Gottes Finger

Lukas 11, 14 – 28

 14 Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich.

 Es ist von einer geradezu lapidaren Kürze, wie Lukas hier erzählt. Fast so, als hätte er sich schon an Wunder gewöhnt. Ein Stummer kann wieder reden. Was ihm den Mund verschlossen hatte, hat keine Macht mehr über ihn. Er findet Worte. Und die es miterleben, staunen und geraten ins Wundern, ins Fragen.

 15 Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten. 16 Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

 Einige aber müssen nichts mehr fragen. Sie wissen. Sie haben ihre Deutung für das, was sie sehen: Es ist die Macht des Bösen, des Widergöttlichen, der Bestreitung des Gottes Israels, die in Jesus, durch Jesus am Werk ist. Das ist ein frontaler Angriff auf Jesus: du verdankst deine Macht nicht der Güte Gottes, sondern du paktierst mit dem Teufel.

 Es ist merkwürdig: Der Güte Gottes, sich eines Menschen zu solchen Werken zu bedienen, trauen sie offensichtlich nicht wirklich viel zu. Das „Zutrauen“ zur Macht des Bösen scheint ausgeprägter zu sein. Und das Rechnen damit, dass der Böse sich verstellt, sich als vermeintlicher Wohltäter tarnt. Aber es ist wohl so: Wo das Vertrauen auf Gottes Güte klein wird, wird die Angst vor dem Bösen und seiner Macht groß und man sieht ihn überall am Werk.

 Eine andere Gruppe, die nicht ganz so weit zu gehe scheint, fordert ein Legitimationszeichen vom Himmel her. Es ist nicht zu weit her geholt, hier an die Versuchung zu denken: Und er führte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dass sie dich bewahren. Und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (4, 9 – 11) Beide Male geht es um seine Macht – Und Jesus wird gefordert, sich zu erklären oder sich zu demonstrieren.

 17 Er aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. 18 Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister aus durch Beelzebul. 19 Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein.

 Es ist eine fremde Gedankenwelt für uns Menschen des 21. Jahrhunderts. Mit bösen Geistern, Dämonen, Teufeln haben wir aufgeklärten Leute es nicht so. Zumindest nicht in unserem Denken. Schon gar nicht in unserem theologischen Denken. Das geht mir ja auch so. Ich will dem Bösen, dem Teufel, dem Satan keine Macht einräumen.

 Aber es gibt die Wirksamkeit des Bösen – in Strukturen, in über-individuellen Bemächtigungen, in merkwürdiger Zwanghaftigkeit. Mir fallen ungezählte Filme ein, die beschreiben, wie Menschen nicht mehr Herr ihrer selbst sind, sondern besessen – von der Gier nach Macht, von der Gier nach Geld, von der Gier nach Sex. Da braucht es keine Flattergeister, sondern es reicht, was sich als Gedanken einnistet in Köpfen, in Herzen und es gibt kein Entkommen mehr.

 Wahr ist freilich auch, was Jesus sagt: Da, wo es die Risse in der Panzerung des Bösen gibt, da, wo es im Innersten eines Herzens die erste Ahnung gibt, dass es nicht in Ordnung ist, was man tut – da verliert das Böse seine Herrschaft. Da fängt das Reich des Bösen an, zusammen zu brechen wie ein Kartenhaus. Der Bürgerkrieg zwingt große Staaten in die Knie – davon erzählt die Geschichte ununterbrochen. Wo die Einheit eines Reiches in seinem Zentrum zerbricht, gibt es kein Halten mehr, auch wenn äußerlich noch alles „in Ordnung“ erscheint.

 20 Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. 21 Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. 22 Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. 23 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

 Das mit dem Finger Gottes ist bemerkenswert. „Der Arm des Herrn“ ist ein Bild für die Stärke Gottes: „Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt!“ (Jesaja 51,9) Aber der Finger Gottes? Ich versuche mir das vom Wort Jesu her zu erklären: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“ (10, 18) Weil der Satan schon gefallen ist, weil er im Himmel schon verspielt hat, deshalb braucht es nicht mehr als den Finger Gottes. Es braucht nicht mehr den Arm des Herrn – so viel Macht gesteht Jesus ihm nicht mehr zu.

 In einer Zeit, in der so viel Dämonenfurcht war, in der so viel Furcht vor den Mächten der Welt war, ist diese „Geringschätzung“ ein Wort der Seelsorge, das ängstlichen Christen den Rücken stärken kann. Der Kampf steht nicht mehr auf gleich und gleich. Er ist schon längst entschieden, auch wenn ihr es nicht nicht immer zu sehen vermögt und euch oft ausgeliefert vorkommen mögt.

