Gerne auch der Kleinste

Lukas 9, 46 – 50

 46 Es kam aber unter ihnen der Gedanke auf, wer von ihnen der Größte sei.

 Was ist das für eine merkwürdige Schieflage. Jesus kündigt seinen Leidensweg an, aber die Jünger diskutieren über Größe und Bedeutung. Es ist so, als würden sie nicht nur nicht verstehen, nicht nur nicht zuhören, sondern als würden sie überhaupt auf einem anderen Weg unterwegs sein. Wollen sie es nicht wahrhaben, dass sie so das Thema wechseln? Es ist nur zu verständlich, was sie diskutieren. Männer sind – nicht nur heutzutage auf Positionierung aus, junge Männer erst recht und die Jünger Jesu sind mehrheitlich wohl junge Männer. Von daher erklärt sich ihr Denken – es ist völlig normal.

 47 Als aber Jesus den Gedanken ihres Herzens erkannte, nahm er ein Kind und stellte es neben sich 48 und sprach zu ihnen: Wer dieses Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß.

 Der Herzenskenner durchschaut sie. Er kennt ihr Gedanken von ferne. Es braucht keine ausdrückliche Debatte unter ihnen, auch nicht den Vorstoß der Zebedaiden, den Matthäus und Markus berichten. Er sieht es ihnen an, was in ihrem Inneren vorgeht. Das weist ihn als Propheten aus – und was er in Antwort auf die unausgesprochenen Gedanken tut, gleicht einer prophetischen Zeichenhandlung. Er stellt ein Kind neben sich, legt sein Hand auf dieses Kind. Er „nimmt es auf“. Mehr geht nicht – das Kind ist in seiner Nähe.

 Das ist wahre Größe: ein Kind im Namen Jesu aufnehmen. Ihm die Nähe Gottes gönnen. Ihm die eigene Nähe gönnen. In diesem Kleinen nehmen sie den Großen auf – nehmen sie Gott selbst auf. Bei Matthäus klingt das so: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40) Es geht nicht darum, wie ich groß werde, es geht darum, dass ich barmherzig werde, gütig, liebevoll, dem Leben dienend.

Weine mit, dort, wo jemand weint,                                                                                    Freu dich mit, wo das Glück hell scheint                                                                       Wahre Größe zeigt, wer ganz nah sein kann.                                                                         Im Namen Jesu: Fang damit an!                                           Peka Simojoki

 Jesus kehrt das Ranglistenspiel um. Wer sich beugt, wer sich unter die Lasten der anderen stellt, wer es riskiert, dass er der „Letzte“ ist, weil er das Letzte tut, der ist in Wahrheit und im Reich Gottes groß.

 Nicht an sich nehmen, auf sich nehmen. Und wer es weiß, dass er selbst angenommen ist wie ein Kind, der kann doch seinerseits annehmen und auf sich nehmen. Wer sich selbst getragen weiß, der kann andere tragen und ertragen.

 Ehrgeiz ist ein großes Thema. Und man kriegt es nicht dadurch weg und erledigt, dass man es für unerlaubt erklärt. Jesus überholt dieses Thema – durch sein Annehmen des Kindes. Was ihr in eurem Ehrgeiz sucht, die Nähe, die Anerkennung, so ist die Botschaft, das gibt es als das Geschenk des Vaters. Und indem ihr dieses Geschenk empfangt, werdet ihr frei.

 Bei Luther hört sich das so an: „Ein Christenmensch ist <durch den Glauben> ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist < um der Liebe willen > ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ ( Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520)

 49 Da fing Johannes an und sprach: Meister, wir sahen einen, der trieb böse Geister aus in deinem Namen; und wir wehrten ihm, denn er folgt dir nicht nach mit uns. 50 Und Jesus sprach zu ihm: Wehrt ihm nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.

 Und wieder zeigt es sich, wie schwer das alles für die Jünger zu verstehen ist. Es gibt Menschen, die im Namen Jesu handeln. Aber sie gehören nicht zu den Zwölfen. Sie sind auch nicht im großen Jüngerkreis. Muss man das nicht unterbinden? Sie haben es gar nicht abgewartet, sagt Johannes – wir haben es schon geklärt. Wir wollen nur noch das Ja des Meisters dazu.

