Unvernünftig freigiebig

Lukas 21, 1 – 4

 1 Er blickte aber auf und sah, wie die Reichen ihre Opfer in den Gotteskasten einlegten. 2 Er sah aber auch eine arme Witwe, die legte dort zwei Scherflein ein.

 Fast könnte man denken: Der Worte sind genug gewechselt. Eine Debatte hat die andere gejagt, eine Auseinandersetzung die nächste hervor gerufen, eine Wort-Falle ist durch die nächste abgelöst worden. Immer nur reden. Jetzt ist es doch einmal gut. Und man atmet als Leser fast erleichtert auf: Endlich geschieht wieder etwas. Endlich wird wieder etwas erzählt.

 Jesus tut, was man nicht tut. Er sitzt im Tempel und schaut, was sich rund um die Opferstöcke abspielt. Es gab wohl reichlich Gelegenheit, im Tempel sein Geld zu spenden – für Tempelangelegenheiten, für soziale Zwecke, für den Unterhalt derer, die dort arbeiten. Die Phantasie für das Einwerben von Spenden war wohl früher genauso groß wie sie es heute noch ist.

 Der Zuschauer Jesus sieht, was man nicht sehen soll: Reiche legen reichlich ein in den Opferstock, Arme eher ärmlich. Das ist kein verwunderlicher Vorgang. Entgegen der landläufigen Meinung gibt es durchaus freigiebige reiche Leute. Auch damals schon. Und Jesus sieht das.

Aber sein Blick bleibt nicht auf ihnen haften. Die reichen Spender bleiben irgendwie anonym, verschwinden in der Masse. Aus dieser Masse aber hebt der Blick Jesu eine hervor. Eine arme Witwe. Das ist erst einmal nichts Besonderes, sondern eher der Normalfall. In einer Gesellschaft, in der Frauen von ihren Männern abhängig sind, auch in dem was sie haben, sind Witwen arm dran. Diese arme Witwe zieht den Blick Jesu auf sich und sein Blick rückt sie ins Blickfeld. Sie gibt zwei Scherflein. Das ist, objektiv betrachtet, nicht viel. Der Tempel würde auch ohne diese Gabe gut über die Runden kommen. Obwohl: `Kleinvieh macht auch Mist.‘ hieß bei uns Zuhause immer.

 3 Und er sprach: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr als sie alle eingelegt. 4 Denn diese alle haben etwas von ihrem Überfluss zu den Opfern eingelegt; sie aber hat von ihrer Armut alles eingelegt, was sie zum Leben hatte.

 Zu dieser Betrachtung tritt nun die Deutung Jesu – und sie verändert die Wertigkeiten.Jesus rechnet anders als die objektiven Zahlen. Die einen geben aus ihrem Überfluss und spüren ihr Geben nicht. Für sie ändert sich auch nichts durch die Gabe, die sie einlegen. Sie müssen deswegen nicht sorgen, nicht fasten, auf nichts wirklich verzichten.

Die Witwe aber gibt mit ihrer geringen Gabe alles, was sie hat. Sie verschärft mit ihrem Geben ihre Armut. Man könnte auf die Idee kommen: ein verantwortungsbewusster Beobachter hätte ihr in den Arm fallen müssen. Er hätte warnen müssen: Was du tust, ist unvernünftig. Du fällst mit diesem alles Geben der Allgemeinheit zur Last. Du machst deine Armut nur noch schlimmer ohne dass deine Gabe wirklich für all die Spendenzwecke ins Gewicht fällt. So sagt die Vernunft.

 Jesus sieht Anderes und sagt Anderes. Er sieht die Hingabe, die sich ganz gibt. Er sieht das Vertrauen, das sich leere Hände leistet. Er sieht den Glauben, der nichts braucht und deshalb alles geben kann. Vernünftig ist das nicht. Und ob man es nachmachen kann, bloß weil diese Geschichte einem nahe geht, unter die Haut, weiß ich auch nicht.

 Ich merke, wie diese Episode mich in Frage stellt. Wie hältst du es mit deinem Spenden? Wie hältst du es mit den Gaben in den Opferkasten? Wie hältst du es mit der Sicherung des eigenen Lebens? Es ist eine Sache zu lesen: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen sollt, auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen sollt. Denn das Leben ist mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung.“ (12, 22-23) oder über den reichen Mann und seine Bindung an seinen Besitz nachzudenken. Es ist aber eine ganz andere Sache, sich von eigener Habe zu trennen, zu spenden, Geld und Besitz zu geben.

