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Lukas 24, 36 – 49

 36 Als sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! 37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. 38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?

 Nahtlos knüpft die Erzählung an die vorausgehenden Verse an. Die Jünger sind beieinander und diskutieren. Das Thema heißt „Auferstehung“. Alles, was an Argumenten zu bieten ist, das kommt auf den Tisch. Petrus schwört auf seine guten Augen, die beiden Emmaus-Wanderer reden von ihrem brennenden Herzen, die Frauen wissen von dem Engel und seiner Botschaft. Und vielleicht sagt einer sogar: Seit Jahrhunderten glauben wir an die Auferstehung von den Toten und bekennen sie in jedem Gottesdienst. Und jetzt, jetzt stehen wir da und sind verwirrt.

Aber dann wird alles anders. Jesus tritt mitten unter die Jünger. Er ist da, er ist bei ihnen. Sie müssen nicht mehr über „Auferstehung“ und ob es das gibt, debattieren: Der Auferstandene steht vor ihnen Friede sei mit euch! Jetzt ist doch alles klar.

 Weit gefehlt. So wenig ist „Auferstehung“ im Blickfeld der Jünger, dass sie eher an ein Gespenst glauben, sich in den Arm kneifen: Träume ich? Oder das Ganze für eine Halluzination halten als dass es ihnen käme: Er ist auferstanden! Die modernen Skeptiker haben in den Jüngern frühe Vorläufer. Sie sind nicht so originell mit ihrem Zweifel, ihren tausend Fragen, ihrer Skepsis, wie sie gerne glauben. Sie sind nur späte Epigonen der Jünger Jesu.

 Es will mir scheinen, dass dieses Erschrecken und sich Fürchten ein Hinweis auf die Glaubwürdigkeit der Erfahrungen ist. Auferstehung ist nichts leichtes, nichts, was man einmal locker mit Praise the Lord!“ abfeiern kann. Unsere Welterfahrung kommt ins zerbrechen – deshalb ist wirklich Erschrecken und Furcht angesagt. Und doch sollen seine Jünger nicht dabei stehen bleiben.

 39 Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. 40 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und Füße. 41 Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? 42 Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. 43 Und er nahm’s und aß vor ihnen.

 Jetzt kommt es heftig. Vor allem für Theologen. Das sei „fatal“, dass der Auferstandene so demonstrativ seine Hände zeigt, seine Füße zeigt, isst. Er tut es, so Lukas, damit sie ihn nicht für ein Gespenst halte, für ein Geistwesen, sondern es glauben: εγώ είμι αύτοςich bin es selbst. Ich, den ihr kennt, mit dem ihr so oft gegessen habt, mit dem ihr unterwegs ward. Darum geht es Lukas: „Der in fassbarer Gestalt Erscheinende kann kein Gespenst sein. Die Male, die er zeigt, machen es möglich zu erkennen, wer er ist.“ (F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas, EKK III/4; S. 586) Es geht um die leibhafte Auferstehung. Es genügt nicht, einen unsterblichen Geist zu glauben, der sich dem Tod entzogen hat.

44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.

 Jetzt gibt es fast eine zweite Bibelstunde, diesmal nicht auf dem Weg, sondern im Haus. Was geschehen ist, ist einem Plan gefolgt, der älter ist als die Welt. Es ist ein Geschehen in der Spur des Gesetzes, der Propheten und der Psalmen. Es ist die Erfüllung der Schrift. Dabei wird noch einmal konzentriert – nicht einfach auf das Geschehen: was von mir geschrieben steht. Es ist die personale Zuspitzung auf Jesus hin, um die es Lukas geht. Er, sein Weg , ist schon das Thema der Schrift, von Anfang an.

 45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden, 46 und sprach zu ihnen: So steht’s geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; 47 und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem 48 und seid dafür Zeugen.

 Es ist bemerkenswert, wie oft im Umfeld der Ostergeschichten vom Öffnen, Offen sein die Rede ist. Das Grab am Ostermorgen ist offen (24, 2) den Emmausjüngern werden die Augen geöffnet (24,31) und sie bezeugen, dass Jesus ihnen die Schrift öffnete (24,32) und hier nun wird ihnen das Verstehen geöffnet, der Verstand geweitet. Es kommt als „Schlüsselerzählung“ die Heilung des Blinden vor dem Einzug in Jerusalem dazu. Es braucht es – so lehrt uns Lukas, dass uns Gott selbst öffnet, Augen, Herz und Verstand, damit wir Ostern überhaupt sehen.

 Und darum öffnet Jesus jetzt den Jüngern die Schrift und das Verständnis für die Schrift: Und wieder, zum wiederholten Mal steht hier in Kurzfassung der Hinweis auf eine Leidensankündigung dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; die aber ihren Schwerpunkt wieder in der Auferstehung hat. So zeigt Jesus jetzt aus der Schrift die Geschichte der Schuld der Menschen und die Geschichte der Geduld Gottes, die Geschichte von Hass und Sünde und Lieblosigkeit und die Geschichte von Erbarmen und Treue und durchgehaltener Liebe bis ans Ende. Das alles ist nicht Theorie, das ist nicht vage Hoff­nung – das ist erfüllt in seiner Auferstehung.

 Das soll gepredigt werden – an allen Orten, zu allen Zeiten. Als der Auferstandene sagt er seinen Jüngern: Das ist euer Auftrag – sagt den Menschen, dass ich sie rufe zur Umkehr ins Vaterhaus. Sagt den Menschen, dass mein Leben diesen einen Zweck hat: dass sie heim finden, dass sie sich in die Arme Gottes bergen, der ihnen das Leben gegeben hat und der ihnen in mir mit weit geöffneten Armen entgegen läuft. Keine Schuld der Welt kann euch hindern diesen Weg zu gehen, wenn ihr euch nur an mich haltet.

 Und anfangen soll diese Predigt der Versöhnung, dieser Ruf zur Umkehr in Jerusalem. Das ist ein Signal: Allen Tränen über Jerusalem zum Trotz, allem Geschehen in Jerusalem zum Trotz gibt der Auferstandene Jerusalem nicht auf. Er bleibt sich auch hier treu – er lässt gerade die zuerst rufen, die sich so gegen ihn gestellt haben.

 49 Und siehe, ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.

Damit die Jünger – und Jüngerinnen – diesen Auftrag erfüllen, sollen sie die Kraft Gottes empfangen, sollen sie ausgerüstet werden mit Kraft aus der Höhe. Das sagt er, der im Prozess vom Menschensohn gesagt hatte: Von nun an wird der Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft Gottes.(23,69) Als der, der so erhöht wird, kann er seine Jünger ausrüsten für ihren Auftrag. Was es dazu braucht, ist ebenso einfach wie schwierig: Dass sie in der Stadt bleiben, an dem Ort, den sie am liebsten fliehen würden, dass sie warten, bis ihre leeren Hände und Herzen gefüllt sind.

Jesus                                                                                                                                     wie oft sehe ich nur                                                                                                                   was ich sehe                                                                                                                         Meine Augen sind gefangen in den Grenzen meines Verstandes                                        Und mein Herz ist erst recht blind                                                                                         wenn es mehr sehen soll                                                                                                     als es immer sieht

Du hast den Jüngern die Augen geöffnet                                                                              Du hast ihnen das Verständnis geöffnet für den Plan Gottes                                               Du hast ihnen in der Schrift Deinen Weg gezeigt.

Jesus                                                                                                                                 öffne Du auch mir die Augen und das Herz                                                                      dass ich Dich fasse und nie mehr lasse. Amen