Einer in Menschengestalt

Daniel 7, 1 – 15

 1 Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett; und er schrieb den Traum auf und dies ist sein Inhalt:

            Im Gesamten des Buches ist es wie ein Nachtrag, ein Sprung zurück über die Geschichte mit der Löwengrube, hin in die Belsazar-Zeit. Nicht nur die Könige haben Träume. Der oberste Traum-Deuter des Reiches träumt auch. Vielleicht muss man ja auch sagen: Nur wer selbst träumt und seine Träume ernst nimmt, wird auch die Träume anderer so ernst nehmen, dass er nach ihrer Botschaft sucht und fragt. Wer die eigenen Träume für irrelevant hält, wird kaum ein hilfreicher Traumdeuter sein können.

Es ist ein hilfreicher Hinweis: Er schrieb den Traum auf . Es ist gut, Träume aufzuschreiben. Also nicht erst nachdenken und zu deuten versuchen, sondern erst aufschreiben, auch wenn es wie wirres Zeug erscheint. Damit sie sich nicht verflüchtigen, diese Traumbilder. Um sich die eigenen Träume zugänglich zu machen und zu erhalten, muss man sich ihrer entäußern, sie zu Papier bringen oder erzählen.

2, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf. 3 Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere.

Es sind archetypische Bilder aus den Tiefen der Seele, die hier hinein-spielen. Das Meer ist der Ort, aus dem das Leben kommt. Das Meer ist aber auch der Ort, in dem die Ungeheuer wohnen. Es ist Lebensort und Gefahrenort zugleich. Und es ist nicht so eintönig, wie der Blick auf die glatte Wasserfläche einen glauben machen will. Im Meer ist mehr Vielfalt zu Hause als man denkt. Vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, – was für ein unheimliches Bild!

             „Es sind seltsame und fremde, um nicht zu sagen phantastische Gestalten. Wir haben bisher keine solchen gesehen und meinten, wenn wir von früheren Geschlechtern lasen, die davon redeten, es seien ersonnene „Märchen und Sagen des Altertums“ oder es handele sich um längst überholten mittelalterlichen Aberglauben. Wir sehen heute Gestalten, die nicht in unserer Vorstellungswelt existierten, und die uns wahrlich nicht weniger fremd vorkommen als Löwe und Parder mit Flügeln oder Tiergebilde mit zehn Hörnern.“ (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 87)

4 Das erste war wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler. Ich sah, wie ihm die Flügel genommen wurden. Und es wurde von der Erde aufgehoben und auf zwei Füße gestellt wie ein Mensch, und es wurde ihm ein menschliches Herz gegeben.

            Löwe und Adler – der König der Tiere und der König der Lüfte. Kraft und Anmut in einem Tier gepaart.  Wichtig ist die Formulierung:  es wurde von der Erde aufgehoben. Mit diesem Tier geschieht etwas. Passiv-Formulierungen sind oft in der Bibel das Signal: Es ist Gott, der hier am Werk ist. Es geschieht etwas an einem Menschen oder hier an einem Tier.

Meine Frage: Was heißt das, dass diesem königlichen Tier-Gebilde ein menschliches Herz gegeben wird? Ist das gut – es wird human? Oder ist das eher ein Zeichen von Schwäche: Es ist ja nur menschlich? Wenn die Tiere im Traum des Daniel für Welt-Reiche stehen, dann sage ich: Ich wünsche mir, dass auch ein sehr kraftvolles Reich ein menschliches Herz hat.

Es ist ja einer der stärksten Kritikpunkte an unserer Gesellschaft, dass wir sagen, sie sei herzlos, allein auf Effektivität ausgerichtet. Nur die Tüchtigsten schaffen es nach oben. Es gelte das gnadenlose Urteil: Survival of the fittest. So hat ja auch die rechte Ideologie es gelehrt und gelebt.  Wer weit kommen will, braucht ein kaltes Herz. Auch wenn sich das kalte Herz als eine Sackgasse herausstellen sollte – wie Wilhelm Hauff nicht müde wird zu erzählen.

5 Und siehe, ein anderes Tier, das zweite, war gleich einem Bären und war auf der einen Seite aufgerichtet und hatte in seinem Maul zwischen seinen Zähnen drei Rippen. Und man sprach zu ihm: Steh auf und friss viel Fleisch!

            Nach dem Löwen-Adler kommt der Bär. Auch er ein Symboltier für Stärke, für Unberechenbarkeit auch, Wildheit. Man kann ihn unterschätzen in seiner Schnelligkeit. Klein ist er putzig. Aber groß ist er einfach nur gefährlich. Gefräßig. Seine Beute hängt ihm noch zum Maul heraus. Wer ist das, der ihn auffordert zu fressen? Und wer wird seine Beute?

6 Danach sah ich, und siehe, ein anderes Tier, gleich einem Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken und das Tier hatte vier Köpfe, und ihm wurde große Macht gegeben.

