Der Synagogenwanderer

Lukas 6, 6 – 11

 6 Es geschah aber an einem andern Sabbat, dass er in die Synagoge ging und lehrte.

 Jesus ist ein Synagogenwanderer. Und er ist am Sabbat in der Synagoge. Das ist sein Ort, denn hier folgt er seiner Berufung: Er lehrt. Er sagt seine Botschaft. Er stärkt Menschen den Rücken, mit Worten und Werken. Es ist ein bisschen unbestimmt: ein anderer Sabbat: Dafür klingt es um so bestimmter. In der Synagoge. Gemeint ist aber ein typisches Verhalten – wo sollte Jesus am Sabbat auch sonst sein als in der Synagoge?

 Und da war ein Mensch, dessen rechte Hand war verdorrt.

 Das ist der Tatbestand. Einer kann seine Hand nicht mehr gebrauchen. Er ist nur noch halb. „Ich, der Mann mit der verdorrten Hand war Maurer und verdiente mit meinen Händen meinen Lebensunterhalt. Ich bitte dich, Jesus, dass du mir meine Gesundheit wieder herstellst, damit ich nicht schimpflich um das Essen bitten muss.“ (Ebioniter-Evangelium zit. Nach Bovon, Lukas-Evangelium, EKK III/1 S. 274 ) Das ist das Schicksal, das ihm droht. Er wird betteln müssen.

 7 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer lauerten darauf, ob er auch am Sabbat heilen würde, damit sie etwas fänden, ihn zu verklagen.

 Irgendwie hat sich in der Zeit des ersten Wirkens Jesu Spannung aufgebaut. Die Schriftgelehrten und Pharisäer sind längst Gefangene ihres Misstrauens, ihres Argwohns. Sie können nicht mehr einfach nur da sein und abwarten, was geschehen wird. Die vermuteten, prognostizierten Geschehnisse haben absurder weise schon die Regie übernommen. Deshalb lauern sie, so wie Übeltäter lauern und auf Beute aus sind. Was für eine innere Seelen-Unruhe an dem Tag, der doch der Ruhe und Anbetung Gottes dienen soll.

 Das lässt mich fragen: Wie viel Unruhe gibt es auch heute an dem Tag, der doch der ruhe und dem inneren Frieden dienen soll? Wie oft sind wir gefangen in unseren Vor-Urteilen über Predigten, Verhalten, Gottesdienste. Und statt uns zu freuen an Gottes Güte regen wir uns auf über die fehlende Güte (=Qualität) in dem, was wir hören, sehen und „mitfeiern“ Sind wir nicht auch allzu häufig auf der Lauer und betrügen uns selbst?

8 Er aber merkte ihre Gedanken und sprach zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und tritt hervor! Und er stand auf und trat vor. 9 Da sprach Jesus zu ihnen: Ich frage euch: Ist’s erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, Leben zu erhalten oder zu vernichten? 10 Und er sah sie alle ringsum an und sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus! Und er tat’s; da wurde seine Hand wieder zurechtgebracht.

 Der Herzenskenner Jesus sieht die Gedanken. Er sieht es den Gesichtern an – sokönnte man sagen. Das gibt es ja, Gesichter wie eine Steilwand, an denen alles abprallen wird. Es kann auch sein, dass er inzwischen weiß, wie „sie“ ticken. Es ist ja nicht die erste Begegnung. Aber Jesus lässt sich nicht von der Wand beeindrucken. Er wendet sich dem Menschen und holt ihn in die Mitte – είς τό μέσον. Aus dem Winkel in die Mitte, aus der Ecke nach vorne, aus der Verborgenheit in die Sichtbarkeit, ins Blickfeld. Und er folgt der Aufforderung – obwohl er doch wissen kann, was andere denken. Ein Kranker in der Synagoge – das geht nicht. Ein Kranker ist doch ein Sünder.

 Krankheit als die Folge von Sünde – das war brutal-gängige Betrachtungsweise damals und ist es es zum Teil auch heute noch. Selbst schuld – so sagen sie heute und diskutieren, ob man nicht Beitragssätze erhöhen muss für unsolides Leben, fehlende Vorsorge, verweigerte Programme. Wir sind nicht so viel weiter wie die damals, auf die wir so gerne aufgeklärt herab schauen.

Jesus wendet sich an die Schriftgelehrten und Pharisäer. Er fragt nicht nach dem Glauben des Mannes mit dem Handicap. Er will von ihm keine Erklärung. Aber er will seine lauernden `Freunde’ ins Nachdenken führen. Ist der Sabbat für das Leben da oder für den Tod? Dient er dem Guten, dem Leben, oder ist er eine Plattform für das Böse? Das ist die Frage nach dem ursprünglichen Sinn des Sabbat, den ja all die Gebote und Vorschriften der Schriftgelehrten und Pharisäer zu schützen vorgeben.

