Mit offenen Augen und festem Herzen

Daniel 9, 20 – 27

20 Als ich noch so redete und betete und meine und meines Volkes Israel Sünde bekannte und mit meinem Gebet für den heiligen Berg meines Gottes vor dem HERRN, meinem Gott, lag, 21 eben als ich noch so redete in meinem Gebet, da flog der Mann Gabriel, den ich zuvor im Gesicht gesehen hatte, um die Zeit des Abendopfers dicht an mich heran.

            Manchmal antwortet Gott gleich. Mag sein, dass wir oft den Eindruck haben: Es dauert. Es dauert zu lange. Hier aber erfährt Daniel noch in sein Beten hinein eine Antwort. Es ist bewegend, wie persönlich Daniel hier formuliert. Sechsmal in einem Satz kommt das Possessiv-Pronomen „mein“:  Meine und meines Volkes Sünde – mein Gebet – mein Gott. Es wird etwas davon spürbar, wie der Seher hier innerlich beteiligt ist. Er kann nicht auf Distanz gehen.

Und Gott bleibt auch nicht auf Distanz. Er sendet seinen Boten. Dreimal in der Schrift wird der Engel Gabriel als Bote gesandt – hier zu Daniel, dem er schon zuvor geholfen hatte, sein Gesicht vom Widder und Ziegenbock zu verstehen (8,17f) und später zu dem Mädchen in der jüdischen Provinz, zu Maria (Lukas 1,26). Sonst wissen wir nichts von Gabriel. Hier aber tritt er aus der Verborgenheit der Engelwelt hervor. Der eine Bote wird gesandt, um den verzagten Daniel zu trösten über seinem Gebet und um das Heil der Welt anzusagen – das Horn des Heils (Lukas 1, 69) anzukündigen im Gegensatz zu diesen Hörnern der Gewalt, die Daniel stetig zu sehen hat. Dieser Bote kommt zur Abendzeit, wenn der Tag sich dem Ende zuneigt.

22 Und er unterwies mich und redete mit mir und sprach: Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, um dir zum rechten Verständnis zu verhelfen. 23 Denn als du anfingst zu beten, erging ein Wort, und ich komme, um dir’s kundzutun; denn du bist von Gott geliebt. So merke nun auf das Wort, damit du das Gesicht verstehst.

                        Du bist von Gott geliebt. Das ist der zentrale Satz der Botschaft Gabriels. So empfinde ich zumindest. Weil er von Gott geliebt ist, gibt ihm Gott Einblick in das Geschehen, öffnet er ihm die Augen für das, was im Gang ist. Wer mir gleichgültig ist, den lasse ich vor sich hin leben. Aber wer mir wichtig ist, dem sage ich, was ist und was kommt. Wenn das bei uns Menschen schon so ist, wie viel mehr bei Gott.

Es ist ein  Wechselspiel der Liebe. Zeigt Daniel in seinem Beten seine Liebe zu Gott, zu seinem Volk, zu seiner Stadt, so zeigt Gott in dem Boten Gabriel seine Liebe zu Daniel.  

 24 Siebzig Wochen sind verhängt über dein Volk und über deine heilige Stadt; dann wird dem Frevel ein Ende gemacht und die Sünde abgetan und die Schuld gesühnt, und es wird ewige Gerechtigkeit gebracht und Gesicht und Weissagung erfüllt und das Allerheiligste gesalbt werden.

            Von den Exegeten lerne ich: Es geht um „Jahrwochen“. Eine Woche sind sieben Jahre. Der Zeitraum, von dem hier die Rede ist, sind also 490 Jahre, eine gefühlte Ewigkeit. Das übersteigt jede menschliche Erfahrung. Wir machen uns das oft nicht klar, aber unser Erfahrungszeitraum sind „siebzig Jahre, wenn es hoch kommt achtzig Jahre“ (Psalm 90,10). Aber mehr nicht. Daran ändert in der Substanz auch unsere gestiegene Lebenserwartung nichts. 500 Jahre sind eine Zahl ohne Erfahrung – aller Geschichtsforschung zum Trotz.

