Nicht mit Feuer und Schwert

Lukas 9, 51 – 56

 51 Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass er hinweggenommen werden sollte, da wandte er sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu wandern.

 Als die Zeit erfüllt war – so heißt es bei Paulus (Galater 4,4) über die Menschwerdung und den Heilsplan Gottes. Genauso signalisiert Lukas mit seiner Formulierung. Der Weg Jesu ist Teil eines göttlichen Planes. Er ist nicht irgendwie eine selbst gemachte Geschichte, zusammengebraut aus Kurzsichtigkeit, Illusionen und der Bosheit der Menschen. Jesus folgt mit dem Weg nach Jerusalem dem Willen des Vaters, dem Plan Gottes.

Mit dem Wort hinweggenommen wird dabei verschlüsselt das ganze Geschehen von Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt umfasst. Der Blick geht nicht nur auf das Kreuz, auch nicht nur auf Ostern – gleich zweimal taucht dieses hinweggenommen bei Lukas in der Apostelgeschichte (1,9/1,11) in der Himmelfahrt-Erzählung auf.

 Jetzt also geht es nach Jerusalem Das ist ja der Ort, an dem sich das Schicksal der Propheten zu erfüllen hat. Jesus wird selbst sagen „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten“ (Lukas 13,34) Das weiß Jesus – dorthin führt ihn sein Weg. Stracks. Ohne Umweg. Ohne Zögern. Es ist an der Zeit. Die Prophetie wird sich erfüllen.

52 Und er sandte Boten vor sich her; die gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, ihm Herberge zu bereiten. 53 Und sie nahmen ihn nicht auf, weil er sein Angesicht gewandt hatte, nach Jerusalem zu wandern.

 Das sind die Jünger inzwischen gewohnt, dass sie gesandt werden. Jesus sendet sie als seine Boten voraus, als seine α̉γγέλοι,Engel. Wohl wahr:; Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. Sie haben menschliche Gestalt und heißen Johannes und Jakobus, Thomas und Philippus…. Wahrscheinlich auch Maria und Salome, Johanna und Susanna….Sie sollen ihn ankündigen, ihm den Weg bereiten. Sie übernehmen die Aufgabe des Vorläufers: Bereitet dem Herrn den Weg.(3, 4)

 Was hier erzählt wird, ist mehr als die zufällige Unfreundlichkeit von ein paar samaritanischen Hardlinern. Die ist es auch. Es ist ja in einer Welt, in der Gastfreundschaft heilige Pflicht ist, auch und gerade Fremden gegenüber, kein gleichgültiger Vorgang, Leuten die Gastfreundschaft zu verweigern. Die tiefe Entfremdung zwischen Juden und Samaritanern tritt hier zu Tage. Aber darüber hinaus ist es die Wiederholung der Erfahrung, die sich durch das Leben Jesu zieht. Als er geboren wird, gibt esfür ihn keinen Raum in der Herberge (2,7). Weniger später wird er von sich sagen: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.(9,58) Am Ende seines Weges gibt es nur ein Leihgrab. Er hat keinen Ort, keine Bleibe für immer in dieser Welt, die doch sein Eigentum (Johannes 1,11) ist.

 Begründet wird die verweigerte Aufnahme mit dem Weg nach Jerusalem. Für Menschen in Samarien ist Jerusalem ein Un-Ort, nicht existent. Und wer dorthin will, pilgernd, den Tempel suchend, der soll einen Bogen um Samarien machen. Uralter Effekte von Religion, von Glauben, den wir gerne verdrängen: Er entfremdet. Er reißt Gräben auf. Er lässt elementar menschliches Verhalten manchmal mit Füßen getreten werden. Bis heute ist das so. Und es schmerzt, dass das so ist.

 54 Als aber das seine Jünger Jakobus und Johannes sahen, sprachen sie: Herr, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre. 55 Jesus aber wandte sich um und wies sie zurecht. 56 Und sie gingen in ein andres Dorf.

 Manchmal verzögern sich Erkenntnisse. Jesus hatte seinen Jüngern Vollmacht gegeben, zu heilen, zu predigen, zu befreien. Sie hatten diese Macht in den eigenen Händen gespürt und gebraucht. Nicht immer. Aber nun ist es wieder da, wieder im Blick: Wir haben doch Macht. Wir könne doch Macht ausüben. Die dem fallsüchtigen Jungen nicht helfen konnten, die wollen jetzt auf einmal den unfreundlichen Gastgebern auf die Sprünge helfen: Sie sollen erfahren, wem sie die Aufnahme verweigert haben.

