Wer versetzt die Berge der Angst?

Lukas 7, 11 – 17

 11 Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge. 12 Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.

 Jesus ist auf dem Weg mit großer Begleitung. Seine Jünger und viel Volk. Gespannt, was als nächstes geschehen wird. Ist Nain ein Ziel oder kommt er zufällig dorthin: „ es begab sich“ lässt alle Deutungen zu. Aber mit dem Zufall hat es das Evangelium nicht so. Am Stadttor von Nain begegnet er einem Trauerzug. Es ist ein tragischer Fall – das einzige Kind einer armen Frau. Erst hat sie den Mann verloren, jetzt auch noch ihr Kind. Was bleibt ihr noch? Sie stürzt ganz tief ins Elend. Es gibt keine Zukunft mehr für sie. Das Leben ist im Grunde vorbei. Früher, in Sarepta, da hat Gott durch Elia geholfen. Aber heute? Gott hat sich zurückgezogen. In unsere Welt handelt er nicht mehr, kommt er nicht mehr.

 Die mit der Frau gehen, sind unterwegs mit einem Sack voller Fragen und Gesichtern voller Tränen. Unterwegs in dem Schmerz um einen Jungen, einen, der viel zu früh aus dem Leben gerissen worden ist. Was bleibt, ist nur, dass sie ihr nahe bleiben. So ist viel Volk mit der Witwe auf dem Weg zum Grab. Mittrauernde. Freunde. Neugierige. Jedenfalls: sie ist nicht allein. Aber – der Trauerzug ändert nichts an der Wirklichkeit des Todes.

 13 Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht!

 Diesem Zug voller Schmerzen und Tränen, voller Traurigkeit und Resignation begegnet Jesus. Er sieht sie auf ihrem hoffnungslosen Weg. Und dann: „sie jammert ihn“. Was er sieht, geht ihm an die Nieren. Er ist davon so betroffen, dass es ihm körperlichen Schmerz bereitet. Er ist nicht unberührt, nicht cool, nicht gleichgültig: So ist das halt. Da kann man nichts machen. Der mit der großen Vision und der großen Mission unterwegs ist, sieht das Einzelschicksal und es lässt ihn mitleiden. Es geht ihm unter die Haut, an die Nieren. Und weil es ihm unter die Haut geht, mischt er sich ein. „Weine nicht!“ sagt er zu der Frau. 14 Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! 15 Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter.

 Die Initiative liegt ganz bei Jesus. Es gibt keine Frage, keinen Schrei, keine Bitte. Es gibt keinen himmlischen Befehl. Es gibt nur sein Sehen auf die Frau und ihren Schmerz. Er geht zu dem offenen Sarg – im Orient wird der Tote auf einer offenen Bahre zum Grab getragen. Er hält den ganzen Leichenzug an. Plötzlich ist tiefe Stille. Und dann hören sie, wie er spricht: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!“ Was für eine verrückte Situation: Befehlswort an eine Leiche. Als ob Leichen noch hören oder gar gehorchen könnten.

 Es ist einer dieser Jesus-Befehle, die sich durch das Evangelium ziehen: Fahre hinaus, wirf Deine Netze aus! Steige herab vom Baum! Nehmt und esst! Bindet den Esel los! – und hier: Steh auf! Es sind Befehle, die durch nichts begründet werden als durch seine Autorität. Er spricht und es geschieht. Das ist die „Wort-Jesu-Theologie“ des Lukas. Was er sagt, geschieht, wie am ersten Tag der Schöpfung! „Und Gott sprach: Es werde …. Und es geschah so.“ (1. Mose 1, 6)

 Sein Wort wirkt. Jesu Wort reicht bis in den Tod hinein. Der Junge, das Kind richtet sich auf und er gab ihn seiner Mutter! Sie hat ihr Kind wieder. Und mit ihrem Kind eine neue Zukunft. Ihr Leben ist nicht mehr unterwegs in der Sackgasse Richtung Tod, sondern es hat eine Wende bekommen zu neuem Leben.

 Kein Sammelbericht. Eine Einzelerzählung, einzigartig auch – nur bei Lukas. Sondergut. Hier, an diesem Stadttor hat er geholfen. Hier leuchtet sein Erbarmen auf. So wird es sichtbar: Der Tod ist nicht so unüberwindlich, wie wir es glauben. Wir sind nicht unter uns, Gott los und Gott-fern. Gott hat sich nicht in dem Himmel verabschiedet.

 16 Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht. 17 Und diese Kunde von ihm erscholl in ganz Judäa und im ganzen umliegenden Land.

Die Reaktion der Menschen ist nicht: Toll! Sensationell! So was hat es noch nie gegeben. Sondern sie sagen: Gott hat sich uns zugewendet. Gott hat uns heimgesucht. Gott ist in unsere Welt hinein gekommen. Sie erschrecken darüber, weil damit der Kreis der Welt gesprengt wird. Sie ist nicht mehr dicht gegen die Anwesenheit Gottes.

 Das ist der Zielpunkt dieser Geschichte: Diese Welt dreht sich nicht einfach ungeliebt und sinnlos in sich selbst weiter. Jesus ist in diese Welt hinein gekommen und in ihm Gott. Und Jesus ist nicht auf den Sonnenseiten des Lebens geblieben, wo nichts weh tut und alles glatt läuft. Er kommt in die Welt, wo sie dunkel ist und voller Schmerzen, wo sie viel seelische Kraft abverlangt und oft nicht klar ist, ob es überhaupt noch eine Perspektive gibt. Er kommt in die tiefe Resignation, die gar keinen Weg mehr vor sich sehen kann. Und er nimmt dem Tod die Macht – dem Tod am Ende des Lebens und den tausend Toden, die wir vor dem Ende sterben.

 Diese Geschichte soll mitten in den vielen Fragen, die sie auch hervorruft, doch die Sehnsucht wecken: dass der Tag kommt, an dem das Sterben und der Tod überwunden sind, dass der Tag kommt, an dem die Schmerzen überholt sind, dass der Tag kommt, an dem wir es erfahren: Jesus hat uns den Himmel geöffnet, uns heimgesucht in das Vaterhaus Gottes, weil er nicht ohne uns beim Vater sein will. Der Zug des Lebens kommt uns entgegen. Nain ist heute überall.

Wer versetzt die Berge der Angst                                                                                        die das Lachen ersticken                                                                                                     die Hände müde machen                                                                                                     die Augen mit Tränen füllen                                                                                                      das Leben lähmen?

Wer übersteigt die Mauern des Schweigens                                                                       die uns wegsehen lassen vom Leiden                                                                                   uns schweigen lassen zum Unrecht                                                                                       uns stumm machen über Schuld                                                                                            uns gefangen nehmen in unsere Einsamkeit?

Wer bricht die Tore des Vergessens auf                                                                             die unsere Hoffnungen einsperren                                                                                    unsere Träume aussperren                                                                                           unsere Wege abschneiden                                                                                                   uns die Toten nehmen?

Wer zerbricht den Tod                                                                                                         der unser Leben durchkreuzt                                                                                               unsere Liebe sterben lässt                                                                                            unsere Hoffnung begräbt                                                                                                       uns zu Boden drückt – ohne Hoffnung auf neuen Anfang?

Bist du es Gott?                                                                                                              Versetzt Du uns die Berge der Angst?                                                                             Übersteigst Du uns die Mauern des Schweigens?                                                                  Brichst Du uns die Tore des Vergessens auf?                                                                 Zerbrichst Du uns den Tod?                                                                                                  Auf Dein Wort hin hoffe ich – zweifelnd und fragend –                                                            lass uns nicht allein. Amen