Traum-Plagen

Daniel 2, 1 – 26

  Im zweiten Jahr seiner Herrschaft hatte Nebukadnezar einen Traum, über den er so erschrak, dass er aufwachte.

            Das gibt es wirklich, dass einer träumt und über seinem Traum so erschrickt, dass er aufwacht. Das ist kein Königsprivileg und auch nicht auf frühere Zeiten begrenzt. Es kann tief verunsichern, was man träumt. Es kann unruhig machen, weil man spürt: dass ist mehr als der übliche Wirrwarr im Schlaf. Aber was es ist, das weiß man nicht.

„Wenn Tyrannen böse Träume haben, dann ist Gott am Werk. Als Joseph im ägyptischen Kerker schmachtete, da befreite ihn Gott durch einen beunruhigenden Traum des Pharao.“ (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 23) Es ist Teil der Weltsicht der Bibel, dass Gott sich in Träumen zu Wort meldet. Der Pharao in Ägypten, Joseph, die Frau des Pilatus, Paulus – sie alle werden von Träumen geleitet.

Auch das lässt sich noch sagen; Manchmal  fragt man sich: Ist es Traum oder Wirklichkeit, was geschieht? Bin ich in einem böse Albtraum unterwegs? Der Blick auf die jüngere Vergangenheit, erst recht die Erinnerung kommt manchem ja wie ein böser Traum vor – Blutvergießen, Katastrophen, Exzesse von Gewalt – und man wünscht sich, aufwachen zu können und sagen zu dürfen: es ist ja nur ein Traum. Aber es waren keine bösen Träume – die Schützengräben in Stalingrad, am Monte Cassino und der Normandie, die brennenden Städte wie Canterbury, Dresden, Kassel, Darmstadt, die Vernichtungslager von Auschwitz über Struthof bis hin zu Treblinka und Buchenwald. Und das Erwachen war nur ein Erwachen in eine Realität hinein, die jeden Albtraum Lügen strafte, weil sie noch viel schlimmer war.

So viel ist klar: es geht hier nicht um ein paar Traumfetzen, die keine Bedeutung haben. Wenn Leute wie Nebukadnezar schlecht schlafen und schlecht träumen und zur Unzeit aufwachen, wird es gefährlich für ihre ganze Umgebung.

2 Und der König ließ alle Zeichendeuter und Weisen und Zauberer und Wahrsager zusammenrufen, dass sie ihm seinen Traum sagen sollten. Und sie kamen und traten vor den König.3 Und der König sprach zu ihnen: Ich hab einen Traum gehabt; der hat mich erschreckt, und ich wollte gerne wissen, was es mit dem Traum gewesen ist.

             Könige haben ein Privileg. Nebukadnezar kann das ganze große Heer seiner Fachleute und Spezialisten in Gang setzen. Er bestellt sie alle ein. Einzige Aufgabe: den Traum des Königs rekonstruieren und dann deuten. Dabei geht der König schon weit, wenn er wissen lässt: Ich hab einen Traum gehabt; der hat mich erschreckt, Ein König hat doch auch im Traum stark zu sein und keine bösen Träume zu haben. Was ist das für ein Signal, dass der König so träumt? Ein erstes Zeichen von Schwäche?

Dabei deutet sich in diesen Sätzen schon an, was das Problem der klugen Leute werden wird. Der König redet von seinem Traum, aber nicht vom Inhalt seines Traumes. Es muss reichen, dass er erschreckt ist. Was er geträumt hat, – vielleicht weiß er es selbst nicht mehr. Vielleicht ist es furchtbar, dass es nur noch eines gibt: vergessen und verdrängen.

4 Da sprachen die Wahrsager zum König auf Aramäisch: Der König lebe ewig! Sage deinen Knechten den Traum, so wollen wir ihn deuten. 5 Der König antwortete und sprach zu den Wahrsagern: Mein Wort ist deutlich genug. Werdet ihr mir nun den Traum nicht kundtun und deuten, so sollt ihr in Stücke gehauen und eure Häuser sollen zu Schutthaufen gemacht werden. 6 Werdet ihr mir aber den Traum kundtun und deuten, so sollt ihr Geschenke, Gaben und große Ehre von mir empfangen. Darum sagt mir den Traum und seine Deutung. 7 Sie antworteten noch einmal und sprachen: Der König sage seinen Knechten den Traum, so wollen wir ihn deuten. 8 Der König antwortete und sprach: Wahrlich, ich merke, dass ihr Zeit gewinnen wollt, weil ihr seht, dass mein Wort deutlich genug ist. 9 Aber werdet ihr mir den Traum nicht sagen, so ergeht ein Urteil über euch alle, weil ihr euch vorgenommen habt, Lug und Trug vor mir zu reden, bis die Zeiten sich ändern. Darum sagt mir den Traum; so kann ich merken, dass ihr auch die Deutung trefft.

