Deutungen

Daniel 7, 16 – 28

16 Und ich ging zu einem von denen, die dastanden, und bat ihn, dass er mir über das alles Genaueres berichtete. Und er redete mit mir und sagte mir, was es bedeutete.

            Daniel träumt nicht nur. Er wird im Traum selbst aktiv. Er sucht und findet einen, den er um Auskunft bitten kann. Es ist der `angelus interpres’, der die Gesichte deutet. Daniel weiß, dass er  nicht von selbst verstehen wird, was er da gesehen hat. Seine Erleuchtung, Klugheit und Weisheit wie der Götter Weisheit (5,11) kommen hier an ihre Grenze, wenn nicht der Bote Gottes ihm entschlüsselt, was es bedeutet. Auch der Seher ist und bleibt angewiesen auf die Entschlüsselung der Bilder aus der Wirklichkeit Gottes.

  „Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes.Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. (2. Korinther 2, 11-12) Es braucht den Geist Gottes – bei Daniel so gut wie bei uns, damit uns die Augen aufgehen und wir Genaueres sehen und begreifen.

17 Diese vier großen Tiere sind vier Königreiche, die auf Erden kommen werden. 18 Aber die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen und werden’s immer und ewig besitzen.

            Der knappe Satz ist wie eine Zusammenfassung alles dessen, was als Deutung zu sagen sein wird. Die Tiere stehen für kommenden Reiche. Sie sind sozusagen ihre symbolische Ankündigung. Dann kommt das große  Aber. Nach dem Willen Gottes ist es irgendwann mit diesen Reichen der Welt vorbei und es kommt das ewige Reich. Das wird das Reich sein, „in dem Güte und Treue sich begegnen, Frieden und Gerechtigkeit sich küssen“ (Psalm 85,11). Und es wird das Reich sein, in dem  die Heiligen des Höchsten ihren Platz finden.

19 Danach hätte ich gerne Genaueres gewusst über das vierte Tier, das ganz anders war als alle andern, ganz furchtbar, mit eisernen Zähnen und ehernen Klauen, das um sich fraß und zermalmte und mit seinen Füßen zertrat, was übrig blieb; 20 und über die zehn Hörner auf seinem Haupt und über das andere Horn, das hervorbrach, vor dem drei ausfielen; und es hatte Augen und ein Maul, das große Dinge redete, und war größer als die Hörner, die neben ihm waren. 21 Und ich sah das Horn kämpfen gegen die Heiligen, und es behielt den Sieg über sie, 22 bis der kam, der uralt war, und Recht schaffte den Heiligen des Höchsten und bis die Zeit kam, dass die Heiligen das Reich empfingen.

Wieder hätte Daniel gerne Genaueres gewusst. Ist es bloße Neugier, die Daniel jetzt noch weiter fragen lässt? Oder ist es der Schrecken, der ihn nicht loslässt? Das gibt es ja, dass ein Bild so schrecklich ist, das man den Blick nicht davon lösen kann, dass man wie erstarrt ist. Die Schilderung des vierten Tieres wiederholt sich hier in der Deutung, als würde Daniel vor sich hinstammeln, fassungslos das immer Gleiche sagen. Ich glaube, es geht Daniel um ein Wissen, dass es erlaubt, sich auf das einzustellen, damit fertig zu werden, was sich da ankündigt.

Der Schrecken kommt wohl von daher, dass dieses vierte Tier sich ausdrücklich gegen die „Heiligen“ wendet. Die Tiere zuvor waren schrecklich, dieses Tier ist mehr als das, es ist feindselig gegenüber den Leuten Gottes. Es geht um das Volk der Juden, gegen die sich seine Feindschaft richtet, genauer um „den treuen Kern des jüdischen Volkes.“(N.W.Porteous, Das Buch Daniel, ATD 23; S. 94) Damit wäre hier wieder der Kampf um die innere Ausrichtung Israels im Blick, wie er zur Zeit des Antiochus Epiphanes geführt wird.

Aber ganz zufrieden bin ich mit dieser Deutung nicht. Es ist ja ein Kampf, der dadurch entschieden wird, dass der kam, der uralt war, und Recht schaffte den Heiligen des Höchsten. Damit ist hier ein anderer Horizont im Blick als der um den Tempel in Jerusalem. Es geht um den geistlichen Kampf, in dem Gott gegen die wider-göttlichen Mächte streitet und seinen Engeln – auch sie sind ja Heilige des Höchsten – zur Seite steht und sie stärkt.

