Am Grab ist kein Bleiben

Lukas 24, 1 – 12

 1 Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.

 Der Sabbat ist vorbei. Es ist Zeit, Zeit für den letzten Liebesdienst. Einen ganzen Tag lang haben sich die Frauen auf diesen Weg vorbereitet. Sie wollen den Geruch des Todes vertreiben. Sie wollen Jesus für die lange Reise in die Unterwelt „reisefertig“ machen. Es ist seit uralten Zeiten Sitte, die Toten zu salben, sie mit guten Gerüchen zu umgeben. Die Einsamkeit des Todes soll ein wenig gemildert werden. Und wer weiß, dahinter mag auch die Hoffnung stehen: Es ist noch ein Weg da…. auch für die Toten.

 2 Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab 3 und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht.

 Der erste Problem ist gelöst – der Rollstein vor dem Grab ist weggewälzt. Sie müssen es nicht selbst tun. Der Zugang zum Grab ist frei. Sie gehen hinein und finden – nichts. Da ist kein Leichnam. Da ist kein toter Herr Jesus. Das ist im Lukas-Evangelium ein ziemliche seltene Formulierung Herr Jesus. Herr ist oft, Jesus noch öfters, aber Herr Jesus ist selten. Wenn es hier so steht, mag es ein Hinweis sein für die Leser: Sucht den Herrn Jesus nicht im Grab.

 4 Und als sie darüber bekümmert waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer mit glänzenden Kleidern. 5 Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? 6 Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Gedenkt daran, wie er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: 7 Der Menschensohn muss überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen. 8 Und sie gedachten an seine Worte.

 Das leere Grab löst keine Freude aus. Es löst keine verwegene Hoffnung aus. Es bewirkt Kummer. Verlegenheit wohl auch und Fragen. Wo ist er? Was geht hier vor? Aber dafür lässt der Erzähler keinen Raum. Zwei Männer in weißen Kleidern kommen.Sie sind zweifelsfrei Boten aus der Welt Gottes. Sie müssen nicht Engel genannt werden, um die Assoziation Engel auszulösen. Sie sind zu zweit, getreu der alten Botenformel: Die Wahrheit ist in zweier Zeugen Mund. „Am Grab ist kein Bleiben“ weiterlesen

Alles vorbei?

Lukas 23, 50 – 56

 50 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann 51 und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt. Er war aus Arimathäa, einer Stadt der Juden, und wartete auf das Reich Gottes.

 Achtung! sagt Lukas. Es kommt Ungewöhnliches. Und führt jetzt einen Abweichler aus dem Hohen Rat in die Geschichte ein. Josef von Arimathia, einer Stadt in Judäa, war nicht einverstanden mit dem ganzen Verfahren gegen Jesus. Er hatte es nicht aufhalten können. Aber auch wenn er überstimmt – oder muss man sagen: über-schrien wurde – das änderte nichts an seiner inneren Haltung. Er wartete auf das Reich Gottes. Und was er jetzt tut, tut er aus dieser Haltung eines erwartungsvollen Menschen heraus.

52 Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu 53 und nahm ihn ab, wickelte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch nie jemand gelegen hatte. 54 Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an.

 Es ist Abendzeit, am Ende eines langen Tages. Josef erbittet den Leib Jesu. Er kann ihn nicht einfach nehmen. Das römische Recht sieht grausam genug vor, das Gekreuzigte am Kreuz verrotten. Darum muss Josef eine Ausnahme erwirken. Das geht nur durch den Gang zu Pilatus. Ist es die Prominenz des Ratsherrn – er erreicht sein Ziel ohne jede Verzögerung. Die anderen Evangelisten wissen hier viel mehr zu erzählen, vom Erstaunen des Pilatus, von sorgfältiger Nachforschung und Kontrolle. Hier nichts davon. Die Bitte wird wortlos erfüllt.