Eine halbe Ewigkeit also sind die Heilige Stadt und das heilige Volk preisgegeben. Wenn man von der erzählten Zeit aus denkt (um 500 v. Chr.), kommt man mit dieser Zeitangabe an die Lebenszeit Jesu. In ihm wird die Sünde abgetan und die Schuld gesühnt. In ihm wird  die ewige Gerechtigkeit gebracht und in ihm wird erfüllt, was die Sehnsucht der Propheten war. Es gibt Alt-Testamentler, die solche Gedanken für unerlaubt halten. Aber es gibt auch die Tradition der Christenheit, die genau dies in diesen Worten liest.

 25 So wisse nun und gib Acht: Von der Zeit an, als das Wort erging, Jerusalem werde wieder aufgebaut werden, bis ein Gesalbter, ein Fürst, kommt, sind es sieben Wochen; und zweiundsechzig Wochen lang wird es wieder aufgebaut sein mit Plätzen und Gräben, wiewohl in kummervoller Zeit.

            Ich wehre mich dagegen, aus diesen Worten einen Zeitplan heraus zu lesen. Ich denke auch, dass das kein sachgemäßer Umgang mit ihnen ist. Das Scheitern aller Zeitpläne unterstützt dabei meine Gedanken. Wann immer jemand gerechnet hat, hat er sich verrechnet. Der große Theologie Bengel steht hier als warnendes Beispiel für viele andere. Mir ist wichtiger, was gesagt wird: Jerusalem hat eine Verheißung. Das Volk Gottes wird wieder hergestellt werden. Es geht ja nicht um Stadtrenovierung. Es geht um den Ort, an dem Gott wohnt, in den er seinen Frieden gibt. Dieser Lebensort wird wieder hergestellt.

Das gilt für das Volk der Juden so gut wie für das Volk der Christenheit. Gott lässt sein Volk nicht fahren. Aber: diese Wiederherstellung geschieht in kummervoller Zeit.  Es ist der Traum, den auch prophetische Bilder träumen lehren: „Ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.“ (Jesaja 65, 19-23)

Das ist Hoffnung über die Zeit hinaus. In der Zeit gilt das andere: Es ist kummervolle Zeit. Es gibt keine Kirche in seligen Zeiten, ohne Gegenwind, ohne Bedrängnis, ohne Widerstand aus ihrer Umgebung. Wir haben uns lange etwas vorgemacht, wenn wir glaubten, Kirche könne sozusagen nahtlos in die Gesellschaft eingefügt werden. Wo Kirche sich so nahtlos einfügt, verliert sie sich selbst. Sie wird immer, wenn sie Kirche des Herrn ist, sich im Widerspruch zur Gesellschaft vorfinden und sich diesem Widerspruch stellen müssen.

Das leuchtet uns sofort ein, wenn es um totalitäre Systeme geht. Das ist schwerer zu erkennen und zu durchschauen in freien Gesellschaften, in denen Kirche geachtet ist, womöglich noch am Tisch der Meinungsbildern ihren Platz findet. Und doch: Der Geist des Kapitalismus, der Geist des „Du bist, was du aus dir machst“, der Geist der umfassenden Erfolgs- und Leistungsorientierung, der Geist der  totalen Machbarkeit  und der wirtschaftlichen Verfügbarkeit über Menschen muss – um des Evangeliums willen – den Widerspruch der Kirchen nicht weniger hervorrufen als der Ungeist des Rassismus oder die Vorstellung, dass alles Leben nur der Nützlichkeit zu dienen hat und nur von daher seinen Wert hat.

 26 Und nach den zweiundsechzig Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet werden und nicht mehr sein. Und das Volk eines Fürsten wird kommen und die Stadt und das Heiligtum zerstören, aber dann kommt das Ende durch eine Flut, und bis zum Ende wird es Krieg geben und Verwüstung, die längst beschlossen ist.

Es ist keine rosige Zukunft, die hier angesagt wird. Es geht in Zeiten hinein, in denen die Stadt und das Heiligtum zerstört werden. Ich kann das kaum anders lesen, als dass das, was wir als überkommene Formen des Glaubens gelernt haben, nicht für immer Bestand haben wird. Es gibt „Kirchentümer“, die vergehen. Es gibt zeit-gebundene Gestaltungen von Kirche und Glauben, die dem Anlauf der Mächte der Welt nicht standhalten. Das alles lehrt ein Blick in die Geschichte. Das zu erleben, tut weh. Ein Teil des Leidens an der Kirche unserer Zeit wird wohl damit zusammen hängen, dass wir in diesem Gestaltwandel stehen und die neue Gestalt noch nicht vor Augen haben. Deshalb sehen wir nur Abbruch.

