Schwachstelle: Glauben

Daniel 6, 1 – 29

 1Und Darius aus Medien übernahm das Reich, als er zweiundsechzig Jahre alt war. 2 Und es gefiel Darius, über das ganze Königreich hundertundzwanzig Statthalter zu setzen. 3 Über sie setzte er drei Fürsten, von denen einer Daniel war. Ihnen sollten die Statthalter Rechenschaft ablegen, damit der König der Mühe enthoben wäre. 4 Daniel aber übertraf alle Fürsten und Statthalter, denn es war ein überragender Geist in ihm. Darum dachte der König daran, ihn über das ganze Königreich zu setzen.

            Die Reihe der Könige setzt sich fort. Auf Nebukadnezar und Belsazar folgt Darius. Das entspricht dem geschichtlichen Wechsel von den Chaldäern zu den Persern. Darius I. hat  521 die Macht übernommen. Ob allerdings die Daniel-Erzählung nur den Ablauf der Geschichte abbilden will, ist zumindest frag-würdig. Man könnte ja auch so denken: Könige kommen und gehen. Daniel bleibt.

Es ist schön zu sehen, wie hier Verwaltung begründet wird. Damit der König der Mühe enthoben wäre. Das könnte seinem Alter geschuldet sein. Aber auch das ist ein möglicher Gedanke: Es gibt hohe Verwaltungsbeamte, damit der Entscheidungsträger nicht mit Kleinkram belastet wird. Ähnlich begründet ja auch schon Moses Schwiegervater seine Organisationsvorschläge an den Schwiegersohn.

„Sein Schwiegervater sprach zu ihm: Es ist nicht gut, wie du das tust. Du machst dich zu müde, dazu auch das Volk, das mit dir ist. Das Geschäft ist dir zu schwer; du kannst es allein nicht ausrichten. Aber gehorche meiner Stimme; ich will dir raten und Gott wird mit dir sein. Vertritt du das Volk vor Gott und bringe ihre Anliegen vor Gott und tu ihnen die Satzungen und Weisungen kund, dass du sie lehrst den Weg, auf dem sie wandeln, und die Werke, die sie tun sollen. Sieh dich aber unter dem ganzen Volk um nach redlichen Leuten, die Gott fürchten, wahrhaftig sind und dem ungerechten Gewinn Feind. Die setze über sie als Oberste über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn, dass sie das Volk allezeit richten. Nur wenn es eine größere Sache ist, sollen sie diese vor dich bringen, alle geringeren Sachen aber sollen sie selber richten. So mach dir’s leichter und lass sie mit dir tragen. Wirst du das tun, so kannst du ausrichten, was dir Gott gebietet, und dies ganze Volk kann mit Frieden an seinen Ort kommen.“ (2. Mose 18,17-23)

Wenn dann noch einer wie Daniel,  in dem ein überragender Geist ist, die Oberaufsicht führt, ist König-sein ein wunderbare Angelegenheit. Diese Beschreibung des Daniel wiederholt eine Grundüberzeugung des ganzen Buches. Es ist Gottes Geist, der Daniel gegeben ist und nicht seine überragende menschliche Fähigkeit. Daniel lebt aus der Gabe Gottes. Aber ein Regent, der sich seine Dienste sichert, tut seinem Land wohl.

5 Da trachteten die Fürsten und Statthalter danach, an Daniel etwas zu finden, das gegen das Königreich gerichtet wäre. Aber sie konnten keinen Grund zur Anklage und kein Vergehen finden; denn er war treu, sodass man keine Schuld und kein Vergehen bei ihm finden konnte. 6 Da sprachen die Männer: Wir werden keinen Grund zur Anklage gegen Daniel finden, es sei denn wegen seiner Gottesverehrung.

Wo so viel Anerkennung ist, ist der Neid nicht weit. Überragender Geist ruft den Kleingeist auf den Plan. Erst recht bei einem, der mit Migrationshintergrund unterwegs ist – so sieht Daniels Herkunft ja für die Einheimischen in Babylon aus. Er gehört doch zu denen, die billige Arbeitskräfte sein sollten, und jetzt steigt er höher als sie alle.

