Ich sage Dir

Lukas 5, 17 – 26

 17 Und es begab sich eines Tages, als er lehrte, dass auch Pharisäer und Schriftgelehrte dasaßen, die gekommen waren aus allen Orten in Galiläa und Judäa und aus Jerusalem. Und die Kraft des Herrn war mit ihm, dass er heilen konnte.

 Es begab sich – so fangen Märchen an. So fängt oft genug auch Erzählung des Evangeliums an, die uns wie Märchen vorkommen mag und die doch von der märchenhaften Verwandlung der Wirklichkeit zu erzählen weiß. „Die Wirklichkeit ist meist viel unwirklicher als jede Fiktion.“ (Anna Maria Schenkel) Es ist nicht nur das gemeine Volk, das sich um Jesus sammelt. Es sind auch die berufenen Vertreter des Glaubens, die es ernst nehmen mit Gott, die voller Eifer in der Schrift forschen. Sie kommen aus der ganzen Region, um Jesus zu hören, zu befragen, sich ein Bild von ihm zu machen. Es sind ernsthafte Leute und sie nehmen Jesus deshalb ernst.

 Was für ein Satz steht da: Er ist wie eine Erinnerung an die Versuchungs-Geschichte. Jesus lebt nicht aus eigener Kraft, handelt nicht aus eigener Kraft. Er kann nichts tun aus sich selbst. Oder muss man genauer sagen: Er will nichts tun aus sich selbst? Jedenfalls: Weil er die Kraft Gottes in sich trägt, jetzt, an diesem Tag, kann er heilen, auf die Beine stellen, neu das Leben öffnen.

 18 Und siehe, einige Männer brachten einen Menschen auf einem Bett; der war gelähmt. Und sie versuchten, ihn hineinzubringen und vor ihn zu legen. 19 Und weil sie wegen der Menge keinen Zugang fanden, ihn hineinzubringen, stiegen sie auf das Dach und ließen ihn durch die Ziegel hinunter mit dem Bett mitten unter sie vor Jesus. 20 Und als er ihren Glauben sah, sprach er: Mensch, deine Sünden sind dir vergeben.

 Markus weiß es genau: Es sind vier, die den Gelähmten bringen. Bei Lukas ist es unbestimmt: Einige. Sie müssen einen Umweg machen, nicht, weil sie es wollen – der direkte Zugang zu Jesus ist ihnen versperrt.

 Man kann schon fragen: Ist das nicht oft so, dass der direkte Zugang zu Jesus versperrt wird, von denen, die schon da sind, die glauben, dass sie ein Recht auf Jesus haben, die schon immer nach ihm gefragt haben. Kann es sein, dass die, die sich um Jesus sammeln, es Anderen schwer machen, den Weg zu ihm zu finden. Unsere heutige Rede von den Milieu-verengten Gemeinden könnte hier ein überraschendes, indirektes Beispiel in der Schrift haben.

Jesus sieht diese Leute und er sieht, was man nicht sehen kann: Ihren Glauben. In dem, was sie tun, wird Glauben sichtbar. Er zeigt sich eben nicht nur in frommen Worten, gelernten Glaubensbekenntnissen, in Zitaten aus der Schrift. Glauben zeigt sich in den Schritten, die einer tut, in den Handlungen, in den Haltungen des Lebens. Dieser Glauben findet im Wort Jesu Antwort: Mensch, deine Sünden sind dir vergeben. Ob die Träger das erwartet hatten? Es ist unklar, was sie überhaupt erwartet haben. Sie haben ja einfach nur Einen mit seinen Lebensumständen zu Jesus gebracht – und er hat in diesem Bringen Glauben gesehen und wohl auch Erwartung. Und er erfüllt sie auf seine Weise.

 21 Und die Schriftgelehrten und Pharisäer fingen an zu überlegen und sprachen: Wer ist der, dass er Gotteslästerungen redet? Wer kann Sünden vergeben als allein Gott? 22 Als aber Jesus ihre Gedanken merkte, antwortete er und sprach zu ihnen: Was denkt ihr in euren Herzen? 23 Was ist leichter, zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf und geh umher? 24 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!

