Einer schreit

Lukas 18, 35 – 43

 35 Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte.

Da sitzt einer am Weg. Ein Blinder. Keinen Weg mehr vor Augen. Nur die anderen haben Wege, er nicht. Er sitzt fest, tagaus, tagein. Mit seinem Leben geht es nicht mehr vorwärts, ist es wohl nie wirklich vorwärts gegangen. Festgelegt, festgefahren. Erblindet. Das einzige, was er hat, ist eine kümmerliche Existenz als Bettler.

36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37 Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. 38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

 Und doch ist dieser Blinde nicht so abgestumpft, so fertig mit dem Leben, dass er wohl meistens gar nichts mehr wahrnimmt. Er ist nur noch ausgestreckte Hand nach einer milden Gabe. Aber irgendwie bekommt er mit, dass etwas im Gang ist und will nicht, dass es einfach so an ihm vorbei geht. Auf sein Nachfragen hört er, dass es Jesus ist, der da unterwegs ist, auf dem Weg, an ihm vorbei.

 Diese Nachricht lässt ihn rufen, schreien. Warum? Was mag er gehört haben an Geschichten, Gerüchten, die in seinen Ohren vielleicht wie Märchen geklungen haben: Er bringt Menschen neu auf den Weg. Er hilft Menschen aus verfahrenen, ausweglosen Lebenssituationen heraus. Er schenkt Menschen neue Hoffnung. Er hat Menschen geheilt, auf die Beine gestellt. Er hat Augen und Zeit für die, die immer übersehen werden.

 Wenn so von Jesus erzählt wird, meldet sich eine Sehnsucht. Die Sehnsucht, dass etwas dran sein möchte an den Gerüchten über Jesus, an dem, was man von ihm erzählt. Diese Sehnsucht lässt den Blinden schreien: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner. Mehr nicht. Das aber laut. Aufdringlich. Störend. So, dass ihn andere zum Schweigen bringen wollen. Und je mehr sie das versuchen, umso lauter schreit er.

 Er hat ja nichts zu verlieren. Er weiß ja: Was ich brauche, ist einer, der sich zu mir kehrt, der sich mir zuwendet. Einer, der mich ansieht. Einer, der mich spüren lässt: Ich bin ihm wert, dass er bei mir stehen bleibt. Einer, der mir sein Ohr leiht und mir hilft. Weil er weiß, dass er so angewiesen ist, lässt er sich nicht abhalten zu schreien. Er kennt keine Scham. „Scham ist ein unnützes Hausgesinde im Haus eines Bettlers.“ (Martin Luther)

40 Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

 Und Jesus bleibt stehen. Er hört das Schreien, sein Rufen – und unterbricht seinen Weg – um eines Bettlers willen. Er Schenkt ihm Zeit und Aufmerksamkeit: Was willst du, dass ich dir tun soll. Es macht die Würde aus, die Jesus diesem blinden Bettler zuspricht, dass er ihn fragt: Was willst Du? Er wirf ihm nicht seine Heilung im Vorbeigehen zu wie ein Almosen. Er fragt ihn. Wenn man einem Menschen wirklich auf die Beine helfen will, darf man ihm nicht einfach ein paar gut gemeinte Brocken Hilfe hinwerfen – man muss fragen: Was willst du? Nur so behält er in seiner Hilflosigkeit seine Würde.

 Der Blinde kann seinen Herzenswunsch sagen, seine Sehnsucht in Worte fassen. Und indem er das tut, fasst er seinen Glauben in Worte. Und die Antwort Jesu: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Dass er ihm diesen Wunsch sagt, den er tagaus, tagein bettelnd um Almosen ins Schweigen begraben hatte, das ist Glauben. Dass er ihm anvertraut, was die Sehnsucht seines Herzens ist, das ist Glauben. Nicht, dass er ihn „Sohn Davids“ nennt, nicht, dass er ihn „Herr“ nennt, dass er ihm seine Sehnsucht sagt – das macht seinen Glauben groß. Darin ist er Vorbild und Beispiel für alle, die von ihm hören und lesen. Du darfst Jesus deine Sehnsucht sagen und er sieht darin Deinen Glauben.

 Ob daraus immer körperliche Heilungen werden steht auf einem anderen Blatt – und ist auch wohl nicht der Gedanke des Lukas. Jesus jedenfalls hat nicht alle Blinden seiner Zeit geheilt. Aber dieser eine ist heil geworden.

 Und dann folgt der blind Gewesene Jesus nach. Sehenden Auges. Nach Jerusalem. Er nimmt den Weg auf sich, vor dem die Jünger zurück schrecken. Er wagt sich auf den Weg, den die Jünger nicht verstehen und nicht wahr haben wollen. Es scheint eindeutig: Nur so sehend geworden, durch das Wunder der Blindenheilung kann einer den Weg nach Jerusalem hinter Jesus her gehen und als den Weg Gottes verstehen.

 Jesus                                                                                                                                        wie oft bist Du vorüber gegangen                                                                                        ohne dass ich geschrien habe                                                                                                Wie oft habe ich mich nicht getraut                                                                                         zu rufen                                                                                                                            meine innerste Sehnsucht heraus zu schreien

Und Du wärst doch stehen geblieben                                                                                   Du hättest mich gefragt                                                                                                        Was willst du                                                                                                                        dass ich für dich tun soll?                                                                                                     Du hättest mir meine Würde behalten                                                                                 und meine Bitte gehört

Ich aber habe geschwiegen                                                                                               meine Sehnsucht geleugnet                                                                                                  nicht wahr genommen                                                                                                       nicht zugelassen

Herr                                                                                                                                        mache mir Mut zu schreien                                                                                                      Dich in mein Leben zu rufen                                                                                              Und so mein Innerstes Dir zu vertrauen. Amen