spiele, nach Vertrösten in miserabler Lage. Das ist wie eine Entschuldigung für den „Elends-Suff“. Es ist wahr: Die Verantwortung für ein Volk erlaubt es nicht, dass sich der König „die Kante gibt“. Aber es ist doch zugleich auch wahr: Die gleiche Verantwortung erlaubt auch nicht, die Verhältnisse so zu lassen, dass das Volk glaubt, sich nur noch „die Kante geben“ zu können.

Wer das Wort von Lemuels Mutter als Aufruf dazu lesen möchte, die Verhältnisse zu lassen, dass sie zum Saufen sind, der liest falsch. Man muss die Verhältnisse ändern, damit es Auswege aus dem Elend gibt, die nicht zur Flucht werden. Nachzulesen bei Karl Marx und Friedrich Engels. Was sie geschrieben haben, wird nicht dadurch falsch, dass es missbraucht worden ist.

8 Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. 9 Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.

Das ist die „Platzanweisung“ für Lemuel: Der Fürst soll der Fürsprecher für die Stummen sein. Der Fürst soll ihnen sein Ohr und seine Stimme leihen. Er steht ja damit nicht im Verdacht, eigene Interessen zu verfolgen, wenn er für die Stummen spricht. Es geht um die Wohlfahrt, um den Wohlstand seines Volkes. Wohlfahrt und Wohlstand sind alte, wunderbare Worte. Sie sagen, dass es gilt, Sorge zu tragen, dass Menschen wohl, gut, behütet fahren und dass es um einen Menschen wohl steht, gut steht, wenn er festen Stand im Leben gefunden hat. Dazu zu helfen ist Aufgabe derer, die „oben“ sind. Sie sollen dienen und sich nicht selbst mästen.

Daran hat schon viel früher die prophetische Kritik erinnert: „Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.“(Hesekiel 34, 2 – 4) Die Weisheit der Mutter Lemuels ist an dieser Stelle in  der Spur der alten Propheten. Die Hirten – und Könige sind in der Sicht Israels seit David immer Hirten! –  sollen die Herde weiden.

Weit über den Text und die Zeit der Weisheit hinaus taucht für mich mit diesem Satz das Bild Jesu Christi auf. Er ist der, der für die Stummen den Mund auftut. Er ist der, der für die Verlorenen einsteht. Er ist der, der Gerechtigkeit aufrichtet denen, die sie längst verloren haben. „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“(Römer 8, 33-34) Das ist ja sein Werk: Er hat Gott bei uns zur Sprache gebracht, hat die Sache Gottes, seine Gerechtigkeit, sein Erbarmen zur Welt, zu uns gebracht. Und jetzt bringt er im Gegenzug die Sache des Menschen, sein Elend und seine Not, sein Verstummen in der eigenen Schuld vor Gottes Thron zur Sprache.

            Es ist die Aufgabe des Fürsprechers, die der Auferstandene wahrnimmt. Er bringt die Sache der Verlorenen vor den Thron Gottes, die Sache derer, die längst nicht mehr in eigener Sache für sich sprechen können. Sie haben keine Stimme mehr, weil so vieles gegen sie spricht. Aber er, Jesus wird ihre Stimme. Er tut seinen Mund auf, heute, für uns. Davon leben wir.

 

Mein Gott, wie leicht ist es, nur sich selbst zu leben, nur sich zu kennen, nur die eigene Mühe zu sehen, nur sich selbst zu belohnen.

Wie rasch geraten die aus dem Blick, die nicht so erfolgreich, tüchtig, stark sind. Wie schnell auch werden sie beschuldigt: selbst schuld, Chance verpasst. So ist das Leben

Gib Du, dass wir – denen es gut geht – uns nicht verschließen, nicht abwenden, nicht nur uns kennen.

Mein Gott, vor Deinem Thron steht Jesus für uns ein, erinnert Dich an Dein Erbarmen als Deine Gerechtigkeit. Gib Du, dass wir unser Erbarmen als unsere Gerechtigkeit nicht versäumen. Amen