Schuld-Bekenntnis – stellvertrend für alle

Daniel 9, 1 – 19

 1 Im ersten Jahr des Darius, des Sohnes des Ahasveros, aus dem Stamm der Meder, der über das Reich der Chaldäer König wurde, 2 in diesem ersten Jahr seiner Herrschaft achtete ich, Daniel, in den Büchern auf die Zahl der Jahre, von denen der HERR geredet hatte zum Propheten Jeremia, dass nämlich Jerusalem siebzig Jahre wüst liegen sollte. 3 Und ich kehrte mich zu Gott, dem Herrn, um zu beten und zu flehen unter Fasten und in Sack und Asche.

             Wieder eine genaue Angabe, wann Daniel etwas erlebt. Seine Gedanken, Gesichte, Träume, Geschichten sind nicht zeitlos, schweben nicht über die Zeit. Sie sind verknüpft mit konkreten Zeitpunkten. Sie gehören in die Geschichte und nicht in die ewige Zeitlosigkeit.

Daniel ist ein „Bibelleser“. Er nimmt die Schriften der Propheten zur Hand. Er studiert, was andere vor ihm geschaut, gesagt und aufgeschrieben haben. Im Konkreten geht es um Jeremia und die von ihm angesagte Zeitdauer,  die  Jerusalem wüst liegen sollte. Es sind siebzig Jahre, mehr als zwei Generationen. Zeit genug, um jede Erinnerung an Jerusalem verblassen zu lassen. Zeit genug, um den Ort, an dem man lebt, für den einzigen Ort zu halten, an dem sich zu leben lohnt. Zeit genug, um sich die Sehnsucht „nächstes Jahr in Jerusalem“ abzuschminken.

Was Daniel liest, ist für ihn ein starker Impuls. Und ich kehrte mich zu Gott, dem Herrn, um zu beten und zu flehen unter Fasten und in Sack und Asche. Es sind Reue und  Buße, die in diesem Satz angedeutet werden. Es lässt Daniel nicht kalt, es ist auch nicht einfach nur eine Information, nach der er gerne Genaueres (7, 16+19) wüsste. Er liest und weiß: Jetzt ist Umkehr, Buße. Schuldeingeständnis angesagt.

4 Ich betete aber zu dem HERRN, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und heiliger Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! 5 Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. 6 Wir gehorchten nicht deinen Knechten, den Propheten, die in deinem Namen zu unsern Königen, Fürsten, Vätern und zu allem Volk des Landes redeten. 7 Du, Herr, bist gerecht, wir aber müssen uns alle heute schämen, die von Juda und von Jerusalem und vom ganzen Israel, die, die nahe sind, und die zerstreut sind in allen Ländern, wohin du sie verstoßen hast um ihrer Missetat willen, die sie an dir begangen haben.

Gott ist gerecht. Gott ist beständig. Gott ist treu. Das hält sich Daniel vor Augen. Und indem er Gott so sieht, sieht er auch, wie das Volk ist, Wie Israel ist: Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden. Israels Antwort auf die Gnade und den Bund Gottes  sind Ungehorsam und Untreue. Wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Hier zeigt sich, was Unglaube ist: Abweichen von der Lebensform, in die man durch die Gebote und Rechte Gottes gestellt ist. Abweichen von den Verhaltensweisen, die sich aus der Zugehörigkeit in den Bund ergeben.

Wir heutzutage tun so oft so, als sei es Unglaube zu sagen: Es gibt keinen Gott. Oder irgendwelche Sätze des Glaubensbekenntnisses nicht zu unterschreiben oder sie anzuzweifeln. Schwierigkeiten mit der Jungfrauengeburt, der Hölle, dem jüngsten Gericht. Aber Unglaube ist Anderes: Das Leben auf eigene Faust sichern. Sich in die Sorge verspinnen. Das Vertrauen verweigern, dass Gott für uns sorgt. Rücksichtlos die eigene Stärke behaupten und dabei das Recht beugen, die Gerechtigkeit mit Füßen treten. Andere klein und sich selbst mit allen Mitteln, auch unfairen und unrechten, groß machen. Das alles geschieht da, wo Gottvertrauen keine Rolle mehr spielt und der Satz gilt: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Wir merken meistens nicht, wie dieser Satz das „selbst“ zum Gott macht.