Auf Aramäisch ist nicht der Hinweis darauf, dass die Weisen jetzt in eine Geheimsprache wechseln. Aramäisch war die Umgangssprache der Zeit, lingua franca des Nahen Osten, so wie heutzutage Englisch die Verkehrssprache ist. Es wird also nicht geheimnisvoll verhüllt, sondern im Gegenteil: verständlich für jedermann. Im Buch Daniel wird dieses Aramäisch die Sprache bleiben bis  ins 8. Kapitel, wo der Urtext wieder ins Hebräisch zurück wechselt.

Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man es als grotesk, skurril, als Parodie empfinden. Mein Verdacht ist: genau so will es der Autor gelesen haben. Es ist eine irre Situation. Da sollen Traumdeuter einen Traum deuten, dessen Inhalt sie nicht kennen. Sie wissen nichts von den Bildern, die der König gesehen hat, nichts von Stimmen, die er gehört hat. Sie wissen nur: Schrecklich.

Im Kommentar finde ich einen Hinweis, der bemerkenswert erscheint: „Von Anfang an scheint Nebukadnezar die Fähigkeit der Weisen, das zu tun, um was er sie bittet, mit Skepsis zu betrachten. Tatsächlich hegt er den scharfsinnigen Verdacht, dass, wenn ihnen ein Traum vorgelegt  wird, sie nichts weiter könnten, als zu Deutung die Techniken anzuwenden, die in ihren Weissagungsbüchern vorgezeichnet sind. Deshalb ermöglicht die Forderung, die Weisen sollen Traum und Deutung aufzeigen, dem König eine gelegene Probe ihrer Befähigung, wenn nicht sogar ihrer Aufrichtigkeit.“ (N.W.Porteous, Das Buch Daniel, ATD 23; S. 29f.)

             Ahnt also Nebukadnezar, dass es zur Entschlüsselung seine Traumes mehr Wissen braucht als auf den ausgetretenen Pfaden seiner Fachleute zu erhoffen ist? Hält er sie womöglich alle für enge Fachidioten? So scheint es mir der Kommentar ironisch genug anzudeuten. Und wer wollte diesem Verdacht widersprechen, dass es viel Laufen auf immer neu begangenen und sich doch stetig wiederholenden Trampelpfaden gibt, auch und gerade in der Wissenschaft, auch und gerade in Fragen der Deutung im Bereich von Seele und Glauben.

Weil es gefährlich ist, einen verstörten König zu reizen, sind sie vorsichtig.  Der König lebe ewig!  Das ist doch schon einmal etwas. Sie wünschen ihm gute Gesundheit, aber sie brauchen mehr als gute Wünsche. Ohne handfeste Informationen kann es keine vernünftige Beratung geben. Darum dringen sie in ihn und bitten um Material. Schon kleinste Andeutungen wären ja hilfreich.

Aber von Nebukadnezar kommt nichts. Doch: Wilde Drohung. Er setzt auf das Programm, das er wohl am Besten beherrscht: Angst. Werdet ihr mir nun den Traum nicht kundtun und deuten, so sollt ihr in Stücke gehauen und eure Häuser sollen zu Schutthaufen gemacht werden. Todesangst macht ja manchmal Leute hellsichtig und einfallsreich. Darum droht der König. Aber er stellt zugleich reichen Lohn in Aussicht. Es ist das übliche Schema: Bei Erfolg reicher Lohn, bei Misserfolg Schimpf und Hohn. Nur, dass es hier gleich um Leben und Tod geht.

Gleich zweimal wird sich dieser Dialog von Bitte und Bedrohung wiederholen. Sie treten auf der Stelle. Es ist kein Vorwärts-Kommen, weil beide Seiten überfordert sind. Der König mit seiner Angst und dem verdrängten und versenkten Traum und die Weisen mit ihrer Angst, die in ihnen hochsteigt angesichts der Drohungen und ihren leeren Händen.

10 Da antworteten die Wahrsager vor dem König und sprachen zu ihm: Es ist kein Mensch auf Erden, der sagen könnte, was der König fordert. Ebenso gibt es auch keinen König, wie groß oder mächtig er sei, der solches von irgendeinem Zeichendeuter, Weisen oder Wahrsager fordern würde. 11 Denn was der König fordert, ist zu hoch, und es gibt auch sonst niemand, der es vor dem König sagen könnte, ausgenommen die Götter, die nicht bei den Menschen wohnen. 12 Da wurde der König sehr zornig und befahl, alle Weisen von Babel umzubringen. 13 Und das Urteil ging aus, dass man die Weisen töten sollte.