            Ein Panther, Symbol für Schnelligkeit, Geschmeidigkeit und Sprungkraft ist das dritte Tier. Als ob das nicht genug an Gefahr wäre, erhält er vier Flügel und vier Köpfe. Damit wird seine Reichweite ins Unermessliche ausgedehnt.  Und ihm wurde große Macht gegeben. Aus dem Groß-Text des Danielbuches ist klar: Es ist Gott, der diesem Tier die Macht verleiht. Damit ist zugleich auch schon gesagt: Gott kann sie auch wieder nehmen. Gegebene Macht ist begrenzte Macht. Sie kann genommen werden.

7 Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner. 8 Als ich aber auf die Hörner Acht gab, siehe, da brach ein anderes kleines Horn zwischen ihnen hervor, vor dem drei der vorigen Hörner ausgerissen wurden. Und siehe, das Horn hatte Augen wie Menschenaugen und ein Maul; das redete große Dinge.

Es kommt das vierte Tier, das letzte in der Reihe. Daniel hat kein Vergleichsbild für dieses Tier. Es ist nicht wie Nur, was es ist, kann er sagen: furchtbar und schrecklich und sehr stark. Dieses Tier ist gefräßig und zerstörerisch. Es zermalmt und zertritt. Eine Vernichtungsmaschine. Meine Assoziation: Ein Tyrannosaurier. Aber so platt ist Daniel nicht.

Ein gehörntes Vieh. Gepanzert mit seinem Horn-Panzer. Gewaltig, furchterregend. Aber dennoch ist das Wachstum des Tieres noch nicht abgeschlossen. Durch die schon vorhandenen zehn Hörner bricht ein neues Horn hervor, das drei andere ausreißt, verdrängt, ihnen den Platz streitig macht. Wie Weisheitszähne, die aus dem Kiefer brechen und andere Zähne herausbrechen.

Schon das bloße Nach-Schreiben macht Mühe, erst recht das Nachsinnen. Es entstehen innere Bilder von Schreckensmaschinen, denen man nur noch entrinnen möchte. Aber da ist kein Entrinnen. Denn das Horn hat Augen. Es sieht. Es späht. Es kontrolliert. Und aus dem Maul des Tieres kommen große Dinge – das ist mehr als laute Worte. Das Tier ist weit mehr als ein großmäuliger Lautsprecher.

Gott donnert mit seinem Donner wunderbar und tut große Dinge, die wir nicht begreifen.“ (Hiob 37,5) Ein Blick in die Konkordanz genügt, um zu sehen: Es ist Gott, der große Dinge tut. Eine Vielzahl von Belegstellen zeigt das. „Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.“(Lukas 1, 49)  bekennt Maria im Lobgesang. Was wieder und wieder von Gott gesagt wird, das wir hier von dem Tier gesagt! Es beansprucht die Werke Gottes!  Oder anders gesagt: Es kopiert die Werke Gottes.

Der ganze Abschnitt der Erscheinung der vier Tiere aus dem Meer wird wieder aufgegriffen im Gesicht, diesmal im Gesicht des Sehers Johannes. Träume, Gesichte können sich also wiederholen? „Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen. Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther und seine Füße wie Bärenfüße und sein Rachen wie ein Löwenrachen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht. (Offenbarung 13, 1 – 3) Hier fließen im letzten Tier, im Drachen die Kräfte der vorigen Tiere zusammen. Es ist eine Steigerung der Macht ins Unermessliche, Ungeheure.

Es ist, so denke ich, nicht allzu verwegen, diese Steigerung der Macht zusammen zu sehen mit dem Fortschritt  der Technik. Dieser Fortschritt  erlaubt weltweite „Operationen“, Eingriffe bis in den letzten Winkel der Erde. Er erlaubt eine geradezu albtraumhafte Kontrolle über alles. Orwells „big brother“ ist harmlos gegen das, was heute möglich ist. Es gibt keinen Ort mehr, wo man sich der Drachen-Macht entziehen könnte, es sei denn, man flüchtet sich in den Tod. Oder eben zu Gott.

9 Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle; Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder loderndes Feuer. 10 Und von ihm ging aus ein langer feuriger Strahl. Tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten und die Bücher wurden aufgetan. 11 Ich merkte auf um der großen Reden willen, die das Horn redete, und ich sah, wie das Tier getötet wurde und sein Leib umkam und ins Feuer geworfen wurde. 12 Und mit der Macht der andern Tiere war es auch aus; denn es war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte.

Ohne dass es gesagt wird – jetzt folgt das große „aber“. Das Traumbild wechselt. Eine neue  Szenerie erscheint vor den träumenden Augen Daniels. Nicht mehr das Meer, ein Thronsaal kommt in Daniels Blick. Auf dem Thron ein „Uralter“ . Er setzt sich  – Zeichen seiner Majestät und seiner Macht. Und alles, was über seinen Thron gesagt wird, unterstreicht das – hier ist Macht, von oben. Wieder das Passivum divinum, das das Handeln Gottes zur Sprache bringt: Das Gericht wurde gehalten und die Bücher wurden aufgetan. Dabei gilt das Gericht vor allem, zuerst, – ausschließlich? – dem letzten Tier, aber auch den Tieren zuvor. Seine „großen Dinge“ werden ihm jetzt zum Gericht. Sie werden als Anmaßung entlarvt.