8 Ja, HERR, wir, unsre Könige, unsre Fürsten und unsre Väter müssen uns schämen, dass wir uns an dir versündigt haben. 9 Bei dir aber, Herr, unser Gott, ist Barmherzigkeit und Vergebung. Denn wir sind abtrünnig geworden 10 und gehorchten nicht der Stimme des HERRN, unseres Gottes, und wandelten nicht in seinem Gesetz, das er uns vorlegte durch seine Knechte, die Propheten; 11 sondern ganz Israel übertrat dein Gesetz, und sie wichen ab und gehorchten deiner Stimme nicht. Darum trifft uns auch der Fluch, den er geschworen hat und der geschrieben steht im Gesetz des Mose, des Knechtes Gottes, weil wir an ihm gesündigt haben.

            Es ist das „wir“, das mit am stärksten auffällt. Immer wieder wir. Aber es ist kein Wir, in dem sich das „ich“ des Daniel versteckt. Er betet ja in  Sack und Asche und ist so schon rein äußerlich in sein „Wir“ einbezogen. Daniel müsste nicht wir sagen, ist er doch ein Nachgeborener. Er hat die Katastrophe des Untergangs in den Jahren 598 und 586 nicht verschuldet, auch nicht mit verschuldet. Er war kein Ratgeber der Könige und kein Seher am Tempel. Er könnte mit Fug und Recht sagen: das waren „die“ vor uns. Mit denen haben wir nichts gemein.

Wer von der Gnade der späten Geburt redet, der geht auf Distanz. Er signalisiert Empfindsamkeit: Ich weiß nicht, ob ich ein Held gewesen wäre. Aber vor allem signalisiert er: Ich war nicht nicht beteiligt. Ich bin nicht mit Schuld.

Daniel sagt: wir und zählt dann auf: unsre Könige, unsre Fürsten und unsre Väter müssen uns schämen. Nicht: sie müssen sich schämen – wir müssen uns schämen. Wir gehören zusammen, ohne zu übersehen. dass es auch damals oben und unten gab, Menschen mit viel Einfluss und solche, denen befohlen wird. Die Schuld der Könige ist anders als die Schuld der Untertanen, aber sie tragen beide Schuld.

„Die Sünde begann oben… Aber auch unten ist Sünde. Es gibt keine löblichen Ausnehmen, `das ganze Israel übertrat dein Gesetz’“ (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 114)

             Das andere, was dieses Schuldbekenntnis unterscheidet von Schuldbekenntnissen unserer Zeit: Es ist ein Bekenntnis vor Gott.  Er ist der Adressat. Er ist es auch, vor dem die Schuld offenbar geworden ist. Und er allein ist es auch, der aus der Gefangensdchaft dieser Schuld befreien kann.

            Worum es mir geht, wird am nicht allzu berühmten Stuttgarter Schuldbekenntnis deutlich, die bezeichnenderweise auch „Stuttgarter Erklärung“ genannt worden ist. „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“(Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945) Kein Wort der Kritik am Inhalt. Nur: Wer ist der Adressat? Sind es nicht die Vertreter des ökumenischen Rates, die Öffentlichkeit der Welt,vielleicht auch die unbelehrbaren unter denen, die am Krieg beteiligt waren? Aber wo bleibt in diesem Schuldbekenntnis Gott als Gegenüber?

Das unterscheidet Daniel von diesem Bekenntnis nach einer großen Katastrophe. Seine Adresse ist Gott. Er weiß, an wem Israel und er mit Israel schuldig geworden ist. Und er weiß, woher allein Vergebung, Gnade zu erhoffen ist für diese große Schuld.