 Jesus findet seinen Ruheort in einem bislang unbenutzten Grab. So ist er geschützt vor Entehrung und Schande, doppelt geschützt durch das Leinentuch und das Grab. Wenigstens durch sein Grab wird er geehrt, der im Tod so entehrt werden sollte. Josef von Arimathia erfüllt hier die Pflicht, die eigentlich den Angehörigen und den Freunden oblegen hätte. So tritt er heraus aus der anonymen Menge der Jesus-Sympathisanten und wird zu einem, der sich zu Jesus stellt. „Alles vorbei?“ weiterlesen

Von ferne

Lukas 23, 32 – 49

 Bis zu diesem Tag, bis zu dieser Stunde war alles nur Vorspiel: die Predigten auf den Wegen durch Galiläa“ die Wunder und Zeichen an den Menschen, die Feindschaft und der Hass der Gegner   all dies verblasst gegen diese Stunde auf Golgatha. Jetzt, an diesem Tag ist die Zeit der Entscheidung! Jetzt muss es sich zeigen, wer Jesus ist.

32 Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. 33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.

 Jesus geht seinen Weg nicht allein. Zwei andere gehen mit ihm. Übeltäter. Jesus ist auf seinem letzten Weg in schlechter Gesellschaft, so wie er auch vorher immer wieder war. Sie werden den Weg geführt, den keiner will. Jesus erleidet, was vor ihm und nach ihm Menschen gelitten haben. Er wird durch das Kreuz zum Abschaum der Menschheit erklärt. Der würdeloseste Tod, den sich einer denken konnte, ist der Tod am Kreuz. Und diesem Tod wird Jesus preisgegeben.

 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu.

 Das ist bei Lukas das erste Wort Jesu am Kreuz. Er bleibt sich und seinem Auftrag noch im Sterben treu. Es ist ja sein Auftrag, Gottes Versöhnung in die Welt zu bringen. Es ist sein Auftrag, das Bild des vergebenden Vaters Menschen so vor Augen zu stellen, dass sie wieder Vertrauen zu Gott fassen können. Sie wissen nicht, was sie tun! Lukas wird nicht müde werden, die Unwissenheit als Entschuldigungsgrund für das Tun der jüdischen Obrigkeiten zu benennen Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke; aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet….Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen.“ (Apostelgeschichte 3, 15.17) Diese Unwissenheit macht die Fürbitte Jesu möglich.

 Er ruft um Gnade für die Hohenpriester, die ihr Hass blind gemacht hat. Er ruft um Gnade für Pontius Pilatus, der nicht den Mut fand, seinem Herzen zu folgen. Er ruft um Gnade für die Kriegsknechte, die ja nur eine Exekution mehr vornehmen und nicht wissen, wen sie da ans Kreuz nageln. Er ruft um Gnade für seine Jünger, die geflohen sind. Er ruft um Gnade für die Spötter, die sich so einen Heiland nicht vorstellen können. Er ruft um Gnade für die, deren Sünden er trägt am Stamm dieses Kreuzes.

 Sie – wohl die, die seine Hinrichtung vollziehen, werfen das Los über seine Kleider. Die Verteilung seiner Habe beginnt schon, bevor er tot ist. Das ist wie eine Erinnerung an den jüngsten Sohn, der sein Erbteil einfordert vor dem Tod des Vaters. (15, 12)

 Das Volk steht und schaut zu. Nichts mehr ist zu hören von dem Hassgeschrei. Eine stumme Zuschauerschaft. Sie sehen das Kreuz, die losenden Soldaten und all die Leute, die sich um das Kreuz jetzt scharen.

 Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.

 Das Volk ist stumm. Umso mehr reden die Oberen. Sie, die das Volk führen, sie führen jetzt auch das Wort. Ist es wirklich Spott, was sie da sagen? Ist es nicht wie eine letzte, große Versuchung und übernehmen sie mit ihren Worten nicht die Rolle des Versuchers? Hilf dir selbst! Denke an dich! Lass den Gehorsam gegen Gott fahren. Es ist, als würden sie den Versucher zitieren, situations-angepasst neu zur Sprache bringen. Und wenn sie ihn „der Auserwählte Gottes“ ansprechen, so sprechen sie die Worte der Himmelsstimme nach, ohne es zu wissen – „Dieser ist mein auserwählter Sohn; den sollt ihr hören!“ (Lukas 9, 35) Es ist so viel Wahrheit in diesen Spottworten, aber so wenig Glaube. „Von ferne“ weiterlesen

Umkehr, nicht Klage

Lukas 23, 26 – 31

 26 Und als sie ihn abführten, ergriffen sie einen Mann, Simon von Kyrene, der vom Feld kam, und legten das Kreuz auf ihn, dass er’s Jesus nachtrüge.