Es beginnt das Suchen nach Schwachstellen. Die Stunde der investigativen Journalisten, Privat-Detektive und Zuträger schlägt. Aber sie alle suchen vergebens. Sie können nichts finden, auf das sich eine Anklage aufbauen lässt. So sieht es ja auch später aus, diesmal in Jerusalem. „Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, dass sie ihn töteten. Und obwohl viele falsche Zeugen herzutraten, fanden sie doch nichts.“ (Matthäus 26, 59-60) Es ist hart, als Ankläger mit leeren Händen dazustehen. Bleibt ihnen – wie den Hohenpriestern im Fall Jesus – nur ein Weg: Sie müssen ihn da packen, wo allein er zu packen ist – an seinem Glauben.  

Was hier Gottesverehrung genannt wird, ist etwas anderes als religiöse Innerlichkeit. Die hätte Daniel haben dürfen, ohne dass es für ihn gefährlich werden kann. „Diese Worte tora oder mispat meinen im Grunde eine Religion, die als Befolgung einer von Gott gegebenen Lebensregel aufgefasst wird. Wenn Daniels Religion eine unbestimmte Religiosität gewesen wäre, hätte sie seinen Feinden nicht die Gelegenheit geboten, die sie suchten.“ (N.W.Porteous, Das Buch Daniel, ATD 23; S. 64). Man kann Daniels Glauben sehen – an seinem Beten, an seinem Essen, an seinem Umgang mit dem Sabbat. Woran kann einer heute unseren Glauben sehen?

7 Da kamen die Fürsten und Statthalter eilends vor den König gelaufen und sprachen zu ihm: Der König Darius lebe ewig! 8 Es haben die Fürsten des Königreichs, die Würdenträger, die Statthalter, die Räte und Befehlshaber alle gedacht, es solle ein königlicher Befehl gegeben und ein strenges Gebot erlassen werden, dass jeder, der in dreißig Tagen etwas bitten wird von irgendeinem Gott oder Menschen außer von dir, dem König, allein, zu den Löwen in die Grube geworfen werden soll. 9 Darum, o König, wollest du ein solches Gebot ausgehen lassen und ein Schreiben aufsetzen, das nicht wieder geändert werden darf nach dem Gesetz der Meder und Perser, das unaufhebbar ist. 10 So ließ der König Darius das Schreiben und das Gebot aufsetzen.

Mit dieser Einsicht – wir haben eine Schwachstelle gefunden – rennen sie zum König. Die Intrige wird gesponnen und die Eitelkeit eines Königs ist ein wunderbarer Haftpunkt für die Pläne der  Fürsten und Statthalter, Lakaien und Karrieristen. Man muss den König nur dazu bringen, dass er aktiv wird. „Wo ein Staatsoberhaupt sich selbst vergottet, da hat seine Umgebung jeweils ihren Anteil daran.“ (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 76) Hier ist die Umgebung gar die treibende Kraft.

Wer so vertrauensselig die Verwaltung seines Reiches in fremde Hände legt, trifft schon einmal Entscheidungen, die er nicht wirklich überblickt in ihrer Tragweite, erst recht, wenn sie ihm schmeicheln. Das ist der Plan: Der König ist gottgleich und ihm allein ist Ehre und Anrufung geschuldet. Darius wird in die Nebukadnezar-Falle und Belsazar-Falle gelockt, in die Falle, sich selbst zur alleinigen letzten Instanz zu erklären.

So legen es ihm die Einflüsterer nahe. Und damit es auf alle Fälle gilt, was der König sagt, muss es als unumstößlich festgehalten werden, als Gesetz der Meder und Perser, das unaufhebbar ist. Das soll es als Königsgesetze im Reich der Meder und Perser gegeben haben, nicht revidierbare Gesetze. Schwer vorstellbar in einer Zeit und einem Land, in  der sogar das Grundgesetz nicht völlig vor Veränderungen geschützt ist und in der am laufenden Band neue Gesetze erlassen und notfalls per Gerichtsbeschluss auch wieder verworfen werden.

Aber hier ist es deutlich, schon in der Erzählung. Es wird völlig überzogen. Solch ein Gesetz, das nur der Eitelkeit dient, für unaufhebbar zu erklären, ist nicht weitsichtig, sondern eher dumm. Aber, wie sie so um den König stehen, ihn drängen, beschwatzen, in ihre Richtung manipulieren – das löst Bilder aus.