             Ein dritter Gesprächsgang endet mit der Bankrotterklärung der Gelehrten. Was der König will, übersteigt die Möglichkeiten eines redlichen Wissenschaftlers, auch wenn er um sein Leben fürchtet. Das kann keiner leisten – und wie eine leise Kritik fügen sie hinzu: das kann auch keiner ernsthaft fordern. Hier kommt auch Königsmacht an ihre Grenzen. Die einzige Instanz, die helfen könnte, sind die Götter. Aber die sind weit weg. Die wohnen nicht bei den Menschen. Und den direkten Draht zu ihnen haben die Weisen Babylons nicht.

Einem König so die Grenzen zu zeigen, diplomatisch zwar, aber doch unmissverständlich, ist gefährlich. Könige wollen keine Grenzen, sondern nur Hilfen, um sie zu übersteigen. „Nichts ist unmöglich.“ ist nicht nur Slogan von Autobauern. Es ist die tiefe Überzeugung vieler, die die Macht haben. „Wo eine Wille ist, ist auch ein Weg.“ und wer sich weigert, will nur nicht – und muss dafür mit dem Leben einstehen. Die blutige Spur der Tyrannen in der Weltgeschichte liefert genügend Beispiele dafür, dass Nebukadnezar nicht allein ist mit seiner Denke.

Das grausame Ergebnis der Ehrlichkeit wird die Ausrottung der chaldäische Intelligenz sein. Weil sie zu ihren Grenzen stehen, kommen sie jetzt an die Grenze. Da ist keine Hoffnung mehr nach dem Befehl des Königs.

Wenn alle Lügen Wahrheit werden                                                                                  wenn Freude sich im Kummer kehrt                                                                                dann plappern und dann schwatzen die Gelehrten                                                       und der Verrückten Weisheit wird begehrt.                                                                           Ist es dann Zeit für dich,                                                                                                        ganz langsam aufzustehen und                                                                                             mit dem Rücken zur Welt gewandt,                                                                                        gebannt ins All zu sehen                                                                                                           und drauf zu warten, dass irgendwas passiert?                                                                        C. Bittlinger, CD Mensch, ist du´s wirklich

             Es ist, in der Erzählung des Daniel Zeit dafür, dass etwas Neues passiert, dass die Ebene gewechselt wird.

Auch Daniel und seine Gefährten suchte man, um sie zu töten. 14 Da wandte sich Daniel klug und verständig an Arjoch, den Obersten der Leibwache des Königs, der auszog, um die Weisen von Babel zu töten. 15 Und er fing an und sprach zu Arjoch, dem der König Vollmacht gegeben hatte: Warum ist ein so strenges Urteil vom König ergangen? Und Arjoch teilte es Daniel mit. 16 Da ging Daniel hinein und bat den König, ihm eine Frist zu geben, damit er die Deutung dem König sagen könne.

An dieser Stelle, wo alle Hoffnung verloren erscheint, kommt Daniel wieder in Spiel. Er ist mit betroffen von dem rasenden Todesbeschluss, den die Angst des Königs hervor gebracht hat. Fast scheint es so, dass sie als Angehörige des fremden Volkes der Juden, auf der Liste der Todes-Kandidaten ganz oben stehen. Sie gehören ja ohnehin auf die Verliererseite. Aber dann: Da wandte sich Daniel klug und verständig an Arjoch, den Obersten der Leibwache des Königs, der auszog, um die Weisen von Babel zu töten. Daniel tritt die Flucht an, aber nicht weg, nicht in ein lächerliches Versteck, sondern nach vorne. Er geht, geradezu sprichwörtlich, in die „Höhle des Löwen“, zum Chef der Staatspolizei. Das wertet der Erzähler als klug und verständig. Zeigt es doch, dass Daniel sich nicht jagen lässt, dass er besonnen bleibt, überlegen.

