Emmaus

Lukas 24, 13 – 35

 13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

 Jetzt sind die Männer wieder im Spiel. Zwei der Jünger sind auf dem Weg nach Emmaus – warum wird nicht erklärt. Sie reden miteinander auf dem Weg. Von allen diesen Geschichten sind sie bewegt, gefasst, gerüttelt, durchgeschüttelt. Mit dem Weg aus der Stadt lassen sie ihren Schmerz nicht zurück. Der Versuch, vor dem Schmerz, vor dem Leiden davon zu laufen, der Versuch, noch einmal anderswo neu anzufangen – dieser Versuch wird zum Scheitern verurteilt sein.

 Denn sie nehmen ja Bilder ihrer Seele mit: das Bild der Menge, die schrie: „Kreuzige ihn!”; das Bild der Soldaten, die ihn zur Schädelstätte führten; das Bild der Todesstunde, in der er sein Leben hingab; das Bild der letzten Liebe, als der geschundene Leib vom Kreuz genommen und in das Felsengrab gebracht wurde. Und diese Bilder in der Seele machen sie blind.

 So blind, dass sie den nicht erkennen, der sich ihnen zugesellt. Er wird ihr „Sprachgesell“, ohne dass sie ihn darum bitten und ohne dass sie es merken, dass er es ist.

 Ein Lämmlein geht….                                                                                                              

Im Durst solls sein mein Wasserquell,
In Einsamkeit mein Sprachgesell
Zu Haus und auch auf Reisen.                                   Paul Gerhardt

 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?

 Das Gespräch fängt mit Jesu Frage an. Stellt er sich unwissend, „dumm“? Er weiß doch, was war. Oder will er sie sagen lassen, was sie bewegt? Wer einem Menschen zum Reden bringen will, muss ihn fragen, am besten nach dem fragen, was ihn bewegt. Jesus ist ein Kenner der Herzen und hier zeigt es sich: ein Meister der Gesprächsführung. Damit er ihnen zu Herzen reden kann, müssen sie zuvor ihm das Herz öffnen und ausschütten können. Dafür nimmt er auch den leisen Vorwurf in Kauf: Was bist du für ein seltsamer Zeitgenosse, der nicht mitbekommt, was geschieht und eine ganze Stadt bewegt.

 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; 20 wie. ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.

 Sie bringen ihre Hoffnung und ihre Enttäuschung auf den Punkt. Und er, Jesus mit ihnen, lässt sie ihren ganzen Schmerz “durcharbeiten“. Er weicht dem nicht aus, dass er hier zerbrochene Lebenshoffnung zu hören bekommt. Er weicht dem nicht aus, dass er ihr durchkreuztes Leben gezeigt bekommt. Drei Jahre ihres Lebens sind mit ihm hingerichtet worden, drei Jahre ihres Lebens sind mit ihm verhöhnt und verspottet worden, drei Jahre ihres Lebens sind mit ihm gekreuzigt worden. Er hört ihr ganzes Leid und ihre ganze enttäuschte

Lebenshoffnung an. „Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. .“

 22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

 Zu dem allem noch der Schreck dieser unverständlichen Botschaft der Frauen. Alles, dass sie nicht sagen: Weibergerede. Märchen. Irre Wunschträume. Es ist so viel Hoffnungslosigkeit auch in ihrem Bericht über das Geschehen und die Erzählung der Frauen: Sie kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Was soll man damit anfangen, zumal die Nachforschungen der Männer nichts gefunden haben als ein leeres Grab. Das aber erklärt doch nichts. Da ist nichts zu spüren von Hoffnung gegen allen Augenschein. Das ist das Ergebnis: aber ihn sahen sie nicht. Und weil es so ist, bleibt ihnen nur noch ein Bild: das des Gekreuzigten, den sie von ferne gesehen haben.

 Das ist die Erfahrungssumme, die ihnen bleibt: Das Leben ist nicht fair. Sie können sich nicht mehr vorstellen, wie Gottes Weg mit ihnen in dieser Welt ein guter Weg sein soll. Nicht mehr nach all diesen geplatzten Träumen.

 25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!26 Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.

 Was dann folgt, ist eine „Bibelstunde“ auf dem Weg. Jetzt, nachdem der Kummer benannt, als sie in ihrem Schmerz wahrhaftig geworden sind, als ihr Leiden zur Sprache gekommen ist, jetzt legt er, Jesus, ihnen die Schrift aus: Musste nicht das alles geschehen? Es ist ein werbendes Reden, es ist ein Reden, das sie in ihrem Kummer, mit ihrem Schmerz an der Hand nimmt und Stück um Stück helfen will, neues Zutrauen zu fassen.

 Es ist ein Plan in allem, was geschehen ist. Es ist nicht der Betriebsunfall Jesu und auch nicht der Betriebsunfall Gottes. Das ist die Grundüberzeugung des Lukas und er „legt sie dem Auferstandenen in den Mund“. Oder ist es doch umgekehrt: Der Auferstandene lehrt diese Sicht seine Jünger? Es ist die christliche Überzeugung, die bis heute die Christenheit trägt: Die ganze Schrift hat seinen Weg zu Kreuz und Auferstehung als ihre Mitte. Darauf läuft alles zu. Von daher gewinnt alles seinen Zusammenhang und seinen Sinn. Alles! „In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“ (Kolosser 2,3)

 28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

 So geht es ihnen zu Herzen, was sie hören, dass sie nicht genug bekommen wollen. Sie wollen ihren unbekannten Mitwanderer nicht loslassen. Sie wollen, dass er bleibt. Es sind Worte, die im Sinn des Lukas wohl eine Einladung an alle sind, die Christus noch nicht wirklich erkannt haben: Ihr könnt ihn bitten zu bleiben, auch wenn ihr noch nicht wisst, wer er ist. Und er wird sich so bitten lassen und bleiben. Er hat es ja selbst gesagt: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (11,9) Die beiden auf dem Weg nach Emmaus nehmen ihn beim Wort.