Ich liege mitten unter Löwen; verzehrende Flammen sind die Menschen,                    ihre Zähne sind Spieße und Pfeile  und ihre Zungen scharfe Schwerter.                                                                   Psalm 57, 5

             Da ist schon eine Löwengrube am Hof, längst bevor die Löwengrube wirklich in Blick gerät. Oder genauer noch: Der Hof ist schon jetzt eine Löwengrube. Und die Frage heißt immer wieder: Passt sich einer dem Hof an, wird einer wie die, die sich da sammeln oder bleibt einer sich und seinem Gott treu?

11 Als nun Daniel erfuhr, dass ein solches Gebot ergangen war, ging er hinein in sein Haus. Er hatte aber an seinem Obergemach offene Fenster nach Jerusalem, und er fiel dreimal am Tag auf seine Knie, betete, lobte und dankte seinem Gott, wie er es auch vorher zu tun pflegte.

             Natürlich hört Daniel von diesem Gebot. Es ist ja für ihn bestimmt und er weiß: Das ist eine Lex Daniel. So etwas soll es nicht geben, gibt es aber immer wieder. Gesetze, die nur einer kleinen Gruppe dienen oder Gesetze, die sich gegen eine kleine oder auch große Gruppe richten. Es müssen durchaus nicht immer nur „Nürnberger Rassegesetze“ sein, die diese Funktion erfüllen. So manches Gesetz produziert seine Verlierer und Gewinner, selbst wenn es der Gesetzgeber wie hier Darius nicht überblickt.

Aber was Daniel hört, prallt von ihm ab, ändert nichts an seinem Verhalten. Er lässt sich nicht beirren. Er behält seine Gewohnheit bei, bleibt seiner Lebensregel treu. Dreimal täglich betet, lobt und dankt er seinem Gott. Es ist seine Gebetsordnung. Er braucht sie, damit er Daniel bleibt und nicht Beltschazar wird, damit der Geist der heiligen Götter ihn bestimmt und er kein Kleingeist in der Art seiner Neider wird.  Dreimal täglich, wie es der Psalm sagt

Ich aber will zu Gott rufen und der HERR wird mir helfen.                                          Abends und morgens und mittags will ich klagen und heulen;                                     so wird er meine Stimme hören.                    Psalm 55, 17-18

             Daniel ist wie ein Psalmbeter – und er ist, so hofft der Erzähler wohl auch, keine Ausnahme in Israel. Er bewahrt sich seine jüdische Identität betenderweise. Das ist in der Zeit des Antiochus Epiphanes und seiner Zwangshellenisierung eine große Herausforderung.

12 Da kamen jene Männer eilends gelaufen und fanden Daniel, wie er betete und flehte vor seinem Gott.

            Wieder kommen sie gelaufen. Sie haben keine Scheu vor der Privatsphäre. Denunzianten kennen keine Grenze, wenn es darum geht, Belastungs-Material zu sammeln. Was ist da schon ein bisschen Hausfriedensbruch? Wo Gefahr im Verzug ist, muss gehandelt werden. Es gibt den Schein eines Rechts für diese Hausdurchsuchung in der Villa Daniel. Und sie finden ja auch, was sie suchen: einen Beter. Einen, der das königliche Gebot nicht achtet, sondern seinem Gott im Himmel die Ehre gibt und vor ihm fleht. Daniel ist kein Bittsteller vor des Darius Thron, sondern einzig und allein vor dem Thron des Gottes seiner Väter.

 13 Da traten sie vor den König und redeten mit ihm über das königliche Gebot: O König, hast du , nicht ein Gebot erlassen, dass jeder, der in dreißig Tagen etwas bitten würde von irgendeinem Gott oder Menschen außer von dir, dem König, allein, zu den Löwen in die Grube geworfen werden solle? Der König antwortete und sprach: Das ist wahr und das Gesetz der Meder und Perser kann niemand aufheben.  

