Untaugliche Fallen

Lukas 20, 20 – 26

20 Und sie belauerten ihn und sandten Leute aus, die sich stellen sollten, als wären sie fromm; die sollten ihn fangen in seinen Worten, damit man ihn überantworten könnte der Obrigkeit und Gewalt des Statthalters.

 Wer solche Geschichten erzählt wie die von den rebellierenden Weingärtnern, muss sich nicht wundern, das seine Loyalität befragt wird. Das klingt doch – trotz des Schlusses – sehr nach Sympathie mit denen, die sich ihr Recht nehmen. Und damit wird man zum Fall für die Sicherheitsbehörden.

 Es finden sich immer Menschen, die in solchen Situationen als Materialsammler unterwegs sind. Sie geben sich einen seriösen Anstrich. Sie sind am Diskurs interessiert. Sie wollen Meinungen erkunden. Sie treten als religiöse Fachleute auf, als spirituell Interessierte, als ehrliche Suchende. Aber in Wahrheit suchen sie nach Beweismitteln, Material, zitierfähigen Sätzen, gerichtsverwendbaren Beweisen.

 Heutzutage finden sich solche Leute gerne im großen Heer der Journalisten, Meinungsmacher, öffentlichen Kommentatoren. Sie treten auf in den sozialen Netzwerken und entfesseln gerne auch einen Aufschrei der Betroffenheit. Sie sind weit entfernt, der Justiz Beweise zu liefern. Aber sie füttern das Tier öffentliche Aufmerksamkeit und den Pranger, an den alle kommen, die sich eine abweichende Meinung erlauben, die nicht so denken, wie es die politische Korrektheit einiger selbsternannten Moraljuroren verlangt.

 Das Ergebnis ist aber dort wie hier gleich: es ist die Denunziation von Leuten, die nicht sagen, was sie sagen sollten. Und diese Denunziation wird Folgen haben, weil sie gerne Worte verdreht, bis sie justiziabel und verwertbar sind in rechtlichen und pseudo-rechtlichen Prozessen.

 21 Und sie fragten ihn und sprachen: Meister, wir wissen, dass du aufrichtig redest und lehrst und achtest nicht das Ansehen der Menschen, sondern du lehrst den Weg Gottes recht.

 Ist es ein vergiftetes Lob? Ist es der Versuch, Jesus mit dem Lob zu unbedachten Äußerungen zu verleiten? Es ist ja – davon ist Lukas überzeugt – die Wahrheit: Jesus redet aufrecht und lehrt recht. Er redet niemand nach dem Mund und gibt keine Gefälligkeits-Sätze von sich. Er ist einzig und allein dem Weg Gottes verpflichtet. Wörtlich heißt das: Du lehrst in Wahrheit den Weg Gottes. Der „König der Wahrheit“ (Johannes 19,37) lehrt in Wahrheit, επ αληθείας. So gesehen sind die Worte dieser Leute eine wunderbare Zusammenfassung des Handelns Jesu. Gerade das aber macht sie so ernst: Man kann richtig sehen, was Jesus sagt und tut und doch auf Abstand bleiben. Man kann ihn als Lehrer schätzen und muss ihm doch nicht folgen.

Gehe ich zu weit, wenn ich sage, dass sich hier zeigt: Rechtgläubigkeit ist kein Ersatz für die Nachfolge. Jesus als Lehrer zu verstehen und zu achten ist kein Ersatz dafür, ihm das eigene Leben anzuvertrauen.

 22 Ist’s recht, dass wir dem Kaiser Steuern zahlen, oder nicht?

Nach dem langen Anlauf und der tiefen Verbeugung – captatio benevolentiae – kommen sie zur Sache: Wie sollen wir es mit den Steuern halten? Oder eigentlich: Wie hältst Du es mit der Steuer. Das ist in Israel seinerzeit eine hoch brisante Streitfrage. Man hat die Wahl zwischen Steuerverweigerung, die politisch gefährlich ist und Steuerzahlung, die als Akt der Unterwerfung und Kollaboration gilt. Je nachdem Jesus antwortet – die eine Antwort macht ihn für die Obrigkeit zum potentiell verdächtigen Aufrührer, die andere wird ihn von der Basis des Volkes, das die Römer und das Steuerzahlen an sie hasst, entfremden. Es ist also eine richtige Falle, die hier vor Jesus aufgebaut wird.