 27 Er wird aber vielen den Bund schwer machen eine Woche lang. Und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer abschaffen. Und im Heiligtum wird stehen ein Gräuelbild, das Verwüstung anrichtet, bis das Verderben, das beschlossen ist, sich über die Verwüstung ergießen wird.

             Hier lesen die Exegeten wieder vor allen Hinweise auf Antiochus Epiphanes. Er hat ja die Opfer im Tempel einstellen lassen. Er hat eine Zeus-Statue im Allerheiligsten aufstellen lassen. Er hat die gesetzestreuen Juden schwer bedrängt und sogar verfolgt. Manche sind zu Tode gekommen. Und doch: Wenn ich diese Gedanken der Exegeten lese, dann denke ich, wird das Danielbuch verharmlost, entschärft. Es soll nur die Zeit damals erhellen. Prophetie ist dann nur die Deutung und Erhellung einer bestimmten historischen Situation. Aber Das Daniel-Buch geht mit seiner Botschaft nicht in dieser einen historischen Situation auf. Sie reicht weiter, bis zu uns, deckt auch unsere Zeit auf in ihrem Wesen.

Luther hat geglaubt, dass die „wahre Kirche“ immer im Gegenwind leben wird, dass sie immer Angriffen ausgesetzt sein wird. Seine furchtbaren Angriffe auf das Papsttum erklären sich ja zum Teil daher, dass er diesen Kampf zwischen wahrer Kirche und Abgott-Kirche für die geistliche Wirklichkeit aller Zeiten gehalten hat.

Ich denke inzwischen – ohne zu wissen, ob das auch eine Alterssicht ist oder eine, die dem konservativen Menschen nahe liegt– dass es keine Zeit gibt, in der der Glaube nicht bedroht wird. Es macht dabei schon einen Unterschied, ob es eine Bedrohung von außen ist, durch Druck, Verfolgung und offene Feindschaft, oder eine Bedrohung von innen, durch Erschlaffung  und Trägheit.  Aber allzu groß ist der Unterschied als Gefährdung nicht. Der Druck von außen hat den „Vorzug“, dass er zum Zusammenrücken führen kann, zur Solidarität der Bedrängten. Die Aushöhlung von innen hat ihre große Gefahr, dass sie zur Vereinzelung führt, auch zu Abgrenzung, zur merkwürdigen Vorstellung, dass nur man selbst richtig ist und die anderen doch irgendwie merkwürdig.

Wir mögen heute eine äußerlich immer noch geachtete Kirche sein. Aber wir sind als Kirche von innen her zutiefst gefährdet. Ich wage nicht zu sagen, was heute das Gräuelbild der Verwüstung ist, das Standbild mitten im Tempel. Aber der „Relevanzverlust“ in der Öffentlichkeit, der vielen, gerade auch leitenden Menschen in der Kirche, zu schaffen macht, hat für mich etwas davon. Ihm zu wehren lässt man sich auf Anpassungsprozesse ein, auf ein sich Angleichen an gesellschaftliche Positionen, die der Zwangshellenisierung des Antiochus nicht allzu-viel nachstehen. Es gibt eine Preisgabe von inhaltlichen Positionen des Glaubens um der Anerkennung der Kirche willen, die mich beängstigt und fragen lässt, ob wir dabei nicht uns selbst verlieren.

Das ist die große Gefahr: Der Relevanzverlust führt zu einem Substanzverlust. Woran halte ich mich, wenn mich diese Angst packt? Daran, dass im Plan Gottes der Gräuel der Verwüstung nicht das letzte Wort behält. „Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ (Matthäus 16,18) Das ist zuerst und zuletzt eine Verheißung an die wahre Kirche.

 

Himmlischer Vater, wie oft ertappe ich mich dabei, dass ich nur schwarz sehe, keine Zukunft der Kirche mehr glaube, nur noch Verlust und Untergang.

Wie oft höre ich Klagelieder, dass nichts mehr ist wie früher, alles sich ändert und wir keine Geborgenheit mehr finden in einer Welt voller Wandel.

Du hast Daniel gezeigt, was kommt an Bedrängnis und Schmerz. Du hast ihm die Augen geöffnet und ihn so stark gemacht.

Öffne auch uns die Augen und stärke uns, den Wandel der Zeit zu sehen, darin nicht zu verhärten, aber standzuhalten, wo es um Dein Wort geht. Amen