Aber das, was und wie dann erzählt wird, wirft Fragen auf. Stellt Daniel sich dumm oder hat er tatsächlich Informationsbedarf? Es könnte ja auch einer dieser Befehle sein, die im Halbschatten liegen, von denen man munkelt, die aber nicht wirklich greifbar sind. Jedenfalls bittet er den Leiter der Operation „Weisenvernichtung“ um Aufklärung über den Grund der angedrohten Maßnahmen. Als er ihn erfährt, geht er zum König selbst –  wie er das darf, wird nicht erwogen – und erbittet Fristverlängerung, Galgenfrist sozusagen.  Sein inhaltliches Argument: er suche nach der erfragten Deutung des königlichen Traums

17 Und Daniel ging heim und teilte es seinen Gefährten Hananja, Mischaël und Asarja mit, 18 damit sie den Gott des Himmels um Gnade bäten wegen dieses Geheimnisses und Daniel und seine Gefährten nicht samt den andern Weisen von Babel umkämen. 19 Da wurde Daniel dies Geheimnis durch ein Gesicht in der Nacht offenbart.

             Es ist wohl das Herzstück dieses Abschnittes. Die vier Gefährten erfahren, was angesagt ist und wenden sich damit an Gott, an den Gott des Himmels. Daniel betet nicht allein. Die vier sind sich einig in ihrem Beten. „Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.“(Matthäus 18,19) Es liegt Verheißung auf der Gemeinschaft im Gebet. Sie drehen der Welt den Rücken und erwarten und erbitten Hilfe aus dem Himmel. Und diese Hilfe wird ihnen zuteil.

τὸ μυστήριον τοῦ βασιλέως ἐξεφάνθη. Das Geheimnisse wird aufgezeigt. Hier steht nicht apokalpsein, das Wort, das einer ganzen Gattung von Texten den Namen gegeben hat.  Das Geheimnis wird enthüllt – das `Geheimnis des Königs’ könnte man nach dem Text der Septuaginta lesen oder auch das `Geheimnis des Reiches’. Beides hat guten Sinn und der wird sich in der Deutung des Daniel dann zeigen. Es ist hier schon das Zeugnis des Textes: Vor Gott ist nichts verborgen. Es gibt kein Geheimnis, das ihm nicht enthüllt ist und das er nicht enthüllt.

Es war dir mein Gebein nicht verborgen,                                                                             als ich im Verborgenen gemacht wurde,                                                                             als ich gebildet wurde unten in der Erde.                                                                              Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war,                                                  und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,                                                                die noch werden sollten und von denen keiner da war.            Psalm 139, 15-16

Was der Psalmbeter individuell bekennt, ist doch auch im Blick auf den Weg der Geschichte der Glaube Israels. Der Weg der Welt und der Weg der Mächtigen dieser Welt ist vor Gott offenbar und nicht verborgen. Und Gott kann ihn enthüllen.

Und Daniel lobte den Gott des Himmels, 20 fing an und sprach: Gelobet sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn ihm gehören Weisheit und Stärke! 21 Er ändert Zeit und Stunde; er setzt Könige ab und setzt Könige ein; er gibt den Weisen ihre Weisheit und den Verständigen ihren Verstand, 22 er offenbart, was tief und verborgen ist; er weiß, was in der Finsternis liegt, denn bei ihm ist lauter Licht. 23 Ich danke dir und lobe dich, Gott meiner Väter, dass du mir Weisheit und Stärke verliehen und jetzt offenbart hast, was wir von dir erbeten haben;            denn du hast uns des Königs Sache offenbart.

            Es ist – formal betrachtet – ein Psalm, Daniels Psalm. Und es ist mit Händen zu greifen, wie nahe dieser Psalm in seinem Inhalt bei Psalm 139 ist. Daniel gibt Gott die Ehre, preist seine Güte. Er hat in seiner nächtlichen Sicht etwas davon erkannt, wie Gott ist. Er ist der Herr, ihm gehört die Macht. Weil in ihm und bei ihm lauter Licht ist, gibt es nichts, was im Dunkel bleiben könnte. Gottes Wille, sich zu offenbaren führt dazu, dass auch offenbar wird, wie es um die Welt steht.

Bei der Suche nach neutestamentlichen Entsprechungen bietet sich ein Wort vor allem an: „Es geht mir darum, dass ihr gestärkt und ermutigt werdet und dass ihr in Liebe zusammenhaltet. Dann werdet ihr eine tiefe und umfassende Erkenntnis erlangen, ein immer größeres Verständnis für das Geheimnis Gottes. Christus selbst ist dieses Geheimnis; in ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen.“ (Kolosser 2, 2-3. Neue Genfer Übersetzung) Hier sind die beiden Elemente zusammen, die auch für Daniel wichtig sind – Gemeinschaft und Erkenntnis. Das Geheimnis Gottes erschließt sich da, wo es Gemeinschaft unter seinen Leuten gibt und sie sich betend und bittend nach ihm ausstrecken. Da wird das Verborgene zugänglich., offenbar.