„Der große Tyrann ist dem Gericht Gottes unterworfen und wird plötzlich verschwinden wie ein Gaukelbild der Nacht. Das ganze, auf Unterdrückung aufgebaute Regierungssystem, das durch die seleukidische Macht den unterworfenen Völkern auferlegt worden war, wird auf Gottes „Es werde!“ hin völlig verschwinden.“ (N.W.Porteous, Das Buch Daniel, ATD 23; S. 89) Ob mit dieser zeitgeschichtlich geleiteten Auslegung schon alles gesagt ist, steht für mich dahin. Sie mag darin ihr Recht haben, dass sie die Hoffnung der Unterdrückten ernst nimmt, dass der böse Spuk ein Ende haben möge.

Wieder hilft der Blick in den Gesamt-Text des Buches: denn es war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte. Das ist einer der Gedanken, der sich wie ein roter Faden durch das Daniel-Buch zieht. Es ist Gott, der Zeit und Stunde gibt, der die Macht gibt, der das Leben gibt. Es ist Gott, der die Grenzen setzt.

Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;                                                          nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.                    Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen,                                                  und du machst neu die Gestalt der Erde.                                    Psalm 104, 29-30

Das ist nicht nur eine Feststellung: So ist das mit dem Leben. Es hat seine Grenze. Es mag auch eine Warnung sein an die Machthaber, die zur Zeit des Daniel leben – zur erzählten Zeit und zur Erzähl-Zeit. Es warnt vor der Überheblichkeit, sich selbst als das Maß aller Dinge und damit maßlos und grenzenlos zu sehen.  Und es ist zugleich Trost für die, die von den Untieren gejagt werden. Ihre Stunde wird kommen, wo sie zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist nicht billige Vergeltung. Es ist das Versprechen: Aller Schrecken findet ein Ende.

13 Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. 14 Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.

Es ist Nacht im Gesicht des Daniel. Schreckenszeit. Zeit aber auch vor dem neuen Tag. Vielleicht darf man den anderen Propheten mithören: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ (Jesaja 9,1) In dieser Nacht kommt ein Licht. In die Nachtzeit der Welt kommt einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn. Er kommt aus der Wirklichkeit Gottes, dafür stehen die Wolken des Himmels und er geht, nein, gelangt zu dem Uralten, wird vor ihn gebracht. Auch hier wieder diese merkwürdige Passivform. Dieser Menschensohn bringt nichts aus eigener Aktivität an sich. Er empfängt. Ihm wird gegeben.

Es ist kein Wunder, dass die ersten Christen hier gehört haben: Das ist unser Herr, Jesus Christus. Das ist der, den wir gesehen haben auf den Wegen Galiläas und Judäas, mit dem wir gelacht, geweint, gegessen, getrunken, geschlafen, gelitten, gelebt haben. Das ist er, der auferstanden ist von den Toten. Er, der Menschensohn, Jesus von Nazareth. Er sagt es ja: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ (Matthäus 28,18)

Frage keiner, wie sie das zusammen gebracht haben – die alten Worte aus Daniel, die Erfahrungen mit Jesus und die eigene Erfahrung des Lebens und des Glaubens. Daniel steht Pate für ihre Einsichten.

Darum hat ihn auch Gott erhöht                                                                                             und hat ihm den Namen gegeben,                                                                                        der über alle Namen ist,                                                                                                         dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie,                                            die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,                                                 und alle Zungen bekennen sollen,                                                                                      dass Jesus Christus der Herr ist,                                                                                              zur Ehre Gottes, des Vaters.                                                             Philipper 2, 9 – 11

 15 Ich, Daniel, war entsetzt, und dies Gesicht erschreckte mich.

             Was wir sehen können, was wir von Jesus her glauben, das ist Daniel noch verborgen. Er sieht einen Traum, sieht wie im Traum. Es ist kein Wunder, dass er entsetzt ist, erschreckt. Der Glaube hat auch diese erschreckende Seite, weil er die Wirklichkeit in das Licht Gottes rückt, dem wir nicht standhalten können.

 

Gott, Du Licht in der Nacht, der Du thronst über den Tiefen der Erde und in der Weite des Himmels, Du Geber aller Gaben, Du schickst Träume. Du enthüllst, was wir nicht zu sehen vermögen und manchmal ist es uns wie ein Traum.

Wenn wir schon vor solchen Träumen erschrecken, wie viel mehr vor der Wirklichkeit, dem Meer aus Blut und Tränen, den Schreien vor Hunger und Angst,  dem ungezügelten Toben der Gewalt.

Herr, gib uns, dass wir an unserem Ort nicht das Werk der Tiere tun, nicht ihrer Macht frönen und dienen, sie anbeten.

Gib, dass wir ein menschliches Herz haben und nicht vergessen, dass wir zu dem Menschensohn gehören. Amen