 Johannes ist nur der Sprecher. „Wir“ signalisiert einen Gemeinschaftsbeschluss der Jünger. In diesem Beschluss geht es um die Machtfrage: Wer hat die Lizenz, im Namen Jesu zu handeln. Das ist wichtiger als die Frage: Was hat der fremde Exorzist bewirkt. Er hat ja doch wohl Menschen in die Freiheit gestellt. Er hat das Reich Gottes vorangebracht. Aber das zählt nicht. Freude über Befreiung – Fehlanzeige. Freude über Vollmacht im Namen Jesus – ebenso Fehlanzeige. Es bleibt nur das Machtspiel.

 Manchmal bringen Witze ein ernstes Thema auf den Punkt: „Ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher diskutieren über das Christentum. Endlich sagt der Katholik begütigend: „Wir dienen schließlich beide dem gleichen Herrn. Sie auf Ihre Weise und ich auf Seine!“ So ist das mit der Interpretationsmacht, wer dazu gehört und wer nicht.

 Es zieht sich wie eine roter Faden durch die Kirchengeschichte: wir wehrten ihm, denn er folgt dir nicht nach mit uns. Offensichtlich kennt schon Lukas dieses Problem: Wir sind petrisch, paulinisch, johanneisch. Davon leben die Auseinandersetzungen der Konfessionen. Wer nicht bei uns ist, der ist nicht richtig – allen anders klingenden Beteuerungen zum Trotz. Wie viel Freiheit wird so verspielt, weil wir anderen nicht zugestehen, das sie den Weg Jesu auf ihre Weise suchen und gehen dürfen.

 Wie schnell sind wir in der Kirche dabei, andere auf die Reihe zu bringen, auf unsere Reihe und wenn sie das nicht wollen, dann wehren wir ihnen, werten sie ab, sind sie „irgendwie“ nicht richtig. Es ist eine Form der Selbstbehauptung und der Versuch, nun doch auf die eigene Weise der Größte zu sein, wenn wir anderen ihren Weg streitig machen oder sie ausgrenzen, weil sie anders singen, beten, ihren Glauben leben als wir es gewohnt sind.

 Nur: auf Jesus kann man sich damit nicht berufen – allenfalls auf Johannes und die „wir“. Jesus will die Großzügigkeit des Herzens. Jesus will, dass wir uns freuen an denen, die das Reich Gottes vorwärts bringen, auf ihre Weise, durch ihren Glauben. Jesus will keine innerkirchlichen Grabenkämpfe. Er will, dass wir tun, was ihm entspricht. Dazu gehört die Weite des Herzens, die sich freuen kann an dem Weg der anderen, der nicht mein Weg ist. Aus meiner Lebenserfahrung weiß ich: es ist ein langer Weg, aus der Enge des eigenen Herzens in diese Weite zu finden.

Herr Jesus                                                                                                                         lehre mich die Freude am Weg der Anderen mit Dir                                                          Lehre mich die Freude am Glauben der Anderen                                                                    auch wenn er sich anders ausdrückt                                                                                    als ich es gewöhnt bin                                                                                                           wenn er mir fremd vorkommt

Lehre mich den Glauben                                                                                                       der Andere annehmen kann                                                                                                    sich nicht aufblähen                                                                                                              nicht groß machen                                                                                                                nicht streiten muss                                                                                                               der sich einfach freuen kann an Dir                                                                                          und allen                                                                                                                                    die mit Dir auf dem Weg sind.

Lehre mich die Liebe                                                                                                               die selbstvergessen ist                                                                                                          dient                                                                                                                                           hilft                                                                                                                                 zurechtbringt                                                                                                                      alles zum Besten kehrt

Schenke mir Deine Freude                                                                                                    Erfülle mich mit Deinem Glauben                                                                                    Lehre mich Deine Liebe. Amen