„Dieses Schuldbekenntnis Daniels enthält die Grundzüge des Schuldbekenntnisses der Kirche in allen Jahrhunderten und inmitten aller Völker. Ja das Bekenntnis der schuld als der Wurzel allen Übels ist geradezu Beruf und Aufgabe der Kirche der Welt gegenüber. Es ist umgekehrt das Kennzeichen der Welt, dass sie die Schuld leugnet, indem sie versucht, die Schuldfrage entweder ganz zu verschweigen oder aber, wo sie aufgerollt wird, sie über den anderen zu rollen.“ (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 115) So gesehen wäre also die Kirche der Welt das Bekenntnis der Schuld als Dienst geradezu schuldig, weil sie sagt, was die Welt selbst nicht über die Lippen bringt.

Dafür ist die Kirche da, das ist ihr Dienst. „Die Kirche aber ist der Ort in dieser Welt, wo die Schuld erkannt und bekannt wird. Wo das Schuldbekenntnis verstummt, da ist nicht mehr Kirche.“(W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 116)  In dieser Weise ist das Reden von Schuld, das manche sich ja gerne in der Kirche verbitten wollen, weil sie sagen, es mache Menschen klein, ein not-wendiges Kennzeichen von Kirche. Es ist mit dem Eingeständnis der Schuld vor Gott zugleich der Weg ins Freie. Weil nur da, wo Schuld als Schuld auch wirklich benannt wird, ihre Herrschaft gebrochen werden kann. Unbenannte und unbekannte Schuld behält ihre Macht.

12 Und Gott hat seine Worte gehalten, die er geredet hat gegen uns und unsere Richter, die uns richten sollten, dass er ein so großes Unglück über uns hat kommen lassen; denn unter dem ganzen Himmel ist Derartiges nicht geschehen wie in Jerusalem. 13 Wie es geschrieben steht im Gesetz des Mose, so ist all dies große Unglück über uns gekommen. Aber wir beteten auch nicht vor dem HERRN, unserm Gott, sodass wir uns von unsern Sünden bekehrt und auf deine Wahrheit geachtet hätten. 14 Darum ist der HERR auch bedacht gewesen auf dies Unglück und hat’s über uns kommen lassen. Denn der HERR, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Werken, die er tut; aber wir gehorchten seiner Stimme nicht.

Es ist auch der Weg einer Einsicht, den Daniel hier bahnt. Was da geschehen ist, was über das Volk hereingebrochen ist als moralische, religiöse und politische Katastrophe, das hat seinen Urheber darin, dass er ein so großes Unglück über uns hat kommen lassen. Gott ist der Wirkende, der Handelnde. Es ist nicht das Ergebnis einer Geschichte, die nach irgendwelchen Gesetzen abläuft. Es ist Gottes Gericht.

Der Weg zu dieser Einsicht hat in Israel lange gedauert. Es hat lange Zeit gebraucht, bis es zu dieser Erkenntnis gekommen ist: Was geschehen ist, ist Folge unserer Sünde. Es ist nicht einfach nur falsche Politik, auch nicht nur eine ungünstige Machtkonstellation. Wir sind nicht nur Opfer der Machtgier der Völker und Könige um uns herum. Wenn die Exegeten Recht haben, war es nicht mit ein paar Jahren getan, Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hat es gebraucht, bis sich das durchgesetzt hatte und in den Schriften Israels festgehalten worden ist, nicht nur als Daniels Bekenntnis. Es ist die Sicht des deuteronomistischen Geschichtswerkes, sagen die Exegeten, die so allmählich gewachsen ist, unter großen Schmerzen und großer Scham. Schuldbekenntnisse sind nicht so wohlfeil zu haben. Es braucht, im Leben der Völker und im Leben des Einzelnen, oft eine lange Zeit, in der Gott sein Werk tut, bis es so weit ist.