 Jesus ist der Stärkere in diesem Kampf und er nimmt dem Feind seinen Besitz, seine grausame Rüstung, seine Stärke. Ich kann nicht sehen, dass Jesus dem Bösen besondere Hochachtung angedeihen lässt.

 Aber es gilt, eine klare Entscheidung zu treffen, sich auf die Seite Jesu zu stellen. Wer auf der Seite des Siegers steht, der hat Zukunft. Es gibt an dieser Stelle keine mögliche Neutralität. Es gibt keine neutrale Position zwischen Jesus und dem Bösen – So hat es Luther beschrieben und Bob Dylan gesungen

 But you’re gonna have to serve somebody, yes indeed
You’re gonna have to serve somebody
Well, it may be the devil or it may be the Lord
But you’re gonna have to serve somebody

Das ist die Frage, die mir hier gestellt wird: Auf welcher Seite stehe ich – zu wem stelle ich mich? Wer darf über mich verfügen?

24 Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. 25 Und wenn er kommt, so findet er’s gekehrt und geschmückt. 26 Dann geht er hin und nimmt sieben andre Geister mit sich, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin, und es wird mit diesem Menschen hernach ärger als zuvor.

 Erschreckende Erfahrung: Befreiung, die sich nicht in eine kontinuierliche Lebenshaltung überführt, die nicht jeden Tag neu erworben wird, ist vom Rückfall bedroht. Und der Rückfall ist schlimmer als die erste Unfreiheit. Das, was Jesus hier sagt, wird heute tausendfach durch die Lebenserfahrung bestätigt – ob es der Rückfall in die Sucht ist, der Rückfall in überwunden geglaubte Verhaltensmuster, der Rückfall in die Gottesferne. Wer einmal die geschmeckte Freiheit als schal verworfen hat, für den wird der Rückweg in die Freiheit fast unmöglich.

 Ich glaube, dass hier im Hintergrund die Frage mitschwingt, die die Gemeinde der Anfangsjahre und der Verfolgungszeiten heftig bewegt hat: Gibt es eine zweite Buße? Gibt es einen neue Anfang für die, die sich losgesagt haben, die den Weg verlassen haben? Es hat gute Gründe, dass die Frage deutlich gestellt wird und dass sie nicht – leicht fertig – so oder so abschließend beantwortet wird. Ich höre dieses Worte Jesu als eine deutliche Warnung. Es geht darum, dass das Leben als Christin und Christ Festigkeit gewinnt.

 27 Und es begab sich, als er so redete, da erhob eine Frau im Volk ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast. 28 Er aber sprach: Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.

 Das ist wie ein Kontrast-Programm zu den vorigen Stimmen: Nicht Beelzebub, nicht der Böse, nicht das Zeichen vom Himmel hat das Sagen. Hier kommt eine Seligpreisung – von einer unbekannten, unbenannten Frau. Sie sieht ihn, Jesus, und in ihm den Segen Gottes, in ihm Wohltat, in ihm Heil. Ist es wirklich eine Seligpreisung Marias? Oder ist es nicht viel mehr eine Seligpreisung, ein Lob Gottes über dem Sohn der Maria?

 Es ist, als wollte Jesus auch nur den Ansatz eines Missverständnisses abwehren. Es geht nicht um die Nähe zu Jesus, die aus der Geburt stammt, aus dem Stillen, aus der Verwandtschaft. Fast könnte man dieses Wort Jesu lesen als eine inner-lukanische Klarstellung zur Geburtsgeschichte. Maria ist gewiss die Gottesgebärerin. Aber das ist nicht ihr Vorzug. Es geht um den Gehorsam gegen das Wort – das Hören und Bewahren. Aber gerade das, Hören und Bewahren, ist ja, was Lukas von Maria erzählt hat – und darin ist sie uns Vorbild. Darin können wir sie auch nachahmen. An ihre Stelle als Mutter Jesu kann keiner treten. Aber in ihre Fußstapfen treten, wenn es um Hören und Bewahren des Wortes Gottes geht – das können und sollen wir. „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“(2, 19)

Jesus                                                                                                                                     Du bist der Starke                                                                                                                   in dem ich geborgen bin                                                                                                         Du bist der Herr                                                                                                                   der mich gewonnen hat                                                                                                        Du bist der Heiland                                                                                                              der mir Freiheit schenkt

Alle Macht des Bösen hat an Dir ihre Grenze                                                                    Alle Gewalt des Bösen bricht sich an Dir

Gib es mir                                                                                                                                  dass ich auf Dich schaue                                                                                                     und mich nicht faszinieren lasse vom Bösen                                                                         in seiner Vielgestalt

Gib mir die Einfalt des Herzens                                                                                            mir daran genügen zu lassen                                                                                               dass Du Dich zu mir gestellt hast                                                                                          ein für allemal. Amen.