sich bescheiden

Sprüche 30, 1 – 19

            Was hier folgt klingt anders als die vorigen Kapitel. Es ist offensichtlich eine andere Stimme, die das Wort hat. Das zeigt schon der Sprach-Stil, das zeigen die länger zusammen gefügten Einheiten, das zeigt sich an der strengeren thematischen Verbindung der einzelnen Abschnitte.

 

1 Dies sind die Worte Agurs, des Sohnes des Jake, aus Massa.

             Wer ist Agur? Ich weiß nichts von ihm und ich habe keinen Kommentar, in dem ich etwas über ihn  erfahren würde. Aber immerhin: Er gehört in eine Generationenfolge und an einen bestimmten Ort.

Es spricht der Mann: Ich habe mich gemüht, o Gott, ich habe mich gemüht, o Gott, und muss davon lassen. 2 Denn ich bin der Allertörichtste, und Menschenverstand habe ich nicht. 3 Weisheit hab ich nicht gelernt, und Erkenntnis des Heiligen habe ich nicht. 4 Wer ist hinaufgefahren zum Himmel und wieder herab? Wer hat den Wind in seine Hände gefasst? Wer hat die Wasser in ein Kleid gebunden? Wer hat alle Enden der Welt bestimmt? Wie heißt er? Und wie heißt sein Sohn? Weißt du das? 5 Alle Worte Gottes sind durchläutert; er ist ein Schild denen, die auf ihn trauen. 6 Tu nichts zu seinen Worten hinzu, dass er dich nicht zur Rechenschaft ziehe und du als Lügner dastehst.

Das ist ein bitteres Eingeständnis: Ich kann Gott nicht begreifen.  Trotz aller Mühe – es reicht nicht aus. Ich bin mit meiner Weisheit am Ende. Es liegt nicht am eigenen Denkvermögen, am guten Willen auch, Gott zu verstehen. Es liegt daran, dass Gott Gott ist und der Mensch nur ein Mensch. Es liegt daran, dass die Größe Gottes sich unserem Begreifen schlicht entzieht. Es ist das ein wenig resignierende Akzeptieren der Weisheit Israels: Wir vermögen es grundsätzlich nicht, Gott zu fassen.

Die Worte Agurs erinnern mich an die Rede Gottes an Hiob: „Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat? Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt, als mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne? Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß, als ich’s mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln, als ich ihm seine Grenze bestimmte mit meinem Damm und setzte ihm Riegel und Tore und sprach: »Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!«? Hast du zu deiner Zeit dem Morgen geboten und der Morgenröte ihren Ort gezeigt, damit sie die Ecken der Erde fasste und die Gottlosen herausgeschüttelt würden? Hiob 38, 2 – 13) Mit einer Kaskade an Fragen wird die Sicherheit des Menschen zerschlagen. Er weiß ja nicht eine Antwort.

Beide Texte sind wohl zeitlich und inhaltlich nahe beieinander. Die Weisheit Israels mutet es zu, dem Glauben an Gott Raum zu geben ohne auch nur annähernd Antwort auf alle Fragen zu haben. Sie verurteilt zu einem Schweigen, das sich unter die Größe Gottes beugt. Gott ist Schild denen, die auf ihn trauen. Mehr ist nicht zu sagen. Das alte Israel der Mosebücher und der Propheten hatte diese Zuversicht aus dem Geschichtshandeln Gottes gewonnen, aus seiner Führung und seiner Bewahrung. Davon reden die Bücher der Weisheit (Hiob, Prediger, Sprüche) nicht mehr. Sie sehen auf die Schöpfung und ahnen dahinter einen schweigenden, verborgenen Gott. Vor ihm beugen sie sich – und beschränken sich dann auf praktische Lebensweisheiten. 

 7 Zweierlei bitte ich von dir, das wollest du mir nicht verweigern, ehe denn ich sterbe: 8 Falschheit und Lüge lass ferne von mir sein; Armut und Reichtum gib mir nicht; lass mich aber mein Teil Speise dahinnehmen, das du mir beschieden hast. 9 Ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist der HERR? Oder wenn ich zu arm würde, könnte ich stehlen und mich an dem Namen meines Gottes vergreifen.

