Woher empfange ich?

Lukas 4, 1 – 13

 1 Jesus aber, voll Heiligen Geistes, kam zurück vom Jordan und wurde vom Geist in die Wüste geführt 2 und vierzig Tage lang von dem Teufel versucht.

 Manchmal geben Übersetzungen Impulse zum Nachdenken: „Darauf führte ihn der Heilige Geist 40 Tage in der Wüste umher, und dabei wurde Jesus vom Teufel in die Wüste geführt.“ (EÜ). Also: Der Geist führt Jesus in die Wüste und der Teufel führt Jesus in Versuchung. Die eine Führung schließt die andere nicht aus! Im Griechischen ist das so nicht sichtbar. Da ist nur der Geist der Führende. Aber dadurch wird deutlich: Die Frage: Wer führt mich? ist nicht ein für allemal entschieden, sondern sie stellt sich in jeder aktuellen Situation neu. Jesus muss sie genauso beantworten wie wir heutzutage.

Dieses doppelte „führte“ erinnert daran: Die einmal getroffene große Entscheidung will durch viele kleine Einzelentscheide verifiziert und gelebt werden. Die Geschichte von der Versuchung Jesu steht in der unmittelbaren Nähe der Erzählung von seiner Taufe. Der das „Du bist mein geliebter Sohn“ gehört hat, der soll und muss dieses Sohn-Sein in den Versuchungen bewahren und bewähren.

Und er aß nichts in diesen Tagen, und als sie ein Ende hatten, hungerte ihn. 3 Der Teufel aber sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich zu diesem Stein, dass er Brot werde. 4 Und Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht allein vom Brot.«

Sich leer machen ist seit altersher ein Weg der Gottesbereitung. Wenn Jesus fastet, so zeigt er darin sein Mensch-Sein. Auch er muss der Erfahrung Gottes in der eigenen Seele den Weg bereiten. Er ist auf das Empfangen angewiesen und kann es nur, wenn er leer ist. Voll Hände können nichts empfangen. Er will diese Leere und er will sie nicht füllen mit Eigenem, mit dem Brot der Zeit. 

Merkwürdig, dass bei Lukas fehlt, was Matthäus „fromm“ mit zitiert: „sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Wobei Matthäus auch schon nicht ganz wörtlich zitiert hatte, heißt es doch in 5. Mose 8,3: „Er demütigte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, auf dass er dir kundtäte, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht.“ Jesus will nur das Leben aus Gott. Nichts sonst.

 5 Und der Teufel führte ihn hoch hinauf und zeigte ihm alle Reiche der Welt in einem Augenblick 6 und sprach zu ihm: Alle diese Macht will ich dir geben und ihre Herrlichkeit; denn sie ist mir übergeben und ich gebe sie, wem ich will. 7 Wenn du mich nun anbetest, so soll sie ganz dein sein. 8 Jesus antwortete ihm und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.«

 Der Versucher tritt auf als der, der über die Welt verfügen kann. Er sieht sie als sein Eigentum, als seine Habe, mit der er verfährt, wie er will. Das ist die Anmaßung des Versuchers, die Nachäffung Gottes. „Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.“(Psalm 24,1–2) Das ist biblische Grundüberzeugung und der Versucher lässt hier die Maske fallen – er beansprucht Gottes alleiniges Recht.

Ein anderer Hinweis wird noch im Lukas-Evangelium gegeben. Jesus erzählt in der Geschichte von den zwei Söhnen, wie der Vater um den Älteren wirbt: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. (15, 31) Niemand muss sich von einem anderen geben lassen, was Gott ihm doch längst anvertraut hat. Es ist, als würde der Versucher Jesus aus seiner Sohnes-Stellung herauslösen wollen, in dem er ihm suggeriert: Du darfst ja gar nicht. Du darfst ja nur, wenn ich dir gebe. Jesus aber weiß, was der Vater längst zu ihm gesagt hat: „Alles, was mein ist, das ist dein.“ In diesem Wissen wehrt er den Versucher ab.

