Von ferne

Lukas 23, 32 – 49

 Bis zu diesem Tag, bis zu dieser Stunde war alles nur Vorspiel: die Predigten auf den Wegen durch Galiläa“ die Wunder und Zeichen an den Menschen, die Feindschaft und der Hass der Gegner   all dies verblasst gegen diese Stunde auf Golgatha. Jetzt, an diesem Tag ist die Zeit der Entscheidung! Jetzt muss es sich zeigen, wer Jesus ist.

32 Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. 33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.

 Jesus geht seinen Weg nicht allein. Zwei andere gehen mit ihm. Übeltäter. Jesus ist auf seinem letzten Weg in schlechter Gesellschaft, so wie er auch vorher immer wieder war. Sie werden den Weg geführt, den keiner will. Jesus erleidet, was vor ihm und nach ihm Menschen gelitten haben. Er wird durch das Kreuz zum Abschaum der Menschheit erklärt. Der würdeloseste Tod, den sich einer denken konnte, ist der Tod am Kreuz. Und diesem Tod wird Jesus preisgegeben.

 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu.

 Das ist bei Lukas das erste Wort Jesu am Kreuz. Er bleibt sich und seinem Auftrag noch im Sterben treu. Es ist ja sein Auftrag, Gottes Versöhnung in die Welt zu bringen. Es ist sein Auftrag, das Bild des vergebenden Vaters Menschen so vor Augen zu stellen, dass sie wieder Vertrauen zu Gott fassen können. Sie wissen nicht, was sie tun! Lukas wird nicht müde werden, die Unwissenheit als Entschuldigungsgrund für das Tun der jüdischen Obrigkeiten zu benennen Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke; aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet….Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen.“ (Apostelgeschichte 3, 15.17) Diese Unwissenheit macht die Fürbitte Jesu möglich.

 Er ruft um Gnade für die Hohenpriester, die ihr Hass blind gemacht hat. Er ruft um Gnade für Pontius Pilatus, der nicht den Mut fand, seinem Herzen zu folgen. Er ruft um Gnade für die Kriegsknechte, die ja nur eine Exekution mehr vornehmen und nicht wissen, wen sie da ans Kreuz nageln. Er ruft um Gnade für seine Jünger, die geflohen sind. Er ruft um Gnade für die Spötter, die sich so einen Heiland nicht vorstellen können. Er ruft um Gnade für die, deren Sünden er trägt am Stamm dieses Kreuzes.

 Sie – wohl die, die seine Hinrichtung vollziehen, werfen das Los über seine Kleider. Die Verteilung seiner Habe beginnt schon, bevor er tot ist. Das ist wie eine Erinnerung an den jüngsten Sohn, der sein Erbteil einfordert vor dem Tod des Vaters. (15, 12)

 Das Volk steht und schaut zu. Nichts mehr ist zu hören von dem Hassgeschrei. Eine stumme Zuschauerschaft. Sie sehen das Kreuz, die losenden Soldaten und all die Leute, die sich um das Kreuz jetzt scharen.

 Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.

 Das Volk ist stumm. Umso mehr reden die Oberen. Sie, die das Volk führen, sie führen jetzt auch das Wort. Ist es wirklich Spott, was sie da sagen? Ist es nicht wie eine letzte, große Versuchung und übernehmen sie mit ihren Worten nicht die Rolle des Versuchers? Hilf dir selbst! Denke an dich! Lass den Gehorsam gegen Gott fahren. Es ist, als würden sie den Versucher zitieren, situations-angepasst neu zur Sprache bringen. Und wenn sie ihn „der Auserwählte Gottes“ ansprechen, so sprechen sie die Worte der Himmelsstimme nach, ohne es zu wissen – „Dieser ist mein auserwählter Sohn; den sollt ihr hören!“ (Lukas 9, 35) Es ist so viel Wahrheit in diesen Spottworten, aber so wenig Glaube.

