Herzliches Verlangen

Lukas 22, 7 – 23

 7 Es kam nun der Tag der Ungesäuerten Brote, an dem man das Passalamm opfern musste.8 Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Geht hin und bereitet uns das Passalamm, damit wir’s essen.

 Der Tag des Passahmahls ist da. Die Stunde ist gekommen. Es ist Zeit zum Opfern des Passahlammes. Und Jesus weiß darum, dass sich jetzt die Zeit erfüllt. Während seine Gegner sich vorbereiten, sich beraten, sich Unterstützung suchen, trifft Jesus seine Vorbereitung, schickt er seine Jünger aus, um das Passahmahl zu bereiten. Seine Gegner sind mit Gewaltaktion befasst, er ist mit der Feier des Passahs, des Lebensgrundes Israels beschäftigt. Seine Gegner machen Politik, er feiert den verschonenden Gott.

 9 Sie aber fragten ihn: Wo willst du, dass wir’s bereiten?10 Er sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug; folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht, 11 und sagt zu dem Hausherrn: Der Meister lässt dir sagen: Wo ist der Raum, in dem ich das Passalamm essen kann mit meinen Jüngern? 12 Und er wird euch einen großen Saal zeigen, der mit Polstern versehen ist; dort bereitet es. 13 Sie gingen hin und fanden’s, wie er ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Passalamm.

 „Kommt, es ist alles bereitet“ – dieser Satz aus der Abendmahls-Liturgie hat hier seine sachlichen Ursprung. Seine Jünger müssen nichts vorbereiten, nicht selbst erfinden – es ist schon alles bereitet. Der Raum ist ausgesucht – sie müssen ihn nur noch fertig ausrüsten für das Festmahl. Sie müssen das Lamm und die Bitterkräuter, das Brot und den Wein besorgen. Alles andere ist längst vorbereitet. Sie gehen einen Weg, der nicht von ihnen bestimmt wird, sondern der seit Ewigkeit bestimmt ist. Darum liegt über der ganzen Szene eine Atmosphäre der Unaufgeregtheit.

 Im Epheserbrief heißt es: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ (2, 10) Wir treten mit dem, was wir tun in einen vorbereiteten Raum. Es ist, als seinen alle Bauteile schon zugeschnitten und wir müssten sie nur noch zusammenfügen. So ist für die Jünger nur der Weg zu gehen, den Jesus sie gehen heißt. Und indem sie ihn gehen, erfahren sie, dass alles so ist, wie er es ihnen gesagt hat.

 14 Und als die Stunde kam, setzte er sich nieder und die Apostel mit ihm. 15 Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. 16 Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis es erfüllt wird im Reich Gottes.

 Das ist nur bei Lukas zu lesen: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. Das gibt der ganzen Szene eine menschliche Note. Es macht Jesus menschlich. Das gemeinsame Mahl, die gemeinsame Feier des Passahs Israels bedeutet ihm die Erfüllung eines Herzenswunsches. Das wirft am letzten Abend noch einmal ein neuees Licht auf die Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern. Das ist mehr als ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Das ist mehr als die symbolische Abbildung der endzeitlichen Sammlung des Gottesvolkes. Das alles sind seine Jünger ihm ja auch – Repräsentanten des Israels, das er er erwählt.

 Aber sie sind auch Menschen, Männer, mit denen er seinen Weg geteilt hat. Er hat mit ihnen zusammen gesessen, ihnen zugehört, ihre Gesichter angesehen, ihre Träume wahr genommen, ihre Hoffnungen mit seinen Worten genährt. Er hat ihre Fragen beantwortet und manchmal ihr Unverständnis ausgehalten. Er hat mit ihnen gelacht und wohl auch mit ihnen geweint. Er hat mit ihnen am Feuer gesessen und gegessen und getrunken. Und all das, die Jahre der Wanderschaft stehen vor ihm, und er weiß um ihre Ende in dieser Nacht. Und darum verlangt es ihnen, jetzt noch einmal mit ihnen zusammen zu sein, zu essen, zu trinken, ihre Freundschaft zu spüren und sie seine Freundschaft spüren zu lassen. Es ist eine tiefe Menschlichkeit, die ihn so reden lässt.

 Das ist ja eines der Geheimnisse auch des Abendmahls. Es verbindet Menschen. Es gibt Mahlfeiern, die ich nie vergessen werde – nicht nur in Tabgha oder Latroun, in Jerusalem oder in der Krypta des Petersdoms, auf den Bergen über den Inntal oder im Heidenheimer Münster, in der Schlitzer oder der Friedberger Stadtkirche, im großen Kreis oder in der kleinen Gruppe, mit Menschen, die mir unbekannt waren und geblieben sind und mit Menschen, die ich kannte und die mir so doch noch einmal näher kamen. Immer ist im Mahl eine Gemeinschaft gewesen, die von dieser Sehnsucht des Meister lebt: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide.

Und jetzt nicht mehr. Jesus weiß, dass er kein weiteres Passah mehr auf Erden feiern wird. Erst in der Ewigkeit Gottes, im Reich Gottes wird er wieder zu Tisch sitzen und mit dem Volk Gottes essen und trinken und die Verschonung feiern, die der Kern des Passah ist. Es ist auch ein Wort der Sehnsucht Jesu über diese kommende Zeit hinweg. Jede unserer Mahlfeiern ist ein Vorgriff auf dieses kommende Mahl und ein Schritt auf dem Weg zur Erfüllung der Sehnsucht Jesu nach der neuen Feier des Mahles.

 17 Und er nahm den Kelch, dankte und sprach: Nehmt ihn und teilt ihn unter euch; 18 denn ich sage euch: Ich werde von nun an nicht trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt.

