Das Gelage – mene tekel

Daniel 5, 1 – 30

 1 König Belsazar machte ein herrliches Mahl für seine tausend Mächtigen und soff sich voll mit ihnen. 2 Und als er betrunken war, ließ er die goldenen und silbernen Gefäße herbringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel zu Jerusalem weggenommen hatte, damit der König mit seinen Mächtigen, mit seinen Frauen und mit seinen Nebenfrauen daraus tränke. 3 Da wurden die goldenen und silbernen Gefäße herbeigebracht, die aus dem Tempel, aus dem Hause Gottes zu Jerusalem, weggenommen worden waren; und der König, seine Mächtigen, seine Frauen und Nebenfrauen tranken daraus.

So drastisch übersetzt Luther – und trifft es genau: Belsazar soff sich voll mit ihnen. Es ist das Gelage der Highsociety, am Swimmingpool, als Bunga Bunga-Party. Das Gelage, das keine Scham und keine Grenze kennt. Ein orgiastisches Fest. „Wir tun an diesem Königshof einen Blick in die Welt, wie sie zu sein pflegt in ihrem letzten Stadium vor dem Untergang. Das Böse hat sich in Riesenhafte ausgewachsen. Jede Schranke ist weg. Die Sünde ist bis dorthin ausgereift, wo die Reife in Fäulnis übergeht.“ (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 62)

Es ist ein Fest, auf dem ein geschmackloser Höhepunkt für die, die längst jeden Geschmacksnerv betäubt haben in irrer Zügellosigkeit ,den nächsten jagen soll. Darum kommt jetzt die königliche Anordnung: Die Gefäße aus dem Tempel der Juden herbei! In irgendeiner Asservaten-Kammer werden sie aufgehoben, zur Schau gestellt. Und jetzt sollen sie die Lust steigern. Das ist doch einmal ein Kick: Trinken aus heiligen Kelchen, auch wenn man längst nichts mehr schmeckt und einem schon lange nichts mehr heilig ist.

Was tut man nicht alles, um sein Fest zu verschönern, um den Jubel der Mitfeiernden zu steigern. Belsazar ist ein früher Bruder im Geist des Herodes. „Als aber Herodes seinen Geburtstag beging, da tanzte die Tochter der Herodias vor ihnen. Das gefiel dem Herodes gut. Darum versprach er ihr mit einem Eid, er wolle ihr geben, was sie fordern würde. Und wie sie zuvor von ihrer Mutter angestiftet war, sprach sie: Gib mir hier auf einer Schale das Haupt Johannes des Täufers! Und der König wurde traurig; doch wegen des Eides und derer, die mit ihm zu Tisch saßen, befahl er, es ihr zu geben, und schickte hin und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten. Und sein Haupt wurde hereingetragen auf einer Schale und dem Mädchen gegeben; und sie brachte es ihrer Mutter.“ (Matthäus 14, 6 – 11) Aber Belsazar ist bescheidener – er begnügt sich mit den heiligen Gefäßen.

 4 Und als sie so tranken, lobten sie die goldenen, silbernen, ehernen, eisernen, hölzernen und steinernen Götter.

Wo die Stimmung steigt und der Wein die Zunge löst, da bleiben die Sprüche nicht aus. Sie fangen an, ihre Götter zu loben. Sie loben die, für die die Propheten Israels nur Spott und Hohn übrig haben. Und indem sie ihre Götter aus Holz und Eisen, Silber und Gold loben, schmähen sie den wahren Gott, den Gott Israels.  „In God we trust“ steht auf den Dollar-Noten. Und ist doch wohl auch so eine Gotteslästerung in der Gefolgschaft des Belsazar. Es ist der Gott aus Papier,  angebetet, allabendlich in den Meldungen von der Börse.

Heinrich Heine, Jude von Geburt und assimilierter Christ hat es auf den Punkt gebracht:

Der König rief mit stolzen Blick; der Diener eilt und kehrt zurück.                                Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt.                                                                                 Das war aus dem Tempel Jehovas geraubt.                                                                      Und der König ergriff mit frevler Hand                                                                          Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand                                                                      Und er leert ihn hastig bis auf den Grund                                                                         Und rufet laut mit schäumendem Mund:                                                                            „Jehova, dir künd ich auf ewig Hohn! –                                                                                Ich bin der König von Babylon.“!                            H. Heine  

            Das ist der Kern des Festes: Ein König feiert sich selbst und seine Größe. Belsazar kennt nur noch sich und seinen Willen. Er ist sich selbst genug.