 Es ist eine Unbestimmtheit in den Worten: Wer sind sie, die ihn abführten? Nach dem Fortgang der Geschichte müssten es die Römer sein. Nach den Worten zuvor eher die Juden, deren Willen Pilatus Jesus übergeben hat. Wählt Lukas diese Unbestimmheit, um das unheilvolle Zusammenspiel anzudeuten?

 Auf dem Weg zum Hinrichtungsort ergreifen sie – diesmal müssen es wohl die römischen Soldaten sein, die zu so einer Maßnahme das Recht haben einen bis dahin Unbeteiligten – Simon von Kyrene. Er kommt vom Feld oder vom Land – beides ist möglich. Er wird in die Geschichte Jesu hineingezogen. Er wird – das deutet die Formulierung des Lukas an, zum „Prototyp“ des Jüngers, indem er Jesus sein Kreuz nach-trägt.

Das ist ja mehrfach von Jesus als das Kennzeichen der Jüngerschaft benannt worden. „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“(9,23)Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ (14,27) Hier also zeigt Lukas den Lesern den ersten Kreuzträger – nicht aus freier Entscheidung, sondern genötigt von außen, ungefragt, schicksalhaft. Es ist wie eine Korrektur möglicher – auch frühchristlicher – Missverständnisse: Zum Kreuztragen kann und darf man sich nicht drängen – es wird einem auferlegt, und dann muss man es tragen.

 27 Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen, die klagten und beweinten ihn.

Wieder steht da ein Wort, das bei Lukas inhaltlich stark geprägt ist: Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen. ακολουθώ ist das Wort, um Nachfolge zu bezeichnen. Darum geht es in der Nachfolge – in der Nähe Jesu zu sein, seinen Weg mit zugehen, in seine Spur zu treten. Es ist zum Staunen: Das sind die gleichen Leute, die eben noch geschrien hatten: Weg mit ihm! Ans Kreuz! (23, 18.22) Jedenfalls – sie gehen den Weg Jesu nach. Sie sehen in ihm das Opfer der Gewalt, wohl vor allem der verhassten römischen Gewalt.

 28 Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder. 29 Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht genährt haben! 30 Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns!, und zu den Hügeln: Bedeckt uns!

 Jesus wendet sich um. Er bricht sein Schweigen. Er sieht nicht auf das, was vor ihm liegt, auf seinen Tod. Er sieht auf das, was auf die Stadt Jerusalem und die Menschen zukommt. Sie bemitleiden ihn. Er aber will nicht ihr Mitleid für sich. Er will ihre Umkehr, um ihres Lebens und der Stadt willen. „Umkehr, nicht Klage“ weiterlesen

Ausgeliefert

Lukas 23, 13 – 25

13 Pilatus aber rief die Hohenpriester und die Oberen und das Volk zusammen 14 und sprach zu ihnen:

 Pilatus muss sich wieder mit der „Angelegenheit“ Jesus befassen. Jetzt aber ist es nicht mehr nur eine Verhör-Szene – jetzt geht es um eine Entscheidung. Darum stellt Pilatus Öffentlichkeit her – Er ruft die Hohenpriester, die Oberen und das Volk zusammen. Dabei gibt das Griechische besser Auskunft: άρχοντας und ό λαός sind präzise Begriffe. Die Archonten haben ein Leitungsamt. Und Das Volk ist hier religiös gefärbt beschrieben und nicht einfach nur eine anonyme Masse.

 Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht als einen, der das Volk aufwiegelt; und siehe, ich habe ihn vor euch verhört und habe an diesem Menschen keine Schuld gefunden, derentwegen ihr ihn anklagt; 15 Herodes auch nicht, denn er hat ihn uns zurückgesandt. Und siehe, er hat nichts getan, was den Tod verdient. 16-17 Darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben.

 Pilatus bleibt bei seiner Linie. Dieser Mensch sagt er und vermeidet wieder den Namen. Jesus ist irgendeiner, der ihm überstellt worden ist und mit dem er sich befassen muss. Dabei lässt er keinen Zweifel: Die Anklagen haben ihn nicht überzeugt. Er nennt noch einmal den Vorwurf: einer, der das Volk aufwiegelt aber seine Untersuchungen haben nichts in dieser Richtung ergeben. Die Anklage stimmt nicht. Er ist unschuldig.