Jesus                                                                                                                                    Du Weggefährte unserer Tage                                                                                             unserer Jahre                                                                                                                        unseres Lebens                                                                                                                Danke für den Weg durch diesen Tag                                                                                  Danke für alle Begegnungen                                                                                                   ob sie flüchtig                                                                                                                    schwierig                                                                                                                             glückhaft oder erfüllt waren

Danke für alle Momente von Ruhe                                                                                        von Weite                                                                                                                             von Hoffnung

Danke für alle Augenblicke                                                                                                    in denen Du unser Herz berührt hast                                                                                unser Gemüt mit Hoffnung erfüllt hast                                                                                unsere Seele sich bergen konnte in Deiner Güte

Bleibe Du nun bei uns                                                                                                              in den schweigenden Stunden der Nacht                                                                        Halte die Angst von uns fern                                                                                                    die im Dunkel wohnt                                                                                                                 Die sich verlassen erfahren                                                                                                  tröste mit Deiner Nähe

Schenke uns Schlaf                                                                                                               in dem wir uns und die Welt Deinen Händen lassen können. Amen

 30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. 31 Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.

 Und dann kommt der große Augenblick. das große Erwachen, es fällt ihnen wie Schuppen von den Augen. Jetzt erfüllt sich das Wort der Schrift: Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind.“ (Jesaja 25, 7) Jetzt erkennen sie den, der schon immer mit ihnen auf dem Weg war. Jetzt erkennen sie den, der ihnen mit dem Wort der Schrift begegnet ist. Jetzt erkennen sie den, der ihnen zu Herzen gesprochen hat und dem sie ihr trauriges Herz öffnen konnten. Jetzt, am altgewohnten Gestus – am Brechen des Brotes, am Segenswort über dem Kelch, an der sich selbst gebenden Liebe.

Christus                                                                                                                               Der Tisch ist gedeckt                                                                                                           Das Mahl ist bereitet                                                                                                            Der Weg sucht sein Ziel

 Wenn der Tag sich neigt                                                                                                    das Lärmen verstummt                                                                                                          die Ruhe naht                                                                                                                       dann lass uns nicht allein

 Wenn das Dunkel heran drängt                                                                                             der Weg verengt                                                                                                                     das Herz bangt                                                                                                                         dann lass uns nicht allein

Wenn das Wort Dich sucht                                                                                              unser Mund Dich ruft                                                                                                        wenn Brot und Wein auf dem Tisch stehen                                                                           dann lass uns Dich sehen

 Und unser Herz wird spüren:                                                                                                Alle Güte kommt von Dir                                                                                                      Alle Wege suchen nach Dir                                                                                          Unsere Sehnsucht bist Du. Amen

32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

 Von diesem Sehen her fällt ein Licht auf den Weg, den sie mit ihm gegangen sind. Die Worte der Schrift, die ihr Herz berührt haben, Sein Fragen, sein Reden, sein Zeigen des Planes Gottes – das alles fügt sich jetzt zu einem Bild zusammen, zu einer Erfahrung, die Licht ins Dunkel bringt.

 Im Dunkel unserer Nacht,                                                                                                   entzünde das Feuer,                                                                                                            das niemals verlöscht.                                Taize

 Und zugleich ist der Satz so, dass er über allen Wegen der Jünger mit ihrem Herrn steht. Das war ja ihr Erleben auf den Wegen durch Galiläa und Judäa, auf dem Weg nach Jerusalem: dass er eine Hoffnung in ihrem Leben entzündet hat, dass er ins Dunkel sein Licht gebracht hat. Und dieser Satz ist wie eine Verheißung nach vorne geöffnet – nach-zusprechen durch die Christen und Christinnen aller zeiten.

 33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

 Ist die ganze Emmaus-Geschichte ein Wechselspiel zwischen Blindheit und geöffneten Augen, Traurigkeit und Herausgerissen werden durch die Freude, so setzt sich das jetzt vor. Aus den schleppend schweren Schritten des Weges nach Emmaus wird der beschwingte Weg zurück nach Jerusalem. Sie kehren um und finden die Elf und die anderen, die um sie waren – wie viele Frauen sind hier unter diesem und die bei ihnen waren namentlich verborgen, aber doch da.

 Und dann ist es wie am Anfang des Evangeliums, als Elisabeth und Maria sich begegnen. Hier begegnen sich zwei Freudenbotschaften: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. Es stimmt. Es ist wahrhaftig. Darauf kann man sein Leben bauen. Und sie, die beiden Emmaus-Jünger erzählen ihre Erfahrung. Und wieder zeigt der Schluss-Satz weit über den Augenblick hinaus: wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach. Von nun an haben die Christen einen Ort, an dem sie den Herrn erkennen können, an dem sie ihn finden werden – im Mahl.

 Jesus                                                                                                                                   An Deinem Tisch ist Platz genug für Zweifler                                                                für Entmutige                                                                                                                       für Flüchtlinge zurück in den Alltag

An Deinem Tisch ist Platz genug für die                                                                         die von gescheiterten Plänen                                                                                    zerplatzten Träumen                                                                                                    begrabenen Hoffnungen gezeichnet sind

An Deinem Tisch ist Platz genug für die                                                                       die nur noch eine vage Sehnsucht haben                                                                      die sich nach Nähe sehnen                                                                                                  ohne zu wissen                                                                                                                 von wem sie diese Nähe erbitten

Jesus                                                                                                                                    an Deinem Tisch ist Platz genug für uns                                                                         Brich Du uns Dein Brot. Amen