Einer schreit

Lukas 18, 35 – 43

 35 Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte.

Da sitzt einer am Weg. Ein Blinder. Keinen Weg mehr vor Augen. Nur die anderen haben Wege, er nicht. Er sitzt fest, tagaus, tagein. Mit seinem Leben geht es nicht mehr vorwärts, ist es wohl nie wirklich vorwärts gegangen. Festgelegt, festgefahren. Erblindet. Das einzige, was er hat, ist eine kümmerliche Existenz als Bettler.

36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37 Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. 38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

 Und doch ist dieser Blinde nicht so abgestumpft, so fertig mit dem Leben, dass er wohl meistens gar nichts mehr wahrnimmt. Er ist nur noch ausgestreckte Hand nach einer milden Gabe. Aber irgendwie bekommt er mit, dass etwas im Gang ist und will nicht, dass es einfach so an ihm vorbei geht. Auf sein Nachfragen hört er, dass es Jesus ist, der da unterwegs ist, auf dem Weg, an ihm vorbei.

 Diese Nachricht lässt ihn rufen, schreien. Warum? Was mag er gehört haben an Geschichten, Gerüchten, die in seinen Ohren vielleicht wie Märchen geklungen haben: Er bringt Menschen neu auf den Weg. Er hilft Menschen aus verfahrenen, ausweglosen Lebenssituationen heraus. Er schenkt Menschen neue Hoffnung. Er hat Menschen geheilt, auf die Beine gestellt. Er hat Augen und Zeit für die, die immer übersehen werden. „Einer schreit“ weiterlesen

Hinauf nach Jerusalem

Lukas 18, 31 – 34

 31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

 „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, damit alles vollendet werde.“ Als Jesus das sagte, waren die Jünger da wie elektrisiert? Jetzt ist es soweit. Jetzt wird er in Jerusalem enthüllen, wer er ist. Jetzt nimmt er das Zepter in die Hand. Jetzt macht er den letzten Schritt   mit dem er zeigt, dass er der lang erwartete Messias ist. Jerusalem   da muss es offenbar werden, was in Galiläa immer wieder einmal aufgeblitzt ist. Jetzt tut er den letzten Schritt. Geht es ihnen das alles durch den Kopf?

 Die uralten Worte der Propheten erfüllen sich – das klingt doch gut. Das macht doch Hoffnung. Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.“ (Jesaja 52, 10) Jetzt ist es so weit.

 Was der alten Väter Schar
Höchster Wunsch und Sehnen war,
Und was sie geprophezeit,
Ist erfüllt nach Herrlichkeit.                                           Heinrich Held 1658

 Oder weniger heilig: Jetzt geht’s los!  „Hinauf nach Jerusalem“ weiterlesen

Eskalation

Lukas 11, 37 – 54

 37 Als er noch redete, bat ihn ein Pharisäer, mit ihm zu essen. Und er ging hinein und setzte sich zu Tisch. 38 Als das der Pharisäer sah, wunderte er sich, dass er sich nicht vor dem Essen gewaschen hatte.

 In diesen Sätzen ist noch nichts zu spüren von der folgenden Eskalation der Ereignisse. Da bittet ein Pharisäer Jesus freundlich zu sich nach Hause, an den Tisch, zum Tischgespräch. Er sucht das Gespräch mit dem „prominenten“ Gast. Die Worte, die Lukas gebraucht, signalisieren: er freut sich darauf. Die Auseinandersetzungen der vorigen Abschnitte scheinen vergessen – es könnte schön werden. Nur eine kleine Irritation verzeichnet Lukas bei dem Pharisäer, weil Jesus seine Reinlichkeitsgewohnheiten schlicht ignoriert.

 39 Der Herr aber sprach zu ihm: Ihr Pharisäer, ihr haltet die Becher und Schüsseln außen rein; aber euer Inneres ist voll Raubgier und Bosheit.40 Ihr Narren, hat nicht der, der das Äußere geschaffen hat, auch das Innere geschaffen? 41 Gebt doch, was drinnen ist, als Almosen, siehe, dann ist euch alles rein. 42 Aber weh euch Pharisäern! Denn ihr gebt den Zehnten von Minze und Raute und allerlei Gemüse, aber am Recht und an der Liebe Gottes geht ihr vorbei. Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. 43 Weh euch Pharisäern! Denn ihr sitzt gern obenan in den Synagogen und wollt gegrüßt sein auf dem Markt. 44 Weh euch! Denn ihr seid wie die verdeckten Gräber, über die die Leute laufen und wissen es nicht.

