Im Feuer nicht allein

Daniel 3, 1 – 30

1 Der König Nebukadnezar ließ ein goldenes Bild machen sechzig Ellen hoch und sechs Ellen breit und ließ es aufrichten in der Ebene Dura im Lande Babel. 2 Und der König Nebukadnezar sandte nach den Fürsten, Würdenträgern, Statthaltern, Richtern, Schatzmeistern, Räten, Amtleuten und allen Mächtigen im Lande, dass sie zusammenkommen sollten, um das Bild zu weihen, das der König Nebukadnezar hatte aufrichten lassen. 3 Da kamen zusammen die Fürsten, Würdenträger, Statthalter, Richter, Schatzmeister, Räte, Amtleute und alle Mächtigen im Lande, um das Bild zu weihen, das der König Nebukadnezar hatte aufrichten lassen.

             Es ist wie bei einer Vernissage. Da muss man einfach dabei sein. Das ist das Ereignis des Jahres. Sehen und Gesehen werden. Der König ruft und alle, alle kommen. Anders als in der Erzählung Jesu, wo es Entschuldigungen „hagelt“: „Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.“ (Lukas 14, 18-20) Einem König, erst recht einem Großkönig sagt man nicht einfach ab. Geradezu genüsslich zählt unser Erzähler gleich zweimal auf, wer alles geladen ist und auch tatsächlich erscheint. Eine perfekte Gästeliste. Sie gibt dem kolossalen Stand-Bild die richtige Weihe.

 Und sie mussten sich vor dem Bild aufstellen, das Nebukadnezar hatte aufrichten lassen. 4 Und der Herold rief laut: Es wird euch befohlen, ihr Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen: 5 Wenn ihr hören werdet den Schall der Posaunen, Trompeten, Harfen, Zithern, Flöten, Lauten und aller andern Instrumente, dann sollt ihr niederfallen und das goldene Bild anbeten, das der König Nebukadnezar hat aufrichten lassen. 6 Wer aber dann nicht niederfällt und anbetet, der soll sofort in den glühenden Ofen geworfen werden. 7 Als sie nun hörten den Schall der Posaunen, Trompeten, Harfen, Zithern, Flöten und aller andern Instrumente, fielen nieder alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen und beteten an das goldene Bild, das der König Nebukadnezar hatte aufrichten lassen.

             Zu einer Weihe gehört Andacht und Unterwerfung. Nebukadnezar nützt den Anlass, um die Unterwürfigkeit seiner Leute, seiner Führungsleute zu prüfen. Es ist ja ein probates Mittel, das bis heute gerne verwendet wird: Man macht eine Veranstaltung mit allen, die zur „Firma“ gehören und  in ihr eine Art „Zeichenhandlung“, um die Treue zu prüfen. Das kann auch das Bade-Bordell in Budapest sein. Wer sich da ausschließt, der ist verdächtig, weil er seinen eigenen Kopf hat.

Der Befehl dann sollt ihr niederfallen und das goldene Bild anbeten lässt darauf schließen,  dass es nicht einfach nur ein Kunstwerk war, das da errichtet wurde. Es mag ein Totem-Pfahl sein oder ein Bild eines babylonischen Gottes. Es könnte auch ein Bild des Großkönigs sein. Jedenfalls, es wird mehr als nur Unterwerfung gefordert – Anbetung, Proskynese. Wenn alle gemeinsam anbeten, dann ist das ein Schritt nach vorne – „Ein Reich, Ein Volk, Ein Führer.“ die gemeinsame Religion als Bindemittel der Völker – das ist ein uralter und gleichzeitig höchst neuzeitlicher Gedanke. 

Und wieder greift Nebukadnezar zu dem Mittel, das ihm vertraut ist. Er droht für den Fall der eigenen Meinung Sanktionen an. Wie es seine Art ist, nicht nur Absetzung, Posten-Verlust, damit sozialer Abstieg, sondern Tod. Wer sich den Luxus einer eigenen Meinung leistet, muss mit dem Tod dafür bezahlen. Das – so ist wohl das Kalkül – wird allzu viel Mut gar nicht erst aufkommen lassen.

Das Ergebnis:  Als sie nun hörten den Schall… , fielen nieder alle Völker… und beteten an Die meisten sind nicht zu Helden geboren und nicht zu Widerstandskämpfern erzogen. Es ist schwer, sich in einer großen Menge der gemeinsamen Unterwerfung zu entziehen. Und ehrlich gesagt, wollen wir es wohl auch gar nicht. „Wenn es wahr wäre, was die Volksfreunde, die Volksschmeichler immer sagen – das Volk sei gut, nur die Regenten seien schlecht – wenn es wahr wäre, das nur die Regenten den Krieg wollen, das Volk aber nicht – dann möchte ich die Regierung sehen, die je wieder ein Volk ins Massengrab zu treiben imstand wäre. Es ist aber nicht wahr! (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 38) Es ist bequemer und sicherer, mitzumachen, sich anzupassen und mit den Wölfen zu heulen.

