Nachwuchs-Förderung a la Gottes Art

Daniel 1, 1 – 21

 Im dritten Jahr der Herrschaft Jojakims, des Königs von Juda, zog Nebukadnezar, der König von Babel, vor Jerusalem und belagerte es. 2 Und der Herr gab in seine Hand Jojakim, den König von Juda, und einen Teil der Geräte aus dem Hause Gottes. Die ließ er ins Land Schinar bringen, in den Tempel seines Gottes, und tat die Geräte in die Schatzkammer seines Gottes.

            Es ist ein erfolgreicher Kriegszug. Die aufstrebende Macht Babylon hat Jerusalem eingenommen. Die Sieger haben die Stadt ausgeräumt. Was es an Schätzen gab, haben sie mitgenommen. Es ist das recht der Sieger, so zu handeln.

Aber hier, ganz am Anfang des Danielbuches, meldet der Prophet zum ersten Mal, wie es wirklich ist. Der Sieg der Chaldäer wäre nichts ohne dieses: Und der Herr gab. Es ist der Wille Gottes, dass Nebukadnezar siegt. Es ist das Urteil Gottes über den Ungehorsam und Unglauben seines Volkes, der sich hier vollzieht. Die drei kurzen Worte sagen: Diese nationale und religiöse Katastrophe des Jahres 598 geht darauf zurück, dass Gott handelt. Er – und nicht der Großkönig hat das Heft in der Hand.

600 Jahre später wird es heißen: „Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre.“ (Johannes 19, 10-11) Das ist die Überzeugung, die die biblischen Schriften durchzieht: He’s got the whole world in his hand.  Die ganze Welt ist in den Händen Gottes und er gibt. Wer nehmen will, ohne sein Geben, der wird zum Usurpator, der maßt sich göttliches Recht an.

3 Und der König sprach zu Aschpenas, seinem obersten Kämmerer, er sollte einige von den Israeliten auswählen, und zwar von königlichem Stamm und von edler Herkunft, 4 junge Leute, die keine Gebrechen hätten, sondern schön, begabt, weise, klug und verständig wären, also fähig, an des Königs Hof zu dienen; und er sollte sie in Schrift und Sprache der Chaldäer unterrichten lassen. 5 Und der König bestimmte, was man ihnen täglich geben sollte von seiner Speise und von dem Wein, den er selbst trank; so sollten sie drei Jahre erzogen werden und danach vor dem König dienen. 6 Unter ihnen waren aus Juda Daniel, Hananja, Mischaël und Asarja. 7 Und der oberste Kämmerer gab ihnen andere Namen und nannte Daniel Beltschazar und Hananja Schadrach und Mischaël Meschach und Asarja Abed-Nego.

             Die Geräte des Tempels genügen Nebukadnezar nicht. Er will die Zukunft des besiegten Volkes in die Hand nehmen. „Wer die Jugend hat….“ Das leuchtet schon dem König damals ein. Aber er weiß auch: Nicht nach dem Gießkannen-Prinzip. Darum startet er eine Exzellenz-Offensive. Die besten Kräfte, die am besten Ausgebildeten, die klügsten Köpfe. Es hört sich an wie die Kriterien für Einwanderung. Wir können uns nicht leisten, Potential zu verschenken. Aber wir können auch keine Mittel verschleudern an Durchschnitt.

Es ist erhellend, wie ein Autor aus der Zeit eines totalitären Regimes auf diese Maßnahmen des Königs sieht: „Nebukadnezar sorgt unheimlich gut für die Knaben Jerusalems an seinem Hof. Er sorgt nicht nur für ihren Leib, sondern nicht weniger für ihre Seelen. Er verordnet nicht nur, was sie essen und trinken sollen, sondern will darüber verfügen, was sie denken dürfen und zu – glauben haben. Die Knaben sollen lernen chaldäische Schrift und Sprache.“(W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 12)

Es ist ein perfektes Programm der Assimilation, der Einpassung und Anpassung. Wer zu uns gehören will, muss werden werden wie wir. Forderungen wir diese hätte Nebukadnezar wohl sofort unterschreiben. Und der König ist unglaublich konsequent. Sogar die Namen der Jungen werden angepasst. Sie sollen aus ihrer Herkunft gelöst und in das chaldäische Reich eingefügt werden, willfährige Diener ihres Herrn.  

Das ist das Ziel: so sollten sie drei Jahre erzogen werden und danach vor dem König dienen.Es ist gespenstisch, diese Zielsetzung zu lesen und sich vor Augen zu halten, wie heutzutage an Eliteschulen daraufhin getrimmt wird, dass Menschen Karriere machen und schließlich „den Märkten dienen“. Oder in Leistungszentren des Sportes ausgebildet werden um Medaillen und Titel für das Land zu sammeln. Nebukadnezars Programm hat in der Vergangenheit und bis heute viele Umsetzungen gefunden.

