Selig – Wehe

Lukas 6, 17 – 26

 17 Und er ging mit ihnen hinab und trat auf ein ebenes Feld. Und um ihn war eine große Schar seiner Jünger und eine große Menge des Volkes aus ganz Judäa und Jerusalem und aus dem Küstenland von Tyrus und Sidon, 18 die gekommen waren, ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden; und die von unreinen Geistern umgetrieben waren, wurden gesund. 19 Und alles Volk suchte ihn anzurühren; denn es ging Kraft von ihm aus und er heilte sie alle.

 Vom Ort der Gottesbegegnung geht der Weg hinab in die Begegnung mit dem Volk. Jesus bleibt nicht in der Zweisamkeit mit dem Vater. Er wendet sich den Menschen zu – seinen Jüngern, dem Volk aus Judäa und denen aus den heidnischen Gegenden. Es ist die Mischung, die in Zukunft das Volk Gottes ausmachen wird – keine reine Schar, sondern gemischt, zusammen gesetzt aus vielen Ecken. Sie alle kommen zu ihm – es ist eine Bewegung aufeinander zu – er kommt herab, sie kommen zu ihm. Ihre Motivation: geheilt werden, befreit werden und das Wort hören, das neue Perspektiven schenkt. Und schließlich: Anteil gewinnen an seiner Kraft. Es ist die Sehnsucht nach dem größeren, dem freien Leben, die die Menschen zu Jesus treibt.

 Was folgt, kennen wir besser aus Matthäus und der Bergpredigt. Hier ist es eine Feldrede. Viel knapper als bei Matthäus. Und es ist von den Adressaten her deutlich: Es ist nicht nur Rede an die Jünger. Es ist ein Rede an alle – darf ich ergänzen: die guten Willens sind?

 20 Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. 21 Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. 22 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. 23 Freut euch an jenem Tage und springt vor Freude; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan.

 Es gibt so viele Auslegungen dieser Worte. Mir sind ganz wenige Aspekte wichtig. Ob es die ursprüngliche Fassung der Worte ist, weiß ich nicht, ist wohl auch schwer zu entscheiden. Lukas überliefert die Seligpreisungen als Anreden: Selig seid ihr… Damit ist von Anfang an klar gestellt: Es sind Anreden, Zusagen an Menschen, an die Hörer. Es geht nicht um die Sanktionierung von Zuständen. Sondern sie in ihrer Situation erhalten eine Zusage. Nicht alle Armen sind selig, schon gar nicht, weil sie arm sind. Aber, die, die hier angesprochen werden, die hier mit ihrer Armut anwesend sind, die hören: Das Reich Gottes ist euer. Die, die jetzt weinen, hören: ihr werdet lachen.

Was Jesus hier sagt sind Worte aus seiner Kraft. Die Kraft, die von ihm ausgeht, geht such von seinen Worten aus. Sie tun, wozu er sie sagt. Sie schaffen eine neue Wirklichkeit. Das ist die Herausforderung der Seligpreisungen: Glaube ich ihnen, so dass mein Leben durch sie verwandelt wird, oder hänge ich fest in dem, was ich als Lebens-Situation vor Augen habe? Glaube ich, dass das Reich Gottes mir offen steht, dass ich satt werde, dass meine Tränen in Lachen verwandelt werden? Glaube ich, dass sein Wort MEIN Leben auf eine neue Basis stellt? Nicht mehr das Vorfindliche, Faktische, sondern seine Zusagen geben meinem Leben die Richtung. Wenn ich das nicht glaube, werde ich eingemauert in das was ist, werde ich eingefangen in die Ängste und Sorgen. Es gibt keine Transformation meines Lebens ohne das Vertrauen: Sein Wort richtet aus, was er sagt.

 Über alle Zeiten hinweg reichen diese Worte bis zu mir und fragen mich, ob ich ihm, Jesus, traue und mich seinen Worten anvertraue.

 24 Aber dagegen: Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. 25 Weh euch, die ihr jetzt satt seid! Denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr werdet weinen und klagen. 26 Weh euch, wenn euch jedermann wohlredet! Denn das Gleiche haben ihre Väter den falschen Propheten getan.

 Die Seligpreisungen haben eine Kehrseite – die Weherufe. Sie richten sich an die, deren Leben sich im Haben schon erfüllt hat, an die Satten, Erwartungslosen. Wer schon alles hat, der braucht keine Zukunft, braucht auch keine Verheißungen. Ob er es wirklich hören kann, dass Jesus sagt: Stellt euch darauf ein, dass es nicht gelten wird: Weiter so, immer weiter.

Jesus                                                                                                                                     Du sagst                                                                                                                              Selig seid ihr und ich spüre                                                                                                  Das möchte ich gerne glauben                                                                                                 in meinen Ängsten                                                                                                             meiner inneren Armut                                                                                                            meiner Sehnsucht                                                                                                              meiner verzagten Seele

Du rufst mich zum Glauben                                                                                              über meine enge Sicht hinaus                                                                                                über meine Erfahrungen hinaus                                                                                            über meine Lebenswunden hinaus

Du öffnest mir den weiten Horizont des Vertrauens                                                               dass nichts bleiben muss                                                                                                      wie es immer war                                                                                                               dass niemand um das Leben                                                                                              um das Glück                                                                                                                      um die Freude                                                                                                                           um die Erfüllung betrogen wird                                                                                              der sich Dir vertraut

Hilf Du mir zu diesem Glauben                                                                                                 heute                                                                                                                                      morgen                                                                                                                         übermorgen                                                                                                                         alle Tage bis ans Ende meiner Tage. Amen