8 Da kamen einige chaldäische Männer und verklagten die Juden, 9 fingen an und sprachen zum König Nebukadnezar: Der König lebe ewig! 10 Du hast ein Gebot ergehen lassen, dass alle Menschen niederfallen und das goldene Bild anbeten sollten, wenn sie den Schall der Posaunen, Trompeten, Harfen, Zithern, Flöten, Lauten und aller andern Instrumente hören würden; 11 wer aber nicht niederfiele und anbetete, sollte in den glühenden Ofen geworfen werden. 12 Nun sind da jüdische Männer, die du über die einzelnen Bezirke im Lande Babel gesetzt hast, nämlich Schadrach, Meschach und Abed-Nego; die verachten dein Gebot und ehren deinen Gott nicht und beten das goldene Bild nicht an, das du hast aufrichten lassen.

Wo es Tyrannen gibt, gibt es auch Denunzianten. Wo es gemeinsame Aktionen großen Stiles gibt, gibt es auch die, die sich verweigern und nicht mit-tun wollen. Die drei Männer sind wohl den anderen schon lange ein Dorn im Auge. Aufsteiger aus der Mitte der Besiegten, Menschen von unten, die es nach oben geschafft haben, aber doch nie richtig dazu gehören. Sie haben nicht den Stallgeruch. Der Vorwurf ist klar: Sie verweigern nicht nur Gehorsam, sie verachten dein Gebot und ehren deinen Gott nicht und damit verachten sie den König selbst.  Sie zerstören mit ihrem Verhalten die Autorität des Königs. Kein Wort davon, das ein  erzwungener Akt der Unterwerfung ja eher ein Zeichen von Schwäche als von Stärke ist. Kein Wort davon, dass man selbst ja nur so gehorcht hat, ohne innere Überzeugung und ohne Hingabe.

13 Da befahl Nebukadnezar mit Grimm und Zorn, Schadrach, Meschach und Abed-Nego vor ihn zu bringen. Und die Männer wurden vor den König gebracht. 14 Da fing Nebukadnezar an und sprach zu ihnen: Wie? Wollt ihr, Schadrach, Meschach und Abed-Nego, meinen Gott nicht ehren und das goldene Bild nicht anbeten, das ich habe aufrichten lassen? 15 Wohlan, seid bereit! Sobald ihr den Schall der Posaunen, Trompeten, Harfen, Zithern, Flöten, Lauten und aller andern Instrumente hören werdet, so fallt nieder und betet das Bild an, das ich habe machen lassen! Werdet ihr’s aber nicht anbeten, dann sollt ihr sofort in den glühenden Ofen geworfen werden. Lasst sehen, wer der Gott ist, der euch aus meiner Hand erretten könnte!

            Alles können sich Tyrannen gefallen lassen, aber keine subversive Verweigerung des Gehorsams. Erst recht nicht von denen, die ihnen nahe stehen und auf die sie Wert legen. So werden die drei, Schadrach, Meschach und Abed-Nego, zur Rede gestellt. Das kann ihr Ernst doch nicht sein. Man desauvouiert den eigenen Ober-Herrn nicht, beißt nicht die Hand, die einen füttert. Nebukadnezar ist großzügig: Er gibt ihnen eine zweite Chance. Sie können nachholen, was sie leichtfertig versäumt haben. Mehr Großmut geht nicht. Aber zugleich wird der Ernst der Lage klargestellt. Wenn nicht, schützt euch nichts mehr vor dem Feuer.

Am 11. Januar 1945 schreibt Helmuth James Graf von Moltke an seine Frau von seinen Verhöre vor Freisler: „Hier war blutiger Ernst. Von wem nehmen sie Ihre Befehle? Vom Jenseits oder von Adolf Hitler? Wem gilt Ihre Treue und Ihr Glaube? Alles rhetorische Fragen natürlich. Freisler ist der erste Nationalsozialist, der begriffen hat, wer ich bin… Der entscheidende Satz jener Verhandlung war: „Herr Graf, eines haben Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam und nur dies eine: Wir verlangen den ganzen Menschen.“ Ob er sich bewusst war, was er damit gesagt hat?“ ( W. Oehme, Märtyrer der evangelischen Christenheit 1933-1945; S. 182) Auch hier die harte, unbedingte Forderung nach Unterwerfen.