 Es ist kein Wunder, dass Gesprächsbedarf entsteht. Die „Fachleute“, Schriftgelehrte und Pharisäer, wissen: Hier geschieht Grenzüberschreitung. Hier ist einer, der Gottes exklusives Recht für sich beansprucht. Hier steht einer, der fernab von allen rituellen Vermittlungen direkt zuspricht, was doch das alleinige Recht Gottes ist. Der Abstand zwischen Gott und Mensch kann nur von Gott her überbrückt werden – wie darf da ein Mensch, und sei er noch so fromm, so etwas sagen? Alle Vergebung ist, so sagt es priesterliche Lehre seit altersher, ist an das Opfer und den Tempel gebunden. Und sie ist immer nur Hinweis auf das, was Gott sich selbst vorbehalten hat. Wie kann Jesus sich darüber hinwegsetzen, ohne das Recht Gottes für sich zu beanspruchen? Und was macht er aus sich, wenn er das trotzdem tut?

Es ist schon gut, noch einmal genau hin zu sehen. Jesus hat nicht gesagt: ego te absolvo. Er hat nicht gesagt: So vergebe ich Dir. Er hat gesagt: Mensch, deine Sünden sind dir vergeben.Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer haben schon Recht: Im Passiv steckt ja das Handeln Gottes drin. Jesus sagt dem Gelähmten ein Handeln Gottes zu, verspricht es nicht nur, sondern vollzieht es in seiner Zusage. Aber es bleibt das Handeln Gottes.

Der Menschenkenner und Herzenskenner sieht und hört, was sie denken und sagen. Und er stellt sich ihren Gedanken und Worten. Es ist, in unseren Ohren, eine merkwürdige Frage: Was ist leichter? Heilung hat eine sichtbare, kontrollierbare Seite, Vergebung aber ist unsichtbar und unverfügbar. Und nun sagt Jesus: Die sichtbare Seite soll euch ein Zeichen sein für meine Vollmacht, für mein Recht, für meine εξουσία. Und dann kommt der Befehl, der jetzt noch einmal die Grenzen verändert. Keine bitte an den Vater – Vollmachtswort, direkt an den Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!

25 Und sogleich stand er auf vor ihren Augen und nahm das Bett, auf dem er gelegen hatte, und ging heim und pries Gott.

Sofort. Sogleich. Subito. Sein Wort stellt auf die Beine. Sein Wort öffnet neu Zukunft. Der Gelähmte wird heraus gelöst aus den verlegenen Jahren seiner Vergangenheit und kann neue Schritte tun. Er kann heim gehen – ob hier nicht schon die Erzählung von der Heimkehr des verlorenen Sohnes mit zu hören ist? Mir scheint es jedenfalls gewollte Formulierung des Lukas: Er kann nach Hause gehen und kann seine Vergangenheit mit nach Hause bringen, mit zu Gott bringen. Das meint Vergebung ja im strengen Sinn: Ich kann mit meinem Leben, so wie es ist, wieder zu Gott kommen. Nichts darf mich von ihm fernhalten.

26 Und sie entsetzten sich alle und priesen Gott und wurden von Furcht erfüllt und sprachen: Wir haben heute seltsame Dinge gesehen.

 Die Zuschauer sind fassungslos. Es ist das Gemisch aus Entsetzen und Erstaunen, aus Stammeln und und um Worte ringen, aus Halleluja und „So was hast du noch nicht gesehen“, das so oft das Handeln Gottes begleitet. Auf solches Handeln passt kein Reim, den wir uns machen. Es ist gut, sich aus der Bahn werfen zu lassen, sich einzugestehen: Uns fehlen die Kriterien, um zu begreifen und erst recht zu beurteilen. Wir spüren, dass die Wirklichkeit größer ist, als wir sie gerne sein lassen und Gott uns unvermutet näher als wir es je geahnt haben. Dieses fassungslose Staunen, erfüllt von Furcht ist ein wichtiger, vielleicht sogar unverzichtbarer Schritt auf dem Weg zum Glauben.

Jesus Menschensohn                                                                                                          Du siehst Glauben                                                                                                                   wo wir nur Aufdringlichkeit                                                                                                     Vorwitz                                                                                                                         Überschwang sehen

Du siehst das gefangene Herz                                                                                                wo wir nur die kranken Knochen                                                                                          den geschundenen Körper                                                                                                   das eingeengte Leben sehen

Du sprichst Dein Wort                                                                                                            das die Lasten der Vergangenheit                                                                                          von den Schultern nimmt                                                                                                      Du gibst Stärke genug                                                                                                              zu tragen was war                                                                                                               und doch neue Schritte in die Zukunft zu tun

Du sprichst Dein Wort                                                                                                         das befreit                                                                                                                            neues Leben schenkt                                                                                                                den Weg                                                                                                                                 zum Herzen Gottes                                                                                                                 in das Vaterhaus Gottes öffnet

Ich danke Dir für Dein Wort. Heute. Amen