 Pilatus verweist auch darauf: Der Fachmann für jüdische Angelegenheiten, König Herodes, hat auch nichts gefunden. Er hat ihn zurück gesandt – heiß doch wohl: Ich habe damit nichts zu tun. Und dann die Zusammenfassung des Pilatus. Und siehe, er hat nichts getan, was den Tod verdient. Sein Zugeständnis an die Feinde Jesu: Ich lasse ihn „verwarnen“ – meint: verprügeln. Aber dann soll er seiner Wege gehen

 18 Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem, gib uns Barabbas los! 19 Der war wegen eines Aufruhrs, der in der Stadt geschehen war, und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden. 20 Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte.

 Jetzt wird es tumulthaft. Der einen Stimme des Pilatus tritt das Geschrei der vielen entgegen. Das hat nichts mehr mit einem ordentlichen Gerichtsverfahren zu tun. Weg mit ihm! schreien sie – gemeint sind doch wohl die Hohenpriester, die Oberen und das versammelte Volk. Aus Zuschauern wird ein Mob. Und sie wissen auch schon eine Lösung: Statt Jesus soll Pilatus Barabbas freigeben – einen überführten Terroristen und Mörder.

 Der Hintergrund mag eine Sitte gewesen sein, eine Amnestie auf das Fest. Die Römer haben manches getan, um gute Stimmung zu gewinnen, um die Härte des Besatzungsstatus ein wenig zu mildern. Ob Pilatus zu diesem Akt verpflichtet war, ist unter den Exegeten umstritten. „Ausgeliefert“ weiterlesen

Hin und her

Lukas 23, 1 – 12

 1 Und die ganze Versammlung stand auf, und sie führten ihn vor Pilatus 2 und fingen an, ihn zu verklagen, und sprachen: Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk aufhetzt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu geben, und spricht, er sei Christus, ein König.

 Es gleicht einer Prozession und ist nicht ohne Ironie. Der Hohe Rat bringt den Gefangenen zu Pilatus. Sie haben kein Urteil gefällt. Das muss er, der Römer. Denn das Urteil, das sie haben wollen – Tod – können sie nicht selbst durchsetzen. Die hohe Gerichtsbarkeit haben sich die Römer vorbehalten.

 Die Anklage ist deutlich formuliert: Volksverhetzung, Verweigerung der Anerkennung Roms, Vorbereitung eines Aufstands. Das alles kulminiert in der Aussage: er spricht, er sei Christus, ein König. Damit hat der Römer, so sind sie überzeugt, die Handhabe, die er für ein Urteil braucht. Wer König in Israel sein will, ist das nur aus Roms Gnade. Wer das beansprucht, macht Rom seine Macht streitig. Und darauf steht der Tod. Das ist ja, was sie wollen: seinen Tod.

3 Pilatus aber fragte ihn und sprach: Bist du der Juden König? Er antwortete ihm und sprach: Du sagst es. 4 Pilatus sprach zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.

 Es ist folgerichtig, dass Pilatus dieser Spur nachgeht. Er will es aus dem Mund des Angeklagten selbst hören, darum fragt er: Bist du der Juden König? Die Antwort Jesu ist kurz – und zweideutig. Du sagst es. Man könnte auch übersetzen: So sagst Du. Es ist jedenfalls nicht der politische Machtanspruch, den ihm der Hohe Rat vorwirft. Pilatus hat verstanden: Der hier vor mir steht, ist politisch harmlos. Jedenfalls hat er keine anti-römischen Interessen. Das bringt er auch klar zum Ausdruck gegenüber dem Rat und dem Volk – wo kommt das plötzlich her? – Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.

Das wird durchgehalten in dem ganzen Abschnitt: ό άνθροωπος. Konsequent wird der Name Jesu durch dieses Wort: `der Mensch‘ ersetzt. Das Individuum Jesus ist nicht von Interesse – weder für Pilatus noch für Herodes. Er ist ein Fall, irgendein Mensch. Nicht wirklich von Interesse.

 Zugleich mag es ein Hinweis des Lukas an seine Leser sein. Man kann Jesus für einen Menschen halten, für nichts als einen Menschen. Und wird so blind für das, was er in Wahrheit ist. Man kann ihn auch Christus nennen und doch blind dafür sein, dass er mehr ist als ein Christus, als ein Messias, der die Welt ordnet.