Und dann kommt in der Erzählung der Spruch, der immer kommt: Lasst sehen, wer der Gott ist, der euch aus meiner Hand erretten könnte! Das ist purer Spott. „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ soll Stalin gefragt haben, als man ihn vor einem Konflikt mit Rom warnte. Und wer von einer Kanzel herunter sagt: „Nichts ist gut in Afghanistan!“ muss schon damit rechnen, dass er auffällig blitzschnell gestellt werden kann. Die Macht des Staates ist handfest, die Macht irgendeines Gottes steht doch eher zur Debatte und eignet sich für schöne Geschichten.

 16 Da fingen an Schadrach, Meschach und Abed-Nego und sprachen zum König Nebukadnezar: Es ist nicht nötig, dass wir dir darauf antworten. 17 Wenn unser Gott, den wir verehren, will, so kann er uns erretten; aus dem glühenden Ofen und aus deiner Hand, o König, kann er erretten. 18 Und wenn er’s nicht tun will, so sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht ehren und das goldene Bild, das du hast aufrichten lassen, nicht anbeten wollen.

            Es ist verrückt. Aber die drei setzen mehr auf den unsichtbaren Gott als auf den sichtbaren Großkönig. Sie vertrauen mit einer großen Selbstverständlichkeit. Dabei ist ihr Vertrauen nüchtern. Gott kann retten, aber er muss es nicht. Sie legen sich fest: wir bezahlen für unser Bekenntnis mit dem Preis unseres Lebens, wenn es denn sein muss. Aber wir unterwerfen uns nicht und beten auch nicht dieses merkwürdige Götterbild an.

Im Hintergrund mag die geradezu ätzende ironische Götzenkritik des Jesaja anklingen und mitschwingen: „Einer will dem andern helfen und spricht zu seinem Nächsten: Steh fest! Der Meister nimmt den Goldschmied fest an die Hand, und sie machen mit dem Hammer das Blech glatt auf dem Amboss und sprechen: Das wird fein stehen!, und machen’s fest mit Nägeln, dass es nicht wackeln soll.“ (Jesaja 41, 6-7)

An der gleichen Stelle heißt es dann weiter: „Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Spross Abrahams, meines Geliebten, den ich fest ergriffen habe von den Enden der Erde her und berufen von ihren Grenzen, zu dem ich sprach: Du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht -, fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. (Jesaja 41, 8-10) Mit diesen Worten im Herzen stehen Schadrach, Meschach und Abed-Nego ein für ihren Glauben und unterwerfen sich nicht. Keine Zusage auf glückliche Rettung, kein Rechnen mit einem Gotteswunder – nur Einstehen für den eigenen Glauben. Es ist eine Widerstandskraft, die aus Gottvertrauen kommt und Gott keine Vorschriften macht, wie er darauf zu antworten hat.

Woher kommt die Kraft zu solchem Widerstand, solcher Klarheit, solchem Bekenntnis? Im Sinne der Daniel-Erzählung dürfte man sicher ergänzen: es ist Gott, der die Kraft gibt. Im Blick auf das Zeugnis der Schrift: „Und wenn sie euch hinführen und überantworten werden, so sorgt euch nicht vorher, was ihr reden sollt; sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet. Denn ihr seid’s nicht, die da reden, sondern der Heilige Geist.“(Markus 13, 11) Freilich gibt es auch das: der Thron einer kleinen Magd ist genug, um ins Schweigen, ins Stottern und Verleugnen zu führen. Es reicht nicht, tapfer zu sein und mutig. Es braucht den Geist, den Gott gibt.

19 Da wurde Nebukadnezar voll Grimm und der Ausdruck seines Angesichts veränderte sich gegenüber Schadrach, Meschach und Abed-Nego, und er befahl, man sollte den Ofen siebenmal heißer machen, als man sonst zu tun pflegte. 20 Und er befahl den besten Kriegsleuten, die in seinem Heer waren, Schadrach, Meschach und Abed-Nego zu binden und in den glühenden Ofen zu werfen. 21 Da wurden diese Männer in ihren Mänteln, Hosen, Hüten, in ihrer ganzen Kleidung, gebunden und in den glühenden Ofen geworfen. 22 Weil das Gebot des Königs so streng war, schürte man das Feuer im Ofen so sehr, dass die Männer, die Schadrach, Meschach und Abed-Nego hinaufbrachten, von den Feuerflammen getötet wurden. 23 Aber die drei Männer, Schadrach, Meschach und Abed-Nego, fielen hinab in den glühenden Ofen, gebunden wie sie waren.

