In ihm leben sie alle

Lukas 20, 27 – 40

 27 Da traten zu ihm einige der Sadduzäer, die lehren, es gebe keine Auferstehung, und fragten ihn und sprachen: 28 Meister, Mose hat uns vorgeschrieben (5.Mose 25,5-6): »Wenn jemand stirbt, der eine Frau hat, aber keine Kinder, so soll sein Bruder sie zur Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen erwecken.«

 Der Tempel als Ort der Diskussion – das setzt sich in der folgenden Szene fort. Diesmal sind es keine geschickten Denunzianten. Diesmal sind es die Skeptiker, die Aufgeklärten, die Anti-Traditionalisten. Es sind die, die die Lust an der Debatte zum Selbstzweck erhoben haben und die nur die eigen Vernunft als Maßstab gelten lassen möchten. Die Sadduzäer sind keine Hinterwälder. Sie sind erfolgreich, Aufsteiger in der Gesellschaft und allem religiösen Fanatismus abhold. Sie suchen gerne nach den logischen Schwachpunkten in den frommen Vorstellungen von Gott und der Welt.

Ihr Ansatzpunkt ist eine Bestimmung des mosaischen Gesetzes: Wenn Brüder beieinander wohnen und einer stirbt ohne Söhne, so soll seine Witwe nicht die Frau eines Mannes aus einer andern Sippe werden, sondern ihr Schwager soll zu ihr gehen und sie zur Frau nehmen und mit ihr die Schwagerehe schließen. Und der erste Sohn, den sie gebiert, soll gelten als der Sohn seines verstorbenen Bruders, damit dessen Name nicht ausgetilgt werde aus Israel.“ (5. Mose 25, 5-6) Levirats-Ehe nennt man das und es geht um den Fortbestand der Sippe. Zu Seiten, in denen die Sippe das soziale Sicherheitsnetz war, hatte diese Bestimmung ihren Sinn.

29 Nun waren sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau und starb kinderlos. 30 Und der zweite nahm sie 31 und der dritte; desgleichen alle sieben, sie hinterließen keine Kinder und starben. 32 Zuletzt starb auch die Frau. 33 Nun in der Auferstehung: wessen Frau wird sie sein unter ihnen? Denn alle sieben haben sie zur Frau gehabt.

 Aber, was irgendwann einmal Sinn hat, wirkt in anderen Zeiten wie ein seltsames Relikt. Und so wirkt ja auch diese durchaus konstruierte Geschichte. Aus einer Regelung für die Erde wird in der Erzählung der Sadduzäer ein Problem für den Himmel. Ihre Geschichte folgt der Logik: Der Himmel ist die Abbildung der Erde, obwohl die Logik frommer Gemüter ja eher umgekehrt ist: Die Erde soll den Himmel abbilden.

 Man muss nicht allzu viel Phantasie haben, um sie bei dieser Erzählung spöttisch lächeln zu sehen. Wie wird er sich jetzt aus der Affäre zu retten suchen – er, der doch so fest an die Auferstehung glaubt? Es ist ein Spiel, das gerne gespielt wird: Sich scheinbar auf die Welt des anderen einzulassen, um sie dabei ab adsurdum zu führen. Nach dem Motto: Kann der allmächtige Gott einen Stein machen, der so schwer ist, dass er ihn nicht heben kann? Diese Frage dient nur einem Zweck: die Allmacht Gottes, die ohnehin nicht geglaubt wird, als Unsinn erscheinen zu lassen.

 So ist es auch mit der Frage der Sadduzäer nach der Auferstehung. Sie wissen schon vorher, dass sie das nicht glauben. Sie wollen nur eine Bestätigung ihrer Sicht. Was die Sadduzäer beabsichtigen in ihrer intellektuell blasierten Überlegenheit, ist eine Hoffnung lächerlich zu machen. Das ist unfair der Hoffnung gegenüber und noch unfairer den Menschen gegenüber, die an dieser Hoffnung hängen. Wer einem Menschen seine Hoffnung lächerlich macht, der ist böse.