Diese lange Zeit, in der die Einsicht und damit auch die Reue verweigert worden sind,  nimmt Daniel noch einmal in den Blick:  Aber wir beteten auch nicht vor dem HERRN, unserm Gott, sodass wir uns von unsern Sünden bekehrt und auf deine Wahrheit geachtet hätten.Es ist nicht wahr, was wir auch heutzutage gerne fast wie einen Automatismus behaupten: Not lehrt beten. Wir sind durchaus hartnäckig darin, die Not nur als Unglück zu begreifen und unsere Schuldanteile daran zu verschweigen oder zu beschönigen.

Und gegen die Anklage: Gott ist unfair – oder in unserer Sprache: Das Leben ist nicht fair. stellt Daniel seine Überzeugung: Der HERR, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Werken, die er tut.Nicht Gottes Gerechtigkeit steht zur Debatte, sondern das Unrecht und die Schuld Israels. „Der Kern des Sündenbekenntnisses ist sehr sprechend und bündig zusammengefasst in der Wendung:`Dein ist das Recht, unser die Schmach.’….Die Sünde ist gegen einen Gott verübt worden, dessen erbarmendes Wesen bekannt ist.“ (N.W.Porteous, Das Buch Daniel, ATD 23; S. 113) Das mag das Irritierendste überhaupt sein – dieses Versäumnis der Umkehr zu dem erbarmenden Gott.

15 Und nun, Herr, unser Gott, der du dein Volk aus Ägyptenland geführt hast mit starker Hand und hast dir einen Namen gemacht, so wie es heute ist: wir haben gesündigt, wir sind gottlos gewesen. 16 Ach Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. 17 Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Antlitz über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! 18 Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. 19 Ach Herr, höre! Ach Herr, sei gnädig! Ach Herr, merk auf! Tu es und säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.

Das holt Daniel jetzt nach, stellvertretend für das ganze Volk?! Er beschönigt nichts. Er entschuldigt nicht. Er bittet um Gnade und Erbarmen. Manchmal kann man beim Lesen den Eindruck haben, dass es eine sehr liturgisch geprägte Sprache ist, in der Daniel betet. „Sollte es wahr sein, dass der `Heilige so betet, wie die Kirche betet, und dieses  Gebet den gewohnten liturgischen Formen der Synagoge nachgebildet ist’ (Montgomery), dann haben wir hier einen wertvollen Einblick in die Art und Weise, wie der Geist der Treue gegenüber dem Glauben der Väter im Volk lebendig erhalten worden ist. …Es ist die Stimme dieser Chassidim (der Treuen im Lande), wie man sie nannte, die wir in diesem Gebet hören können.“ (N.W.Porteous, Das Buch Daniel, ATD 23; S. 112)

Für mich ist das bewegend: Da flüchtet sich Daniel zu dem Gott, dessen Gerechtigkeit er im Untergang Jerusalems am Werk sieht. Aber er hat keine andere Zuflucht. Und er hat auch kein anderes Argument für seine Flucht zu Gott, als dass er eingesteht: du bist gerecht in Deinen Urteilen. Und so bittet er ihn um aller deiner Gerechtigkeit willen, weil er weiß und glaubt, dass Gottes Gerechtigkeit nicht nur Zorn, sondern auch Erbarmen ist, nicht nur Vergeltung, sondern auch Vergebung.  Er hat leere Hände, er hat nichts zu bieten von der Seite des Volkes. Auch seine, des Daniel Frömmigkeit kann und will er nicht ins Feld führen. Er sucht Gott, nichts als Gott. Wie sollte er da nicht sein Erbarmen finden?

 

Gott, mit der Schuld haben wir es nicht so leicht. Es will mir oft nicht über die Lippen: Das war ich. Und es will mir auch Dir gegenüber nicht so rasch über die Lippen: Ich habe gesündigt.

Gut daran ist, dass ich es mir nicht leicht mache, schlecht, dass ich ausweiche, beschönige, mich herausrede. Schlecht ist, dass ich Deiner Gnade nicht traue.

Herr, hilf zu einem Bekennen der Schuld, wenn es dran ist, das ehrlich ist und Deine Gnade größer glaubt als alle Schuld. Amen