            Jetzt sind sie fast am Ziel. Sie haben einen Tatbestand. Und gute Staatsbürger, treue Diener, die sie sind, bringen sie den Fall vor den König. Sie machen es geschickt., Sie erinnern ihn, den viel beschäftigten, so verantwortlichen Mann an seinen Erlass: Hast du nicht…. Und Darius erinnert sich wirklich. Er hat sogar noch im Blick, welches Gewicht er dem Erlass gegeben hat.

Sie antworteten und sprachen vor dem König: Daniel, einer der Gefangenen aus Juda, der achtet weder dich noch dein Gebot, das du erlassen hast; denn er betet dreimal am Tage. 15 Als der König das hörte, wurde er 14sehr betrübt und war darauf bedacht, Daniel die Freiheit zu erhalten, und mühte sich, bis die Sonne unterging, ihn zu erretten.

Jetzt kommen sie heraus mit der Information. Der König selbst hat das Gewicht seines Erlasses benannt, damit den Ernst eines Verstoßes markiert: Jetzt benennen sie den Täter: Daniel, einer der Gefangenen aus Juda, der achtet weder dich noch dein Gebot, das du erlassen hast; denn er betet dreimal am Tage.  Wie klingt das – nach Rebellion, nach Missachtung, nach unerhörtem Hochmut? Muss das nicht den König in Zorn versetzen, dass so einer, einer der Gefangenen aus Juda, es wagt, sich über seine Gebot hinweg zu setzen?

Und ist es nicht die Art dieses halsstarrigen Volkes, dass es meint, nur sein Gott sei der richtige, wahre, lebendige Gott und alle anderen nicht anerkennt? Der latente Antisemitismus, der schon in der alten Welt da ist, der dieses Volk verhasst macht, er wird hier genussvoll geschürt, um einen aus dem Weg zu räumen.

Aber der Kampf ist noch nicht gewonnen. Die Anklage steht zwar, aber der König zögert. Er zögert, wohl auch, weil er spürt, wie er mit seinem unbedachten Erlass in eine Fall gelockt worden ist, zum Fallensteller wider Willen gemacht worden ist.

Wieder drängt sich eine Parallele zu der Passion Jesu auf: „Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. Sie hatten aber zu der Zeit einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Jesus Barabbas. Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten. Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“ (Matthäus 27, 15-19)

Darius und Pilatus sind beide in der Gefangenschaft einer Situation, aus der sie keinen Ausweg finden, die zeigt, wie wenig weit esmit der Freiheit auch der Mächtige her ist n, zumindest in bestimmten Situationen. Gefangen im eigenen Gesetz.

 16 Aber die Männer kamen wieder zum König gelaufen und sprachen zu ihm: Du weißt doch, König, es ist das Gesetz der Meder und Perser, dass alle Gebote und Befehle, die der König beschlossen hat, unverändert bleiben sollen.

            Daran erinnern sie ihn nun, die das Netz so fein gesponnen haben. Zum dritten Mal heißt es: sie kamen gelaufen. Allein in dieser Formulierung zeigt sich etwas von der Verachtung des Erzählers für diese Hofleute, er würde sie wohl eher Höflinge oder Hofschranzen nennen. Sie rennen, wie es nie ein wirklicher Würdenträger täte. Sie sind getrieben von ihrer Hast, der Gier, dem Hass. Sie haben es immerzu eilig, weil ihnen nichts heilig ist. Aber sie haben es geschafft – haben den König gefangen und mit dem König seinen Daniel. Der „Günstling“ wird fallen.

17 Da befahl der König, Daniel herzubringen. Und sie warfen ihn zu den Löwen in die Grube. Der König aber sprach zu Daniel: Dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, der helfe dir! 18 Und sie brachten einen Stein, den legten sie vor die Öffnung der Grube; den versiegelte der König mit seinem eigenen Ring und mit dem Ringe seiner Mächtigen, damit nichts anderes mit Daniel geschähe. 19 Und der König ging weg in seinen Palast und fastete die Nacht über und ließ kein Essen vor sich bringen und konnte auch nicht schlafen.

            Die Erzählung wird knapp. Der Vollzug folgt festen Regeln. Da ist nicht viel zu erzählen. Nur das Wort des Königs an Daniel wird noch berichtet  Dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, der helfe dir! Ist das Spott, so wie er später, angesichts des Kreuzes laut wird: „Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.“ (Matthäus 27, 43) Oder ist es doch die ehrliche, aber zugleich ein wenig hilflose Hoffnung eines Königs, der sich im Gestrüpp seiner Erlasse und Berater verfangen sieht?