 23 Er sprach: Das vierte Tier wird das vierte Königreich auf Erden sein; das wird ganz anders sein als alle andern Königreiche; es wird alle Länder fressen, zertreten und zermalmen. 24 Die zehn Hörner bedeuten zehn Könige, die aus diesem Königreich hervorgehen werden. Nach ihnen aber wird ein anderer aufkommen, der wird ganz anders sein als die vorigen und wird drei Könige stürzen. 25 Er wird den Höchsten lästern und die Heiligen des Höchsten vernichten und wird sich unterstehen, Festzeiten und Gesetz zu ändern.

             Jetzt nimmt, nach dieser eingeschobenen Schilderung, die das Gesicht Daniels wiederholt hat, der `angelus interpres’ wieder das Wort. Zum dritten Mal wird die Andersartigkeit des vierten Tieres betont heraus gestellt. Es ist von anderer Art als alles, was zuvor war. Es bringt Könige hervor und unter diesen wieder einen, der wird ganz anders sein als die vorigen. Vielleicht muss man sagen: Das alles ist ein Hinweis auf eine neue Qualität des Bösen. Denn daran ist kein Zweifel: Das vierte Tier ist durch und durch böse.

Das zeigt sich unter anderem darin, dass es die Festzeiten und Gesetz zu ändern sucht. Beides, die Zeiten und das Gebot kommen ja von Gott. Gott hat Tag und Nacht gesetzt, Sommer und Winter, Frost und Hitze. Gott hat sein Gebot gegeben. Es ist die nackte Auflehnung gegen Gott, der unverschleierte Versuch, sich an die Stelle Gottes zu setzen.

Es ist für mich sehr bedenkenswert, was W. Lüthi schon 1937 schreibt: „Der Geist, der „Zeit und Gesetz“ ändert, ist unser Geist…. der Zeitgeist überhaupt. Wir leben in dem Zeitalter, da die Frau zum Mann wird, das Kind zum Erwachsenen und der Erwachsene kindisch, der Sommer zum Winter und der Winter zum Sommer, der Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage. Wir, wir ändern diese zeitlichen Ordnungen unseres Schöpfers nach unserer Willkür.“(W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 92)  Wer auch nur einmal durch die nächtens tag-hell erleuchteten Städte unserer Zeit gegangen oder gefahren ist, der hat hier eigene Eindrücke im Gedächtnis. Und der Wandel der gesellschaftlichen Ordnungen, den Lüthi hier sieht – und beklagt – ist ja so weiter gegangen, dass er sich heute wohl wie auf einem fremden Planeten vorkäme.

Und man tut unserer Zeit nicht Unrecht, wenn man sie tendenziell gott-los sieht. Es ist eine eigentümliche „Qualität“ unserer Zeit, dass sie keinen Raum mehr lässt für die Ausrichtung  der Gesellschaft am Willen Gottes. Das wird dem einzelnen Menschen noch zugestanden, solange er mit seinem Glauben nicht in Konflikt kommt mit den verabredeten Werten der Gesellschaft und der Meinungsmacher in ihr. Aber der Anspruch, dass sich eine Gesellschaft am Willen Gottes ausrichten müsse, damit es ihr wohl ergehe, dem wird heute aufs Schärfste widersprochen, und er wird als anachronistisch, ewig gestrig, intolerant, vor-aufklärerisch zurück gewiesen.

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein.                                                  G. Weissel 1642, EG 1

             Das darf man noch in der Adventszeit in Gemeindekreisen singen. Wer es aber profiliert als Position in das politische Gespräch, den „öffentlichen Diskurs“ einbringen wollte, würde sich wohl schnell völlig lächerlich gemacht sehen. Die Debatte um die Tanzverbote am Karfreitag ist hier ein Beleg unter vielen. Das geht – so denken und argumentieren inzwischen viele – gar nicht mehr, dass eine religiöse Position öffentliches Verhalten verlangt oder unmöglich macht

Das Schreckgespenst der Scharia, der Moslems, die ihren Glauben auch in der Gestaltung der Gesellschaft ernsthaft einbringen wollen, begünstigt diesen völligen Platzverweis des Glaubens aus der Gestaltung des öffentlichen Lebens. Man kann dann wunderbar im Namen der Freiheit argumentieren und verbergen, dass unsere freiheitliche Gesellschaft sich von ihren Voraussetzungen längst gelöst hat.

            Glaube ist Privatsache. So wird gebetsmühlenartig wiederholt. Sogar von der Verfassung geschützt. Aber nur solange, wie er unauffällig bleibt. Längst ist an die Stelle des Glaubens als öffentliches Gestaltungselement das getreten, was man politcal correctness nennt: Sie ist zum Zwang geworden, dem sich alle zu unterwerfen haben und der sich gegen jede Bevormundung durch so etwas wie Glauben und Gott richtet. Gott hat im säkularen Staat nichts mehr zu melden.