 Jesus kann Gedanken lesen – das hat Lukas seine Leser hinlänglich gelehrt. So auch hier: Er weiß, was sich im Kopf seines Gastgebers abspielt. Aber weit entfernt davon, damit freundlich und ein wenig ironisch umzugehen, startet Jesus einen Frontalangriff. Sein Gastgeber wird in Sippenhaftung für die ganze Bewegung der Pharisäer genommen. Ihr seid Spezialisten in Sachen Reinheit – und seid dabei doch merkwürdig blind. Ihr seid auf Äußerlichkeiten getrimmt, aber die innere Unreinheit ist euch gleichgültig. Ihr pflegt Fassaden, aber wie es dahinter aussieht, ist für euch kein Thema. Ihr seid Formalisten, und über dem Dringen auf die Einhaltung der Formalia vergesst ihr, worauf es wirklich ankommt: auf Liebe und Gerechtigkeit.

 Ich stelle mir das einen Augenblick vor. Da sagt einer heute, in eine Veranstaltungen hinein, die sich um die Ordnung der Kirche müht: „Am Recht und an der Liebe Gottes geht ihr vorbei.“ Ich muss nicht Prophet sein, um mir die tumultartigen Reaktionen vorzustellen. Da werden auch besonnene Geister nicht ruhig sein können. Der Widerspruch gegen solche Worte ist vorprogrammiert. Denn sie kränken, weil sie das eigene Bemühen um Gott schlicht für verfehlt erklären. Was ihr tut, entspricht nicht dem, was Gott will. Wer Menschen gegen sich aufbringen will, der muss sie so angreifen.

 45 Da antwortete einer von den Schriftgelehrten und sprach zu ihm: Meister, mit diesen Worten schmähst du uns auch. 46 Er aber sprach: Weh auch euch Schriftgelehrten! Denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten und ihr selbst rührt sie nicht mit einem Finger an. 47 Weh euch! Denn ihr baut den Propheten Grabmäler; eure Väter aber haben sie getötet. 48 So bezeugt ihr und billigt die Taten eurer Väter; denn sie haben sie getötet, und ihr baut ihnen Grabmäler!

 Jesus ist nicht der einzige Gast und das Befremden auch der anderen Gäste über ihn ist offenkundig. Darum interveniert jetzt ein Schriftgelehrter – ehrfurchtsvoll aber doch deutlich: Meister, mit diesen Worten schmähst du uns auch. Er nennt Jesus Meister, erkennt ihn also an als einen, der weiß, was er sagt, der ein Lehrer in Israel ist. Aber er signalisiert auch persönliche Betroffenheit. Es geht um mehr als um eine Debatte. Was Jesus sagt, schmäht Menschen, setzt sie herunter, entwertet die Frömmigkeit einer ganzen Gruppe. Und man möchte ihm zurufen: So redet man nicht über das, was anderen wichtig ist! „Eskalation“ weiterlesen

Das eine Zeichen

Lukas 11, 29 – 36

 29 Die Menge aber drängte herzu. Da fing er an und sagte: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht; es fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Jona. 30 Denn wie Jona ein Zeichen war für die Leute von Ninive, so wird es auch der Menschensohn sein für dieses Geschlecht. 31 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit den Leuten dieses Geschlechts und wird sie verdammen; denn sie kam vom Ende der Welt, zu hören die Weisheit Salomos. Und siehe, hier ist mehr als Salomo. 32 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden’s verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

 Die Menge drängt sich um Jesus, von dem sie gerade gehört hat, wie eine Seligpreisung über ihm gesprochen wird. Will sie Anteil daran, an ihm haben? Ahnt sie doch, dass er mehr ist als nur ein Wundertäter? Ist dieses zu ihm hin Drängen nicht ein Zeichen dafür, dass sie nicht wie die Wortführer von eben denken, dass sie ihn von Gott gesegnet sehen?

