Heucheleien

Lukas 20, 41 – 47

 41 Er sprach aber zu ihnen: Wieso sagen sie, der Christus sei Davids Sohn? 42 Denn David selbst sagt im Psalmbuch (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, 43 bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.« 44 David nennt ihn also einen Herrn; wie ist er dann sein Sohn?

Eben haben die Schriftgelehrten Jesus noch Beifall gezollt. Aber nun wendet er sich ihnen zu und lässt sie spüren: Es ist mit den Beifall nicht getan. Er holt sie ab bei einem Lehr-Satz, der ihnen wichtig ist: Der Christus ist ein Davids-Sohn. Das ist die Erwartung, die die Schriftgelehrten vertreten. Sie hilft ihnen auch, unliebe Messias-Ansprüche zurück zu weisen. Wer der Messias sein soll, der muss eine Herkunft aus dem Davids-Haus „nachweisen“ können.

 Wer das Evangelium liest, kommt leicht auf die Idee, dass das für Lukas keine abgefahrene Forderung ist, erzählt er doch deutlich, dass Jesus aus dem Geschlecht Davids stammt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war. (2,4) Und der Stammbaum, den Lukas in 3,23 – 38 vorführt, enthält auch die Passage: „...der war ein Sohn Davids, der war ein Sohn Isais,…“(3, 31-32). Jesus erfüllt also nach Lukas die schriftgelehrte Forderung. Und doch polemisiert er mit seiner Frage dagegen. Warum?

Eine Möglichkeit scheint mir: hier wird vorgeführt – mit der Autorität Jesu – das man sich heillos in Schwierigkeiten bringt, wenn man am Buchstaben klebt, wenn man aus Respekt vor der buchstäblichen Klang eines Wortes darauf verzichtet, nach dem Horizont zu fragen, in dem ein Wort zu verstehen ist. Wenn man so will, treibt Lukas hier innerkirchliche Auslegungskritik. Der „David-Sohn“ schließt nach dieser Logik den „David-Herrn“ aus. Entweder – oder möchte man rufen.

Dabei ist einer wie Paulus leicht in der Lage „sowohl – als auch“ zu sagen und zu denken. Er spricht „von seinem ( Gottes ) Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten.“ (Römer 1, 3-4) Es sind zwei Ebenen, zwei Blickwinkel, die miteinander ins Gespräch, in Beziehung gebracht werden müssen. Der David-Sohn ist irdische Redeweise, der Herr Davids ist himmlische Wirklichkeit.

 Dieses Bekenntnis des Paulus mag hinter der Diskussion mit den Schriftgelehrten stehen. Zumindest ist es eine Linie, in der sich Christen mit schriftgelehrten Juden auseinander setzen, wenn es um die Messianität Jesu geht.

 45 Als aber alles Volk zuhörte, sprach er zu seinen Jüngern: 46 Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die es lieben, in langen Gewändern einherzugehen, und lassen sich gern grüßen auf dem Markt und sitzen gern obenan in den Synagogen und bei Tisch; 47 sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein umso härteres Urteil empfangen.

Irgendwie ist das eine unbefriedigende Auseinandersetzung. Es geht dann ja auch nicht theologisch-argumentativ weiter, sondern jetzt werden Vorwürfe gegen die Schriftgelehrten laut, die sie auf der persönlichen Eben angreifen. Sie sind hochmütig. Sie sind ausbeuterisch und missbrauchen ihre geistliche Stellung und sie sind scheinheilig.

 Der Vorwurf Hochmut wird mit der persönlichen Eitelkeit begründet. Sie okkupieren die besten Plätze – immer vorne weg und sie sind ausgesprochen eitel im Blick auf das Outfit. Heutzutage würde man sagen: sie suchen das Mikrofon und den besten Bildausschnitt. Sie betonen mit der Diensttracht – ob Luther-Rock oder Soutane – die eigene Bedeutung.

 Schlimmer ist in meinen Augen der Vorwurf, dass sie aus dem Glauben ein Geschäft machen. Sie schleichen sich in die Seelen von Leuten ein und luchsen ihnen das Eigentum ab. Sie hören Beichte und gewinnen darüber Einfluss. „Wenn das Geld im Kasten springt, die Seele aus dem Fegfeuer springt.“ Es ist der immer neu erhobene Vorwurf, dass „Geistliche“ merkwürdig gut rechnen können. Man muss nicht gleich an die Vatikan-Bank und ihre Skandale denken.

 Und schließlich: es ist Heuchelei im Spiel. Man gibt sich fromm, aber man pflegt nur den schönen Schein. Außen Lämmer, aber innen reißende Wölfe. Man betet, aber es ist kein wirkliches Gebet, sondern fromme Schau.

 Das alles als Christ zu lesen, erfüllt mich mit Scham – weil es so oft die Wirklichkeit in den christlichen Kirche ist – in allen. Und das zu lesen lässt mich erschrecken, weil ich nur zu deutlich weiß: ich bin selbst nicht so unberührbar durch diese Anklagen. „Herr Pfarrer“ – allein schon die ehrfurchtsvolle Anrede ist ein Problem und hat mich oft in Probleme gebracht. Lasse ich mir das gefallen? Schmeichelt es mir nicht auch? Ich kann leicht sagen: Ich habe mich nicht bereichert, indem ich Erbschaften erschlichen habe, Stiftungen eingeworben oder geistliche Geschäfte gemacht. Und doch: Ich lebe gut in einem System, das mich finanziell absichert. Mir fallen eine Menge Rechtfertigungen dafür ein. Aber es bleibt ein schaler Geschmack zurück.

 Und auch die Heuchelei werde ich nicht so leicht abweisen. Ich habe oft auf der Kanzel neben mir gestanden und mich gefragt: Was machst du da? Ich kenne den heimlichen Applaus, den ich mir selbst zolle und die selbst-verliebte Eitelkeit, die nur nach der Außenwirkung fragt. Es geht wohl nicht an, diese Worte nur als Kritik der Schriftgelehrten, der Anderen zu lesen und sich selbst außen vor zu glauben.

Jesus                                                                                                                                     es sind nicht immer die anderen                                                                                            die sich Deine Worte zu Herzen nehmen müssen

Ich weiß                                                                                                                                 wie leicht ich mich hinter den richtigen Sätzen verstecke

Ich weiß von mir                                                                                                                        wie ehrbegierig ich bin                                                                                                          wie es mir gefällt                                                                                                                 gewürdigt zu werden                                                                                                            Ich weiß von mir                                                                                                                      wie es manchmal einen hässlichen Zwiespalt gibt                                                           zwischen innen und außen                                                                                                 dem schönen Schein und der inneren Öde

Herr                                                                                                                                     weil ich das alles weiß                                                                                                             bitte ich Dich                                                                                                                       Bewahre mich vor aller Selbstgerechtigkeit                                                                         Hilf mir                                                                                                                                    ehrlich zu zu sein vor den Menschen                                                                                 vor mir selbst                                                                                                                            und vor Dir, Du Erbarmer. Amen