Fremd wie dein Name sind mir Deine Wege

Lukas 9, 37 – 45

 37 Es begab sich aber, als sie am nächsten Tag von dem Berg kamen, da kam ihm eine große Menge entgegen.

 Vom Berg hinab in das Tal. Aus der Einsamkeit hinein in die Menge. Aus der Gottesbegegnung hin zur Begegnung mit den Menschen. „Es geht nicht, immer auf dem Berg der Verklärung zu bleiben.“ Wir müssen wieder in das Tal, in den Alltag. Und da kommen die Erwartungen und Hilferufe, fast wie von selbst.

 38 Und siehe, ein Mann aus der Menge rief: Meister, ich bitte dich, sieh doch nach meinem Sohn; denn er ist mein einziger Sohn. 39 Siehe, ein Geist ergreift ihn, dass er plötzlich aufschreit, und er reißt ihn, dass er Schaum vor dem Mund hat, und lässt kaum von ihm ab und reibt ihn ganz auf. 40 Und ich habe deine Jünger gebeten, dass sie ihn austrieben, und sie konnten es nicht.

 Ein Mann in tiefer Not. Ein Mann in großer Angst. Wer könnte ihn nicht verstehen. Er hat Angst um seinen Sohn. Und dann kommt die wohl ausführlichste Beschreibung einer Krankheit im Neuen Testament. Er ist nicht bei sich selbst. Er wird zum Spielball von Mächten, die ihn ergreifen, mit ihm machen, was sie wollen. Was für ein Schmerz für einen Vater, der seinen Sohn so verloren sieht. Und keiner kann helfen. Die Jünger, die doch in der Vollmacht Jesus geheilt hatten (9, 1 – 6), stehen hilflos da. Sie können es nicht.

 Darum die Bitte: sieh doch nach meinem Sohn. Es kann sein, diese Bitte heißt unausgesprochen: Es reicht, wenn Du ihn ansiehst. „Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir“ (4.Mose 6,24) sagen wir am Ende des Gottesdienstes und meinen: Das reicht für den Weg in die Woche. Dass er uns ansieht, dass er auf das kranke Kind sieht – das wird reichen.

 Dass ich mein Leben unter den Augen Gottes lebe, dass er mich sieht, mich ansieht – das ist für mich ein großer Trost. Ich glaube zutiefst, dass jeder Mensch darauf angewiesen ist, dass einer ihn sieht, dass Gott ihn sieht, mit Augen voll Erbarmen, voll Güte. Und Gottesdienst feiern ist nichts anderes als Menschen an den Ort zu rufen, wo sie das hören: „Der Herr sieht auf dich.“ Das kann man sich ja nur schwer so selbst sagen. Das muss einem zugesagt werden.

 41 Da antwortete Jesus und sprach: O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein und euch erdulden? Bring deinen Sohn her! 42 Und als er zu ihm kam, riss ihn der böse Geist und zerrte ihn. Jesus aber bedrohte den unreinen Geist und machte den Knaben gesund und gab ihn seinem Vater wieder.

 Wen meint Jesus mit diesem Ausruf? Ist es ein Wort der Ungeduld über seine Jünger, die immer noch auf ihn angewiesen sind, trotz der Macht, die er ihnen anvertraut hat? Ist es ein Wort über die Menschen, die nur ein Auge für ihre Not haben? Steckt das in diesem Ruf: wenn ihr nur Glauben hättet wie ein Senfkorn – ihr selbst könntet der Krankheit, könntet den Geistern gebieten?

Aber aller eigener Unmut kann Jesus nicht hindern, sein Werk zu tun. Er bedroht, gebietet dem Geist und macht den Jungen gesund. Er gibt ihm seinen Vater wieder. Es klingt fast wie ein „Arztbesuch“, an dem am Ende steht: Jetzt wird alles wieder gut.

 Was geschehen ist, bewegt mich: Vater und Sohn haben eine neue Lebensperspektive. Vater und Sohn können sich neu begegnen. Sie sehen nicht mehr nur die Krankheit, nicht mehr nur das verzerrte, verrückte, gefesselte Leben. Da ist wieder Normalität möglich. Freude aneinander, weil man im Gesicht des anderen nicht nur Angst sieht, nicht nur die bange Frage liest: Wie geht es dir? Da ist wieder Hoffnung: Wir zwei können einen Weg in Freiheit gehen. Wir wissen noch nicht, wie es wird, aber wir dürfen Schritt für Schritt nach vorne wagen und die Lähmung in der eigenen Seele verliert an Macht.