             Dann geht es schnell. Daniel wird in die Grube geworfen, ein Stein wird vor die Grube, die sein Grab werden soll – so ist es doch gewollt – gerollt. Und alles wird königlich versiegelt, damit nichts manipuliert werden kann. Auch hier wieder ein Seitenblick ins neue Testament. „Josef aus Arimathäa legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon. …Am nächsten Tag, der auf den Rüsttag folgt, kamen die Hohenpriester mit den Pharisäern zu Pilatus und sprachen: Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Ich will nach drei Tagen auferstehen. Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste. Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Wache; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt. Sie gingen hin und sicherten das Grab mit der Wache und versiegelten den Stein.“ (Matthäus 27, 60.62-66) 

Die Wache an dem Grab des toten Jesus ist ebenso überflüssig wie die Versiegelung der Löwengrube. Wer hätte schon jemals davon gehört, dass einer den Löwen entgeht?

 20 Früh am Morgen, als der Tag anbrach, stand der König auf und ging eilends zur Grube, wo die Löwen waren.21 Und als er zur Grube kam, rief er Daniel mit angstvoller Stimme. Und der König sprach zu Daniel: Daniel, du Knecht des lebendigen Gottes, hat dich dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, auch erretten können von den Löwen? 22 Daniel aber redete mit dem König: Der König lebe ewig! 23 Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten hat, sodass sie mir kein Leid antun konnten; denn vor ihm bin ich unschuldig, und auch gegen dich, mein König, habe ich nichts Böses getan. 24 Da wurde der König sehr froh und ließ Daniel aus der Grube herausziehen. Und sie zogen Daniel aus der Grube heraus, und man fand keine Verletzung an ihm; denn er hatte seinem Gott vertraut.

             Früh am Morgen( auch das klingt wieder wie im Neuen Testament im Erzählen vom Ostermorgen!) ist eigentlich nicht Zeit der Könige. Aber Darius hat keine Ruhe gefunden in der Nacht und jetzt hat er keine Zeit. Jetzt eilt es ihm. Rannten vorher seine Hofleute mit ihren Anklagen zu ihm, so geht er jetzt mit seiner Klage zur Löwengrube. Seltsam genug, fast ein wenig verrückt ruft er nach Daniel. Weiß er nicht, was Löwen mit einem machen, den man zu ihnen steckt? Ist das irgendwo ein Funken Hoffnung in des Königs Herz, auf den Gott, dem Daniel ohne Unterlass dient? So klingt es ja in seiner Frage, die er in die Löwengrube hinein ruft. Die wortgleiche Wiederholung lässt jedenfalls vermuten, dass die Worte nicht spöttisch gemeint sind – weder vor dem Einschluss in die Löwengrube noch jetzt. Hätte ihn einer seiner Hofleute gehört – ihm hätte wohl das Schicksal Nebukadnezars gedroht, dass man ihn für wahnsinnig erklärt.

Aber es kommt Antwort aus der Löwengrube. Nicht das Gebrüll der Löwen, die Stimme Daniels.  Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten hat, sodass sie mir kein Leid antun konnten. Es ist wahr, was die Psalmbeter bekennen.

Wir haben einen Gott, der hilft  und den Herrn, der vom Tod errettet.                                             Psalm 68, 21 

 Es ist wahr, was der Beter zusagt

Denn er hat seinen Engeln befohlen,                                                                                    dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,                                                                      dass sie dich auf den Händen tragen                                                                                    und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.                                                          Über Löwen und Ottern wirst du gehen                                                                              und junge Löwen und Drachen niedertreten.           Psalm 91, 11-13

             Es klingt wie im Märchen. Aber manchmal haben ja Märchen mehr Wahrheit an sich, als es unser wacher Verstand glauben will. Und manchmal werden Märchen wahr. Im Leben. So wie bei Daniel.

