Und es begab sich ….

Lukas 2, 1 – 14

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

Verankert in die Geschichte hinein geschieht, was alle Geschichte sprengt. Lukas will kein zeitloses Märchen,auch keine über-zeitlich gültige Legende erzählen. Er will in Geschichte hinein sagen, was Gott getan hat und tut. Das, was Lukas erzählt, ist ja offen zum Leser hin und fragt ihn, fragt mich: Lässt Du Dir die Augen öffnen für das Geheimnis, das hier zur Sprache kommt und das mehr nach Deinem Herzen als nach Deinem Kopf fragt?

 Das Geschehen wird eingezeichnet in die Machtkonstellationen der Zeit: Augustus ist Kaiser, Rom bedeutet die pax augusta und Quirinius ist der Mann vor Ort, Statthalter, Ordnungsfaktor in einer unruhigen Gegend. Und die Volkszählung ist eine Steuererhebungs-Maßnahme, damals so beliebt bei den Machthabenden wie heute – Es geht um Planungssicherheit.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. 4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickel ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Hier wird die Geschichte Roms verknüpft mit der Geschichte Israels. Aber die eine Geschichte ist Weltgeschichte, während die andere längst auf das Niveau von Familien-Tradition herab gesunken erscheint. Es ist ein Alltagsbild: eine schwangere Frau, unterwegs mit ihrem Mann. Und auch das ist nicht spektakulär. Es ist eine Frauengeschichte, wie alle Geburten Frauengeschichten sind. Und Lukas vermeidet bis in die Wortwahl hinein die Geburt zu überhöhen. Sie gebiert ihren ersten Sohn, aber es ist nicht der „Einzig-Geborene“. Sie bringt ihren ersten Sohn zur Welt. Und weil es knapp ist mit dem Platz, landet er, in Windeln zwar, aber sonst eher karg bedacht, in einer Futterrinne.

Für mich ist es immer neu erstaunlich. Die Theologen sind sich einig: Das ist keine historisch wertvolle Erzählung. Das ist narrative Theologie des Lukas. Und doch wird dann akribisch untersucht: Es war wohl kein öffentliches Hotel, auch kein Stall. Es war der Gästeraum eines Privathauses. Und es war keine Futterkrippe a la Oberbayern oder Südtirol, sondern eine Steinrinne, aus der das Vieh frass. Auch Ochs und Esel, wie wohl gar nicht erwähnt im Text, werden oft genug mit analysiert. Vielleicht will das Herz der Theologen sich doch nicht so leicht abfinden mit dem, was der Kopf zu wissen vermeint.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. 9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. 13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Szenenwechsel. Aus dem unbeachteten Stall zu den unbehausten Hirten. Mehr Alltag – oder müsste man nicht korrekterweise sagen: Nachtschicht – geht nun wirklich kaum. Draußen vor der Stadt eine Männerhorde mit ihrem Vieh – vermutlich das übliche bunte Gemisch aus Schafen und Ziegen.

Und dann geht der Himmel auf. Während das Dorf Bethlehem schläft, beginnt der Himmel zu singen. Während die Welt mit ihrer Tagesordnung befasst wird, wird im Himmel auf „neue Zeit“ gestellt. Die Freude im Himmel will auf die Erde übergreifen. Was alle auf der Erde verschlafen, als Märchen lieben, als Legende abtun, das bringt den Himmel zum Singen.

 Gott hat seine Welt nicht aufgegeben. Gott verbindet sich in Jesus mit dieser Welt und ihren Dunkelheiten. Gott geht aus seiner Herrlichkeit in die ganze Armseligkeit eines Menschenlebens hinein. Es ist schon viel verlangt: Das legt ein Kind in Windeln und es soll der Retter der Welt sein, der wahre Herr, die Erfüllung aller Verheißungen durch die Zeiten hindurch. Das ist die Botschaft von Weihnachten: Gott geht seinen mit der Menschheit begonnen Weg weiter. Das ist nicht einfach nur eine Nacht hoher Emotionen. Das ist der Anfang einer Geschichte, in die alle hineingezogen werden sollen, die von ihr hören. Neue Zeit, Freudenzeit, Lichter-Zeit im Dunkel der Welt.

 Und es bleibt wohl wahr für alle Zeit: Wenn wir Gott in der Höhe ehren, kehrt bei uns hier der Friede ein. Darum versuchen wir es ja Sonntag für Sonntag mit dem Singen in der Liturgie unserer Gottesdienste: “Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Ob es uns dann irgendwann doch gelingt, über das Singen hinaus zu Friedenstiftern zu werden? Ob es uns gelingt, über unsere engen und kleinen Gotteshäuser hinaus den Himmel als Resonanzraum wieder zu gewinnen?

Der Himmel ist offen                                                                                                              über Bethlehem und über uns                                                                                                   Der Himmel ist offen                                                                                                               weil Du, Jesus, gekommen bist                                                                                             in dem Schmerz der Geburt                                                                                                   in die Armut eines Stalls                                                                                                       mitten im kalten Winter

Du wirst                                                                                                                                     was wir sind                                                                                                                          und oft genug nicht sind: Mensch                                                                                         Du wirst                                                                                                                                     klein                                                                                                                                   hilfsbedürftig                                                                                                                      angewiesen                                                                                                                             Kind

Unsere Augen                                                                                                                        sind so blind für die Wirklichkeit                                                                                               die in Dir aufleuchtet                                                                                                              von der die Engel singen

Öffne Du uns die Augen                                                                                                      dass wir Dich sehen                                                                                                         Geschenk aus der Ewigkeit                                                                                             Geschenk der Liebe                                                                                                    Erst-Geborener                                                                                                                                                                                                                         unter denen                                                                                                                             die Deinem Reich zugehören. Amen