23 Er aber merkte ihre List und sprach zu ihnen: 24 Zeigt mir einen Silbergroschen! Wessen Bild und Aufschrift hat er? Sie sprachen: Des Kaisers. 25 Er aber sprach zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!

Jesus spürt die Falle. Er ist ja der Herzenskenner – so hat Lukas schon oft gelehrt. Und er hat – das mag im Hintergrund stehen – eine merkwürdige Freiheit in diesen irdischen Dingen. Dass zeigt sich schon in seiner Aufforderung: Zeigt mir einen Silbergroschen! Er selbst hat so etwas ja nicht – nur die Fragenden tragen offensichtlich das Geld des Kaisers mit sich herum. Und die Münze gibt deutlich Auskunft. Es sind kaiserliche Münzen aus der römischen Prägung. Steuern sind in römischer Münze zu entrichten – die Münze ist kaiserlich, also gehört sie auch dem Kaiser.

 Das ist der erste Teil der Antwort. Mit dem zweiten Teil geht Jesus noch einen Schritt weiter: „Gebt Gott, was Gottes ist.“ Es ist alte Auslegung, hier an die Prägung des Menschen als „imago dei“ zu denken, als Ebenbild Gottes. „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 1,21) Wer das Bild Gottes ist, der gehört Gott und ist ihm sein Leben schuldig.

Auch daran lassen die alten Auslegungen keinen Zweifel: Dies, dass wir Bild Gottes sind, ist der schlechthin kritische Einspruch gegen alle Forderung des Staates, die sein Recht überschreitet, die einen Totalanspruch auf den Menschen erhebt. Wenn der Kaiser in Konkurrenz tritt zum Anspruch Gottes auf das Leben, dann gilt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29) So hat die Antwort Jesu die Christen herausgefordert zu Klärungen und ihnen geholfen, die Grenze zu ziehen gegenüber allem staatlichen Machtanspruch. Es war und ist mühsam genug, diese Grenzziehung in jeder zeit neu mit Leben zu füllen.

 26 Und sie konnten ihn in seinen Worten nicht fangen vor dem Volk und wunderten sich über seine Antwort und schwiegen still.

 Am Ende herrscht Schweigen. Es ist nicht gelungen, Jesus in seinen Worten zu fangen. Es wird sich auch später zeigen, im Prozess gegen ihn, dass das nicht gelingt. Die Zeugen sind nicht so, dass es reicht. Ihre Beweismittel haben keine Beweiskraft. Das Erstaunliche ist: Jesus redet sich nicht irgendwie heraus – er lehrt richtig über Gott. Er lehrt den Weg Gottes recht. Kein taktisches Zugeständnis – nur die Wahrheit Gottes ist sein Weg.

Jesus                                                                                                                                        Du bist der Mensch nach Gottes Willen                                                                              Du lebst seinen Willen                                                                                                       verkündigst seinen Willen                                                                                                sagst seinen Willen

Das macht Dich frei gegenüber allen Ansprüchen                                                                gegen alle Furcht                                                                                                              gegen alle Versuche                                                                                                            Dich zu vereinnahmen

An Dir sehe ich                                                                                                                    wie es um meine Freiheit                                                                                                        und um meine Gefangenschaften steht                                                                                   An Dir sehe ich                                                                                                                          wie oft ich Kompromisse eingehe                                                                                        ohne wirklich überzeugt zu sein

Hilf mir                                                                                                                                   die Einfalt des Herzens zu gewinnen                                                                                       in der ich mich ganz Gott lassen kann. Amen