             Zur Lebensweisheit gehört, das Maß für das eigene Leben zu finden. Wenn ich mir die Sprüche vor Augen halte, dann sind sie davon geprägt, dass sie Menschen zu einem maßvollen Leben führen wollen. Nicht zu extrem – die Mitte finden, sich fügen können, sich nicht weigern, den Weg Gottes zu gehen und seinem Willen im Alltag des eigenen Lebens Raum zu geben.

Wollest mit Freuden nd wollest mit Leiden                                                                    Mich nicht überschütten! Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden.«                            Eduard Mörike (1804-1875)

Es nicht übertreiben. Das Leben nicht an sich reißen, mit allen Mitteln. Das ist eine Lebenshaltung, die in ärmeren Zeiten als der unseren heute mehr geübt worden ist. Wer in der Überflussgesellschaft groß geworden ist, wird immer sein Recht auf ein größeres Stück vom Kuchen entweder einklagen oder selbst in die Hand nehmen. Die Lebenshaltung, die Mörike – in Anlehnung an Augurs Worte? – preist, kommt dem nahe, was meine Mutter uns vorgelebt und gelehrt hat.

 10 Verleumde nicht den Knecht bei seinem Herrn, dass er dir nicht fluche und du es büßen musst. 11 Es gibt eine Art, die ihrem Vater flucht und ihre Mutter nicht segnet; 12 eine Art, die sich rein dünkt und ist doch von ihrem Schmutz nicht gewaschen; 13 eine Art, die ihre Augen hoch trägt und ihre Augenlider emporhebt; 14 eine Art, die Schwerter als Zähne hat und Messer als Backenzähne und verzehrt die Elenden im Lande und die Armen unter den Leuten.

             Agur zeichnet auch das Gegenbild zu dem, was er für weise hält. Es sind Menschen, die Vater und Mutter nicht ehren, denen das Gebot Gottes ein Nichts ist. Es sind Menschen, die sich die Hände schmutzig machen und es zugleich keck leugnen, dass sie Dreck an den Händen haben. Es sind Menschen, die auf Härte setzen und den eigenen Vorteil für das allein wichtige Lebensziel erklären. Hochmut und Härte feiern Hochzeit und wehe dem, der ihnen bei dieser „Heiligen Hochzeit“ in die Quere gerät.

Und der Haifisch, der hat Zähne                                                                                         Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer                                                                                     Doch das Messer sieht man nicht.

An ’nem schönen blauen Sonntag                                                                            Liegt ein toter Mann am Strand
Und ein Mensch geht um die Ecke                                                                                       Den man Mackie Messer nennt.

            Denn die einen sind im Dunkeln                                                                                          Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte                                                                                              Die im Dunkeln sieht man nicht.            B. Brecht 1930

 15 Der Blutegel hat zwei Töchter, die heißen: »Gib her, gib her!« Drei sind nicht zu sättigen, und vier sagen nie: »Es ist genug«: 16 das Totenreich und der Frauen verschlossner Schoß, die Erde, die nicht des Wassers satt wird, und das Feuer, das nie spricht: »Es ist genug!«

               Damit ist Augur bei dem Thema angelangt, das die Menschheitsgeschichte durchzieht: Gier. Es mag bezeichnend sein – im Buch der Könige  wird das Thema verhandelt mit der Geschichte von Ahabs Gier und Naboths Weinberg (1.Könige 21). Hier wird keine Geschichte daraus, sondern ein Wahrspruch, eine weisheitliche Sentenz. Aber sie ist ja nicht weniger scharf: Gib her! Und nie heißt es: Es ist genug! Das sind ja Parolen, die zeitlos sind. Geiz ist geil passt dazu. Wenn alle an sich denken, ist an alle gedacht passt auch. Die bittere Botschaft ist: Gier scheint wie eine Grundkonstante in der Welt, fast wie Gesetz eingefügt in die Natur der Dinge.

17 Ein Auge, das den Vater verspottet, und verachtet, der Mutter zu gehorchen, das müssen die Raben am Bach aushacken und die jungen Adler fressen.