Man darf Menschen ihre Hoffnungen nicht nehmen. Wer das tut, beschädigt sie in ihrer seelischen Gesundheit. Darum habe ich oft ein zorniges Gefühl, wenn ich selbstsichere, kämpferische Atheisten erlebe, die mit lächelnder Überlegenheit anderen beweisen wollen, wie töricht ihr Glaube an Gott ist. Es stößt mich ab, weil ich empfinde, das hier die Achtung vor dem Glauben des anderen fehlt. Und der letzte Grund für den Widerspruch Jesu gegen die Sadduzäer sehe ich genau darin: Er will ihnen nicht erlauben, die Hoffnung zu zerstören.

34 Und Jesus sprach zu ihnen: Die Kinder dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten; 35 welche aber gewürdigt werden, jene Welt zu erlangen und die Auferstehung von den Toten, die werden weder heiraten noch sich heiraten lassen. 36 Denn sie können hinfort auch nicht sterben; denn sie sind den Engeln gleich und Gottes Kinder, weil sie Kinder der Auferstehung sind.

 Es ist erstaunlich, wie geduldig Jesus sich auf dieses Spielchen einlässt. Er nimmt sie ernst und zerstört zugleich mit einem Satz ihre Gleichung. Die Wirklichkeit der Welt und die Wirklichkeit der Auferstehung sind kategorial verschieden. Zur Weltzeit gehört heiraten und sich heiraten lassen. Zur Wirklichkeit der Auferstehung gehört das nicht mehr. Es ist eine Wirklichkeit, in der unsere Regeln und Erfahrungen nicht mehr gelten – nicht die Ehe und nicht das Sterben.

 Aber damit nicht genug. Jesus beschreibt nicht nur die Differenz. Er deutet auch die Wirklichkeit der Ewigkeit als ein neues Sein. Sie sind den Engeln gleich und Gottes Kinder, weil sie Kinder der Auferstehung sind. Das ist die große Wende: Ewigkeit ist ein neues Sein, auch im Blick auf jeden Einzelnen. Sie sind Gottes Kinder, Söhne und Töchter Gottes – so wie er Sohn Gottes ist. Das ist für mich der Bezugspunkt: Auferstehung macht uns teilhaftig an seinem Wesen, das er von Ewigkeit her hat.

 Ob die Auskunft Jesu alle frommen Leute seiner Zeit befriedigt hat? Ob sie uns heute befriedigt? Es gibt nicht wenige fromme Leute, die sich die Ewigkeit Gottes als die Fortsetzung der Erde vorstellen, alle ethischen irdischen Ordnungsprinzipien inklusive – also Ehe und Oben und Unten, Befehl und Gehorsam, arm und reich. Aber die neue Welt Gottes wird nicht den Regeln der alten Welt folgen und ihnen Ewigkeitsdauer verleihen. „Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21, 5) Die _Gleichung der Sadduzäer geht nicht auf.

 37 Dass aber die Toten auferstehen, darauf hat auch Mose gedeutet beim Dornbusch, wo er den Herrn nennt Gott Abrahams und Gott Isaaks und Gott Jakobs (2.Mose 3,6). 38 Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle.

Damit nicht genug, geht Jesus noch Schritt um Schritt weiter. Es ist der Glaube Israels, der grundlegend ist, der seit Mose – der Autorität, die auch die Sadduzäer anerkennen – das Denken Israels leitet. Der Gottesname ist ein Hinweis auf auf die Auferstehung – denn der Name der Gott Abrahams und Gott Isaaks und Gott Jakobs ist nicht fromme Erinnerung an die Erzväter, sondern er benennt die, die jetzt vor Gott sind und in ihm geborgen sind. Und dann, ins ganz Grundsätzliche erweitert: Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle. Das ist die Vorstellung Jesu: die Verstorbenen sind nicht in der Scheol „geparkt“ oder „entsorgt“ – sie sind in Gott geborgen.

