Das eine Zeichen

Lukas 11, 29 – 36

 29 Die Menge aber drängte herzu. Da fing er an und sagte: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht; es fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Jona. 30 Denn wie Jona ein Zeichen war für die Leute von Ninive, so wird es auch der Menschensohn sein für dieses Geschlecht. 31 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit den Leuten dieses Geschlechts und wird sie verdammen; denn sie kam vom Ende der Welt, zu hören die Weisheit Salomos. Und siehe, hier ist mehr als Salomo. 32 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden’s verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

 Die Menge drängt sich um Jesus, von dem sie gerade gehört hat, wie eine Seligpreisung über ihm gesprochen wird. Will sie Anteil daran, an ihm haben? Ahnt sie doch, dass er mehr ist als nur ein Wundertäter? Ist dieses zu ihm hin Drängen nicht ein Zeichen dafür, dass sie nicht wie die Wortführer von eben denken, dass sie ihn von Gott gesegnet sehen?

 Und dann dies: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht. Das ist der nasse Lappen ins Gesicht der Leute um ihn herum. Das ist Angriff, Attacke. Woher kommt das? Jesus ist jedenfalls kein Gefälligkeitsredner. Es ist manchmal vielmehr so, als sei er auf Konfrontation aus. Jesus knüpft mit seinen Worten ja an das an, was unmittelbar vorher verhandelt wurde: Die Forderung an ihn, sich durch Zeichen zu legitimieren. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.(11,16) Jesus aber hört darin die Stimme des Versuchers und darum reagiert er so hart: Wer von ihm Zeichen fordert, ruft ihn heraus aus dem Weg des unbedingten Gehorsams, will von ihm die Selbstinszenierung und nicht den Gehorsam des Sohnes.

 Ein einziges Zeichen wird die Zeit empfangen – aber nicht aus seinen Händen. Es ist das Zeichen, das Gott selbst aufrichten wird – das Zeichen des Jona. Und jetzt verkürzt Lukas gegenüber Matthäus so sehr, dass eigentlich nur ein Rätselwort übrig bleibt. Bei Matthäus wird das Jona-Zeichen erläutert: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Matthäus 12, 40) Weil dieser Zusatz hier bei Lukas fehlt, verhüllt dieses Wort Jesu mehr als es erklärt.

 Zum wiederholten Mal nimmt Jesus so das Wort, dass er seine jüdischen Hörer geradezu gnadenlos provoziert. Die heidnische Königin von Saba, das üble Volk der Niniviten – sie werden gegen Israel als Zeugen des Glaubens auftreten, denn sie haben auf Salomo und Jona gehört, während Israel sich der größeren Weisheit und der endgültigen Erfüllung der Prophetie verschließt. Es ist wie in Nazareth (Lukas 4, 24 – 30) – da hält Jesus seinen Hörern die Witwe von Sarepta vor und Naeman aus Syrien. Es ist wie in Kapernaum, wo er den Glauben des römischen Hauptmanns als größer als allen Glaubens Israels bezeichnet. Es ist wie in seiner Erzählung, in der er den barmherzigen Samaritaner dem unbarmherzigen Priester und Leviten gegenüber stellt. Immer wieder die gleiche Figur: Bei den Heiden ist ein Glaube zu finden, den er in Israel vergeblich sucht.

 Wie viel enttäuschtes Suchen, wie viel entäuschtes, ins Leere gelaufenes Rufen, wie viel enttäuschte Liebe meldet sich in diesen scharfen Worten Jesu zu Wort! Und wie viel enttäuschte Suche nach dem Glauben der jüdischen Schwestern und Brüder hat wohl die Gemeinde des Lukas in diesen Worten mit gehört und mit empfunden.

Es ist der Schmerz über die Trennung vom jüdischen „Mutterboden“ der Christenheit, der hier wohl mitschwingt. Es gibt keinen Anlass, daraus christliche Überlegenheitsgefühle abzuleiten. Werden die Königin von Saba und die Leute aus Ninive nicht auch der Christenheit im Gericht den Spiegel vorhalten und fragen: Wie war das mit eurem Glauben, eurer Liebe, eurer Hingabe, eurer Treue?