 5 Im gleichen Augenblick gingen hervor Finger wie von einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand in dem königlichen Saal. Und der König erblickte die Hand, die da schrieb. 6 Da entfärbte sich der König und seine Gedanken erschreckten ihn, sodass er wie gelähmt war und ihm die Beine zitterten.

            Das ist meisterlich erzählt: Mitten in das Stimmengewirr, das Geschrei, das mit sich selbst befasst und beschäftigt Sein, mitten in die Orgie hinein kommt ein stummes Signal. Finger wie von einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand. Sie merken es gar nicht, die Männer und Frauen, Hofbeamte und Hostessen, die so im Festtaumel sind. Nur einer sieht und erschrickt. Belsazar. Der König. Er wird selbst zur getünchten Wand. Erbleicht. Der Boden gerät ihm ins Wanken. Er steht wie angewurzelt, kann sich nicht mehr rühren. Kommt nicht mehr vom Fleck. Der trinkfeste Mann schwankt, aber nicht vom Alkohol übermannt, sondern erschüttert von dem, was er sieht und sieht und nicht versteht. Da ist kein innerer Halt mehr.

7 Und der König rief laut, dass man die Weisen, Gelehrten und Wahrsager herbeiholen solle. Und er ließ den Weisen von Babel sagen: Welcher Mensch diese Schrift lesen kann und mir sagt, was sie bedeutet, der soll mit Purpur gekleidet werden und eine goldene Kette um den Hals tragen und der Dritte in meinem Königreich sein.

            Das Fest ist noch nicht vorbei, aber es nimmt eine Wende. Wie Vater Nebukadnezar befiehlt Belsazar alles herbei, was den Berater-Status hat, was fachkundig sein könnte, die Situation lösen könnte. Anders als der Vater aber droht er nicht mit Sanktionen. Er verspricht nur Erfolgsprämien – äußere Status-Symbole und den Aufstieg in der Hierarchie, bis fast ganz nach oben  – der Dritte in meinem Königreich sein. Er ist ja König und kann reich belohnen.

8 Da wurden alle Weisen des Königs hereingeführt, aber sie konnten weder die Schrift lesen noch die Deutung dem König kundtun. 9 Darüber erschrak der König Belsazar noch mehr und verlor seine Farbe ganz, und seinen Mächtigen wurde angst und bange.

            Soweit sie nicht ohnehin da sind, werden die Gelehrten geholt, hereingeführt. Aber sie haben kein Wort, das weiterführt. Die Schrift ist unbekannt und mit der unlesbaren Schrift bleibt das Rätsel, was da steht. Jetzt greift der Schrecken erst recht um sich. Wenn es überhaupt möglich ist, wird Belsazar noch tiefer erschüttert. Aber nun erfasst seine Angst auch die anderen. Die Feststimmung ist endgültig im Eimer. Der Wein schmeckt schal, das Essen bleibt unberührt, die Damen bleiben unbetatscht.

10 Da ging auf die Worte des Königs und seiner Mächtigen die Königinmutter in den Saal hinein und sprach: Der König lebe ewig! Lass dich von deinen Gedanken nicht so erschrecken und entfärbe dich nicht! 11 Es ist ein Mann in deinem Königreich, der den Geist der heiligen Götter hat. Denn zu deines Vaters Zeiten fand sich bei ihm Erleuchtung, Klugheit und Weisheit wie der Götter Weisheit. Und dein Vater, der König Nebukadnezar, setzte ihn über die Zeichendeuter, Weisen, Gelehrten und Wahrsager, 12 weil ein überragender Geist bei ihm gefunden wurde, dazu Verstand und Klugheit, Träume zu deuten, dunkle Sprüche zu erraten und Geheimnisse zu offenbaren. Das ist Daniel, dem der König den Namen Beltschazar gab. So rufe man nun Daniel; der wird sagen, was es bedeutet.

            „Die Königin-Mutter kommt in den Saal. Sie hat bisher dem Fest nicht beigewohnt. Sie hat getan,was die Mutter tut, wenn ihr Sohn zu Wein und Weib geht. Sie hat gewacht. Diese Wächterin kommt nun herein in die allgemeine Verwirrung wie ein Engel. Und sie ist auch ein Engel, ein Bote Gottes, der da noch einmal, ein letztes Mal, die Gnade anbietet.“ (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 68) Ob sie gerufen wurde, ob sie vom Lärm gerufen wurde, ob ihr Sohn nach ihr geschickt hat – unerheblich. Die Texte sind sich nicht einig.