Und wieder spricht Lukas über die Situation hinaus mit seinen Lesern: Wisst, dass die richtigen Worte nichts sind ohne den Glauben, ohne das Lebensvertrauen. Wisst, dass die richtigen Worte zum Spott werden können, wenn sie nicht Schritte des Lebens nach sich ziehen.

36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.

 Gruppe für Gruppe nimmt der Bericht in den Blick. Jetzt die Soldaten. Für sie ist das Business as usual. Sie kennen das Geschäft und sie treiben ihr rohes Spiel mit dem Gekreuzigten. Sie wissen überhaupt nicht, worum es geht, sie helfen nur, wieder einen von dem jüdischen Ungeziefer auszulöschen, die hängen sich an: „Du König der Juden, hilf dir selbst.“Da ist keine Ehrfurcht. Es ist Spott über den Gekreuzigten und zugleich Spott über die Juden. Der Judenkönig am Kreuz. Die Verachtung des Pilatus, die in der Inschrift am Kreuz sichtbar wird, auch wenn sie korrekt nur den Anklagepunkt wiedergibt, wiederholt sich hier im Spott der Soldaten.

 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

 Was hier steht, ist Lukas exklusiv. Er allein erzählt diesen „Trialog“ zwischen Jesus und den beiden Übeltätern.Er erzählt ihn, weil er wieder zeigt, woran Lukas so viel liegt: Jesus ist der Retter, der σωτήρ. So ist er angekündigt worden auf dem Hirtenfeld (2, 11) und das bleibt er bis in die Stunde seines Todes. Er, den sie am Kreuz in die Hölle schicken wollen, den sie der Verdammnis übergeben wollen, dem Urteil Gottes – er öffnet hier einem Verdammten das Paradies.

 Das ist anschaulich erzählt, was Paulus in seiner theologischen Sprache aussagt: Die Rechtfertigung des Gottlosen. Da ist einer, den uns das Evangelium des Lukas zeigt, damit wir ihm folgen: Einer, der noch in der Stunde des Sterbens die Gnade ergreift. Ein hingerichteter Verbrecher, ein Mörder und Räuber wird zum Vorbild des Glaubens! Der Gott nichts zu bieten hat, dem wird der Himmel aufgetan – aus dem einen, einzigen Grund: Weil er Jesus vertraut, weil er ihm glaubt, weil er sich seinem Gedächtnis anvertraut.

 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.

 Was da geschieht, hat Folgen. Es bringt Himmel und Erde in Bewegung. Es macht die Welt dunkel, weil das „Licht der Welt“ (Johannes 8, 12) in den Tod geht. Und wie die anderen Evangelisten notiert auch Lukas: der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Das Allerheiligste ist nicht mehr abgeschlossen, weil der Heilige Gottes in den Tod gegeben wird. Es ist das Signal: Das Kreuz ist der Anfang einer neuen Zeit. So sieht es auch der Hebräerbrief: Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben.“ (Hebräer 10, 19 – 21) Der Weg ist frei.

 Es sind zwei Zeichen, die auf die Bedeutung des Todes Jesu hinweisen: die Verdunkelung der Sonne und das Zerreißen des Vorhangs. Das erste steht für die Schöpfung und das zweite für die Religion. Was auffällt: beide Zeichen stehen vor dem Tod Jesu. Damit wird deutlich: Schon sein Tod ist der neue Anfang.

 Und das letzte, das dritte Wort Jesu – nach Lukas – am Kreuz ist wie ein Zitat aus den Psalmen. „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.“ (Psalm 31, 6) Es ist ein Wort, das tiefe Geborgenheit zum Ausdruck bringt. Jessus stirbt – so sagt es uns Lukas – nicht ungeborgen. Er gibt sich in die Hände Gottes. So wie er gelebt hat – aus den Händen Gottes, so stirbt er nun – in die Hände Gottes.

 47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!