Was ist mit der Unschuldsbeteuerung des Daniel? Hat er sich die Rettung damit verdient, dass er ordentlich ist, unschuldig, und auch gegen den König nichts Böses getan hat? Oder wird er gerettet, weil Gott Lust zu ihm hat? Er ist ja doch der Gott, der seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5,45)

Ich denke so: Denn er hatte seinem Gott vertraut.Um dieses Satzes willen wird wohl die ganze Geschichte erzählt. Es ist die Daniellektion: Gottvertrauen ist kein leerer Wahn. Es macht Erfahrungen. Es lohnt sich, sein Leben in Gottes Hand zu geben. „Und was soll ich noch mehr sagen? Die Zeit würde mir zu kurz, wenn ich erzählen sollte von Gideon und Barak und Simson und Jeftah und David und Samuel und den Propheten. Diese haben durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft,…(Hebräer 11, 32-33)  Daniel ist einer von denen, die Beispiele des Glaubens sind. Solche Beispiele wollen nicht bewundert werden, auch nicht nachgeahmt, sondern sie wollen helfen, im eigenen Leben den Weg des Glaubens vertrauensvoll zu gehen.

25 Da ließ der König die Männer, die Daniel verklagt hatten, holen und zu den Löwen in die Grube werfen samt ihren Kindern und Frauen. Und ehe sie den Boden erreichten, ergriffen die Löwen sie und zermalmten alle ihre Knochen.

            Das Ende ist schrecklich für die, die gestern noch triumphiert haben.“Wer eine Grube macht, der wird hineinfallen; und wer einen Stein wälzt, auf den wird er zurückkommen.“(Sprüche 26,27) Ihre Bosheit holt sie ein und bringt sie zu Fall. Ob das alles so deshalb maßlos hart ist, weil der Zorn des Königs groß ist über die, die ihn so manipuliert haben? Könige lassen sich nicht gerne instrumentalisieren.

 26 Da ließ der König Darius allen Völkern und Leuten aus so vielen verschiedenen Sprachen auf der ganzen Erde schreiben: Viel Friede zuvor!6 27 Das ist mein Befehl, dass man in meinem ganzen Königreich den Gott Daniels fürchten und sich vor ihm scheuen soll. Denn er ist der lebendige Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende. 28 Er ist ein Retter und Nothelfer, und er tut Zeichen und Wunder im Himmel und auf Erden. Der hat Daniel von den Löwen errettet.

            Das ist das Ergebnis. Der Glaube des Daniel wird zur religio licta, zur erlaubten und gar geförderten Religion. Ob das für die Religions-Politik des Darius I. so stimmt, wage ich vorsichtig zu bezweifeln. Aber es ist der Wunsch, der Israel beseelt. Und es ist die Wirklichkeit Israels im römischen Reich, in dessen Machtsphäre Israel ja im 2. Jahrhundert vor Christus immer mehr gerät und der es nach dem Einmarsch des Pompeius in Jerusalem angehört.

Und es ist natürlich der Glaube, den das Danielbuch wecken will – ein Vertrauen auf den lebendigen Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende. Daniel hält nicht so viel von der Beschwörung des Weltuntergangs, auch wenn er die Reiche kommen und gehen sieht. Er hält mehr von der Beständigkeit des Glaubens an den Gott, der bleibt, auch dann, wenn die Herren der Welt gehen.

29 Und Daniel hatte große Macht im Königreich des Darius und auch im Königreich des Kyrus von Persien.

            Ein Schlusssatz, der eine Leseanregung für die Machthaber aller Zeiten ist und der auf ihre Zustimmung hofft. Die Mächtigen der Welt mögen den Menschen aus Israel vertrauen. Sie sollten nicht dümmer sein als Darius und Kyrus und sich von Menschen, in denen der Geist der heiligen Götter, Erleuchtung, Verstand und hohe Weisheit ist, beraten lassen. 

 

Mein Gott, lass mich an Dich glauben, mit wachem Verstand, klarem Geist und treuer Beständigkeit. Lass mich an Dich glauben und gib mir Lebensgewohnheiten, die meinen Glauben stetig machen, die Stille vor Dir, Beten, den Gang zum Gottesdienst, das Verweilen in Deinem Wort.

Lass mich an Dich glauben zur Zeit und zur Unzeit, ob er opportun ist oder ob er mich in den Gegenwind führt.

Gib mir den Glauben ohne Unterlass, der sich auf Dich verlässt und in Dir birgt. Amen