 9 Und er führte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter; 10 denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dass sie dich bewahren. 11 Und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« 12 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Es ist gesagt (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

 Die Orte der Versuchung Jesu sind die Wüste, der hohe Berg und der Tempel – die Leere, der Ort der großen Perspektive und der Ort der Gottesgegenwart. Versuchungen setzen da an, wo ich bin und nicht da, wo ich nicht sein sollte. Sie setzen in mir an.

 Aber der eigentliche Ort der Versuchung ist die Seele. Im inneren Zwiegesprächen spielt sich der ganze Kampf ab. Schwelgen in den Träumen in Größen, die ich selbst erschaffe und nicht Gott. Sich wehren mit der eigenen Klugheit und Frömmigkeit und nicht mit der schlichten Zurückweisung: Die Schrift sagt.

 Vermutlich verknüpft und vermischt sich die Versuchung des Materiellen mit der Macht-Versuchung. Macht als Wissen, als Argumentieren, als Akzente setzen, als Positionen schleifen können, als Gedankenstärke – diese Versuchung ist stark. Macht – eine Idee in die Welt zu setzen und sie anderen so plausibel zu machen, dass sie machen – das ist Lust und Herausforderung und Versuchung.

 Die Frage an Jesus, die er zu beantworten hat, ist schlicht: Woher empfange ich? Wer hat die Hoheit in meinem Leben? Wem verdanke ich mich? Ich ahne, dass die Versuchung Jesu im Tiefsten immer gleich ist: Ich bin, was ich bin, aus mir selbst. Ich habe mich zu dem gemacht, der ich heute bin, was ich bin. Und ich bin mir selbst das Maß. Und dann soll er das Ja Gottes „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ nehmen und es zum Raub machen, zum Privatbesitz und sich Gott schuldig bleiben, weil er sich selbst gehören und gehorchen will.

Und das Gegenmittel, der Versuchung standzuhalten? Hinein kriechen in das Ja des Vaters und sagen: Ich will nichts als aus diesem Ja leben. Ich will nichts als dein Sohn sein, ganz einig mit deinem Wollen und deiner Liebe.

13 Und als der Teufel alle Versuchungen vollendet hatte, wich er von ihm eine Zeit lang.

 Es tritt, was den Teufel betrifft, eine lange Pause ein im Lukas-Evangelium. Der Versucher verschwindet von der Bildfläche. Aber er ist nur aus den Augen. Er ist nicht weg. Er wird sein Werk noch einmal zu versuchen haben. „Denn auch die Ruhe nach dem Sturm ist nur die Ruhe vor dem Sturm“ (Georg Danzer)

Ich danke Dir                                                                                                                       Vater im Himmel für die Gaben des Lebens                                                                        für Essen und Trinken                                                                                                            für die Feste meines Lebens                                                                                                   für die Freuden und das Glück                                                                                                 Lass mich nie so tun als wäre das mein Verdienst                                                               Bewahre mich vor der Lebensgier                                                                                          die die Gaben des Lebens vergöttert

Ich danke Dir für die Chancen                                                                                                meine Welt mitzugestalten                                                                                                     für alle schönen Ideen                                                                                                               die mir kommen und für alle Kraft                                                                                      manche auch zu verwirklichen                                                                                         Lass mich nie so tun                                                                                                            als wäre mein Leben nur wertvoll im Gelingen meiner Arbeit                                               Bewahre mich vor dem Zwang                                                                                         mich selbst zu produzieren

Ich danke Dir für den Glauben                                                                                              den Du in mir erweckt hast und für alle Freude                                                                      ihn mit anderen zu teilen                                                                                                    Lass mich nie so tun                                                                                                            als wäre ich so glaubensstark                                                                                                  dass ich nicht mehr auf Dein Erbarmen angewiesen bin                                                         Und bewahre mich vor dem Hochmut                                                                                der sich allein vertraut

Schenke mir den Geist Jesu Christi                                                                                   der nichts sucht                                                                                                                     als Deinen Willen und Deine Liebe. Amen