 Und dann dies: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht. Das ist der nasse Lappen ins Gesicht der Leute um ihn herum. Das ist Angriff, Attacke. Woher kommt das? Jesus ist jedenfalls kein Gefälligkeitsredner. Es ist manchmal vielmehr so, als sei er auf Konfrontation aus. Jesus knüpft mit seinen Worten ja an das an, was unmittelbar vorher verhandelt wurde: Die Forderung an ihn, sich durch Zeichen zu legitimieren. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.(11,16) Jesus aber hört darin die Stimme des Versuchers und darum reagiert er so hart: Wer von ihm Zeichen fordert, ruft ihn heraus aus dem Weg des unbedingten Gehorsams, will von ihm die Selbstinszenierung und nicht den Gehorsam des Sohnes.

 Ein einziges Zeichen wird die Zeit empfangen – aber nicht aus seinen Händen. Es ist das Zeichen, das Gott selbst aufrichten wird – das Zeichen des Jona. Und jetzt verkürzt Lukas gegenüber Matthäus so sehr, dass eigentlich nur ein Rätselwort übrig bleibt. Bei Matthäus wird das Jona-Zeichen erläutert: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Matthäus 12, 40) Weil dieser Zusatz hier bei Lukas fehlt, verhüllt dieses Wort Jesu mehr als es erklärt.

 Zum wiederholten Mal nimmt Jesus so das Wort, dass er seine jüdischen Hörer geradezu gnadenlos provoziert. Die heidnische Königin von Saba, das üble Volk der Niniviten – sie werden gegen Israel als Zeugen des Glaubens auftreten, denn sie haben auf Salomo und Jona gehört, während Israel sich der größeren Weisheit und der endgültigen Erfüllung der Prophetie verschließt. Es ist wie in Nazareth (Lukas 4, 24 – 30) – da hält Jesus seinen Hörern die Witwe von Sarepta vor und Naeman aus Syrien. Es ist wie in Kapernaum, wo er den Glauben des römischen Hauptmanns als größer als allen Glaubens Israels bezeichnet. Es ist wie in seiner Erzählung, in der er den barmherzigen Samaritaner dem unbarmherzigen Priester und Leviten gegenüber stellt. Immer wieder die gleiche Figur: Bei den Heiden ist ein Glaube zu finden, den er in Israel vergeblich sucht.

 Wie viel enttäuschtes Suchen, wie viel entäuschtes, ins Leere gelaufenes Rufen, wie viel enttäuschte Liebe meldet sich in diesen scharfen Worten Jesu zu Wort! Und wie viel enttäuschte Suche nach dem Glauben der jüdischen Schwestern und Brüder hat wohl die Gemeinde des Lukas in diesen Worten mit gehört und mit empfunden. „Das eine Zeichen“ weiterlesen

Gottes Finger

Lukas 11, 14 – 28

 14 Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich.

 Es ist von einer geradezu lapidaren Kürze, wie Lukas hier erzählt. Fast so, als hätte er sich schon an Wunder gewöhnt. Ein Stummer kann wieder reden. Was ihm den Mund verschlossen hatte, hat keine Macht mehr über ihn. Er findet Worte. Und die es miterleben, staunen und geraten ins Wundern, ins Fragen.

 15 Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten. 16 Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

 Einige aber müssen nichts mehr fragen. Sie wissen. Sie haben ihre Deutung für das, was sie sehen: Es ist die Macht des Bösen, des Widergöttlichen, der Bestreitung des Gottes Israels, die in Jesus, durch Jesus am Werk ist. Das ist ein frontaler Angriff auf Jesus: du verdankst deine Macht nicht der Güte Gottes, sondern du paktierst mit dem Teufel.

 Es ist merkwürdig: Der Güte Gottes, sich eines Menschen zu solchen Werken zu bedienen, trauen sie offensichtlich nicht wirklich viel zu. Das „Zutrauen“ zur Macht des Bösen scheint ausgeprägter zu sein. Und das Rechnen damit, dass der Böse sich verstellt, sich als vermeintlicher Wohltäter tarnt. Aber es ist wohl so: Wo das Vertrauen auf Gottes Güte klein wird, wird die Angst vor dem Bösen und seiner Macht groß und man sieht ihn überall am Werk.