Das ist bis heute so und viele sagen es auch: Jesus – mag sein, er war ein guter Mensch – aber mehr ist es auch nicht um ihn. Und wieso soll ich da an ihn glauben? Es gibt eine Blindheit, die den Menschen Jesus sieht und sonst nichts. Paulus nennt das die Weisheit der Welt, die Gott zur Torheit macht. (1. Korinther 1,20) Es braucht andere Augen als den geschärften Blick der Mächtigen, der Klugen, der Weltweisen, um Jesus zu erkennen als den, der er ist, als den Heiland Gottes. „Hin und her“ weiterlesen

ausgeliefert – preisgegeben

Lukas 22, 63 – 71

 63 Die Männer aber, die Jesus gefangen hielten, verspotteten ihn und schlugen ihn, 64 verdeckten sein Angesicht und fragten: Weissage, wer ist’s, der dich schlug? 65 Und noch mit vielen andern Lästerungen schmähten sie ihn.

 Ausgeliefert. Preisgegeben, fest gehalten. Jesus erfährt, wie es ist, in die Hände „staatlicher Schläger“ zu fallen. Sie treiben ihre Spielchen mit ihm. Es mögen Anleihen an Kinderspiele wie `Blinde Kuh‘ sein, aber sie sind grausam und brutal. Sie sind der Versuch der Entwürdigung des Gefangenen. Sie sollen ihm die Würde und damit auch die Widerstandskraft nehmen. Die Frage heißt: Ist es die Absicht derer, die Herr des Verfahrens sind, dass Jesus so dem Spiel der Truppe preisgegeben ist?

 Was inhaltlich geschieht, ist ja eine Verhöhnung des Propheten Jesus. Lukas hat immer wieder Hinweise darauf gegeben, dass Jesus wie ein Prophet handelt, die Herzen kennt, um die Zukunft weiß. Und jetzt wird in den Misshandlungen genau dies in Frage gestellt: Weissage, wer ist’s, der dich schlug? Wäre dieser ein Prophet, würde er nicht auch mit verbundenen Augen sehen? Würde er seine Quäler nicht erkennen?

 Der Einfallsreichtum von solchen Quälern kennt kaum Grenzen. Was da im Deutschen harmlos „Lästerungen“ genannt wird, hat im Griechischen einen ganz anderen, wesentlichen Beiklang. βλασφημοΰντες steht da und damit klingt es nach Blasphemie, nach einer Lästerung, die auch Gott die Ehre nimmt. „Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer.“ (Sprüche 14, 31) Ist der Gefangene Jesus nicht dieser Geringe, dessen Misshandlung jetzt den Schöpfer lästert? So gewinnt der Gebrauch dieses Wortes seinen eigenen, tiefen Klang.

 66 Und als es Tag wurde, versammelten sich die Ältesten des Volkes, die Hohenpriester und Schriftgelehrten und führten ihn vor ihren Rat

 Bei Lukas ist der Schein des Rechtes gewahrt. Es gibt keinen nächtlichen Prozess, kein nächtliches Verhör vor dem Hohen Rat. Überhaupt ist ja die Frage: Ist das, was jetzt stattfindet, vor dem Synhedrion ein Verhör? Ist es der erste Teil eines Prozesses? Oder ist es „nur“ eine Befragung? Was mir auffällt: Pharisäer sind nicht Teil dieser Veranstaltung. „ausgeliefert – preisgegeben“ weiterlesen

Der Blick der Liebe

Lukas 22, 54 -62

 54 Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters.

 Das ist das Ergebnis der nächtlichen Aktion: Jesus wird festgenommen. Er wird in das Haus – gemeint ist wohl der Dienstsitz des Hohenpriester – gebracht. „Ihn“ schreibt Lukas und wird durch die nächsten Verse dabei bleiben, als hätte Jesus mit dem Zugriff der Staatsmacht seinen Namen verloren. Er ist zum Objekt geworden.

 Petrus aber folgte von ferne. 55 Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie. 56 Da sah ihn eine Magd am Feuer sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. 57 Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht. 58 Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin’s nicht. 59 Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist ein Galiläer. 60 Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst.