 Wieder taucht Beides auf – das Geschenk der Gemeinschaft und der Hinweis auf die Zeit, die jetzt kommen wird und die für Jesus, nicht nur für die Jünger, eine Zeit des Wartens auf die Erfüllung sein wird. Es ist wie ein Hinweis des Lukas: Über jeder Mahlfeier wird diese Sehnsucht liegen: Komm, Herr Jesus, komm so, dass wir Dich sehen können mit unseren Augen, Dich anfassen können mit unseren Händen, Dich leibhaftig bei uns haben.

 Es wird in der exegetischen Literatur viel darüber gerätselt, wie das liturgisch ist mit dem ersten Kelch, dem zweiten Kelch und… Die Überlegungen führen fast immer dazu, dass alles eingezeichnet wird in die Liturgie des Seder-Mahles. Wenn ich das lese – Jesu Wort über das Brot und den Wein und dann die nachfolgenden Worte – die lukanische Form der Einsetzungsworte – dann frage ich: Ist das nicht die sehr zarte Kennzeichnung dafür, dass hier etwas Neues entsteht? Aus dem Passah-Mahl wird das Abendmahl. Es ist eine sensible Wandlung. An die Stelle der Erinnerung an die große Heilstat Gottes in Ägypten tritt die Heilstat Gottes jetzt, in der Hingabe, der Selbsthingabe. Deshalb sind die folgenden Einsetzungsworte folgerichtig. Und es ist richtig: das ist der neue Bund.

 19 Und er nahm das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. 20 Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird!

 Mein Leib – für euch. Mein Blut – für euch. Das ist Selbsthingabe. Das ist das Zentrum des Glaubens der Christen. Jesus schenkt sich hin, gibt sich hin – für uns. Er verschenkt sich an uns und gibt sich für uns. Es ist das Geheimnis des Glaubens, das ich nie fassen kann und von dem ich doch lebe. Es ist das Geschenk, das mich am Glauben hält, weil es mir angesichts des Todes zusagt: Ich bin für dich. Ich bin für euch. Und nichts und niemand kann daran etwas ändern.

 Es ist eine in meinen Augen geistlose Theologie, die hier herum mäkelt, die sagt, dass dieses für euch als Sündenvergebung Menschen herab würdigt. Das Wort Sündenvergebung taucht hier ja auch gar nicht auf. Aber was gemeint ist, ist doch eine unbedingte, unbegründete, grundlose Hingabe, die Gemeinschaft begründet, die nie mehr zerstört werden kann. Durch nichts, was in meinem Leben gegen mich spricht. Durch nichts, was mich auf Distanz zu Christus bringen will. Und genau das meint auch das Wort von der Vergebung der Sünden, das sich nur bei Matthäus in seiner Überlieferung der Einsetzungsworte findet: „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26,28)

 Aber das ist ein Nebenschauplatz. Was wirklich wichtig ist: Der neue Bund wird hier begründet, jetzt, angesichts des Todes, in der Stunde, von der Jesus weiß, dass seine Zeit gekommen ist. Jetzt begründet er den Bund mit dem neuen Gottesvolk – für Zeit und Ewigkeit. Und in jedem Abendmahl gründen wir unser Leben in diesen Bund seiner Hingabe, die uns dem Himmel erschließt. Und nichts und niemand kann ihn mehr zuschließen!

 21 Doch siehe, die Hand meines Verräters ist mit mir am Tisch. 22 Denn der Menschensohn geht zwar dahin, wie es beschlossen ist; doch weh dem Menschen, durch den er verraten wird! 23 Und sie fingen an, untereinander zu fragen, wer es wohl wäre unter ihnen, der das tun würde.

Und als würde Lukas das unterstreichen wollen, kommt die Erinnerung: Mit am Tisch sitzt der Verräter. Er hat seine Rolle in diesem Geschehen. Er muss mit seinem Tun dem Weg des Menschensohnes dienen. Das hebt seine Verantwortung für sein Tun nicht auf. Er wird schwer daran zu tragen haben – Lukas weiß: schwerer als dass er es ertragen könnte.

Kein Abendmahl lebt von der Heiligkeit derer, die es feiern. Auch dieses erste nicht. Es hat seine Kraft in ihm, in Jesus, in seiner Hingabe. Es ist gut, dass die Jünger anfangen zu fragen, wer es wohl wäre unter ihnen, weil es könnte ja jeder sein. Sie alle sind von der Art des Judas. Und Judas ist nicht das außerirdische Monster. Er ist einer von ihnen, in seiner Frömmigkeit, in seinem Vertrauen auf Jesus. Und etwas von diesem Judas, der sich einen Jesus nach seinem Bild erträumt und deshalb den wirklichen Jesus preisgibt, steckt in jedem von ihnen – und wohl auch in jedem von uns, bis heute. Es ist die Frage, die uns in der Gemeinde Jesu bis heute nicht erspart bleibt, die wir uns nicht ersparen dürfen.

Jesus                                                                                                                                    Du feierst das Fest der Verschonung                                                                                    das Fest des Anfangs                                                                                                           den Gott setzt und dem er treu bleibt

Du hast Verlangen nach Deinem Fest mit Deinen Jüngerinnen und Jüngern                        durch alle Zeiten hinweg                                                                                                         in dem Du Dich schenkst                                                                                                        Deine Treue                                                                                                                           Deine Liebe                                                                                                                             Dein Ich bin für euch

Jesus                                                                                                                                     ich danke Dir                                                                                                                       dass wir in jedem Mahl gewiss sein dürfen                                                                            Du bist unter uns                                                                                                                  Du gibst Dich uns                                                                                                                 Du öffnest uns den Weg zum Fest ohne Ende. Amen