Jesus Freudenmeister

Lukas 5, 33 – 39

 33 Sie aber sprachen zu ihm: Die Jünger des Johannes fasten oft und beten viel, ebenso die Jünger der Pharisäer; aber deine Jünger essen und trinken. 34 Jesus sprach aber zu ihnen: Ihr könnt die Hochzeitsgäste nicht fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist. 35 Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, in jenen Tagen.

 Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide,Jesu, meine Zier.
Ach, wie lang, ach lange ist dem Herzen bange, und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam,
außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.    Johann Franck 1653

 Wer so singt, kann nicht traurig fasten. Fasten-Praxis trifft auf Fest-Freude. Es ist wohl zu Zeiten Jesu schon aufgefallen: Er übt keine „geistliche Regel“ mit seinen Leuten ein. Er schärft keine rituellen Verhaltensmuster ein, mit deren Hilfe man sich Gott nahen kann. Er schenkt seine Gegenwart und in dieser Gegenwart blüht Gottvertrauen auf, blüht ein unmittelbares Reden mit dem Vater auf. Wo der Bräutigam ist, da ist Fest angesagt und es wäre ein Affront gegen den Bräutigam, jetzt fasten zu wollen.

 Wahrscheinlich wird hier aber auch die unterschiedliche Praxis der Gemeinde mit der Praxis der „Mutterreligion“ des Judentums ins Gespräch gebracht. Wenn die junge Christengemeinde ganz in der Gegenwart des Auferstandenen lebt, dann ist die Freude ihr Leitmotiv, und Fasten in Sack und Asche – das sind ja wohl die äußeren Attribute – ist völlig unangemessen für diese Freude.

 Ob es eine Kritik ist: Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, in jenen Tagen. Wenn diese unmittelbare Freude verloren geht, das Wissen um den gegenwärtigen Herren, dann wird es zu neuer Fasten-Praxis kommen. Ich könnte vielleicht frech eine steile These aufstellen: Je weniger die christliche Gemeinde in der Gewissheit der Auferstehung und der Gegenwart des drei-einigen Gottes lebt, umso mehr greifen Praktiken des Fasten, der religiösen Übung, der Selbstkasteiung um sich. Wer sich ganz in Gott geborgen weiß, von ihm umgeben wie von der Luft, die er atmet, der muss nicht fasten, um Gottesgegenwart herzustellen. Er lebt ja in der Freude des angebrochenen Festes.

 36 Und er sagte zu ihnen ein Gleichnis: Niemand reißt einen Lappen von einem neuen Kleid und flickt ihn auf ein altes Kleid; sonst zerreißt man das neue und der Lappen vom neuen passt nicht auf das alte. 37 Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der neue Wein die Schläuche und wird verschüttet und die Schläuche verderben. 38 Sondern neuen Wein soll man in neue Schläuche füllen.

 Jedes Mal geht es um alt-neu. Was für ein Unsinn, ein neues Kleid zu zerstören, um ein altes Kleid zu flicken. Was für eine törichte Handlung, den gärenden neuen Wein alte Schläuche zu füllen. Sie werden ihn nicht halten können. Es geht Jesus nicht um Reformen. Es geht auch der jungen Christenheit nicht um Reformen. So jedenfalls liest Lukas die Jesus-Geschichte. Er ist die Erfüllung der Gottesverheißungen, aber nicht der Reformator jüdischer Frömmigkeit. Jesus als Reform-Rabbi – das ist kompletter Unsinn. Das neue Leben des Evangeliums verlangt nach neuen Wegen, sucht sich neue Ausdrucksformen, wird auch neue Rituale entwickeln. Die Aufgabe der Jünger (= der jungen Christengemeinde) ist nicht Anpassung an den alten Glauben, an die Riten der Väter, sondern ein Leben, das der Gegenwart des Bräutigams entspricht.

 Ist es ganz falsch, diese Sätze auch kritisch auf das Religion-Werden des Christentums hin zu lesen? Es ist so viel Aufmerksamkeit und Kraft darauf verwendet worden, den neuen Glauben ein zu passen in die alte Welt der Religionen, seinen Vernunft nachzuweisen, ihn akzeptabel zu machen für die Denkvoraussetzungen der paganen Philosophie, der alltäglichen Verhaltensweisen und wie viel ist dabei von dem Neuen auf der Strecke geblieben! Zumindest denken darf ich das doch, selbst wenn ich es nicht sicher behaupten kann und nicht einer revolutionären jesuanischen Träumerei auf den Leim gehen will. Aber das wir weit zurück bleiben hinter dem Leben aus der geglaubten, gefeierten und erfahrenen Gegenwart des Auferstandenen, das ist mir außer Frage – sowohl was mein persönliches Leben angeht als auch was die Praxis aller Kirchen durch alle Zeiten hin betrifft.

 39 Und niemand, der vom alten Wein trinkt, will neuen; denn er spricht: Der alte ist milder.

 Freilich: das ist nicht unangefochten. Der Weg zu dem Neuen – das ist wohl der Sinn dieses Verses – geht nicht ohne Verlustängste. Wer mit dem alten Wein seine Erfahrungen gemacht hat, gute obendrein, der wird sich von dem neuen Wein fernhalten. Der ist zu „streng“, zu Rauschhaft. Wer seinen Lebensdurst in der Beachtung der Gesetzen und Regeln, in der Praxis des Opfers gestillt sieht – warum sollte der sich aufmachen zu neuen Wegen? Warum sollte der von einem Wein trinken, dessen Geschmack ihm womöglich nicht zusagen wird? Es ist der Glaube nicht jedermanns Ding. (2. Thessalonicher 3,2) sagt Paulus. Das schmerzt, so wie auch diese Bobachtung im Wort Jesu schmerzt. Es ist jedes mal ein Wunder, wenn einer sich von seinen gewohnten Verhaltensweisen lösen kann und dem neuen Wein mehr traut als den Getränken seines bisherigen Lebens.

Jesus                                                                                                                                 Herzens-Bräutigam                                                                                                    Freudenmeister                                                                                                                    Du willst unsere Freude                                                                                                            unser Glück                                                                                                                        unser Leben                                                                                                                         erfüllt aus Deiner Gegenwart

Du willst Dich schenken                                                                                                   Lebensfülle                                                                                                                     Gnade um Gnade                                                                                                             überfließend reich                                                                                                                   so dass kein Mangel ist an irgendeinem Gut

Hilf mir die Hände zu öffnen                                                                                                  zu empfangen                                                                                                                        was Du gibst                                                                                                                          Dich zu empfangen                                                                                                                 das Leben aus Dir                                                                                                                     und dann zu geben                                                                                                                 was ich empfangen habe                                                                                                          und mein Leben in Dir und Deiner Fülle zu leben. Amen