             Das hört sich rabiat an. Aber dahinter steht eine große Sorge: Wo Vater und Mutter missachtet werden, bricht das Leben auseinander. Damit werden auch die Erfahrungen der Älteren missachtet. Sie passen nicht mehr in die neue Zeit. Sie, die Jungen, wollen sich selbst genug sein. Sie wollen nicht mehr gegängelt werden durch das „Früher haben wir das so gemacht“. Sie wollen nicht mehr hören, was die Welt nach dem Urteil der Alten im Innersten zusammen hält. Sie wollen ihren eigenen Wertekanon und nicht mehr den ererbten und überkommenen.

Zu diesem „normalen“ Generationen-Konflikt kommt verschärfend wohl hinzu: Wer so über Vater und Mutter denkt, entzieht ihnen auch die Solidarität und die Fürsorge. Er überlässt sie sich selbst, ihrem Alter – oder zynisch: der Fürsorge Gottes. Und damit sind sie damals, in einer Zeit ohne gesetzliche Rentenversicherung und staatliche Altersvorsorge, dem Elend preis gegeben.

18 Drei sind mir zu wundersam, und vier verstehe ich nicht: 19 des Adlers Weg am Himmel, der Schlange Weg auf dem Felsen, des Schiffes Weg mitten im Meer und des Mannes Weg beim Weibe.

Hat Agur damit begonnen, sein Nichtverstehen Gottes zu beschreiben und zu beklagen, so kommt er jetzt auf der Erde an.  Drei sind mir zu wundersam, und vier verstehe ich nicht. Genauer gesagt: Er versteht weder den Himmel – dafür steht die drei. Noch versteht er die Erde – für diese steht die vier.  

             Hier erfolgt also eine komplette Bankrott-Erklärung der eigenen Weisheit: So wenig wie Agur den Himmel begreift, so wenig begreift er auch die Erde. Frühere Zeiten haben das gewusst:

“There are more things in heaven and earth, Horatio,                                                   Than are dreamt of in your philosophy.”                Shakespeare, Hamlet 

Das hängt womöglich zusammen: Wer keine Bild mehr vom Himmel hat, der versteht auch die Erde nicht mehr. Wer sich dem Himmel nicht mehr anvertrauen kann, dem fehlt auch das Vertrauen, dass es das Leben gut mit ihm meinen könnte und das es vertrauenswürdig ist.

Unsere Zeit hat den Himmel entzaubert. Er ist nur noch sky, nicht mehr heaven. Er birgt nicht mehr. Wir schicken Satelliten in den Himmel. Damit haben wir ihn zwar erobert, erforscht, aber gleichzeitig auch verloren. Das schöne Himmelszelt ist zur kalten Forschungsstätte und zum Ort des Krieges der Sterne verkommen. Wir sind allein im Weltall – so lese ich und so sagen es die klugen Leute unserer Zeit. Ein Tropfen am endlose großen Eimer der Galaxien und Universen. „Himmel und Erde sitzen beim Scheidungsanwalt und haben sich nichts mehr zu sagen. Vater Himmel und Mutter Erde trennen sich, und der Mensch bleibt als Waise im Universum zurück.“ ( R. Gronemeyer, [Himmel, der], S. 65) Mit dieser Einsamkeit müssen wir leben und sie wirft uns auf uns selbst zurück.

Wenn alles an meinen Verstehen und Begreifen hängt, dann ist meine Welt, bin ich selbst  tief gefährdet, wenn ich nicht mehr verstehe. Wenn ich aber sagen kann: Ich bin über alles Verstehen und Begreifen und mit allem Nicht-Verstehen und Nicht-Begreifen aufgehoben in einer schützenden Hand, dann kann ich mich mit dieser Grenze meines Lebens versöhnen.

 

Mein Gott, ich denke gerne, ich gebrauche meinen Verstand gern. Ich glaube, dass es Deine gute Gabe ist, denken, planen und Pläne ausführen zu können.

Ich glaube auch, dass Deine gute Gabe ist, hoffen, träumen, lachen und weinen zu können, Sehnsucht zu haben nach Geborgenheit. Bei den Menschen und in Dir.

Ich danke Dir, dass ich geborgen bin in Dir, dass die Welt, in der wir leben und das unbegreiflich große Universum geborgen sind in Dir, dass Du über uns wachst, dass Dein Himmel über der Erde ist und Deine Liebe beides trägt, den Himmel und die Erde. Amen