Freut euch

Lukas 10, 17 -24

 17 Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen.

 Wieder eine Rückkehr nach der Aussendung. Diesmal voll Freude. Erfolg ist keiner der Namen Gottes hat Martin Buber gesagt. Aber dass das Wort wirkt, dass die Vollmacht Jesu trägt, dass das Reich Gottes weiter nahe kommt – das kann Menschen mit Freude erfüllen. Und wer wollte sich nicht freuen, wenn er Macht hat, dem Bösen Einhalt zu gebieten, ob es nun böse Geister, böse Gedanken oder böse Taten sind. Der Name Jesu setzt dem Bösen Grenzen. Das ist wunderbar.

 Der schlichte Satz sie kamen zurück voll Freude löst bei mir Gedanken aus. Warum erzählen wir nicht häufiger von den guten Früchten des Evangeliums? Warum lassen wir der Freude daran nicht mehr Raum in unseren Gemeinden? Warum gehen wir so leicht zur Tagesordnung über, wenn Menschen davon erzählen, was die Verkündigung des Evangeliums vermag – in Korea, in Afrika, in den islamischen Ländern? Kann es sein, dass die Freudlosigkeit der europäischen Kirchen, vieler Kirchengemeinden damit zu tun hat, dass wir uns die Freude an den Berichten der Boten nicht gönnen, dass wir lieber von den Problemen hören und nicht so gerne von dem, was das Evangelium vermag? Kann es sein, dass wir uns weigern zuzuhören, weil es bei uns nichts Vergleichbares zu erzählen gibt, das Evangelium folgenlos geworden zu sein scheint?

 18 Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. 19 Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden. 20 Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

 Jesus jedenfalls wehrt nicht die Freude ab. Er wehrt auch den Jüngern ihr Erzählen nicht. Sondern er richtet ihren Blick vom Vordergrund – was sie vermochten – auf den Hintergrund. Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Das ist das Geschehen hinter dem Geschehen, die geistliche Wirklichkeit hinter dem, was die Jünger erleben. „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.“ (Offenbarung 12, 10) Die Stimme des Verklägers zählt im Himmel nicht mehr. Der Hiob ins Verderben zu ziehen suchen konnte ( Hiob 1, 6 – 12; 2, 1-5), hat alle seine Rechte verloren. „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ ( 1. Johannes 3,8b) Das sieht Jesus – er sieht seine Mission erfüllt – jetzt schon! Und seine Jünger haben mit ihrer Botschaft Anteil daran. Diese Macht ist beeindruckend. Dass sie handeln können, dass sie Heil ausbreiten können, dass sie Dem Bösen Einhalt gebieten können – wunderbar. Aber es ist nicht alles nd es nicht das, was die Jünger faszinieren soll. Es ist wie eine Warnung vor dem Missbrauch des Evangeliums. Das Evangelium ist in seinem Zentrum keine Kampflehre gegen das Böse – das ist es auch – aber im Zentrum steht das andere: Ihr seid Gottes Söhne und Töchter, unauslöschlich eingezeichnet in sein Gedächtnis. Ihr seid bestimmt zur Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott. In Ewigkeit, in den Himmeln soll es gelten: Ihr gehört zu mir.

 Der Ruf in die Jüngerschaft ist mehr als ein Ruf in eine Kampfgemeinschaft, die mit dem Sieg oder der Niederlage ihr Ende findet. Es ist der Ruf in die Lebensgemeinschaft. Damit ist auch klar: Nachfolge ist mehr als eine Spur auf dem Weg durch die Zeit. Es ist die Bestimmung zur Gemeinschaft mit dem Sohn in Zeit und Ewigkeit.

 Die Jünger sind fasziniert von ihrer Funktion. Jesus aber will ihr Auge auf ihr Sein richten, auf ihr Wesen, auf ihre ewige Bestimmung. „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.“ (Jesaja 49, 16) Was der Prophet von Jerusalem und damit von Israel sagt, das sagt Jesus von seinen Jüngern – eingezeichnet in das Gedächtnis Gottes, eingegraben in die Hände. Und in der Kreuzigung wird das erfüllt.

 21 Zu der Stunde freute sich Jesus im Heiligen Geist und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, so hat es dir wohlgefallen. 22 Alles ist mir übergeben von meinem Vater. Und niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater, noch, wer der Vater ist, als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

 Von daher, dass Jesus seine Mission erfüllt sieht, dass er seinen Jüngern ihre ewige Bestimmung vor Augen hält, ist die Freude Jesu geprägt. Es ist die Freude daran, dass Gott sein Ziel erreicht. Es ist die Freude daran, dass Gott sich zu den Kleinen kehrt, dass er Gefallen hat an dem, was sie tun und einbringen in das Reich.