 Es ist ein starkes Gottesbild: Gott schenkt das Leben, nicht nur für ein paar Jahre, nicht nur für die Zeit der Erde. Er schenkt das Leben, um es nie mehr los zu lassen. Es ist Gabe, die kein Ende hat, die auch durch den Tod hindurch nicht verloren geht. Der Schöpfer lässt sein Geschöpf nie mehr los. Der Gedanke Gottes, den er einmal in die Wirklichkeit gesetzt hat, geht nie mehr verloren. Er wird nur noch verwandelt, transformiert, so dass er auch in die neue Schöpfung „passt“. Fast könnte man, ein wenig spielerisch und ironisch sagen: Das ist die jesuanische Variante des Satzes von der Erhaltung der Materie. Oder, um es biblisch weniger anstößig zu sagen – Jesus setzt hier nur in Kraft, was er früher seinen Jüngern gesagt hat: „Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ (10,20)

 39 Da antworteten einige der Schriftgelehrten und sprachen: Meister, du hast recht geredet.

 Es ist ungewöhnlich und merk-würdig, aber hier stimmen ihm die Schriftgelehrten einmal zu. Sie fühlen sich von ihm vertreten. Was für eine seltenes Ereignis in der Erzählung des Evangeliums. Καλός – Schön gesprochen! Es ist gut, dass Jesus sich in dieser Auseinandersetzung auf unsere Seite schlägt, mögen sie denken. Es ist nur zu ahnen, wie sehr denen, die an der Schrift hängen, die spöttische Haltung dieser Auferstehungsleugner zu schaffen gemacht hat. Und wie gut tut es, wenn einer sich nicht fürchtet, sondern auch argumentativ standhalten kann.

 Das ist sicherlich ja auch die Sehnsucht der Christen in den Gemeinden gewesen – Argumente zu finden, mit denen man standhalten kann, die in der öffentlichen Diskussion nicht einfach der Lächerlichkeit preis gegeben werden können. Und es ist hier noch zu spüren, wie die Leugnung der Auferstehung an den Nerv des Glaubens rührt – und wie gut es ist, dass ihr Argumente aus der Mitte der Schrift, aus der Mitte des Gottesbildes entgegengestellt werden können.

 40 Und sie wagten nicht mehr, ihn etwas zu fragen.

 Hat Jesus das Gespräch gewonnen? Hat er die Sadduzäer erfolgreich zum Schweigen gebracht? War das sein Ziel, dieses Gespräch zu gewinnen? Oder ist diese Kategorie – Sieg und Niederlage – nicht für Gespräche über den Glauben völlig ungeeignet? Die ihn jetzt nicht mehr zu fragen wagen, die hören ja nicht auf, gegen ihn zu sein, Argumente zu sammeln, sich in ihrer Feindschaft zu formieren, zu suchen, wie sie ihn zum Schweigen bringen können.

 Dieser Satz berührt sich – so denke ich – damit, dass oftmals nach den Wundern Jesu so etwas wie ein staunendes Schweigen entsteht, ein Fragen nach ihm, Irritation auch, ein Ahnen, dass es mit Worten jetzt nicht mehr getan ist. Es ist nicht sein Siegeswille im Streitgespräch, der das Verstummen bewirkt. Es ist die Autorität Jesu, die hier aufleuchtet und die nach anderen Antworten als schnellen Worten verlangt.

Jesus                                                                                                                                  weil Du den Vater kennst                                                                                                       seinen Willen für das Leben                                                                                              seine Schöpferkraft                                                                                                                seine Treue                                                                                                                              darum sagst Du                                                                                                                     In ihm leben sie alle

Darum gibst Du keinen verloren                                                                                           darum glaubst Du für jeden                                                                                                   dass für ihn                                                                                                                              für sie noch Zukunft ist                                                                                                         Zukunft über den Tod hinaus

In ihm leben sie alle                                                                                                           Lass mich das glauben                                                                                                        wenn der Tod mich ratlos macht                                                                                         wenn ich nicht mehr weiß                                                                                                      wie es weiter geht                                                                                                                wenn mit die Worte fehlen.

Lass es mich auch dann glauben                                                                                            wenn ich mich nicht traue                                                                                                     es mitten in der Traurigkeit laut zu sagen. Amen