Sie ist da und möchte ins Chaos Ruhe bringen. Darum erinnert sie den König an einen, der offensichtlich in Vergessenheit geraten ist. Daniel. Der Vater hatte ihn über alle gesetzt, die jetzt eben ihre Hilflosigkeit und Überforderung eingestehen mussten. Der Vater wusste, was er an Daniel hat, einen mit der Fähigkeit Träume zu deuten, dunkle Sprüche zu erraten und Geheimnisse zu offenbaren, einen, der den Geist der heiligen Götter hat. Er ist, so sagt sie dem aufgeregten und erschütterten Sohn, ein bewährter Mann. Und dann der Rat, wenn man denn einem König raten darf:   So rufe man nun Daniel; der wird sagen, was es bedeutet.

 13 Da wurde Daniel vor den König geführt. Und der König sprach zu Daniel: Bist du Daniel, einer der Gefangenen aus Juda, die der König, mein Vater, aus Juda hergebracht hat? 14 Ich habe von dir sagen hören, dass du den Geist der heiligen Götter habest und Erleuchtung, Verstand und hohe Weisheit bei dir zu finden sei. 15 Nun hab ich vor mich rufen lassen die Weisen und Gelehrten, damit sie mir diese Schrift lesen und kundtun sollen, was sie bedeutet; aber sie können mir nicht sagen, was sie bedeutet. 16 Von dir aber höre ich, dass du Deutungen zu geben und Geheimnisse zu offenbaren vermagst. Kannst du nun die Schrift lesen und mir sagen, was sie bedeutet, so sollst du mit Purpur gekleidet werden und eine goldene Kette um deinen Hals tragen und der Dritte in meinem Königreich sein.

            Gesagt, getan. Der König, der sich eben noch selbst genug war, sich selbst gefeiert hat, folgt dem Rat der Mutter und lässt den Vergessenen holen. Und in seiner Anrede an Daniel signalisiert er ihm deutlich, was für eine Gunst er, Belsazar, ihm, Daniel, damit erweist, dass er ihn rufen lässt. Bist du Daniel, einer der Gefangenen aus Juda, die der König, mein Vater, aus Juda hergebracht hat? Viel deutlicher kann man nicht sagen: Du gehörst eigentlich nicht hierher! Aber weil meine Spitzenleute alle versagen, probiere ich es jetzt mit dir.

             Gleich zweimal benennt Belsazar seine Skepsis:  Ich habe von dir sagen hören –  Von dir aber höre ich. Andere sagen das – aber ob es stimmt? Es sind große Worte, die von Daniel gesagt werden: dass du den Geist der heiligen Götter habest und Erleuchtung, Verstand und hohe Weisheit bei dir zu finden sei –  dass du Deutungen zu geben und Geheimnisse zu offenbaren vermagst. Ob es wahr ist, wird sich zeigen, wenn er, der Gefangene aus Juda, nicht schon am bloßen Lesen der Schrift scheitern wird. So verstört der König sein mag, seine Geringschätzung für diesen Mann aus dem Knechtsvolk ist nicht zu überhören.

Auch hier wiederholt der König sein Versprechen: Im Erfolgsfall wird es sich lohnen. Daniel  wird es nicht zu bereuen haben, wenn er sein Können und Wissen zur Verfügung stellt. Eine traumhafter Aufstieg wartet auf ihn, vorausgesetzt, er kann, was man von ihm hört.

Mich erinnert das an die Art, wie Tyrannen unserer Zeit mit Wissenschaftlern umgehen, die sie für ihre Projekte, wohl auch für ihre letzte Wunderwaffe brauchen. Da mischt sich Verachtung für diese Intellektuellen, diese nützlichen Idioten, oft genug mit einer Haltung des Versprechens und Verwöhnens. Sie bekommen alles, wenn sie nur „liefern“. Aber aus ihrer Verachtung für das „intellektuelle Geschmeiß“ machen die Machtmenschen keinen Hehl.

17 Da fing Daniel an und sprach vor dem König: Behalte deine Gaben und gib dein Geschenk einem andern; ich will dennoch die Schrift dem König lesen und kundtun, was sie bedeutet.

