Gehen – Sehen – Weitersagen

Lukas 2, 15 – 20

 15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

 Sie sind nicht sprachlos geworden über dem geöffneten Himmel. Sie sind vielmehr neugierig geworden, wissbegierig. Sie wollen sehen, ob die Engelsbotschaft Anhalt an der Wirklichkeit hat. Darum brechen die Hirten auf – eilend, sofort, ohne Umschweife. Manchmal ist das ja wichtig, dem Impuls gleich zu folgen, den sonst melden sich die Bedenken und es bleibt beim „Wir müssten eigentlich…“

 Weil sie gehen, kommen sie auch zum Sehen. Wobei – es ist ernüchternd, was sie sehen: Maria, Josef und dazu das Kind. Nichts Sensationelles. Nichts, was einen Maler inspirieren würde. Es ist eher ein ärmlicher Anblick, kein großartiges Schaustück. Es erinnert in seiner Ärmlichkeit an die Flüchtlingslager und Elendsquartieren in den Katastrophen-Gebieten unserer Zeit. Es fordert eher zur Hilfe heraus als das es Hilfe verspricht. Es ist merkwürdig, wie die „Heilige Nacht“ hier schon ins alltägliche transferiert wird.Wäre der Himmel über dem Stall voller Engel gewesen wäre der Lichtglanz der Ewigkeit aus diesem Stall hervor gebrochen, so wie es Maler gerne malen – dann hätten die Hirten wohl vor allem von dem erzählt, was sie gesehen haben, was im Stall los war. So aber, weil das alles nicht so wahr, erzählen sie von dem Wort, das sie gehört haben, von dem Wort der Boten Gottes. Nur durch dieses Wort ist es ihnen ja deutlich geworden, dass da nicht nur ein Menschenleben wie alle anderen begonnen hat. Der Herr der Welt im Elendsquartier das musste ihnen gesagt werden. Von selbst wären sie darauf nie gekommen. Aber so gilt: Was sie sehen, führt dennoch dazu, dass sie weitersagen, was ihnen gesagt worden war. Die Worte der Engel werden von dem Gesehenen nicht überlagert, nicht außer Kraft gesetzt.

 Mir geht als Gedanke durch den Kopf, dass diese dürren Verse den Dreiklang des lutherischen Glaubensverständnisses: notitia – assensus – fiducia abbilden. Da ist eine Botschaft, die gehört worden ist und die dann wieder erkannt wird auf dem Weg, den die Hirten auf sich nehmen. Und aus dem Wiedererkennen wird dann eine Überzeugung, die selbst Worte sucht und findet und weitergibt.

 Das ist bis heute so: Es gibt ein Wissen, ein gehört haben und daraus erwächst, wenn ich mich davon in Bewegung setzen lasse ein Wiedererkennen im Alltag des Lebens. Und dieses Wiedererkennen kann sich dann verdichten zur Glaubensgewissheit, zur persönlichen Glaubensüberzeugung, die mein Leben bestimmt und die ich mit anderen teile. So habe ich es für mein Leben erlebt.

 Und wenn einer heute fragt: Wie könnt ihr so etwas sagen, dass Gott, der ewige Gott, der unsichtbare Gott sich in diese Welt gibt, Fleisch und Blut wird und uns gleich wird, damit er uns zu sich zieht? Wie könnt ihr so etwas nur sagen? dann dürfen wir antworten: Das haben wir nicht von uns. Das haben wir uns nicht ausgedacht. Das haben die Engel Gottes gesagt. Gottes Boten – und Menschen, ebenfalls Gottes Boten, haben es weitergegeben bis zu uns, damit wir es euch weitersagen, damit Leben neu wird – weil wir einen Retter haben: Jesus Christus.

 Dieser Weg der Hirten ist der Weg, den alle Boten des Evangeliums ihnen nachgehen, nachmachen. Später wird Lukas von Jüngern berichten, die sagen: Wir können es ja nicht lassen dass wir nicht reden von dem, was wir gehört und gesehen haben. (Apostelgeschichte 4, 20) Weiter werden wir auch nicht kommen: Gehen – Sehen – Weitersagen.

 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Darin ist sie Vorbild des Glaubens. Darin ist sie Urbild der Kirche. Das ist, was die Kirche aller Zeiten tut, auch heute und was ihre Existenz ausmacht: sie bewahrt die Worte und sie bewegt sie in ihrem Herzen. In ihrem Zentrum ist Kirche nicht irgendeine Aktion, sondern der Ort, an dem die Botschaft des Himmels bewahrt und bewegt wird. Daraus können Aktionen werden – aber sie sind nicht die Mitte der Kirche.

 Wenn das Reich aufgerichtet sein wird, von Gott aufgerichtet, da Fried und Freude lacht, dann ist die Weihnachtsgeschichte zu Ende erzählt, Dann ist Gott an sein Ziel gekommen. Solange der Lobgesang der Engel Verheißung bleibt, solange sind wir noch unterwegs. Der Lobgesang der Hirten ist „nur“ das menschliche Echo auf das himmlische Lob.

Gott                                                                                                                                           gib mir dass ich losgehe                                                                                                   wenn Dein Wort                                                                                                                        Deine Botschaft mich erreicht                                                                                            mein Herz berührt

Gib                                                                                                                                        dass ich losgehe                                                                                                                    auch wenn es Nacht ist                                                                                                       der Weg weit                                                                                                                             und die Fragen im eigenen Herzen                                                                                   nicht verstummen wollen

Gib mir Weggefährten                                                                                                         die mich zum Aufbrechen ermutigen                                                                                     mit mir auf dem Weg bleiben                                                                                                  mit mir sehen                                                                                                                        staunen                                                                                                                                     loben

Gott                                                                                                                                         gib es uns                                                                                                                                  dass wir das Wort der Engel                                                                                             nicht einfach hinnehmen                                                                                                          dass wir es prüfen                                                                                                                 auf dem Weg                                                                                                                         im Alltag                                                                                                                                  und weitersagen                                                                                                                     was wir gehört und gesehen haben. Amen