Dominus flevit

Lukas 19, 41 – 48

 41 Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie 42 und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen. 43 Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen 44 und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

„Dominus flevit“ – auf halber Höhe des Ölbergs steht die Kirche, die von dieser Stelle ihren Namen hat. Es ist der Schmerz dessen, der mehr sieht als den Glanz einer wunderschönen Stadt. Er sieht das kommende Unheil. Er sieht den kommenden Untergang. Der die Herzen kennt, der die Gedanken liest, der sieht auch, was sich da über Jerusalem zusammen braut.

 Jesus ist nicht der erste Prophet, der Unheil über Jerusalem kommen sieht. Und so wenig die Leute in Jerusalem, vor allem die Mächtigen, es von Jesaja und Jeremia, bei Amos und all den anderen hören wollten, so wenig wollen sie es zur Zeit Jesu hören. Es sind Worte zur Unzeit und sie treffen auf taube Ohren. Es ist ein Ruf zur Umkehr, der kein Gehör findet. Wer sich leiten lassen will von der eigenen Größe, der sieht nicht, was da an Rissen um Mauerwerk ist. Aber es ist kein Vorwurf in dem, was Jesus sagt. Es ist keine Schuldzuweisung, keine Anklage. Blindheit kann man niemand zum Vorwurf machen. Nur: Der Schmerz wird dadurch nicht geringer.

 „Der Herr weint“ weil er die eigene Ohnmacht spürt. Er hat ja keine Gewaltmittel und will keine Gewaltmittel, um in Jerusalem ein Umdenken herbei zu führen.Was er hat, ist sein Wort, ist seine Liebe, ist die Botschaft vom kommenden Reich. Damit sucht er in Jerusalem Glauben. Damit will er Jerusalem „heim suchen“, auf den Heimweg zu Gott bringen.

45 Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, 46 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.

 An dieses Heimsuchen schließt die Aktion Jesu im Tempel an. Es ist nicht der Gewaltakt, den man da gerne unterstellt. Es ist auch nicht heiliger Zorn, der ihn so handeln lässt. Es ist der Schmerz über den Verlust als Zufluchtsort, der Jesus handeln lässt. Es macht doch auch keinen Sinn, gerade vorher die Tränen Jesu zu beschreiben und jetzt einen zornigen Jesus ins Feld zu schicken.

 Die Tempel-Reinigung und die Tränen haben die gleiche Wurzel: die Liebe zur Stadt Jerusalem, zu den Menschen in dieser Stadt. Wenn aus der Stätte des Gebetes ein Ort geworden ist, an dem Menschen „seelisch ausgeplündert“ werden, dann ist mehr verloren als ein Heiligtum. Dann ist ja die Zuflucht versperrt. Dann ist Gott selbst unzugänglich gemacht worden, weil er nur noch wie ein Schreckgespenst wirkt.

 Das ist – weit über diese Verse hinaus eine Frage: Ist Gott unzugänglich gemacht worden in den Kirchen, weil wir aus ihm ein theologisches Konstrukt gemacht haben, weil er ein blutleerer Begriff geworden ist, weil sich keiner mehr in Gott bergen kann, keiner mehr ihm seine Frage entgegen schreien kann, keiner mehr bei ihm seine Tränen weinen und trocknen kann? Haben wir Gott in unsere richtigen Theologien eingesperrt und die Menschen so von ihm ausgesperrt? Ist unser theologisches Denken zur Räuberhöhle verkommen?

 47 Und er lehrte täglich im Tempel.

 Alleine dieser Satz wehrt schon der hängigen Unterstellung, dass Jesu Tempelreinigung ein skandalöser Gewaltakt gewesen sei. Wenn er so „aufgeräumt“ hätte – keine Tempel-Polizei hätte ihm auch nur noch einen weiteren Tag zugestanden, im Tempel zu lehren. Für mich klingt das vielmehr so, als sei auch die Aktion zuvor eine Art „Lehrstück“ gewesen, ein demonstrativer Akt, der sagt, was die eigentliche Aufgabe des Tempels ist – ein Ort des Gebetes zu sein, ein Ort, an dem die Gegenwart Gottes erfahren werden kann.

Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn umbrächten, 48 und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.

 Hier dagegen meldet sich die Gewalt. Es sind gewalttätige Pläne, die gegen Jesus geschmiedet werden. Die über den Tempel zu wachen vorgeben, die sich zu Wächtern Gottes bestellt glauben sind in Wahrheit die voller Mordgedanken. Und die Formulierung des Lukas sagt, dass da nichts Rechtliches im Gang ist – es ist blanke Wut und nackte Gewalt. Gezügelt werden sie in ihren Plänen nur dadurch, dass das Volk um Jesus ist. Weil das Volk noch auf seine Wort hört, ist die Zeit für ihr Planen noch nicht da.

 Es ist eine trügerische Sicherheit, in der sich Jesus da bewegt. Das ganze Volk – `viel Volk’ heißt es in der alten Luther-Übersetzung, ό λάος άπας – ist keine wirklich verlässliche Schutzmacht. Es wird anderntags anderes tun als es jetzt tut.

Jesus                                                                                                                                      Du weinst über Jerusalem                                                                                                    über das Volk                                                                                                                       das hört und doch taub ist                                                                                                    das sieht und doch blind ist                                                                                                   das fromm ist und doch den eigenen Weg geht

Du weinst und rufst zur Umkehr                                                                                         zum Glauben                                                                                                                       zum Vertrauen auf Gottes Güte                                                                                          und nicht auf die eigene Macht und Stärke                                                                            Du willst                                                                                                                                 dass wir Zuflucht finden bei Dir                                                                                            der die Tränen sammelt und trocknet                                                                                   der den Heimweg auftut                                                                                                        und uns voran geht

Sei Du uns                                                                                                                               mir                                                                                                                                        Zuflucht in aller Schwäche                                                                                                 aller Angst                                                                                                                             aller Ungeborgenheit. Amen