Es stehen viele Menschen unter dem Kreuz Jesu. Die einen stehen da mit hartem Herzen. Die anderen stehen da, weil sie es müssen – sozusagen dienstlich. Zu diesen Dienst-verpflichteten gehört der Hauptmann, Kommandant des Hinrichtungstrupps. Was er sieht, löst zwei Reaktionen aus: Er pries Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! Merkwürdig. Er findet über diesem Geschehen zum Lob Gottes. Was er gehört und gesehen hat – das Sterben eines gerechten Menschen lässt ihn Gott loben. Dass dieser Gekreuzigte Gnade verschenkt, dass er den Himmel für einen Sünder öffnet, dass er sich selbst tief geborgen in Gottes Hände gibt – das alles bringt den Hauptmann dazu, Gott zu loben.

 Nicht mehr irgendein Mensch, nicht mehr ein Übeltäter mehr – ein gerechter Mensch. Ό άνθρωπος δίκαιος. Das Urteil der Oberen, das Urteil der Mächtigen wird hier revidiert. Von einem, der mehr gesehen hat als einen Menschen

 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

 Da sind viele unter dem Kreuz: auch Gaffer und Zuschauer, die keine Sensation verpassen wollen. Aber: Wer dieses Sterben sieht, dem geht es unter die Haut. So heißt es von den Menschen, die nur so einmal zuschauen wollten: sie schlugen sich an ihre Brust.

 Der Kreuzweg Jesu ist ein Weg der Wandlung, der am Volk deutlich beschrieben wird. Es beginnt mit dem „Weg mit ihm, geht über die mitleidige Klage der Frauen hin zum stummen, schweigenden Schauen. Und dieses Schauen wird hier schließlich zu einem innerlich Beteiligtsein und führt zu dieser Geste der Betroffenheit. Das sich das Volk an die Brust schlägt ist mehr als ein ritualisiertes Trauerzeichen. Das zeigt sich auch im nächsten Schritt.

 Sie kehrten wieder um “ meint mehr als: Wieder seines Weges gehen. Leben bekommt unter diesem Sterben eine neue Richtung. Das Leben nicht mehr so weiter gehen kann wie gehabt, wenn man sieht, was sie gesehen haben. Es ist eine vorsichtige Andeutung: Da wird ein neuer Anfang gesetzt, nicht mit Pauken und Trompeten, nicht mit großen Worten und großen Taten. Er beginnt mit so etwas wie Reue. Es ist in dieser Offenheit ein Zeichen der Hoffnung. Wer den sterbenden Jesus wirklich sieht, kann nicht so bleiben, wie er immer schon war.

 Und Jesu Leute? Die sich durchgetan hatten in der Nacht der Auslieferung? Die von der Bildfläche verschwunden waren? Auch von ihnen heißt das: Sie sahen das alles. Ihre Nachfolge ist noch nicht am Ende. Sie ist jetzt ein Sehen, ein Hinschauen, ein Aushalten der eigenen Hilflosigkeit. Sie ist Stehen bleiben und nicht weiter weg Rennen.

 Sie standen von ferne. Ich denke oft: Das ist unser Platz. Nicht nahe, nicht direkt dabei. Von Ferne. Aber stehen bleiben. Sich nicht abwenden. Hinschauen.

 Ich sehe Dich mit Schrecken an                                                                                            und kann doch nicht wegsehen                                                                                            und weil ich nicht wegsehen kann                                                                                          bleib ich anbetend stehen:                                                                                                      O dass mein Sinn ein Abgrund wär                                                                                       Und meine Seel´ ein weites Meer                                                                                        dass ich Dich möchte fassen

Ich sehe Dich mit Staunen an                                                                                            Und hör Dich Vater sagen                                                                                                    und weil ich ihn nicht sehen kann                                                                                        will ich Dich, Jesus, fragen:                                                                                                   Wie hält er Deine Seele fest                                                                                              dass sie kein Dunkel stürzen lässt                                                                                      das nach Dir möchte fassen?

Ich sehe Dich mit Tränen an                                                                                                   und will hier bei Dir stehen                                                                                                   und weil ich nah nicht gehen kann                                                                                         bleib in der Fern´ ich stehen                                                                                               Ach gib in meines Herzens Grund                                                                                       Dein Bild zu aller Zeit und Stund‘                                                                                          und lass mich mit Dir leben. Amen