Warten auf die Gottesstunde

Lukas 2, 25 – 35

 25 Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war mit ihm.

 Tagein, tagaus konnte man ihn in Jerusalem sehen. Langsam, ein wenig bedächtig und fast schwerfällig ging er durch die Straßen. Es war ein Gehen, das ziellos war, wie einer umher geht, der etwas zu suchen scheint oder der auf etwas wartet. Die Leute kannten ihn schon: Das ist er wieder, der alte Simeon. Er wartet! Er wartet auf den Trost Israels, so sagt er immer von sich selbst. Den Trost Israels! Den Messias. Als ob der so einfach um die Ecke käme und plötzlich vor ihm stünde! Ein wunderlicher Alter, der so wartet. Das es so etwas überhaupt gibt. Das einer die Schriften des Jesaja, des Jeremia, der Propheten so ernst nimmt.

 26 Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. 27 Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. 

 Merkwürdige Botschaft: Jeder Mensch hat in seinem Leben einmal die Stunde, in der seine Sehnsucht erfüllt wird. Das ist die entscheidende Stunde des Lebens. Dieser Augenblick ist nicht inhaltsleer – es das Wort an Simeon. Du wirst den Gesalbten Gottes sehen. Du wirst den Messias schauen. Du wirst die Erfüllung der alten Verheißungen Gottes in deinem Leben erfahren. Dieser Stunde hat Simeon entgegen gewartet, bis er alt und grau geworden ist. Aber er hat nicht aufgehört zu warten.

Wenn wir ihn heute fragen könnten und fragten: `Warum wartest du denn gerade im Tempel?’ würde er vielleicht sagen: `Da ist doch der Ort, wo Gott sich finden lassen will. Da hat er es doch versprochen, dass er uns begegnen will. Da haben ihn die Väter erfahren: Jesaja ist im Tempel vor seiner Gegenwart auf die Knie gefallen. Amos ist von seinem Geist in den Tempel geführt worden. Jeremia hat im Tempel sein Wort empfangen. Wo sonst soll ich denn Gottes Gegenwart, den Trost Israels und der ganzen Welt erfahren dürfen?

Das ist gelebter Glaube: Ein Wort bestimmt das Verhalten. Das ist ja viel mehr als ein paar kluge Gedanken über Gott zu haben. Die Schritte hin zum Tempel der mühsame Weg eines alten Mannes – das ist Glaube. Weil Simeon „seinem Wort“ vertraut, nimmt der den Weg in den Tempel auf sich. Und als die Stunde seines Lebens war, da ist er in traumwandlerischer Sicherheit in den Tempel gekommen

Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, 28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:

Dann kommen Eltern mit einem Kind – sehen aus wie alle Eltern mit einem Kind – und doch weiß Simeon: Das ist es! Der ist es! Woher weiß er das? möchte man fragen und wie fast immer schweigt die Bibel zu dieser Art Fragen. Simeon sieht. Seine Augen sehen die Wirklichkeit, die anderen verborgen ist. Und was er sieht, der, den er sieht und auf die Arme nimmt, der macht ihn singen.

Es ist die Gottesstunde im Leben des Simeon. Er wird nicht aufgeklärt über dies oder das, sondern hineingestellt in die Gegenwart Gottes: Gott selbst schenkt sich ihm. Das ist die Verheißung an uns über Simeon hinaus: Gott legt sich uns in die Hände. Gott legt sich uns ins Herz mit seinem Licht, seiner Liebe, seiner Güte, so wie Jesus dem Simeon ans Herz gelegt wurde.

29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,                                                        wie du gesagt hast;                                                                                                         30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,                                                        31 den du bereitet hast vor allen Völkern,                                                                                32 ein Licht, zu erleuchten die Heiden                                                                                und zum Preis deines Volkes Israel.

 Und wieder: ein gelöste Zunge. Es ist kein Zufall, das im Beginn des Evangeliums bei Lukas so viel gesungen wird. Es ist eher der Hinweis darauf, dass Singen, Loben, Preisen die adäquate Antwort auf dieses Geschehen ist. Nicht die theologische Analyse, sondern die singende Anbetung ist am Platz.

 Und: es ist Befreiung. Simeon weiß: Mehr geht nicht mehr. Mein Leben ist erfüllt. Wenn ich nur dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde.(Psalm 73, 25) Wer die Gottesstunde seines Leben erfahren jat, der muss nichts mehr krampfhaft festhalten, der kann gehen.

 Was von Simeon gesungen wird, ist Verheißung: Das Licht Gottes leuchtet nicht nur Israel, nicht nur im Stall, nicht nur Tempel. Es leuchtet den Völkern. Hier wird zusammen gefügt, was seitdem unheilvoll getrennt worden ist: Israel und die Völker, das alte Gottesvolk und die Glaubenden aus aller Welt. Jesus ist kein Exklusivbesitz und es gibt keine Exklusiv-Rechte an ihm – nicht für Israel und nicht für die Kirche. Das ist eine zentrale Botschaft des Lukas, die er in der Folge in seinem Evangelium ( und dann auch in der Apostelgeschichte) vermittelt.

 33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. 34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird 35 – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

 Wer soll das verstehen? Für Maria und Josef ist es zu viel – erst recht die Ankündigung, die danach folgt. Das ist ja anderes und mehr als: Du wirst sehen, dass es keine Mutterschaft ohne Schmerz gibt. Es ist ein prophetisches Wort, das über die Idylle des Weihnachtskreises hinaus führt und schon das Ziel in den Blick nimmt. So darf wohl nur einer sagen, der für sich selbst auch schon das große weiße Tor, vorläufiges Ziel seines Erden-Lebens im Blick hat.

Heiliger, barmherziger Gott                                                                                                  Du hast Simeon ausgestreckt leben lassen                                                                 ausgestreckt nach dem Christus                                                                                     nach dem                                                                                                                             der da kommen soll                                                                                                          nach seiner Gottesstunde

Du willst auch uns ausstrecken                                                                                             öffnen über den Tag hinaus                                                                                                  hin auf die Stunde                                                                                                                      in der das Leben erfüllt ist                                                                                                       in Deiner Gegenwart

Verleihe es uns                                                                                                                   dass wir warten lernen                                                                                                          Dir entgegen warten                                                                                                              und uns Dir wartend hinhalten                                                                                                  bis Du unser Leben erfüllst mit Dir. Amen