 Das ist in den Augen Jesu der tiefste Sinn des Sabbat: Er ist Wohltat von Gott her und rettet vor dem Sklaventum der ununterbrochenen Arbeit und Selbstproduktion. Aber mit dem Sabbat tut Gott uns Gutes – αγαθοποιει̃νhat er mit dem Sabbat im Sinn und wer Gutes tut auch und gerade am Sabbat ist in der Spur Gottes. Das ist der Anspruch Jesu: Er erfüllt den Sabbat Gottes. Darum steht am Schluss, fast beiläufig erzählt, die Heilung. Das Machtwort Jesu bringt seine Hand zurecht, indem er ihm gehorcht. Er, seine Hand, wird wieder zurecht gebracht, so wie ganz Israel einmal wieder zurecht gebracht werden soll. Vielleicht kann ich ganz im Sinn des Lukas sagen: So handfest fängt die Wiederherstellung Israels ein – ein Mann kann sein Hand wieder gebrauchen

 11 Sie aber wurden ganz von Sinnen und beredeten sich miteinander, was sie Jesus tun wollten.

Man erfährt nichts über die Freude des Geheillten, auch nichts über das Staunen derer, die sonst noch in der Synagoge sind. Der übliche Bewunderungsschluss entfällt. Nur die Reaktion der Schriftgelehrten und Pharisäer wird vermerkt. Sie waren von Sinnen. ανοία statt αγνοία schreibt Lukas. Es ist eben nicht die Unwissenheit – die wird von Lukas oft entschuldigt. Hier ist die blanke Wut, der Wahnsinn im Spiel. Ausgeliefert an ihre Emotionen beratschlagen sie, wie diesem Jesus beizukommen ist. Kein Zweifel: Es ist eine mörderische Wut. Und so etwas geschieht am Sabbat? Ist damit nicht auch die Frage beantwortet, wer am Sabbat Gutes tut und wer am Sabbat Böses denkt und plant?

Jesus                                                                                                                                     Du rufst aus dem Winkel in die Mitte                                                                                  aus dem Schatten ins Licht                                                                                                   Du heilst                                                                                                                                 Du stellst neu in das Leben

Das ist nicht nur damals                                                                                                      Dein Wille                                                                                                                             Dein Tun                                                                                                                              Das willst Du auch heute                                                                                                  auch durch uns                                                                                                                      Deine Kirche                                                                                                                    Menschen sollen ins Licht                                                                                                    die im Schatten stehen                                                                                                           ins Blickfeld                                                                                                                             die sich verkriechen                                                                                                       aufgerichtet werden                                                                                                              die gebeugt worden sind

Gib Du                                                                                                                           barmherziger Herr                                                                                                                     dass wir Dir nicht im Weg stehen                                                                                       nicht den Weg zu Dir verbauen                                                                                        durch Kleinglauben und Rechthaberei                                                                                   Herr erbarme dich. Amen

Ich habe mit den ganzen Abschnitt ein Problem: Lukas erzählt eine Begebenheit, die so wirkt, als ginge es gar nicht um den Menschen und seine Hand. Er ist Gegenstand eines Streites, der auch über Ähren ausgetragen werden könnte, über einen Ochsen, der in den Brunnen gefallen ist, über Reinigungsarbeiten und Wäschewaschen. Mit ihm hat das alles nichts zu tun. So wirkt auch seine Heilung fast wie eine Demonstration. Diese Erzählung tanzt damit aus der Reihe, wie hier ein Kranker zum Objekt gemacht wird, nicht mehr Subjekt ist, nicht mehr in der Mitte steht, obwohl Jesus ihn doch in die Mitte gerufen hat.   


Bin ich überempfindlich? Muss nicht der Satz gelten: Hauptsache, er ist geheilt. Ob die Motive so hehr und rein sind, ist doch zweitrangig. Ich frage doch auch bei dem mich behandelnden Arzt nicht nach seinen Motiv – ob er das um des Geldes willen macht, um seiner höheren medizinischen Ehre willen oder ob ich ihm wichtig bin, ich allein. 


Aber von Jesus erhoffe ich, dass jede und jeder für ihn als Mensch wichtig ist, im Vordergrund und dass er nie Mittel wird, nie Objekt wird, nie nur eine Funktion. Das erhoffe ich von ihm, weil ich es auch in der Kirche zu oft sehe, wie Menschen verzweckt werden, eingespannt in ein Projekt und nur das Projekt zählt, nicht mehr der Mensch. Wenn das überempfindlich ist, dann will ich gerne überempfindlich sein.