Lebenspraxis Bekenntnis

Lukas 9, 18 – 27

 18 Und es begab sich, als Jesus allein war und betete und nur seine Jünger bei ihm waren, da fragte er sie und sprach: Wer, sagen die Leute, dass ich sei? 19 Sie antworteten und sprachen: Sie sagen, du seist Johannes der Täufer; einige aber, du seist Elia; andere aber, es sei einer der alten Propheten auferstanden. 20 Er aber sprach zu ihnen: Wer, sagt ihr aber, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach: Du bist der Christus Gottes!

 Das ist ein bisschen kompliziert: ist Jesus nun allein oder sind seine Jünger bei ihm? Betet er oder klärt er mit den Jüngern? Fast sieht es aus, als wären zwei Szenen in einander geschoben. Aber schließlich ist klar. Es geht um die Frage, was die Leute über Jesus sagen. Warum will er das wissen? Ist es von Bedeutung für ihn? Er ist doch vom Urteil der Leute nicht abhängig. Das hat sich oft genug gezeigt. Oder ist es eine Frage, die nur vorbereiten soll, was danach kommt? Die Jünger referieren die Meinungen, die umlaufen. Wieder zeigt sich, dass die Vorstellung eines Wiederkehrers aus den Toten im Volk Rückhalt hat – ob es nun um Johannes geht oder Elia oder sonst einen der Propheten.

 Daraus eine biblische Lehre vom Rad der Wiedergeburten ableiten zu wollen, halte ich für verfehlt. Es kann Ja auch sein, dass die Genannten nur „Typen“ sind – du bist einer wie… würden die Leute dann sagen. Es wäre die Funktion Jesu gemeint und nicht irgendein „Sein“. Das zu überlegen leuchtet mir jedenfalls viel mehr ein.

Aber dann folgt die Zuspitzung der Frage: Wer, sagt ihr aber, dass ich sei? Das ist die Frage, die nicht nur Jesus seinen Jüngern stellt, sondern die der Evangelist Lukas seinen Leserinnen und Lesern stellt. Er sucht bei ihnen Antwort auf diese Frage , nicht nur eine Antwort mit den Worten, sondern – das zeigt sich sofort im Anschluss – eine Antwort mit dem Leben.

Du bist der Christus Gottes! Für den ganzen Jüngerkreis, für das Volk der Christenheit bringt es Petrus als der Sprecher auf den Punkt. Das ist das Bekenntnis, nicht nur eine Meinung über Jesus. Aus der Botschaft der Engel an die Hirten „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr…“ (2, 11) wird das Bekenntnis eines Menschen. Die Botschaft der Engel ist jetzt ist auf der Erde angekommen. Petrus sagt den Satz, mit dem er sein Leben an Jesus bindet. Das ist zugleich der Satz, der Christen von der jüdischen Mutterreligion trennen wird. Das ist der Satz, für den Christen ihr Leben lassen werden. Das ist der Satz, der inhaltlich auch im Prozess Jesu wieder in der Mitte stehen wird.

 21 Er aber gebot ihnen, dass sie das niemandem sagen sollten, 22 und sprach: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tag auferstehen.

 Kein Lob, kein Tadel kommt hier aus dem Mund Jesu. Keine Wertung, keine Abwehr. Nur: Jetzt ist es noch nicht so weit, das in der Öffentlichkeit zu sagen. Liegt es daran, dass es die Leute in den falschen Hals kriegen würden oder dass es die Jünger aus einer falschen „Siegermentalität“ heraus sagen könnten? Beides ist ja in den Geschichten häufiger angedeutet, dass die Leute aus Jesus eine Art Heils-Zauberer machen könnten, einen „Brotkönig“ ( Johannes 6,15) und dass die Jünger sich auf dem Triumphzug nach Jerusalem wähnen könnten und nur noch um die besten Plätze streiten. (9,46)

 Gibt es demnach auch im Leben von Christenmenschen eine Zeit, in denen sie zu diesem Bekenntnis noch nicht reif sind, in denen die Zeit für dieses Bekenntnis noch nicht reif ist? Das gibt es ja, dass im Überschwang der geistlichen Erfahrungen, der großen und kleinen Wunder im Leben vergessen wird, dass der Christus einen Weg nach unten geht und nicht den Triumphweg, schwebend über der Erde und jenseits der Leiden sucht.

