Übe dich ein

Lukas 21, 29 – 38

 29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. 31 So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

 Es ist ein Gleichnis, das sofort einleuchtet: Wenn die Bäume ausschlagen, sehen alle, welche Zeit ist. Wenn der Feigenbaum – der Baum der Erkenntnis – aus-schlägt, wird sichtbar, was ab der Zeit ist. Dann können die, die sehen, wissen. Darum ist der Blick auf die Schrecknisse der Zeit kein Angst gejagter Blick, sondern es ist der Blick, der sieht, dass das Reich Gottes nahe ist.

 32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.

 Das ist stark in seiner Formulierung: Diese Weltzeit wird nicht vergehen, bis das geschieht. Und selbst wenn Himmel und Erde vergehen – die Worte Jesu bleiben. Was hier als eine Zusage Jesu klingt, ist zugleich wohl die feste Glaubensüberzeugung der Gemeinde, die Lukas bestärkt. Die Worte Jesu haben Bestand – und diesen Worten zu trauen macht beständig. Weil die Worte nicht vergehen, vergehen auch die nicht, die sich ihnen anvertrauen. Mitten in einer Welt, die von den Zeichen der Vergänglichkeit in Furcht und Erschrecken versetzt wird, haben die Christen Anlass zur Gewissheit, weil die Worte ihres Christus nicht vergehen und sie selbst in diesem Wort gehalten sind.

 34 Hütet euch aber, dass eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit täglichen Sorgen und dieser Tag nicht plötzlich über euch komme wie ein Fallstrick; 35 denn er wird über alle kommen, die auf der ganzen Erde wohnen. 36 So seid allezeit wach und betet, dass ihr stark werdet, zu entfliehen diesem allen, was geschehen soll, und zu stehen vor dem Menschensohn.

 Gewissheit ist das eine. Erschlaffen das andere. Es gehört zur Erfahrung der Gemeinde, dass das Warten nicht so einfach ist. Das Alltägliche gewinnt Übermacht. Und die Herzen sind plötzlich nicht mehr bei der Sache, sondern sind beschäftigt mit den Sorgen und schwer genug durch übermäßigen Genuss. Es ist Lebenserfahrung pur, was hier formuliert ist: dass Herzen beschwert werden mit Fressen und Saufen. Wir reden heute dann vom dicken Kopf und dem schweren Magen und bleiben auf der Ebene der körperlichen Symptome. Der Evangelist weiß mehr – dass aus dem körperlichen Befinden ein seelischer Zustand wird, dass das Herz beschwert, in Bedrängnis geraten kann.

 Es ist die Sorge, die sich in solchen ethischen Ermahnungen zeigt, dass das Heil versäumt werden kann, weil es zu einem Erschlaffen der Wachsamkeit kommt, zu einer Gewöhnung an den Glauben, in der er seine Kraft verliert, das Leben zu prägen. Der Glaube verschwindet nicht, er hört nur auf, dem Leben eine Gestalt zu geben. Darum aber geht es dem Evangelium, dass unser Glauben zu einer Gestalt unseres Lebens führt, die den Herausforderungen der Zeit standhalten lässt und sich so bewährt bis wir vor dem Menschensohn stehen werden.

Jesus                                                                                                                                  damit kennen wir uns aus                                                                                                       mit wankenden Welten                                                                                                  einstürzenden Denkmälern                                                                                            zerstörten Symbolen

Damit kennen wir uns aus                                                                                                     mit den Zeichen                                                                                                                        die von Krankheit und Leid                                                                                                     Not und Tod                                                                                                                         Elend und Hass künden                                                                                                         der Furcht vor dem Untergang Nahrung geben                                                                    und die Zukunft wie einen Schrecken ohne Ende scheinen lassen

Du aber sagst:                                                                                                                   Dahinter leuchtet das Licht des neuen Tages                                                                      Mitten im Beben kündet sich mein Kommen an                                                                     Mitten in Furcht und Schrecken dringt mein Heil in die Welt

Du sagst:                                                                                                                         Mitten in den Schrecknissen komme ich                                                                           Darum:                                                                                                                                  Übe dich ein den Kopf zu heben                                                                                         wenn alle ihn beugen                                                                                                            Übe dich ein durch zu schauen durch die Schrecken                                                        wenn alle blind werden vom Vordergründigen                                                                       Übe dich ein zu warten und zu hoffen                                                                                   wenn es vernünftig erscheint                                                                                               die Hoffnung fahren zu lassen                                                                                               Übe dich ein in den Blick in den Himmel                                                                               wenn alle nur noch die Erde sehen

Übe dich ein in meine Worte                                                                                               sie sind dein Halt in der Not. Amen

37 Er lehrte des Tags im Tempel; des Nachts aber ging er hinaus und blieb an dem Berg, den man den Ölberg nennt. 38 Und alles Volk machte sich früh auf zu ihm, ihn im Tempel zu hören.

Es ist wie eine Schlussbemerkung: Und er lehrte täglich im Tempel. (19,47) hat Lukas notiert und so auch jetzt. Tagsüber ist Jesus im Tempel, in der Öffentlichkeit. Er ist zugänglich. Er lehrt und was er lehrt, lehrt die Zukunft mit anderen Augen zu sehen. Fast könnte man auch sagen: Sein Lehren macht die Tage aus. Wenn er nicht lehrt, ist es Nacht.

Diese Schlussbemerkung zum Lehren Jesu ist gleichzeitig aber auch wie der Auftakt zu dem Geschehen, das nun seinen Lauf nimmt. Das Volk, das frühe kommt, ihn zu hören, wird auf einmal auf der anderen Seite sein – und die Nacht wird zur Zeit des Geschehens. Der Tag wird dunkel.