 8 Aber Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, dass er sich mit des Königs Speise und mit seinem Wein nicht unrein machen wollte, und bat den obersten Kämmerer, dass er sich nicht unrein machen müsste. 9 Und Gott gab es Daniel, dass ihm der oberste Kämmerer günstig und gnädig gesinnt wurde. 10 Der sprach zu ihm: Ich fürchte mich vor meinem Herrn, dem König, der euch eure Speise und euern Trank bestimmt hat. Wenn er merken würde, dass euer Aussehen schlechter ist als das der andern jungen Leute eures Alters, so brächtet ihr mich bei dem König um mein Leben. 11 Da sprach Daniel zu dem Aufseher, den der oberste Kämmerer über Daniel, Hananja, Mischaël und Asarja gesetzt hatte: 12 Versuch’s doch mit deinen Knechten zehn Tage und lass uns Gemüse zu essen und Wasser zu trinken geben. 13 Und dann lass dir unser Aussehen und das der jungen Leute, die von des Königs Speise essen, zeigen; und danach magst du mit deinen Knechten tun nach dem, was du sehen wirst. 14 Und er hörte auf sie und versuchte es mit ihnen zehn Tage. 15 Und nach den zehn Tagen sahen sie schöner und kräftiger aus als alle jungen Leute, die von des Königs Speise aßen. 16 Da tat der Aufseher die Speise und den Trank, die für sie bestimmt waren, weg und gab ihnen Gemüse.

            Gut, dass es mit Aber Daniel weitergeht. Ein Widerhaken wird gesetzt. Es läuft nicht alles wie geplant. Das tolle Entwicklungsprogramm des Königs stößt auf die Individualität des jüdischen Jungen Daniel. Er will, was keiner der Chaldäer für relevant hält: den Speise-Vorschriften und Reinheitsvorschriften seines Volkes treu bleiben. Er will nur essen und trinken, was sein Glaube ihm erlaubt. So wie der Moslem heute, der um Allahs willen den Alkohol meidet, der Jude, der kein Schweinefleisch ist, der Zeuge Jehovas, der die Bluttransfusion ablehnt, der Mormone, der Kaffee verschmäht, weil er den Körper verunreinigt. Alles um Gottes willen.

             Daniel mit seinem bizarren Anliegen hat Glück. Unser Text sagt es anders: Und Gott gab es Daniel, dass ihm der oberste Kämmerer günstig und gnädig gesinnt wurde.Gott gibt – hier wieder. Er gibt nicht nur den stärkeren Bataillonen Sieg, er gibt hier dem jüdischen Jungen Rückenwind, indem er ihn Gunst finden lässt bei seinem Vorgesetzten, seinem (Um)-Erziehungsleiter.

Es ist ein interessantes Gespräch, das hier angedeutet wird. Die Bitte des Jungen, die auf eine Verweigerung hinausläuft, ist klar: Keine Königsspeise, keinen Wein. Die Reaktion des Erziehers: Ich riskiere meinen Kopf! Darauf der Vorschlag: Mach doch einfach den Versuch. Test it! Sieh, wie das Essen unserer Väter bei uns anschlägt. Abbrechen kannst du das Experiment immer noch. Offensichtlich ist Daniel so berückend in seinem Auftreten, dass er Gehör findet. Und es gelingt.  Der oberste Kämmerer wird ungewollt und doch höchst wirksam zum Wegbereiter für die Abweichungen vom Lehr- und Ausbildungsprogramm. Eine erste Breche in das System ist geschlagen. Der unbedingte Gehorsam ist durchbrochen. Weil Gott Gunst gab.

17 Und diesen vier jungen Leuten gab Gott Einsicht und Verstand für jede Art von Schrift und  Weisheit. Daniel aber verstand sich auf Gesichte und Träume jeder Art. 18 Und als die Zeit um war, die der König bestimmt hatte, dass sie danach vor ihn gebracht werden sollten, brachte sie der oberste Kämmerer vor Nebukadnezar. 19 Und der König redete mit ihnen, und es wurde unter allen niemand gefunden, der Daniel, Hananja, Mischaël und Asarja gleich war. Und sie wurden des Königs Diener. 20 Und der König fand sie in allen Sachen, die er sie fragte, zehnmal klüger und verständiger als alle Zeichendeuter und Weisen in seinem ganzen Reich. 21 Und Daniel blieb im Dienst bis ins erste Jahr des Königs Kyrus.