Aber auch der Lobgesang der Maria, das Magnificat hat Berührungen, vor allem mit Daniels Psalm.

  “Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut,                                                                   die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.                                                                               Er stößt die Gewaltigen vom Thron                                                                                    und erhebt die Niedrigen.                                                                                                           Die Hungrigen füllt er mit Gütern                                                                                             und lässt die Reichen leer ausgehen.                                                                                      Er gedenkt der Barmherzigkeit                                                                                                und hilft seinem Diener Israel auf…                                    Lukas 1, 51 – 54

             Schlicht gesagt: Das Weltregiment ist Gottes Sache – das verbindet das Danielbuch mit dem Evangelium des Lukas. Das ist zugleich Kampfansage gegen alle königliche Machtanmaßung, sowohl in der Erzählung des Daniel als auch in der Zeit, in der dieses Buch seine Endgestalt findet, in der Auseinandersetzung der Makkabäerkriege.

24 Da ging Daniel hinein zu Arjoch, der vom König Befehl hatte, die Weisen von Babel umzubringen, und sprach zu ihm: Du sollst die Weisen von Babel nicht umbringen, sondern führe mich hinein zum König, ich will dem König die Deutung sagen. 25 Arjoch brachte Daniel eilends hinein vor den König und sprach zu ihm: Ich habe einen Mann gefunden unter den Gefangenen aus Juda, der dem König die Deutung sagen kann. 26 Der König antwortete und sprach zu Daniel, den sie Beltschazar nannten: Bist du es, der mir den Traum, den ich gesehen habe, und seine Deutung kundtun kann?

             Das Gebet und das Gesicht des Daniel hat ‘Folgen – so wie der Traum des Königs auch Folgen hat. Bringt der Königstraum Menschen in Todesgefahr,  so bringt die Offenbarung, die Daniel zu Teil wird, Lebensrettung. Dieser Kontrast zwischen tödlichen Traum und rettender Offenbarung ist erzählerisch sicher gewollt, zeigt er doch, dass Gott auf der Seite des Lebens steht, während die Mächtigen oft genug das Geschäft des Todes betreiben.

Daniel erweist sich hier nicht nur klug, sondern auch mutig. Er hält den Instanzen-Weg ein, überspringt nicht den wichtigen Chef der Sicherheits-Polizei, sondern begibt sich unter seiner „Obhut“ zum König. Wiewohl sich doch Daniel in der Obhut eines Größeren weiß. Das allerdings ist es wohl, was Daniel zum König gehen lässt. Daniel geht zum König und „legt das Zeugnis ab, ein Zeugnis, das ihn den Kopf kosten könnte, ein Zeugnis, von dem wir in Versuchung stehen zu sagen, es sei tapfer gewesen. Aber es geht hier ja nicht um menschliche Tapferkeit und Heldentum, sondern um einen von Gott vorgezeichneten und zubereiteten Gang, den ein Mensch in Schwachheit geht. Glaubensgehorsam ist mehr als Tapferkeit, weil er ein Geschenk Gottes ist. Geschenk ist alles, was dieser Daniel ist und hat.“ (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 27)

Aber klug und verständig bietet er dem mächtigen Polizei-Mann Arjoch Gelegenheit, Pluspunkte beim König zu sammeln: Ich habe einen Mann gefunden unter den Gefangenen aus Juda, der dem König die Deutung sagen kann. Die Botschaft des Arjoch heißt: Mein Apparat funktioniert. Ich finde die Leute, die Du, Nebukadnezar, brauchst. Das ist nicht ohne Risiko – denn wird Daniel sein Wort halten können und dem König die Deutung sagen? Das allein interessiert Nebukadnezar, nicht die Tüchtigkeit seines Polizei-Chefs. Noch ist in seiner Frage Bist du es, der mir den Traum, den ich gesehen habe, und seine Deutung kundtun kann? das zitternde Erschrecken über seinen Traum zu spüren.

 

Heiliger Gott, manche Träume haben mir schwer zugesetzt, mich schweißnass aufwachen lassen, mir noch im Wachen Angst gemacht.

Manche Erfahrungen des Lebens sind wie Albträume, aus denen es kein Erwachen zu geben scheint. Und manchmal möchte ich mich aus diesen Albträumen dann in schöne Träume flüchten.

Gib Du, mir und allen, die so träumen, den Mut, den Albträumen der Nacht und den Albträumen der Wirklichkeit Stand zu halten, auf den Grund zu gehen und Dir zu trauen, dass Du uns in den Händen hast, auch in unseren Träumen. Amen