 Manchmal bin ich verblüfft, wie sich das Wort der Schrift untereinander verbindet und gegenseitig erhellt. So auch hier – der Lobpreis Jesu über die Güte Gottes gegenüber den Unmündigen findet sein Echo bei Paulus: Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,damit sich kein Mensch vor Gott rühme.“(1. Korinther 1, 26 – 29)

 Hat Lukas doch diese Gedanken des Paulus gekannt? Oder hat Paulus umlaufende Jesus-Worte für seine Formulierungen als Hintergrund gehabt? Wie auch immer – es ist Gottes Kondeszendenz, sein sich selbst Erniedrigen, sein sich in die Welt verschwenderisches Hinein-lieben, „seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, seine gottverdammte Art und Weise alles zu verzeihen und zu helfen“(H.D. Hüsch), die hier beschrieben wird: Er offenbart sich in die Tiefe hinein, in die Schwachheit hinein, in die Torheit hinein. Die Kleinen, Unmündigen, die vor der Welt als Toren gelten – sie werden seine Kinder.

 Aber: Das versteht nur, wem die Augen geöffnet werden. Das versteht nur, wer von Gottes Geist erfüllt wird. Dieses Geheimnis, dass der Vater im Sohn ist und der Sohn im Vater, dass der eine den anderen zeigt und offenbart – das erschließt sich nicht dem denkenden, grübelnden Verstand. Das erschließt sich nur so, dass es offenbart wird, dass es der Sohn uns ins Herz spricht durch den Geist.

 Luther hat das gewusst, dass der christliche Glaube keine lernbare und lehrbare Religion ist: Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleich wie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten einigen Glauben;“ (Kleiner Katechismus, Erklärung zum 3. Artikel) Hier wird eine Grenze markiert für unser Wollen und Können. Und es schadet der Kirche, wenn sie diese Grenze ignoriert und seit Jahrhunderten doch so tut, als sei der Glaube lernbar und lehrbar, wenn und indem man die Wörter lernt und als müsste nicht zwingend und nicht durch uns machbar das Andere hinzukommen, die Gabe des Geistes, der ausgegossen wird in die Herzen.

 Es gibt nur eine Haltung, die Verheißung hat – die leeren Hände hinhalten, das verschlossene Herzen hinhalten und bitten

Öffne meine Ohren, heiliger Geist, damit ich Deine Botschaft höre.                                  Öffne meine Augen, heiliger Geist, damit ich die Schönheit der Schöpfung sehe.                 Öffne meinen Geist, heiliger Geist, damit ich Deine Botschaft glaube.                            Öffne meinen Mund, heiliger Geist, damit ich Deiner Herrlichkeit Zeugnis gebe.                   Öffne meine Hände, heiliger Geist, damit ich Deine Hilfe fasse.                                     Öffne mein Gemüt, heiliger Geist, damit ich Deine Nähe liebe.                                         Öffne mein Herz, öffne mein Herz, heiliger Geist, damit ich Deine Liebe spüre                                                                                              Wolfgang Führinger

23 Und er wandte sich zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen allein: Selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht. 24 Denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben’s nicht gesehen, und hören, was ihr hört, und haben’s nicht gehört.

 Aus dem allem verstehe ich die Worte Jesu, diese Seligpreisung der Jünger. Sie erleben erfüllte Zeit, die Mitte der Zeiten. Was Jesus schon in Nazareth gesagt hat: Heute! Das sagt er hier seinen Jüngern zu: Ihr seid dabei in der Mitte der Zeiten. Ihr empfangt, was die Hoffnung der Propheten war. Es ist exklusives Wort an die Jünger – er sprach zu ihnen allein, aber es ist keine Geheimlehre, die sie geheim halten sollen. Dass Lukas das aufschreibt, zeigt es ja schon: Es sind Worte zum Weitergeben und es ist das Selbstverständnis der Gemeinde, dass sie in ihrer Mitte und mit ihrer Botschaft diese erfüllte Zeit bewahrt und sie denen eröffnet, die hinzukommen durch ihre Botschaft. Mit dem Christentum ist Esoterik nicht zu machen, in keiner Weise.

 Die gestillte Sehnsucht ist die Motivation, sie an andere weiter zu sagen, damit auch deren Sehnsucht gestillt werden kann – in ihm.

 Jesus                                                                                                                                    Du siehst die Freude Deiner Jünger                                                                                       Du hörst ihr Erzählen vom Tun in Deinem Namen                                                                  Du kennst ihre Dankbarkeit für Dein Wort                                                                           für Deine Kraft                                                                                                                       für Deine Macht                                                                                                                     die in ihnen wirkt

Jesus                                                                                                                                        Du willst uns darüber hinaus führen                                                                                      über das Schauen auf das Gelingen                                                                                   über den Schmerz am Versagen.

Du willst uns festmachen in der Gewissheit                                                                       Wir gehören zu Dir für Zeit und Ewigkeit                                                                                im Himmel und auf Erden                                                                                                     Du hast uns gerufen                                                                                                            Deine Schwestern und Brüder zu sein                                                                                   für immer hinein genommen                                                                                                     in Deine Gemeinschaft mit dem Vater. Amen.