 Es ist mutig von Petrus, dass er dem Aufgebot von Tempelpolizei und Staatsmacht folgt. Es ist nicht wirklich angemessen, Petrus für feige zu halten. Wer hätte sich schon getraut in dieser Situation, nahe dran zu bleiben? Wer hätte sich getraut, sich zu ihm zu bekennen?

 Das andere: Geht Jesus nicht jetzt einen Weg, dem wir immer nur von ferne folgen können? Ist es uns wirklich möglich, ihm in der Passion nahe zu sein, auf diesem Weg, auf dem es um das Heil der Welt geht? Sind wir nicht, wie von selbst, nur Zuschauer, nur auf Abstand? Mir jedenfalls geht es so: Je näher die Passion Jesu rückt, umso deutlich spüre ich: Da bin ich nicht direkt dabei. Das ist nicht mein Weg und ich kann ihn auch nicht mitgehen. Ich bin auf Abstand, Distanz. Zuschauer, aber deshalb noch lange nicht unbeteiligt. „Der Blick der Liebe“ weiterlesen

Gefangennahme

Lukas 22, 47 – 53

 47 Als er aber noch redete, siehe, da kam eine Schar; und einer von den Zwölfen, der mit dem Namen Judas, ging vor ihnen her und nahte sich zu Jesus, um ihn zu küssen. 48 Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?

 Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Die Stunde der Anfechtung, der Versuchung ist da. Die Stunde der Auslieferung. Judas führt eine Schar an. Sie wird bei Lukas zunächst nicht näher bestimmt. Es sind genug Leute, um eine Festnahme durchzuführen. Aber vorneweg geht Judas. Und er nahte sich zu Jesus, um ihn zu küssen.

 Was schwingt da in den Worten Jesu mit? Ist das Verwunderung? Bitterkeit? Das Staunen über eine durchgehaltene Freundschaft? Mit einem Kuss der Freundschaft übergibst du mich? So sehr haben wir uns daran gewöhnt, den Kuss des Judas als Zeichen des Verrates zu sehen und zu missachten, dass wir das Zeichen der Freundschaft darin nicht mehr wahrnehmen. Der griechische Text lässt keinen Zweifel zu: es ist zutiefst und zuallerst eine Freundschaftsgeste und erst dann eine Kennzeichnung: Der ist es. „Gefangennahme“ weiterlesen

Gethesemane – Allein

Lukas 22, 39 – 46

 39 Und er ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch die Jünger.

Auf den ersten Blick mag es ein Weg sein wie immer. Jesus hat die Gewohnheit, die Nächte am Ölberg zu verbringen, betend, fragend, den eigenen Weg suchend. Und seine Jünger tun, was sie seit Jahren tun: sie gehen ihm nach. Darauf hat sich das Programm ihres Leben reduziert: nachgehen, hinter ihm her. Mehr brauchen sie nicht als seine Fußspur, der sie folgen können.

40 Und als er dahin kam, sprach er zu ihnen: Betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt!

 Jetzt aber wird es anders als in den Nächten zuvor. Betet, sagt Jesus seinen Jüngern. Er selbst wird beten und er fordert sie auf zum Beten. Nicht, weil er ihr Beten braucht, sondern weil sie es brauchen werden. Damit ihr nicht in Anfechtung fallt! Das ist der Sinn ihres Betens: Sie sollen sich Kraft holen. Sie werden diese Kraft brauchen, damit sie der Anfechtung standhalten können, die auf sie zukommt.

 Wir hören die Aufforderung Jesu falsch, wenn wir hören: damit euch die Anfechtung erspart bleibt. So denken wir ja oft: Der Herr könnte uns diese und jene Situation mit ihren Herausforderungen und Überforderungen ersparen. Aber es geht nicht um ein Ersparen, sondern um ein standfest Werden, um durchhalten und sich Bewähren.

41 Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, und kniete nieder, betete 42 und sprach: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! 43 Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. 44 Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.

 Warum reißt er sich von ihnen los? Was meint diese so starke Ausdruck, der ja eine emotionale Färbung hat? Um das zu verstehen, ist es gut zurück zu schauen: Mich hat herzlich verlangt… Auch das war hoch emotional. Jetzt beginnt ein Weg, der nicht mehr von der menschlichen Nähe der Jünger getragen wird. Jetzt beginnt der Weg Jesu, den er ganz allein gehen muss. „Gethesemane – Allein“ weiterlesen