            „Daniel schob das Versprechen des Königs, ihn zu belohnen, brüsk beiseite….(Der Erzähler) will vielleicht zeigen, welche Haltung ein jüdischer Weiser einem heidnischen Machthaber gegenüber einnehmen sollte.“ (N.W.Porteous, Das Buch Daniel, ATD 23; S. 64) Es ist in der Tat nicht zu überlesen, wie sich die beiden gegenüber stehen – hier der Großkönig, erschüttert bis ins Mark, um Form bemüht und doch auch noch in seiner Erschütterung herablassend – dort der Seher, aus dem Vergessen heraus geholt, aber in sich ruhend, weil in Gott geborgen und seiner Sache gewiss, weil seines Gottes gewiss.

18 Mein König, Gott der Höchste hat deinem Vater Nebukadnezar Königreich, Macht, Ehre und Herrlichkeit gegeben 19 Und um solcher Macht willen, die ihm gegeben war, fürchteten und scheuten sich vor ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen. Er tötete, wen er wollte; er ließ leben, wen er wollte; er erhöhte, wen er wollte; er demütigte, wen er wollte. 20 Als sich aber sein Herz überhob und er stolz und hochmütig wurde, da wurde er vom königlichen Thron gestoßen und verlor seine Ehre 21 und wurde verstoßen aus der Gemeinschaft der Menschen, und sein Herz wurde gleich dem der Tiere und er musste bei dem Wild hausen und fraß Gras wie die Rinder und sein Leib lag unter dem Tau des Himmels und wurde nass, bis er lernte, dass Gott der Höchste Gewalt hat über die Königreiche der Menschen und sie gibt, wem er will.

Daniel beginnt seine Deutung mit einer Erinnerung an Nebukadnezar. Der war ein großer König. Aber nicht aus eigener Macht und Vollkommenheit. Gott der Höchste hat deinem Vater Nebukadnezar Königreich, Macht, Ehre und Herrlichkeit gegeben. Es war geliehene Macht. Und Nebukadnezar musst in einer harten Lektion lernen, dass er sich überhoben hatte und dass ihn sein Stolz und sein Hochmut tief stürzen ließen. Ja, er verlor seine Ehre, weil er Gott nicht die Ehre gab. Spätestens da muss es in den Ohren Belsazars doch gellen, muss er doch hören, wie in der Erzählung vom Gericht über den Vater sich das eigene Gericht ankündigt.

22 Aber du, Belsazar, sein Sohn, hast dein Herz nicht gedemütigt, obwohl du das alles wusstest, 23 sondern hast dich gegen den Herrn des Himmels erhoben, und die Gefäße seines Hauses hat man vor dich bringen müssen, und du, deine Mächtigen, deine Frauen und deine Nebenfrauen, ihr habt daraus getrunken; dazu hast du die silbernen, goldenen, ehernen, eisernen, hölzernen, steinernen Götter gelobt, die weder sehen noch hören noch fühlen können. Den Gott aber, der deinen Odem und alle deine Wege in seiner Hand hat, hast du nicht verehrt.

Aber Daniel bleibt nicht bei der allein schon entlarvenden und überführenden Erzählung stehen. Er wird  völlig undiplomatisch  – und unvorsichtig? – direkt: Aber du, Belsazar, sein Sohn, hast dein Herz nicht gedemütigt, obwohl du das alles wusstest, 23 sondern hast dich gegen den Herrn des Himmels erhoben. Das ist die Botschaft des Daniel: Du hast nichts verstanden, nichts gelernt aus dem Geschick des Vaters. Du bist auf den Weg eingeschwenkt, der ihn schon gestürzt hat – und er war ein besserer Mann als du. Und dann hält Daniel ihm das Gelage vor und die mit diesem Gelage verbundene Missachtung des Herrn des Himmels. Weil Belsazar den Gott verachtet hat, gelästert hat, der  alle deine Wege in seiner Hand hat, hat er seinen Weg verspielt, kommt sein Weg ans Ende. „Wenn einer zugrunde gehen soll, wird sein Herz zuvor stolz.“ (Sprüche 18,12) So lehrt es die Weisheit Israels, die zeitgleich mit dem Danielbuch entsteht.

