Nachbar Gott

Lukas 11, 5 – 13

 5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.

 Gute Geschichten können häufig etwas viel besser deutlich machen als noch so viele Erklärungen. Jesus lebt in einer Umwelt der Geschichtenerzähler und er ist auch selbst einer. Er lehrt seine Jünger, in dem er erzählt. Da steckt ja auch Zutrauen mit drin: Sie werden verstehen. Sie werden hören. Sie sind nicht unempfänglich für die Botschaft einer Geschichte.

 Weil er sie zum Beten ermutigen will, erzählt er – von der Freundschaft. Er zielt darauf ab, dass sie sagen werden: Ja, so ist es. Einem Freund kannst du ungelegen kommen. Einem Freund kannst du Ärger machen. Einem Freund kannst du auf die Nerven gehen. Und doch wird er am Ende des Tages zu dir stehen. So sind gute Freunde. Er sucht mit seiner Geschichte ihr Einverständnis.

 Die Situation ist so klar: Wenn ich selbst nichts mehr im Haus habe, es kommt Besuch und alle Läden sind dicht – wo gehe ich hin – zum Freund, zum freundlichen Nachbarn. Und er wird helfen – murrend vielleicht, knurrend, gestört – aber er wird helfen.

 So ist Gott. So dürft ihr über Gott denken – wie von einem guten Freund, der euch nicht im Stich lässt. Wie von einem guten Freund, bei dem ihr zur Zeit und zur Unzeit auf der Matte stehe dürft. „Gott redete mit Mose wie mit einem Freund“ – das wissen wir gerade noch und finden es eine Beweis der Freundlichkeit Gottes, dass er sich so herablässt. Jesus aber kehrt den Gedanken um: Rechnet mit Gott wie mit einem guten Freund! Zieht ihn hinein in eure Nöte. In eure Probleme. Sagt ihm, was ihr braucht. Er wird helfen. Gott, der euer Freund ist, wird euch nicht im Stich lassen.

Warum nur haben wir das so aus den Augen verloren, dass Gott uns Freund ist. König, Herr, Gebieter, Allmächtiger, Erhabener, Unbegreiflicher – wir haben viele Worte für Gott und die meisten rücken ihn in eine unüberbrückbare Ferne. Jesu Rede von dem Freund, den ich nachts aus dem Bett rütteln darf, rückt Gott in die Nähe, macht ihn nahbar, zum Nachbarn. Halten wir, halte ich womöglich diese Nähe Gottes nicht aus und deshalb suche ich lieber die Worte, die ihn fern sein lassen?

 9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. 11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn2 um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? 12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

 Jesus lebt mit dem nahen Gott, dem nichts zu klein, zu unbedeutend, zu nebensächlich ist, was mich beschäftigt. Darum zeigt er uns ihn als Freund. Und darum lädt er uns ein, mit ihm so zu reden, wie er selbst es tut, mit dem gleichen Vertrauen des Sohnes, der weiß, dass der Vater ihn hören wird. Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Es ist die Lebenswirklichkeit Jesu, die ihn das sagen lässt. So kennt er den Vater. So hört der Vater sein Beten.

 Und es ist das Zutrauen zu dem Vater, das er seinen Jüngern – und damit uns – vermitteln, nahe bringen, ans Herz legen will. Ihr seid keine Monster – das seht ihr an der alltäglichen Fürsorge für eure Kinder. Das seht ihr daran, wie ihr mit dem Vertrauen kindlicher Bitten umgeht. Wenn aber schon ihr das Vertrauen nicht enttäuschen wollt, wie viel weniger wird Gott das tun. Er ist kein Monster-Gott. Er ist kein übel-launiger, bösartiger, Tyrann, der seine Lust daran hat, Menschen durchs Rad zu drehen.

 Gottes Lust ist, zu helfen, zurecht zu bringen, zu retten. Gottes Lust ist es, euch zu Herzen zu reden, euch im Herzen zu wohnen. Gottes Lust ist, Euch die größte Gabe zu schenken – den Geist, der in euch wohnt und euch mit ihm verbindet, der euch in ihm und untereinander eins sein lässt. O welch eine Tiefe der Güte und der Freundlichkeit, die sich hier auftut.

Herr Jesus                                                                                                                        lehre mich beten                                                                                                                über meine Worte hinaus                                                                                                         über mein Denken hinaus                                                                                                   über meine Ängste hinaus

Lehre mich beten und hineintreten in Dein Beten                                                                    Dein Vertrauen                                                                                                                     Deine Zuversicht                                                                                                                  Deine Gewissheit

Lehre mich beten und darauf rechnen                                                                               dass mein Beten das Vaterherz Gottes erreicht                                                                     dass er hört und schenkt und gibt                                                                                     über alles Verstehen und Begreifen hinaus. Amen