Das Heil Gottes – der Heiland

Lukas 3, 1 – 6

 1 Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, 2 als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste.

 Es fängt schrecklich umständlich an. Es wird aufgezählt, wer König und Herrscher ist, Provinzgouverneur und Priester. Man kann mit solcher Aufzählung in einer Kultur ohne durchgehenden Kalender die Zeit bestimmen, weil es ja um eine bestimmte Zeit geht. Heute würde man das Datum des Kalenders dafür nehmen. So aber, in dieser umständlichen Aufzählung bekommt man gleich auch Zeitkolorit mit – es werden ja die Machthaber genannt, die Großen, die ein wenig weniger Großen und die geistlichen Führer. Sie bestimmen die Zeit – so hat man das damals gesehen.

 Aber in dieser Zeit geschieht was in Wahrheit die Zeit bestimmt: „da geschah der Befehl Gottes an Johannes.“ Und es geschieht nicht in einer der bedeutenden Städte, sondern in der Wüste. Gott greift in einer bestimmten Zeit in das Leben eines bestimmten Menschen hinein. Gott findet seine Leute da, wo sie keiner sucht – Abraham in Ur, Mose in der Wüste, David bei den Herden des Vaters. Und eben Johannes in der Wüste. Dieser Mensch Johannes ist nicht gefragt worden, ob er das gut findet. Er ist nicht freundlich eingeladen worden, sich doch vielleicht ein wenig für Gott zu engagieren. Gottes Befehl geschah. Darin gleicht er den Propheten des alten Bundes, die auch alle nicht gefragt wurden, ob es ihnen denn recht sei, Gott zur Verfügung zu stehen.

 Es liegt etwas von Unausweichlichkeit in diesen Worten. Johannes hat keine Wahl – er muss sich diesem Befehl Gottes stellen. Das aber ist der Anfang aller Umkehr – dass ein Mensch den Befehl Gottes hört und sich ihm stellt.

3 Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, 4 wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! 5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. 6 Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«

Ein Bußprediger am Rand der Wüste – so schildern alle Evangelien Johannes den Täufer. Sie alle greifen zurück auf das „Trostbuch“ des zweiten Jesaja – doch wohl auch, um deutlich zu machen: Bußruf – das ist nicht einfach Schimpf-Rede, das ist nicht Leute nieder machen, sondern es ist mitten in einer Welt der Ungleichheit, der Unebenheiten, der Härte und der Zweideutigkeiten ein Ruf zum Leben. Der Bußruf ist ein Ruf, der Leben eröffnet und nicht verschließt, der aus der Enge der eigenen Verlorenheit in die Weite des Weges Gottes führt.

 Der Bußruf ereignet sich in der Wüste. Das ist anders als bei Jesaja. Da soll die Wüste der Ort der Wandlung sein – sie soll verändert werden. Hier ist die Wüste der Ort, an dem zur Wandlung gerufen wird. Der Täufer findet sich in der Wüste und er ruft in der Wüste, aber er ruft über die Wüste hinaus.

 Das Ziel seines Rufes: „Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.“ Das ist Luther – im Unterschied zu allen anderen Übersetzungen, auch im Unterschied zum griechischen Text. το σωτήριον steht da – das Heil, die Rettung. Und so übersetzen auch alle anderen, philologisch korrekt.

 Das Zitat, das Lukas aufgreift und verändert (!), bezieht sich auf den folgenden Satz im Jesaja-Text: „Die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen.“ (Jesaja 40, 5) Alles Fleisch wird also die Herrlichkeit des Herrn sehen. Lukas macht daraus: Das Heil Gottes. Und die Auslegung Luthers, die hier die Übersetzung bestimmt, sagt: Die Herrlichkeit des Herrn ist keine machtvolle Theophanie, kein Blitz, Donner, Erdbeben, Feuer. Die Herrlichkeit des Herrn wird sichtbar in dem Heiland, in dem Menschen, der das Gesicht Gottes ist, in Jesus. Die Herrlichkeit des Herrn wird sichtbar in dem, der sich voll Erbarmen zu den Kranken neigt, der die Sünder sucht, der sich selbst gibt, damit Menschen einen neuen Zugang zum Vaterhaus Gottes gewinnen.

 Das ist „meine Theologie“, die sich hier in Luthers Übersetzung findet: Das Heil Gottes ist kein Zustand, sondern es ist der Christus. Das Heil Gottes, die Rettung, ist nie von ihm, Jesus, ablösbar. Er ist das Heil in Person und anders gibt es das Heil nicht als dass er sich uns schenkt. Ihn sehen ist Heil und Rettung.

 Man merkt es nicht gleich, aber diese Übersetzung Luthers ist eine Wiederholung dessen, was er auch schon bei den Worten des alten Simeon gemacht hat – auch da wird aus dem Heil der Heiland – völlig schlüssig, weil Simeon ja den auf den Armen hat, der der Heiland ist. Aber mit dieser Wiederholung verbindet sich auch das weitergehende Signal: Was der eine Fromme und Gottesfürchtige im Tempel erleben durfte, das soll die Erfahrung aller werden – aller Menschen, nicht nur der Frommen aus Israel.

 Geht es zu weit, die Worte an Johannes, über seinen Auftrag, auf uns zu übertragen? Zu einer ganz bestimmten Zeit ist jeder von uns zur Taufe gebracht worden – oder freiwillig zur Taufe gekommen. Und an diesem Tag haben wir unseren Lebensauftrag bekommen. Der Lebensauftrag heißt: du sollst in dieser Welt, in deiner konkreten Umwelt ein Wegbereiter Gottes sein. Du sollst ein Mensch sein, durch den andere den Weg zu Gott besser finden können. Du sollst ein Mensch sein, durch den andere etwas aufleuchten sehen von der Liebe Gottes zu dieser Welt. Du sollst ein Mensch sein, der in dieser Welt daran mitarbeitet, dass die Berge abgetragen werden, die den Glauben hindern, dass die Täler zugeschüttet werden, in denen Menschen in ihrer Lebensangst oder im Schatten des Todes sitzen.

Heiliger Gott                                                                                                                           Du findest Menschen für Deinen Auftrag                                                                               im Alltag ihres Lebens                                                                                                            in schweren Zeiten                                                                                                                  im Glück                                                                                                                              auch in der Wüste

Du rufst und der Gerufene weiß                                                                                             Ich bin gemeint                                                                                                                        mit meinen Fragen                                                                                                                meinen Ängsten                                                                                                                      meinem Leben                                                                                                                     Ich soll Gottes Bote sein.

Sich diesem Ruf verweigern                                                                                                    heißt ihn verlieren                                                                                                                nicht mehr hören                                                                                                                    und darüber Dich verlieren

Aber Du willst                                                                                                                      dass wir nicht verloren gehen                                                                                            sondern Dein Heil schauen                                                                                                      Jesus                                                                                                                                    den Heiland                                                                                                                           und an ihm selbst heil werden. Amen