Sie werden in seine Hand gegeben werden eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit. 26 Danach wird das Gericht gehalten werden; dann wird ihm seine Macht genommen und ganz und gar vernichtet werden.

             Das ist wohl das Erschreckendste in dieser Vision und ihrer Deutung: Das Tier erhält Macht über die Heiligen. Eine halbe Ewigkeit – eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit – werden sie in seine Hand gegeben. Und wieder zeigt das Passivum divinum – es ist Gott, der das zulässt, ja nicht nur zulässt, der aktiv gibt. Das wider-göttliche Reich hat seine Macht aus den Händen Gottes. „Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.“ (Römer 13,2) Dieser Satz des Paulus, der so vielen Schwierigkeiten macht und der es so schwer macht, Obrigkeiten auch widerständig entgegen zu treten, hat in Daniels  Gesicht seine frühe „Begründung“.

Aber zugleich gilt es festzuhalten. Die Zeit dieses Reiches ist begrenzt. Es ist kein tausendjähriges Reich und es trägt schon das Stigma des Untergangs an sich.  Es wird vergehen. Auch hier wieder Passivum divinum. Mag sein, dass es in unseren Augen so aussieht, dass es die inneren Widersprüche sind, die das Reich vergehen lassen – so ist es mit dem Alexander-Reich, so wird es mit dem römischen Reich sein, auch mit dem Heiligen römischen Reich deutscher Nation, auch mit der Sowjetunion, auch mit…. Aber hinter dem Vordergrund ist Gott am Werk. Er nimmt dem Reich die Macht und lässt es dem Untergang entgegen taumeln.

27 Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen.

             Es mag also sein, dass das Tier mächtig, ja übermächtig ist. Es ist begrenzt. Das ist der erste  Trost, den Daniel empfängt. Der andere Trost:  An die Stelle der Reiche der Welt wird das Reich des Höchsten treten. Das Volk der Heiligen des Höchsten wird die Macht über die Reiche der Welt erlangen. Erlangen, weil sie ihm gegeben wird.  

             Ich frage: Ist das Volk der Heiligen des Höchsten wirklich identisch mit dem „treuen Kern des jüdischen Volkes“ (N.W.Porteous, Das Buch Daniel, ATD 23; S. 94), identisch auch mit der organisierten Christenheit? Wann immer in der Kirchengeschichte aus diesen Worten weltliche Macht-Ansprüche der Kirche abgeleitet worden sind, sind diese Worte missbraucht worden. Dieser Missbrauch hat seine eigene, schreckliche Blutspur in der Geschichte hinterlassen.

Wir – als Kirche – haben es allzu-oft überhört, dass Jesus als der eigentliche Interpret dieser Visionen gesagt hat: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. (Johannes 19,36)  Das ist die endgültige und verpflichtende Absage an alle weltliche Macht in den Händen der Kirche Jesu Christi. Wie weit sind wir vom Gehorsam gegen dieses Wort des Herrn entfernt.

28 Das war das Ende der Rede. Aber ich, Daniel, wurde sehr beunruhigt in meinen Gedanken und jede Farbe war aus meinem Antlitz gewichen; doch behielt ich die Rede in meinem Herzen.

             Jetzt nimmt Daniel wieder das Wort. Es ist so ehrlich, was er sagt. Es ist ja eine erschreckende Botschaft, die er da ersieht. Wie nahe ist Daniel mit seinem Erschrecken dem Erschrecken des Nebukadnezar (2,) und des Belsazar (5,6). Es ist nie leicht, Botschaften aus der Wirklichkeit Gottes zu empfangen. Sie bestätigen ja allzu oft nicht unsere Sicht der Dinge und unsere Wünsche. Sie verlangen uns Aufmerksamkeit ab und führen uns über unsere Grenzen hinaus.

Wie nahe ist Daniel aber umgekehrt auch anderen, denen Gott seinen Plan enthüllt. „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lukas 2, 19)  Daniel ist gewürdigt, weit über den Horizont seiner Zeit hinaus zu sehen, was Gott tun wird. Wie sollte ihn das nicht bewegen?

 

Mein Gott. wie oft denke ich so, dass die Welt in der Hand der Mächtigen ist. Wie oft fühle ich mich ausgeliefert, preisgegeben, ferngesteuert. Wie oft frage ich, ob es nicht Zeit ist aufzustehen, zu widersprechen in Deinem Namen.

Herr, öffne Du mir, uns, die Augen, dass wir es sehen und glauben, dass Du im Regiment bist, dass Du Deine Welt nicht preisgegeben, nicht losgelassen, nicht aus den Augen verloren hast.

Du wirst Dein Werk zu Ende bringen, Dein Reich herauf führen, Deinen Willen vollenden. Amen