 Eine andere Gruppe, die nicht ganz so weit zu gehe scheint, fordert ein Legitimationszeichen vom Himmel her. Es ist nicht zu weit her geholt, hier an die Versuchung zu denken: Und er führte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dass sie dich bewahren. Und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (4, 9 – 11) Beide Male geht es um seine Macht – Und Jesus wird gefordert, sich zu erklären oder sich zu demonstrieren. „Gottes Finger“ weiterlesen

Nachbar Gott

Lukas 11, 5 – 13

 5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.

 Gute Geschichten können häufig etwas viel besser deutlich machen als noch so viele Erklärungen. Jesus lebt in einer Umwelt der Geschichtenerzähler und er ist auch selbst einer. Er lehrt seine Jünger, in dem er erzählt. Da steckt ja auch Zutrauen mit drin: Sie werden verstehen. Sie werden hören. Sie sind nicht unempfänglich für die Botschaft einer Geschichte.

 Weil er sie zum Beten ermutigen will, erzählt er – von der Freundschaft. Er zielt darauf ab, dass sie sagen werden: Ja, so ist es. Einem Freund kannst du ungelegen kommen. Einem Freund kannst du Ärger machen. Einem Freund kannst du auf die Nerven gehen. Und doch wird er am Ende des Tages zu dir stehen. So sind gute Freunde. Er sucht mit seiner Geschichte ihr Einverständnis.

 Die Situation ist so klar: Wenn ich selbst nichts mehr im Haus habe, es kommt Besuch und alle Läden sind dicht – wo gehe ich hin – zum Freund, zum freundlichen Nachbarn. Und er wird helfen – murrend vielleicht, knurrend, gestört – aber er wird helfen.

 So ist Gott. So dürft ihr über Gott denken – wie von einem guten Freund, der euch nicht im Stich lässt. Wie von einem guten Freund, bei dem ihr zur Zeit und zur Unzeit auf der Matte stehe dürft. „Gott redete mit Mose wie mit einem Freund“ – das wissen wir gerade noch und finden es eine Beweis der Freundlichkeit Gottes, dass er sich so herablässt. Jesus aber kehrt den Gedanken um: Rechnet mit Gott wie mit einem guten Freund! Zieht ihn hinein in eure Nöte. In eure Probleme. Sagt ihm, was ihr braucht. Er wird helfen. Gott, der euer Freund ist, wird euch nicht im Stich lassen. „Nachbar Gott“ weiterlesen

Wir dürfen Vater sagen

Lukas 11, 1 – 4

 1 Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.

 Jesus betet immer wieder, an allen möglichen Orten, in der Einsamkeit, auf dem Berg, vor einer Herausforderung. Sein Beten ist etwas, was seine Jünger wahrnehmen, wohl auch als ungewöhnlich wahrnehmen.Und zugleich spüren sie, dass dieses Beten die Quelle der Kraft Jesu ist. Aus dem Reden mit dem Vater schöpft er. Aus diesem Reden nährt sich seine Seele. In diesem Reden empfängt er die Freiheit für sein Tun.

 Der betende Jesus ist aber zugleich nicht irgendwie exotisch. Um die Jünger herum wird viel gebetet – die Pharisäer und Schriftgelehrten beten, Menschen beten im Tempel und der Synagoge. In der hebräischen Buch gibt es den Psalter – das Gebetbuch Jesu und aller Juden in seiner Zeit. Vielleicht kann man sagen: Jude sein heißt beten – sich dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Gott der Väter zuwenden, ihn mit ganzem Ernst suchen.

 Und doch muss etwas am Beten Jesu so sein, dass die Jünger sagen lässt: Herr, lehre uns beten. Sie lehnen sich mit dieser Bitte an die Praxis des Johannes an. Der hatte seine Jünger offenkundig beten gelehrt. Das heißt wohl nicht: Er hat sie ein paar Gebete gelehrt. Sondern er hat sie in eine bestimme Gebetspraxis eingeführt, sie vielleicht sogar Methoden gelehrt, wie man zur Ruhe findet, wie man stille wird, wie man sich auf Gott hin ausrichtet – wenn man das überhaupt kann: sich ausrichten auf Gott. So höre ich dann auch die Bitte der Jünger: Sie fragen, so denke ich, nach einer „Methode“ des Gebetes, nach einer Haltung des Betens, nach einer Übung vielleicht auch.

