Hören und Bewahren – und Tun

Lukas 8, 19 – 21

 19 Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm und konnten wegen der Menge nicht zu ihm gelangen. 20 Da wurde ihm gesagt: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. 21 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.

 Immer sind Menschen um Jesus herum, die etwas von ihm wollen, ihm etwas sagen, ihn berühren, seine Nähe suchen. Und immer gibt es welche, die so um ihn sind, dass andere nicht zu ihm kommen können, auch wenn sie vielleicht ein Recht darauf hätten. Seime Mutter und seine Brüder, die ihm doch nahe stehen, können nicht zu ihm gelangen. Wegen der Menge, wegen dem Gedränge um Jesus. Es geht ihnen wie es denen mit dem Gichtbrüchigen ging, die den Weg über das Dach suchen mussten. Nicht einmal eine verstohlene Berührung ist möglich, nicht einmal ein Blick aus der Menge heraus.

 Es findet sich einer, der es mitbekommen hat und Jesus informiert. Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Das klingt bitter: Sie sind draußen – wo es doch ein Drinnen gibt. Es gibt eine vielfache Erfahrung im Leben von Menschen, wo sie sich draußen gefunden haben, obwohl sie doch hätten drinnen sein wollen. Wer draußen ist, zählt nicht – er hat auch keinen Einfluss. Er wird nicht einmal durch sich selbst bemerkt. Das ist das Problem Marias und der Brüder Jesu, dass so viele um Jesus sind, dass sie kein Zugang zu ihm finden, nicht einmal Blickkontakt. Die normalerweise in seiner Nähe sein dürften, sind jetzt draußen.

Ob sich da historische Erinnerung spiegelt? Es heißt auch einmal, dass seine Familie von ihm sagt: „Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“ (Markus 3, 21) So ganz einfach war es also nicht zwischen Jesus und seiner Familie. Sein Weg bringt eine tiefe Entfremdung mit sich. Dieser Sohn ist anders als erwartet und erwünscht. Es hat Zeit gebraucht, bis aus dieser Distanz etwas anders geworden ist, bis es auch Zugänge für die Familie zu diesem Sohn gab. Unter dem Kreuz, so erzählt es Johannes, geschieht diese Neuausrichtung.

 Hier aber sind sie draußen. Sie würden gerne Nähe erfahren, würden ihn gerne sehen. Sie sind in der gleiche Situation wie die Griechen, von denen Johannes erzählt: „Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.“ (Johannes 12, 21) Aber sie können es nicht.

 Jetzt kommt es sehr darauf an, wie man liest. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun. Das ist die Antwort Jesu auf die gesuchte Nähe, auf den missglückten Blickkontakt. Es geht nicht um Nähe. Es geht auch nicht um biologische Nähe. Es gibt keine Vorrechte der Familie und kein Vorrecht der Blutsverwandtschaft. Es ist auch gar nicht wichtig, ob ich einen Platz im inner circle habe. Es ist nicht wichtig, ob ich mir mit meinen Augen ein Bild von Jesus machen kann. Wichtig ist nur eines: Gottes Wort hören und tun.

 Das ist die Linie, auf der Lukas schon die ganze Zeit erzählt. ES geht um das Hören und Tun des Wortes, um Bewahren, Bewegen und das Herz öffnen und die Hände und Füße zur Verfügung stellen für Gottes Weg und Willen. Ausgerechnet der Evangelist, der das Kindheitsevangelium erzählt, macht deutlich: Biologie ist kein Thema im Reich Gottes. Daran hat Lukas kein Interesse. Er macht das nicht so polemisch deutlich, wie es bei Matthäus und Markus klingt, wo es ja die schroffe Frage Jesu gibt: Wer ist meine Mutter? Hier ist kein Polemik, aber deutliche Klarstellung.

 Dass hier die Polemik so völlig fehlt, mag dann doch auch damit zusammen hängen, was Lukas vorher notiert hat von Maria. Sie ist ihm ja das Vorbild, wenn es um das Hören des Wortes geht (2, 19). Und er hat auch nicht vergessen, was er als Antwort Marias auf die Engelsbotschaft erzählt hat: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.(1,38) Wenn es das Hören und Tun des Wortes gibt, dann doch hier. Das ist die Nähe, die Jesus will und an der ihm liegt. Die äußerliche Nähe, die biologische Zusammengehörigkeit – sind dem gegenüber völlig zweitrangig.

 Eine Erinnerung daran bewahren wir ja in unserer Liturgie auf, wenn es nach der Schriftlesung heißen kann: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ Es geht um ein Hören und Bewahren, das zum Bewahrheiten wird im Tun. Ich glaube, dass wir diese Erinnerung immer neu brauchen, damit wir uns nicht zufrieden geben mit den Nähen, die uns zu Gebote stehen: dem Eintrag in den Personalausweis, dem Platz auf der Kirchenbank, der Taufurkunde und der pünktlichen Entrichtung der möglicherweise noch gekappten Kirchensteuer. Für das Hören und Tun des Wortes und Willens Gottes gibt es keinen Ersatz.

Jesus                                                                                                                                     wir suchen Deine Nähe                                                                                                          Wir singen Deine Lieder                                                                                                            wir wissen Worte von Dir                                                                                                 voller Weisheit                                                                                                                       Wir hängen Bilder von Dir auf                                                                                                   Ikonen und verehren sie weil wir Dich verehren

Du aber willst nicht unsere Verehrung                                                                                   Du willst nicht unsere Nähe                                                                                                 die sich in Dir sonnt                                                                                                              Du willst nicht                                                                                                                        dass wir Dich zitieren                                                                                                             wie eine Größe aus der Ahnengalerie des Geistes

Du willst                                                                                                                              dass wir Dein Wort hören und bewahren und tun                                                              von Herzen                                                                                                                             mit Schmerzen                                                                                                                         in der Hingabe an Dich und die Menschen. Amen