Und doch ist das Königsprogramm eine Erfolgsgeschichte. Als der König seine Evaluierungsprogramm startet, zeigt es sich: Diese vier jüdischen Knaben sind Spitze. Sie übertreffen alle anderen. Sie haben weit über das Maß der anderen hinaus Einsicht und Verstand für jede Art von Schrift und  Weisheit. Der König kann sich beglückwünschen. Sein Programm ist eine Erfolgsgeschichte. Er hat allen Grund, stolz auf sich und seine Weitsicht zu sein, hat er sich doch ausgesprochen viel versprechenden Nachwuchs für den Hof gesichert.

So wie Nebukadnezar denken die Leiter von Ausbildungszentren, Elite-Schulen, Leistungs- Zentren der Bundesliga, Ausbilder für Elite-Soldaten. Unser Konzept trägt Früchte. Wir haben alles richtig gemacht. Die Zukunft wird uns gehören. Oder, um mein heimisches Energie-Unternehmen zu zitieren: „Wir produzieren nicht nur Energie und Strom, sondern auch Zukunft.“ Ausbildung ist Nachhaltigkeit

Der Erzähler des Danielbuches weiß mehr als der König. Der mag fasziniert sein vom Greifen seiner Maßnahmen. Der Erzähler aber weiß: Diesen vier jungen Leuten gab Gott… Es ist sicherlich eine Intention seines Erzählens: Gott gibt denen, die ihm die Treue halten. Gott hilft denen, die sich auch in der Fremde nicht von ihm abbringen lassen, die den Gehorsam bewahren. Gott ist ein Gott, der gerne gibt. So wird es ja auch das Evangelium bezeugen: „Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!“ (Matthäus 7, 11)

Es ist geradezu die Intention dieses Buches, nicht irgendeine Zukunft zu enthüllen, sondern den Blick auf den gebenden Gott zu richten. „Daniel wird durch all diese zwölf Kapitel hindurch nicht müde, mit dem Finger hinzuweisen auf dieses `Gott gab Es geht im Buch Daniel eben nicht um die Geschichte eines Mannes Daniel, der mit seinen Gefährten am Hof zu Babylon lebt in der Gefangenschaft und hier allerlei menschlich Ergreifendes durchmachen muss, so ergreifend und lehrreich und herzbewegend all dieses persönliche Erleben dieses Mannes sein mag, sondern es geht hier um die Geschichte Gottes, die darin bestand, dass Gott je und dann seine Hand auftat und `gab’. (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 12) Mit diesem Gott ist zu rechnen. Das weiß der Glaube.

Viele Exegeten setzen die Endredaktion des Danielbuches um die Zeit 160 v. Chr. an, in der Antiochus Epiphanes gewaltsam versuchte, den Hellenismus in Israel zur Herrschaft zu bringen. Die erzählte Zeit – Exil in Babylon mit dem Druck auf Anpassung und Aufgabe des alten Glaubens – wird zum Spiegel der Konflikte in der Erzähl-Zeit. Es tobt ein Kulturkampf – hier glaubenstreue Hebräer, dort moderne Hellenisten. Es liegt auf der Hand, dass diese Auseinandersetzungen sich im Buch Daniel spiegelt. „Im 2. Jahrhundert wurde die Auseinandersetzung zwischen beiden Lebensauffassungen zu einem Kampf auf Leben und Tod. Doch überlebt in dieser seltsamen Welt das Gute meist nicht durch einen – wenn auch noch so vernünftigen Kompromiss, sondern vielmehr dadurch, dass es eine extreme Position bezieht. Und im Allgemeinen sind es gerade diejenigen, die am Prinzip auch dann festhalten, wenn es in den Augen der Welt wenig bedeutet, die dann im Unglück ihren Mann stehen, wenn es um Fragen äußerster Tragweite geht.“ (N.W.Porteous, Das Buch Daniel, ATD 23; S. 12) Bleibt die Frage: Ist Daniel demnach ein zum Extremismus neigender Prinzipienreiter oder ist er schlicht treu im Gehorsam gegen den Gott der Väter? Auch,wenn das in den Augen der Modernisierer Israel altmodisch und verschroben erscheinen mag.

 

Gott, heimlich und leise gibst Du in die Welt hinein, was Dir entspricht. Unauffällig durch das Handeln von Menschen hindurch treibst Du Deine Geschichte vorwärts.

 Du stärkst Kleinen den Rücken. Du gibst Mut zu Wagnissen. Du belohnst Treue zu Dir. Du bestätigst Wege, die in Furcht begonnen worden sind.

Du kannst auch uns den Rücken stärken, uns zur Treue ermutigen, uns Schritte wagen lassen, die Deinem Ziel dienen. Dazu gib Du, was wir nötig haben. Amen