 Es ist ja insgesamt merkwürdig, dass die Bibel an unendlich vielen Stellen Gebete überliefert, dass es aber keine „Methodik“ gibt. Es gibt keine Anleitung: So müsst ihr sitzen. So muss eure Konzentration sein. So könnt ihr zur Ruhe finden. Auch feste Gebetszeiten werden nicht überliefert. Das kann meines Erachtens auch daran liegen, dass es das alles selbstverständlich gab und dass es auch selbstverständlich praktiziert wurde. Eine selbstverständliche und geübte Praxis aber muss Jesus seinen Jüngern nicht noch einmal nahe bringen.

 Und doch ist da diese Frage der Jünger, in der ich eine Sehnsucht spüre: wir möchten so beten lernen, dass wir innerlich erfüllt sind, dass wir die Kraft Gottes spüren, die wir bei dir sehen, das wir die Nähe Gottes erfahren, in der du lebst. Wie kann das gehen?

 Vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit, aber die Jünger fragen den Herrn. κΰριε, reden sie ihn an und nicht „Rabbi“. „Herr“ und nicht „Meister“. Es ist die Ahnung, dass es um das Beten des Herrn geht, das die Kraft Gottes empfängt, dass er als Betender der Herr ist und dass in seiner Spur bleiben, von dem Herrn beten lernen ist. Es geht um mehr als um die Gebete der Menschen, auch um mehr als um das Gebet eines frommen Menschen – und sei Jesus dieser fromme Mensch. Es geht um das Eintauchen in das Gebet des „Herrn“. „Wir dürfen Vater sagen“ weiterlesen

Ruhen in der Gegenwart Jesu

Lukas 10, 38 – 42

 38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.

 Der Weg nach Jerusalem, der Weg mit seinen Jüngern – und Jüngerinnen – hin zur Passion geht weiter. Diesmal findet Jesus Aufnahme. Marta nimmt ihn auf. Offensichtlich hat sie so viel Verfügungsgewalt, dass sie einen Fremden – oder ist Jesus für sie kein Fremder? – in ihr Haus aufnehmen kann.

Mit dieser Formulierung die nahm ihn auf kann aber noch mehr als die gewährte Gastfreundschaft im Gegensatz zur verweigerten Gastfreundschaft anklingen. Das könnte ja auch ein Ausdruck für das Christ-werden sein – Jesus in sein Lebenshaus aufnehmen, ihm das eigene Leben öffnen. „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“(Johannes 1,12) Diese Formulierung könnte ja auch im Leserumfeld des Lukas geläufig sein.

39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. 40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!

 Es ist eine Szene, die sofort verständlich ist. Die Schwester Martas, Maria lässt sich bei Jesus < und seinen Begleitern?> nieder. Sie hört zu. Sie nimmt seine Worte auf. Sie ist ganz Ohr. Marta dagegen wirbelt im Haushalt. Sie macht sich Mühe um die Gäste. Sie will eine gute Gastgeberin sein. Ob sie es dabei übertreibt? In den Worten sie machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. scheint das zumindest anzuklingen. Sie hat keine Distanz mehr zu dem, was sie da auftischt, was sie auffährt. Sie sieht nur noch ihre Arbeit und sich allein mit ihrer Arbeit. So kann man diese Worte hören.

Es ist ein starker Kontrast: die eine Schwester ist ganz dem Gast zugewandt in ihrem Hören, in ihrem Sitzen zu seinen Füßen, in ihrer Nähe. Die andere ist ihm auch ganz zugewandt – in ihrem Dienen, in den Wegen durch das Haus, in allen Handgriffen. Es geht ihr um ihn und sein Wohl, um ihn und seine Annehmlichkeit. Aber es geht ihr so um ihn, dass sie gar keinen Zeit für ihn hat, obwohl sie alle Zeit für ihn aufwendet. „Ruhen in der Gegenwart Jesu“ weiterlesen

Glaube, der Hand und Fuß hat

Lukas 10, 25 – 37

 25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

 Es gibt echte Fragen und unechte Fragen. Es gibt Fragen, die ich mir selbst beantworten kann, weil ich die richtige Antwort weiß. Wenn ich so eine Frage einem anderen stelle, will ich ihn vorführen. So ist es hier wohl mit dem Schriftgelehrten und seiner Frage an Jesus. Er kennt schon die korrekte Antwort. Er will sie nur von ihm hören. Jesus aber spielt die Frage zurück: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Das ist die Autorität, die auch der Schriftgelehrte anerkennt : Das Gesetz., die Weisung Gottes weist den Weg zum Leben. Weil sie diese gemeinsame Autorität haben, darum können sie sich auch verständigen.