              Es ist kein Wunder, dass Nebukadnezar tobt. Es ist kein Wunder, dass er Sofort-Vollzug anordnet. Wer so bloßgestellt wird, wer so die Grenzen seiner Macht hören und spüren muss, der kann gar nicht anders als toben und äußerste Härte geltend machen. Aber die drei Männer, Schadrach, Meschach und Abed-Nego, fielen hinab in den glühenden Ofen, gebunden wie sie waren. Das ist das Ende – wer so widersteht, der muss „dran glauben“.

Hitler hat sich die Hinrichtungen der Attentäter des 20 Juli auf Bildern aus dem Bendler-Block zeigen lassen und befriedigt zur Kenntnis genommen. So wartet Nebukadnezar auf Vollzugs-Meldung vom Feuerofen. Tyrannen wollen sehen, wie ihre Befehle vollstreckt werden. Was sagt das über die Forderung nach öffentlichen Übertragungen von Hinrichtungen und Todes-Urteilen? Was sagt das über den Pranger der modernen Zeit, Talk-Shows mit ihren Verurteilungen und Übergriffen, ihrem fehlenden Respekt vor der unantastbaren Würde des Menschen? Wer ist da der Tyrann, der sehen will? Sind es nicht – in unheiliger Allianz die Öffentlichkeit und die Medien-Macher?

Der Unterschied scheint marginal, aber er ist doch nicht ohne Bedeutung. Nebukadnezar muss sich zu dem Feuerofen bequemen. Die neugierigen des Mittelalters müssen auf den Marktplatz, um die am Pranger zu sehen oder die, die auf dem Scheiterhaufen enden. Heutzutage muss man das Haus nicht mehr verlassen, um öffentlichen Hinrichtungen beizuwohnen. Das geht bequem auf der Couch mit Chips und Cola oder Bier und Wein. Und natürlich wird keiner verbrannt. Er oder sie wird nur dem sozialen Tod der Geschwätzigkeit und Vor-Verurteilungen ausgeliefert, die die Allianz von gaffender Neugier und selbsternannten Aufklärern, die nur ihrer Informationspflicht nachkommen zelebrieren. Ob das alles Rechtens ist – wer fragt schon danach. Es bringt Quote, Umsatz, Öffentlichkeit. Und die geifert immer nach neuen Sensationen. So herrlich weit haben wir es gebracht.

 24 Da entsetzte sich der König Nebukadnezar, fuhr auf und sprach zu seinen Räten: Haben wir nicht drei Männer gebunden in das Feuer werfen lassen? Sie antworteten und sprachen zum König: Ja, König.25 Er antwortete und sprach: Ich sehe aber vier Männer frei im Feuer umhergehen und sie sind unversehrt; und der vierte sieht aus, als wäre er ein Sohn der Götter.

Was jetzt passiert, gehört in den Bereich der Märchen. Das ist nicht realistisch. Aus dem Feuer-Ofen kommt man nicht heraus. Und: wer ist der vierte Mann? Darf, ja muss man biblische Verheißungen so wörtlich nehmen? „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.“ (Jesaja 42, 2-3)

Jedenfalls: der Regelfall ist das nicht. Millionen sind dieser Verheißung zum Trotz im Feuer verbrannt. Und doch hat Israel diese Geschichte nicht aus seiner hebräischen Bibel gestrichen. Und doch haben die Christen immer daran festgehalten: das ist Gottes bleibende Verheißung. Der Sohn der Götter tritt zu denen, die sich den Feuern der Welt ausgesetzt sehen. Es ist wie ein stiller Hinweis auf den gekreuzigten Christus, der in die Hölle der Gottesferne tritt, um denen nahe zu sein, die in dieser Hölle vergehen.

 26 Und Nebukadnezar trat vor die Tür des glühenden Ofens und sprach: Schadrach, Meschach und Abed-Nego, ihr Knechte Gottes des Höchsten, tretet heraus und kommt her! Da traten Schadrach, Meschach und Abed-Nego heraus aus dem Feuer. 27 Und die Fürsten, Würdenträger, Statthalter und Räte des Königs kamen zusammen und sahen, dass das Feuer den Leibern dieser Männer nichts hatte anhaben können und ihr Haupthaar nicht versengt und ihre Mäntel nicht versehrt waren; ja, man konnte keinen Brand an ihnen riechen.