Das hat ja noch Logik für sich, wenn es um die Unterstützung in der eigenen Familie geht. Wer würde das nicht tun, den eigenen Leuten bis an den Rand der eigenen finanziellen Möglichkeiten helfen – egal, ob sie sich das selbst eingebrockt haben oder es sie schicksalhaft getroffen hat. Wenn Hilfe Not tut, muss man nicht mehr nach den Gründen fragen und ob einer selbst Schuld hat.

 Das leuchtet auch noch ein, wenn es darum geht, einem Freund aus einer Verlegenheit oder einem Engpass zu helfen, mit einem Darlehen, auch mit einem langfristigen Darlehen, auf dessen Zurückzahlung zu hoffen irgendwie fragwürdig ist. Aber einfach so – in einen großen Spendentopf? Einfach so, ohne jede Kontrolle, was daraus wird?

 Das ist wirtschaftliche Unvernunft. Das ist menschlich nicht vermittelbar. Und das ist auch unter frommen Leuten doch eher fragwürdig. Es ist ja nicht von ungefähr, dass der „Liebes-Kommunismus“ der ersten Gemeinde eher bissige Kommentare erntet und sein Scheitern in allen Kommentaren nicht ohne Wohlgefallen vermerkt wird.

 Nur hilft mir das alles nicht aus meinem Unbehagen heraus, das diese Szene auslöst. Sie stellt mein Geben in Frage. Sie fragt danach, wie viel es mich kostet und zu wie viel Unvernunft ich in meinem Geben bereit bin. Sie fragt danach, ob mich das Beispiel dieser armen Witwe über meine engen Grenzen hinaus locken kann. Sie fragt nach meinem Vertrauen, ob ich mir die leeren Hände leisten will, die ja doch eigentlich nur nicht mehr ganz so gut gefüllt sind.

 Das alles frage ich mich selbst und bin weit davon entfernt, jetzt wirtschaftlich Harakiri zu begehen, meine Spenden auf das Zehnfache zu erhöhen, meine Sparbemühungen einzustellen und zu sagen: Wenn ich um Gottes willen arm werde, mich selbst arm mache, wird er mich schon versorgen. So bin ich nicht gestrickt. Aber ich werde daran erinnert, dass es in meiner Spendenpraxis auch darum geht, der wirtschaftlichen Sorge nicht allein das Sagen zu lassen, sondern auch Raum zu öffnen für ein großzügiges Geben.

Das alles aber frei von einem zwanghaften „den Zehnten“ geben. Das kenne ich aus meiner Lebensgeschichte heraus, wie mich die Frage nach dem Zehnten auch belastet hat. Muss ich ihn ausrechnen und wenn ja? Was ist die Grundlage – der Zehnte vom Einkommen? Der Zehnte von der Einkommensteuer? Vom Brutto oder nach Abzug der Steuern? Schon die Fragen so zu stellen hat mich irgendwann sagen lassen: das ist zwanghaft und unfrei. Darauf liegt kein Segen. „Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk.“ (2. Korinther 9, 7-8) Erst in dieser Freiheit wird das Geben zu einem geistlichen Akt – vorher ist es leblose Pflicht, selbst dann, wenn es sich arm macht wie die arme Witwe.

 Es tut mir gut, dass Jesus hier nicht die Reichen beschimpft. Sie werden nicht als Geizkragen, selbst-verliebte Leute dargestellt. Sie werden nur „gebraucht“, um die so unvernünftige und selbstvergessene Haltung der armen Witwe ins Blickfeld zu rücken. Vielleicht ist es das, was ich aus dieser Geschichte lernen darf: dass es ein selbstvergessenes Handeln gibt, das die Sorge um sich selbst ab und an einmal aus der Hand geben kann, weil das Herz einfach die Regie übernommen hat und die Vernunft in Urlaub schickt. Machen kann ich das freilich nicht. Aber entsetzt sein, wenn es mir widerfährt, muss ich auch nicht.

Jesus                                                                                                                                      siehst Du auch mein Geben?                                                                                                  Siehst Du                                                                                                                                  wie ich mich nicht lösen kann von der Sorge um mich selbst?

Siehst Du                                                                                                                                wie ich mir selbst Grenzen setze                                                                                            weil ich doch vernünftig bleiben muss                                                                         verantwortlich im Umgang mit meiner Habe?                                                                    Siehst Du                                                                                                                                wie ich mir sage                                                                                                                 Wem ist denn damit gedient                                                                                                     wenn ich mich selbst arm mache und anderen zur Last falle?

Jesus                                                                                                                                meine Vernunft hindert mich oft genug                                                                               freigiebig zu geben                                                                                                                   Sie lässt mich knausern                                                                                                      rechnen                                                                                                                               festhalten was ich habe

Gib Du mir                                                                                                                            dass mein Herz weit ist                                                                                                          und mein Geben bestimmen kann                                                                                      auch wenn meine Vernunft mich warnt und einengen will. Amen