33 Niemand zündet ein Licht an und setzt es in einen Winkel, auch nicht unter einen Scheffel, sondern auf den Leuchter, damit, wer hineingeht, das Licht sehe. 34 Dein Auge ist das Licht des Leibes. Wenn nun dein Auge lauter ist, so ist dein ganzer Leib licht; wenn es aber böse ist, so ist auch dein Leib finster. 35 So schaue darauf, dass nicht das Licht in dir Finsternis sei. 36 Wenn nun dein Leib ganz licht ist und kein Teil an ihm finster ist, dann wird er ganz licht sein, wie wenn dich das Licht erleuchtet mit hellem Schein.

 Es gibt Übergänge im Text des Lukas-Evangeliums, die sich mir nicht gleich erschließen. So auch hier. Wie es von dieser Konfrontation zu dem Wort vom Licht auf dem Scheffel, vom finsteren Auge kommt, verstehe ich nicht. Bei Matthäus steht diese Passage in der Bergpredigt und hat dort einen guten Platz. Warum steht sie bei Lukas jetzt hier?

 Eine Möglichkeit wäre: Es könnte eine Mahnung an die Gemeinde sein, sich von Überheblichkeit zu bewahren. Diese Mahnung wehrt der falschen Sicherheit: Wir sind ja Kinder des Lichtes. Wir sind ja erleuchtet durch den Glauben. Wir stehen auf der richtigen Seite. Gott hat – so klingt das dann – euch nicht berufen, damit ihr euch in eurem Erleuchtet-Sein sonnt, sondern damit ihr anderen den Weg weist. Gott hat euch berufen, damit euer Glaube sichtbar wird, Zeugnis wird. Darum schaue mit einem lauteren Herzen und nicht voller Hochmut auf die, die es mit dem Glauben schwer haben, die an dem Ruf Jesu scheitern. Du hast Dir den Glauben nicht selbst gegeben – er ist Geschenk Gottes an dich.

 Diese Abwehr eines christlichen Hochmutes, eines neuen Erwählungs-Bewusstseins, dass blind dafür wird, was Paulus nach Rom schreibt: „Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Römer 11,18) ist umso dringlicher gerade in diesem Zusammenhang, in dem die Heiden so in den Worten Jesus zur Provokation Israels „benützt“ werden. Hier darf kein falscher Zungenschlag entstehen, keine falsche Sicherheit.

 Wer erleuchtet ist, in wem das Licht des Glaubens angezündet ist, der bleibt darauf angewiesen, dass Gott dieses Licht in ihm am Brennen hält, dass er den hellen Schein in ihm nicht verlöschen lässt. Wir können uns – so denkt Lukas wohl – den Glauben nicht selbst geben und auch nicht selbst erhalten. Wir können uns immer nur demütig in das Licht Gottes halten, damit er es in uns zum Leuchten bringt – noch einmal Paulus: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervor leuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ (2. Korinther 4,6) Da ist kein bisschen Raum und Anlass für christlichen Hochmut und Überheblichkeit. Statt dessen ist eine tief demütige Dankbarkeit am Platz – und in ihr leuchtet das Licht des Glaubens hell.

Jesus                                                                                                                                        Du bist Gottes Zeichen der Liebe                                                                                            Du bist Gottes Zeichen der Treue                                                                                         Du bist Gottes Zeichen des Erbarmens

Ich danke Dir                                                                                                                        dass ich auf Dich schauen darf                                                                                          und es glauben kann                                                                                                          Dein Weg geht durch das Dunkel des Todes hindurch

Und so wie Du                                                                                                                       drei Tage im Schoß der Erde warst                                                                                       so werde auch ich im Schoß der Erde sein                                                                          und neu geboren werden aus diesem Schoß                                                                     zum ewigen Leben. Amen