 So ist die Antwort Jesu auf dieses große Bekenntnis auch nicht ein Dankeschön, sondern die Ankündigung des Leidens. Der Weg nach Jerusalem ist ein Weg ins Leiden, kein Siegesmarsch herkömmlicher Art. Die das Sagen haben, die in den Augen der Welt religiös urteilsfähig sind, die werden zu andere Urteilen kommen wie ihr, die werden das Bekenntnis hier für eine Gotteslästerung erklären. Am Ende wird der Tod stehen – gewaltsam, erschreckend. So erschreckend, dass die Jünger wohl schon gar nicht mehr hören, dass Jesus auch sagt und am dritten Tag auferstehen. Diese Ankündigung reicht nicht mehr bis in die erschrockenen Herzen.

 23 Da sprach er zu ihnen allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. 24 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten. 25 Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst?

 Jetzt kommt, was sachlich wohl unausweichlich ist. Bekenntnis beansprucht das Leben. Oder anders gesagt: Bekenntnis ist die Lebenspraxis. „Unsere Taten reden lauter als die Worte, die wir sagen.“ Wie einer lebt, sagt, was er glaubt, wem er vertraut. Wer also Jesus als den Christus glaubt, wer sein Leben an ihn binden will, der wird hinter ihm her gehen müssen. Für den werden seine Fußspuren die Spur, der es zu folgen gilt.

Das ist die Spur der selbstvergessenen Liebe. Das ist die Spur der unbegrenzten und grundlosen Vergebung. Das ist die Spur des Vergebens und der Liebe, die sich zu denen wendet, die nicht liebenswürdig sind, die aber die Liebe für liebenswert erklärt. Das ist die Spur der Suche nach denen, die sich verrannt haben und den Weg zurück nicht mehr selbst finden können. Das ist die Spur dessen, der das Leiden auf sich nimmt, um so die Freiheit zu erwerben für die unter der Furcht des Todes. In der Hingabe an ihn und seine Spur finden wir das Leben. So sagt Jesus seinen Jüngern, sagt es Lukas seinen Lesern, glaube ich es heute.

 26 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich der Menschensohn auch schämen, wenn er kommen wird in seiner Herrlichkeit und der des Vaters und der heiligen Engel.

 Wer so an Christus glaubt, wer ihm sein Leben anvertraut, es auf ihn hin loslässt, der wird nicht anders können als es weitersagen. Dieses Wort klingt hart, weil es so bedingungslos Bedingungen zu nennen scheint. Ich weiß, dass es Unheil im Leben von Menschen angerichtet hat, weil sie es als Pflichtprogramm gehört haben, dem sie nie und nimmer genügen können. Aber es nennt nicht die Bedingung, die ich zu erfüllen habe, damit ich vor Gott gut dastehe. Es benennt die Konsequenz, die sich aus der Hingabe an Jesus ergibt. Es gibt dann kein Zurückziehen mehr. So hat es wohl auch Paulus gemeint: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“ Römer 1, 16 Wer vom Evangelium, von Jesus berührt ist, der kann nicht mehr anders als bezeugen: In ihm ist das Leben, mein Leben.

 27 Ich sage euch aber wahrlich: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bis sie das Reich Gottes sehen.

 Das wird gerne einmal als Beleg für die Naherwartung Jesu hergenommen und dann kommentiert: Hier irrt Jesus. Was aber, wenn es hier gar nicht um Naherwartung geht? Was, wenn hier das Kreuz gemeint ist? Das liegt doch auf der Linie dessen, was Jesus vorher sagt: Es geht nach Jerusalem, dem Leiden und Sterben und Auferstehen entgegen. Das ist doch das Reich Gottes in der Gegenwart unserer Zeit, dass der Weg Gottes mit seinem Christus an sein Ziel kommt, an dem die Versöhnung Gottes mit der Welt, die Versöhnung der Welt mit Gott bewirkt wird.

Du rufst Folge mir nach!                                                                                                        Du rufst damals                                                                                                                 heute                                                                                                                                      alle                                                                                                                                       uns                                                                                                                                            mich                                                                                                                                      Wir hören Dein Rufen in Sorgen hinein                                                                                  in Planungen hinein                                                                                                                in Verpflichtungen                                                                                                                      in die Aufgaben des Tages

Wie sollten wir das alles lassen können                                                                             ohne dass es zur Flucht wird                                                                                                 zum Zurückweichen von Verantwortung                                                                             Weg in eine schöne Paradieswelt

Ist Dein Ruf Befehl zur Entsagung                                                                                        Pflicht zum Verzicht                                                                                                           Zumutung innerlicher und äußerlicher Verarmung?

Du rufst und schenkst Dich selbst                                                                                       Du sagst                                                                                                                                 Komme zu mir                                                                                                                     Gehe mit mir                                                                                                                       Empfange in mir Leben                                                                                            Gottesgegenwart                                                                                                                  Zukunft                                                                                                                              Empfange mich und mit mir alles                                                                                          was Du suchst. Amen