 43 Und sie entsetzten sich alle über die Herrlichkeit Gottes. Als sie sich aber alle verwunderten über alles, was er tat, sprach er zu seinen Jüngern: 44 Lasst diese Worte in eure Ohren dringen: Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen. 45 Aber dieses Wort verstanden sie nicht, und es war vor ihnen verborgen, sodass sie es nicht begriffen. Und sie fürchteten sich, ihn nach diesem Wort zu fragen.

 Der Blick des Lesers wird umgelenkt – weg von Vater und Sohn, hin zur Menge und hin zu den Jüngern. Sie haben miterlebt, was geschehen ist. Es ist für die Zuschauer faszinierend und erschreckend zugleich. So ist es ja oft, wenn die Gottesgegenwart, die Herrlichkeit Gottes aufleuchtet. Hier aber steht nicht δόξα, wie bei der Erscheinung der Engel auf dem Hirtenfeld und auch in der Verklärungsgeschichte. Hier steht mit μεγαλειοτης ein Wort für Größe, Pracht, das wohl vor allem auf das Überwältigende der Erfahrung abzielt, das mir eher die menschliche Erfahrung als die göttliche Wirklichkeit auszudrücken scheint.

 Im Folgenden aber ist es so, als wollte Jesus genau das unterlaufen, diese Faszination, dieses überwältigt Sein durch das Geschehen. Und weil er weiß, wie schwer es ist, sich diesem Eindruck zu entziehen sagt er: Der Weg Jesu ist nicht der Weg einer übergroßen Macht. Es ist der Weg des Leidens. Er, der hier einem Menschen das Leben wieder gibt, der ihn den Klauen der Geister entreißt – er selbst wird überantwortet werden in die Hände der Menschen. Er, der Leben in die Freiheit führt, wird zum Spielball der Mächte werden. Stärker könnte der Kontrast nicht sein: Der die Freiheit des Lebens schenkt, wird unfrei, wird gebunden, wird der blinden Willkür böser Gedanken und Beschlüsse ausgeliefert.

 Es ist kein Wunder, dass die Jünger es nicht verstehen. Sie haben ja das Bild dieses Herrn vor Augen, der frei macht, der frei ist, der in die Freiheit führt. Wie sollten sie sich das denken können, dass er preisgegeben wird, überantwortet, gebunden? Das ist so jenseits aller Bilder, die sie von ihm haben, dass sie es nicht wirklich hören können, was er sagt und schon gar nicht begreifen.

Alles Verstehen braucht ja einen Anhalt in unserer Wirklichkeit. Wenn es diesen Haftpunkt nicht gibt, hören wir zwar akustische Signale, aber wir können sie nicht verarbeiten, nicht begreifen. So geht es den Jüngern hier. Und zugleich: Weil es so fremd ist, macht es Angst und die Angst verschließt ihnen den Mund, um zu fragen, was sie nicht verstehen können.

Jesus                                                                                                                                        Du bist uns fremder                                                                                                                 als wir es uns einzugestehen wagen

Du bist uns fremd in Deiner Macht                                                                                       Deiner Güte                                                                                                                            Deiner unbedingten Zuwendung                                                                                               Du bist uns fremd in Deinem Befehlswort                                                                          das doch die Freiheit eröffnet                                                                                                Du bist uns fremd in Deiner Erwartung                                                                                 dass wir Dein Werk tun möchten                                                                                       aus Deiner Macht handeln

Und noch fremder bist Du uns im Verzicht auf Deine Macht                                              Du lässt Dich ausliefern                                                                                                          binden                                                                                                                               preisgeben an die Willkür und Bosheit

Du gehst diesen Weg in die freiwillige Ohnmacht                                                                 in den Verzicht auf Macht und Herrlichkeit                                                                             für uns                                                                                                                               auch wenn wir ihn nie verstehen werden. Amen