            Vieles kann man Nebukadnezar nachsagen, aber nicht, dass er nicht rasch zum Handeln ist. Er revidiert seine Entscheidung als er sieht, was da geschieht. Er versteht es nicht – aber man muss auch nicht immer alles verstehen, um alte Entscheidungen über den Haufen zu werfen. Er ist vom Hauch des Numinosen berührt und das reicht ihm. Er spürt: Diese Menschen sind nicht einfach nur meine Würdenträger, unbotmäßig und aufsässig, sondern sie sind zugleich Knechte Gottes des Höchsten.

28 Da fing Nebukadnezar an und sprach: Gelobt sei der Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos, der seinen Engel gesandt und seine Knechte errettet hat, die ihm vertraut und des Königs Gebot nicht gehalten haben, sondern ihren Leib preisgaben; denn sie wollten keinen andern Gott verehren und anbeten als allein ihren Gott! 29 So sei nun dies mein Gebot: Wer unter allen Völkern und Leuten aus so vielen verschiedenen Sprachen den Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos lästert, der soll in Stücke gehauen und sein Haus zu einem Schutthaufen gemacht werden. Denn es gibt keinen andern Gott als den, der so erretten kann. 30 Und der König gab Schadrach, Meschach und Abed-Nego große Macht im Lande Babel.

             Was für eine Wende! Wie im Traum. Der gleiche König, der nur die Unterwerfung unter sein Bild kennt, fordert jetzt die Anerkennung des Gottes Israels und den unbedingten Respekt vor ihm. Immerhin: „So wird durch den Mund eines heidnischen Königs einem Gott Tribut gezollt, dessen schützende Gegenwart sein Volk in jeder Gefahr erfährt.“ (N.W.Porteous, Das Buch Daniel, ATD 23; S. 48) Nebukadnezar kann nicht anders, das Lob dieses Gottes kommt über seine Lippen. So beeindruckt ist er von dem, was er erlebt hat. „Es ist nicht die reife Frucht der Buße, dazu ist Nebukadnezars Zeit noch nicht gekommen. Aber es ist ein vorübergehendes Wanken und eine momentane Unsicherheit, die an ihm feststellbar ist. Nebukadnezar ist nachdenklich geworden den  drei Männlein gegenüber. Zwar erkennt er nicht Gottes Erbarmen, das ihn sucht, aber immerhin Gottes Macht, die ihm einen starken Eindruck macht.““(W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 42)

Und doch: Es ist kein neuer Nebukadnezar, der hier das Wort hat. Die Umkehr ist keine Wesenswandlung. Er bleibt der Alte, bleibt sich und seinen Programmen treu. Das zeigt sich sogleich darin, das er wieder mit dem Tod droht. Wer diesem Befehl nicht gehorcht, der ist des Todes. Mag sein, es gibt einen Gott des Himmels und der Erde. Mag sein, es gibt Menschen die ihm vertrauen und er lohnt dieses Vertrauen.  Nebukadnezar ist an eine Grenze gestoßen,. Über die hinaus zu gehen wäre ein Schritt des Glaubens, den er – jetzt jedenfalls – nicht tut.

            Erzählt allerdings wird diese ganze Geschichte wohl nicht, um das Bild eines wankelmütigen Königs zu zeichnen, sondern um die Standhaftigkeit der drei Männer ins Blickfeld zu rücken. Das ist der Glaube, der in Israel auf dem Boden der Botschaft der Propheten erwachsen ist – zu Gott stehen, auch wenn es viel kostet, sich nicht abbringen lassen vom Bekenntnis zu ihm. Und auch das wird deutlich: Bekenntnis ist immer auch verweigertes Bekenntnis, immer auch Widerspruch gegen die Anmaßung, gegen die falsche Glaubens- und Solidaritätsforderung. Der Glaube passt sich nicht ein oder an – er steht, auch wenn alle sich unterwerfen. Das zu lesen ist eines, so zu leben in Zeiten der Anpassungsforderung, ist ein anderes.

 

Heiliger Gott, Du stehst zu Deinen Leuten, Du lässt sie nicht los, lässt sie nicht untergehen, nicht verbrennen, gibst sie nicht preis.

Du stellst Dich zu ihnen, auch wenn Du selbst dabei in die Feuerhölle gehen musst, auch wenn Du selbst verletztlich und verletzt wirst.

Dass Du so nach unten kommst, das kann uns ermutigen, zu Dir zu stehen, uns zu stellen in unserem Bekennen, Widerspruch auszuhalten, Fremdheit zu ertragenm nicht klein beizugeben und uns nicht anzupassen.

Stärke uns den Mut zu solchem Glauben. Gib uns Deinen Geist. Amen