 Gott meint es gut mit uns. Es ist der wunderbare Plan Gottes für unser Leben, dass es sich in der dreifachen Liebe entfaltet: Zu Gott, dem Schöpfer, zu den Mitmenschen und Mitgeschöpfen und zu sich selbst sollen und dürfen wir uns liebevoll verhalten. Wo einer so leben kann, da gewinnt sein Leben Tiefe und Gültigkeit, da gewinnt es Anschluss an das unvergängliche Wesen Gottes.

 So sagt es der schriftgelehrte Mann und Jesus gibt ihm recht. Er weiß es. Und die Antwort Jesu ist darum ebenso kurz wie prägnant: Tu das, so wirst du leben. Das Wissen alleine macht es nicht – das Leben in diese Spur bringen, das ist der Weg. Das ist ja wohl das Problem vieler frommer Leute bis heute: Wir haben das wissen, aber unser Tun und Handeln bleibt hinter diesem Wissen zurück. Es hat keine Folgen ins Leben hinein. Was muss ich tun – war seine Frage – jetzt hat er die Antwort: Folge dem Plan Gottes für dein Leben. „Glaube, der Hand und Fuß hat“ weiterlesen

Freut euch

Lukas 10, 17 -24

 17 Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen.

 Wieder eine Rückkehr nach der Aussendung. Diesmal voll Freude. Erfolg ist keiner der Namen Gottes hat Martin Buber gesagt. Aber dass das Wort wirkt, dass die Vollmacht Jesu trägt, dass das Reich Gottes weiter nahe kommt – das kann Menschen mit Freude erfüllen. Und wer wollte sich nicht freuen, wenn er Macht hat, dem Bösen Einhalt zu gebieten, ob es nun böse Geister, böse Gedanken oder böse Taten sind. Der Name Jesu setzt dem Bösen Grenzen. Das ist wunderbar.

 Der schlichte Satz sie kamen zurück voll Freude löst bei mir Gedanken aus. Warum erzählen wir nicht häufiger von den guten Früchten des Evangeliums? Warum lassen wir der Freude daran nicht mehr Raum in unseren Gemeinden? Warum gehen wir so leicht zur Tagesordnung über, wenn Menschen davon erzählen, was die Verkündigung des Evangeliums vermag – in Korea, in Afrika, in den islamischen Ländern? Kann es sein, dass die Freudlosigkeit der europäischen Kirchen, vieler Kirchengemeinden damit zu tun hat, dass wir uns die Freude an den Berichten der Boten nicht gönnen, dass wir lieber von den Problemen hören und nicht so gerne von dem, was das Evangelium vermag? Kann es sein, dass wir uns weigern zuzuhören, weil es bei uns nichts Vergleichbares zu erzählen gibt, das Evangelium folgenlos geworden zu sein scheint?

 18 Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. 19 Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden. 20 Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

 Jesus jedenfalls wehrt nicht die Freude ab. Er wehrt auch den Jüngern ihr Erzählen nicht. Sondern er richtet ihren Blick vom Vordergrund – was sie vermochten – auf den Hintergrund. Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Das ist das Geschehen hinter dem Geschehen, die geistliche Wirklichkeit hinter dem, was die Jünger erleben. „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.“ (Offenbarung 12, 10) Die Stimme des Verklägers zählt im Himmel nicht mehr. Der Hiob ins Verderben zu ziehen suchen konnte ( Hiob 1, 6 – 12; 2, 1-5), hat alle seine Rechte verloren. „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ ( 1. Johannes 3,8b) Das sieht Jesus – er sieht seine Mission erfüllt – jetzt schon! Und seine Jünger haben mit ihrer Botschaft Anteil daran. „Freut euch“ weiterlesen