 Es ist, als würde das Messias-Bild des Täufers fröhlich Urständ feiern. „Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ 3,9) Keine Frage: verweigerte Gastfreundsachaft ist versäumte Frucht. Und auch der alte Feuerkopf Elia scheint irgendwie – so sehen es manche Handschriften – Pate gestanden zu haben: „wie auch Elia tat“ haben sie vermerkt und erinnern so an den Berg Karmel, mehr aber noch an Elias Vernichtungsaktion gegen ahnungslose Soldaten (2. Könige 1, 9-15) Hier zeigt sich Elia als in seinem Mitteln völlig verhältnisloser Gewalttäter, der seine Macht missbraucht.

 Genau das wird hier sichtbar: Was die Jünger wollen, wofür sie seine Zustimmung erbitten, steht in keinem Verhältnis zu dem, was sie erleben. Die verweigerte Gastfreundschaft mit Feuer beantworten – das ist über jedes Ziel hinaus geschossen.

 Aber sie fragen ihn doch immerhin. Herr, willst du, so wollen wir sagen. Sie suchen sein Einverständnis. Sie suchen seine Zustimmung. Meldet sich darin so etwas wie Unsicherheit über den eigenen Zorn, über die eigene Kränkung? Meldet sich darin vielleicht die Ahnung, dass er ihren Zorn, ihre Erbitterung nicht teilen wird? Weil er ja nie so reagiert, wie es unser menschliches Empfinden nahe legt.

 Sie könnten es wissen: diese Vernichtungsaktion ist mit Jesus nicht zu machen. Nicht nur deshalb, weil sie völlig unverhältnismäßig ist. Er, der sie in den Worten der Feldrede den Ausstieg aus dem Echo-Verhalten gelehrt hat (6, 27 – 40), er wird doch hier nicht zustimmen, dass sie Unfreundlichkeit, auch die Verletzung des Gastrechtes mit Tod beantworten. Fast selbstverständlich hört es sich deshalb an: Jesus aber wandte sich um und wies sie zurecht.

 Wieder bewahren alte Handschriften auf, was den ganzen Vorgang noch einmal grundsätzlicher erscheinen lässt. Es geht um eine Belehrung, die weit über den aktuellen Anlass hinaus greift. „Wisst ihr nicht, wessen Geistes Kind ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten.“ Das ist nicht einfach nur über-deutlich für begriffsstutzige Leser – es ist hilfreich, weil es einen ganz wichtigen Grundsatz für das Handeln von Christen einschärft. Es ist wie ein Lehrsatz für die Gemeinde des Lukas und die Leser des Lukas-Evangeliums. Unser Handeln hat dem Geist Jesu zu entsprechen. Was sich nicht mit ihm verträgt, das geht nicht, das dürfen wir nicht. Hier findet die Macht der Jünger, die ja nicht bestritten wird – sie könnten das: Feuer vom Himmel fallen lassen! – ihre Grenze. Es geht nicht, weil es nicht Jesus gemäß ist.

Wenn alles gesagt ist, kann der Weg weiter gehen. Und indem Jesus den Weg weitergeht, sagt er alles. Er übt nicht Vergeltung. Er übt nur mit seinen Jüngern, was er ihnen, als er sie ausgesandt hatte, als Regel mitgegeben hat: „Und wenn sie euch nicht aufnehmen, dann geht fort aus dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen zu einem Zeugnis gegen sie.“ (9,5) Die Lehre Jesu setzt sich im Gehen fort.

Du bist den Weg nach Jerusalem gegangen                                                                     den Weg des Gehorsams und der Passion                                                                         Du hast nichts gesucht als den Willen des Vaters                                                                  Du willst uns leiten mit Deinen Worten                                                                                   mit Deinem Suchen und Rufen

Wecke in uns das Vertrauen                                                                                                das sich Dir anvertraut                                                                                                          das uns frei macht von der Angst um sich selbst                                                                von der Sehnsucht nach den vergangenen Möglichkeiten                                                    von der quälenden Sorge                                                                                                      ob denn auch alle unsere Wegentscheidungen richtig waren

Wir danken Dir                                                                                                                     dass wir nicht Spielball der Mächtigen sind                                                                          der Wirtschaftsführer                                                                                                          Politikgestalter                                                                                                        Meinungsmacher                                                                                                                sondern zuerst und zuletzt Menschen in Deiner Hand                                                          von Dir abhängig und Du bringst uns ans Ziel

Du hilfst uns                                                                                                                      dass wir nicht vom Weg abirren                                                                                        sondern in Deiner Spur bleiben                                                                                              Deine Spur führt zum Kreuz                                                                                                 und vom Kreuz zum Leben. Amen