Maß nehmen an Gott

Lukas 6, 36 – 42 

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Das ist der Schlüsselsatz für alles Folgende. Es ist der Ruf, an Gott das Maß für das eigene Verhalten zu finden. Es ist der Ruf, so zu sein wie Gott. Was in der Erzählung Genesis 3 als Sündenfall beschrieben wird, das wird hier zur Aufforderung aus dem Mund Jesu: Nehmt euer Maß an Gott. Dabei ist es schon wichtig zu sehen, an welcher Eigenschaft Gottes wir Maß nehmen sollen – an der Barmherzigkeit, an dem Erbarmen, das sich nach unten beugt, dass nicht das Recht an die erste Stelle setzt.

Eine kleiner Ausflug in biblische Zusammenhänge: In Leviticus 19, 2 heißt es als Gebot: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott.“ Das findet seine Fortsetzung in Matthäus 5, 48: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Und bei Lukas taucht die gleiche Figur – der Zusammenhang zwischen dem „Sein“ Gottes und dem Verhalten des Menschen – eben hier im Wort Jesu auf.

Alles aber leitet sich wohl ab aus dem Schöpfungs-Bericht: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. ( Genesis 1, 27) Es geht um die Entsprechung zu Gott. Es geht darum, dass an unserem Leben, unserem Verhalten deutlich werden soll, wie Gott es mit dieser Welt meint. Das ist nicht theologische Spekulation, sondern höchst praktische Lehre vom Menschen. Gott will, dass sein Wesen durch uns in der Welt sichtbar wird – auch das meint das große Wort Inkarnation. Wie viel Würde wird uns damit zugesprochen, aber auch: Unter welchem Anspruch steht damit unser Verhalten.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. 38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

Das Erbarmen zeigt sich in konkreten Schritten: nicht richten, nicht verurteilen, vergeben. Es ist die Eröffnung von Freiheit für andere. Es ist das, was Jesus selbst tut. Er wird noch am Kreuz sagen: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (23,43) Er geht durch sein Leben und eröffnet immer neu Zukunft, richtet auf und vergibt, befreit aus den Lasten der Vergangenheit und legt keinen fest auf das, was war.

Jesus redet hier ja seltsam persönlich zugespitzt. Es ist, als würde er sagen: Das Programm, um die Welt zu verbessern, um das Reich Gottes aufleuchten zu lassen, hier und jetzt – das liegt in deiner eigenen Lebensumgebung. Du bist es, der Zeichen setzten kann – nicht weit weg, sondern in deinem Leben. Das ist ebenso einfach wie ernüchtern und schwer: Fang bei dir an.

Der einzige Mensch, bei dem ich – vielleicht – etwas ändern kann, bin ich selbst. Ich kann barmherzig werden mit mir und meinesgleichen. Ich kann aufhören, andere ab zu urteilen. Ich kann ein Ende machen mit den Urteilen, gegen die es keine Berufung gibt. Ich kann vergeben, auch wo es mir bitter schwer ist, aufhören, nachtragend zu sein. Das alles kann ich als einer, der es nicht „kann“, der oft genug genau darin scheitert. Und doch gibt es keine Alternative zu diesem bei sich selbst anfangen, kehren vor der eigenen Haustür.

Ist das kleinbürgerlich gedacht, individualistisch? Ist das der Verzicht auf die große Vision von Gerechtigkeit, vom Shalom Gottes? Ich bin da nicht so sicher. Ich glaube eher, dass es so unangenehm konkret wird, weil ich selbst in die Pflicht genommen werde und mir der Ausweg in die großen Programme versperrt wird, die andere erfüllen sollen. Jesus jedenfalls lebt das, was er hier sagt – bis zum Äußersten, bis zum Tod.

Und seltsam genug: er, der den Ausstieg aus dem Echo-Verhalten fordert,er sagt zugleich: wie ihr lebt, das löst ein Echo aus. Wie ihr mit anderen Umgeht, das fällt auf euch selbst zurück. Es ist der Maßstab, den ihr selbst aufrichtet.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?40 Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.

Auf dem Hintergrund des eben gesagten: wie soll einer Wegweisung für die anderen geben, wenn er selbst im Dunkeln tappt? Wie soll einer den anderen sagen können, wie das Leben weit wird, wenn er es selbst sich und anderen eng macht? Es geht um genau das: Nur wer selbst Maß nimmt an der Barmherzigkeit Gottes, der kann anderen das Leben weiten, kann den weiten Horizont gewinnen. Und genauso wichtig: Nur wer selbst auf dem Weg ist, kann anderen diesen Weg zeigen. Das ist die Vollkommenheit des Jüngers, dass er auf dem Weg seines Meisters geht – das nennt Lukas mit den anderen Evangelisten zusammen „Nachfolge“

41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? 42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Noch einmal: fange bei dir selbst an. Noch einmal: Erwarte nichts von anderen, was du nicht selbst tust. Noch einmal: Sieh nicht die Schwächen und Fehler, die Sünde der anderen und glaube, dass du demgegenüber doch wunderbar bist. Es ist ein Wort, das befreit aus einer Identität, die sich immer nur dem Vergleichen verdankt: Ich bin Gott sei Dank nicht wie dieser da! Nein, Jesus wirft uns zurück auf uns selbst.

Ich glaube, dass diese Worte Jesu auch schon der ersten Gemeinde, auch der Gemeinde, für die Lukas schreibt, eine Menge Lernstoff gegeben haben – Lernstoff für das praktische Alltagsverhalten, nicht für eine ethische Theorie-Bildung. Daran ist das Evangelium ja merkwürdig uninteressiert. Aber es ist höchst interessiert daran, dass wir Schritte zu einem Miteinander tun, in dem sich die Güte Gottes widerspiegelt.

Jesus                                                                                                                                    Du bist wie der Vater barmherzig                                                                                        geduldig                                                                                                                                 gerecht

Du richtest auf                                                                                                                     bringst zurecht                                                                                                                     gibst neuen Mut                                                                                                                       öffnest neue Wege in das Leben                                                                                         auch aus zerstörter und verstörender Vergangenheit

Gib Du                                                                                                                                       dass ich Dir darin folge                                                                                                             vergebe                                                                                                                                    befreie                                                                                                                              ermutige ‘                                                                                                                                  tröste                                                                                                                              zurechtbringe

Gib Du                                                                                                                               dass ich weitergebe                                                                                                             was ich empfange                                                                                                              Erbarmen                                                                                                                           Güte                                                                                                                                         Treue                                                                                                                             Geduld                                                                                                                                   Liebe

Das alles schenken mir andere Menschen                                                                       aber es kommt her von Dir                                                                                               Lass mich austeilen                                                                                                           was ich empfange habe. Amen