24 Darum wurde von ihm diese Hand gesandt und diese Schrift geschrieben. 25 So aber lautet die Schrift, die dort geschrieben steht: Mene mene tekel u-parsin. 26 Und sie bedeutet dies: “Mene,” das ist, Gott hat dein Königtum “gezählt” und beendet. 27 “Tekel,” das ist, man hat dich auf der Waage “gewogen” und zu leicht befunden. 28 “Peres,” das ist, dein Reich ist “zerteilt” und den Medern und “Persern” gegeben.

            Jetzt erst wird die Schrift enthüllt. Daniel kann sie lesen und er kann sie deuten. Das Geheimnis ist vor ihm offenbar, weil er Deutungen zu geben und Geheimnisse zu offenbaren vermag.Er hat den Geist der heiligen Götter. Und er liest die Botschaft: Die Zeit ist um. Das Spiel ist aus. Die Schrift ist eine doppelte Botschaft – über das Schicksal des Belsazar und über das Schicksal des Reiches. Belsazars Zeit ist zu Ende – als König und als Mensch.  Und auch das Reich   ist am Ende. Es wird zerteilt werden.

Das berührt sich mit dem, was wir aus der Geschichte wissen. So hat es Jeremia gesehen: „Man hört ein Geschrei aus Babel und einen großen Jammer aus der Chaldäer Lande; denn der HERR verwüstet Babel und vertilgt aus ihm das große Getümmel. Wellen brausen heran wie große Wasser, es erschallt ihr lautes Tosen; denn es ist über Babel der Verwüster gekommen. Seine Helden werden gefangen, seine Bogen werden zerbrochen; denn der Gott der Vergeltung, der HERR, zahlt es ihnen heim. Ich will seine Fürsten, Weisen, Herren und Hauptleute und seine Krieger trunken machen, dass sie zu ewigem Schlaf einschlafen sollen, von dem sie nie mehr aufwachen, spricht der König, der da heißt HERR Zebaoth. So spricht der HERR Zebaoth: Die Mauern des großen Babel sollen geschleift und seine hohen Tore mit Feuer verbrannt werden, dass die Arbeit der Heiden umsonst sei und dem Feuer verfalle, was die Völker mit Mühe erbaut haben.“ (Jeremia 51, 54-58) Babylon fällt in einer Nacht in die Hände des Kyros.

29 Da befahl Belsazar, dass man Daniel mit Purpur kleiden sollte und ihm eine goldene Kette um den Hals geben; und er ließ von ihm verkünden, dass er der Dritte im Königreich sei. 30 Aber in derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, getötet.

             Das bleibt dem König noch. Er hält sein Wort. Er gibt Daniel seinen versprochenen Lohn. Der vergessene Seher wird zum dritten Mann im Reich, auch wenn das Reich bald fallen wird. Belsazar aber stirbt in dieser Nacht. Es ist allein vom Erzählen her ein unglaublicher Kontrast. Vorher wird in epischer Breite ein Sittengemälde entrollt, das alle Sinne anspricht. Man sieht alles förmlich vor sich. Und dann dieser lakonische Satz: Aber in derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, getötet. Mehr ist nicht mehr zu sagen. Es klingt, wie die lapidaren Zusammenfassung des Lebens der Könige Israel, die sich durch die Königsbücher zieht. „Und er tat, was dem HERRN missfiel, wie seine Väter getan hatten.“ (2. Könige 23, 32 u. a.)

             Der König, der Leben geben und nehmen konnte, wie er wollte, verliert sein Leben, weil es ihm genommen wird. „Gott lässt sich nicht spotten.“ (Galater 6,7) Das Gelage hat ein blutiges Ende gefunden. Die Schrift an der Wand hat sich erfüllt.

 

Heiliger Gott, wie blind kann man sein für die Signale, die Du gibst. Wie taub kann man sein für den Ruf zur Umkehr, den Du ausrichten lässt. Wie gefangen kann man sein in den eigenen Gedanken, verliebt in das eigene Bild, berauscht von der Macht.

Bin ich weniger blind, taub, gefangen, verliebt, berauscht?

Höre ich die leise Stimme, mit der Du rufst, nach Umkehr, nach der Hingabe meines Herzens, nach dem Gehorsam, der Dir die Ehre gibt?

Herr, wandle Du mein Herz, gib mir einen neuen gewissen Geist, dass ich Dir Raum gebe, Dich und Deinen Namen ehre mit meinem Leben. Amen