Es ist noch Segen drin

Jesaja 65, 1 – 10

1 Ich ließ mich suchen von denen, die nicht nach mir fragten, ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten. Zu einem Volk, das meinen Namen nicht anrief, sagte ich: Hier bin ich, hier bin ich!

                Gott lässt sich finden. Gott ist nicht so verborgen, dass es zwecklos wäre, nach ihm zu suchen. Es ist die große Sehnsucht Gottes, dass sein Volk sich auf die Suche macht nach ihm.  Dabei weiß Gott doch: schon der Anfang mit Israel war so, dass da kein Suchen war, kein Rufen, kein Fragen nach ihm. Aus der Not in Ägypten heraus haben sie geschrien. Sie wollten eine Wende der Not. Ob sie ihn wollten, ob er ihn nicht nur ein not-wendiges Mittel war, steht auf einem anderen Blatt.

Und doch ist es dann zum Finden gekommen. „Suchten Menschen in Israel in der Anrufung des Namens Jahwes, im Gebet, der Gegenwart Gottes gewiss zu werden, so kommt Jahwe ihnen jetzt zuvor und tritt aus der Verborgenheit heraus. Ja, sehnsüchtig und verlangend streckt er seine zur Annahmen und Hilfe bereiten Hände ohne Unterlass aus, um die von ihm Fortstrebenden an sich zu ziehen.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.234) Gott hält es nicht aus, sich rauszuhalten, er kann nicht im Verborgenen bleiben, nicht fern von seinem Volk. Das lässt seine Liebe nicht zu.

Vielleicht müssen wir es neu lernen, die so rasch angesichts von Unglücksfällen fragen: Wo ist denn nun Gott? dass er gerade da verborgen doch nahe sein will. Er ist gerade in der Not verborgen am nächsten, tritt hinzu, unerkannt und ungesehen.

Es ist gut, auf das Fragen nach Gott nicht vollmundig zu antworten. Aber eben auch, nicht in Schweigen zu verfallen. Sondern den Antwort des Glauens nachzugehen: Gott lässt sich finden – am tiefsten Punkt des Lebens.

 Da ist er nah, ganz nah, in unserer Mitte, der Mitte der Leidenden. Es ist eine Nähe, die nicht so offensichtlich ist wie wir sie gerne hätten. Die Nähe, die bei den Opfern ist, in den Opfern. Inkognito ist Gott unterwegs – und wir glauben immer, er müsste doch mit bloßem Auge sichtbar sein.  Wenn wir die Opfer wirklich sehen würden, wahrnehmen und nicht nur auf dem Bildschirm vorüberhuschen – wir würden Gott sehen.

 2 Ich streckte meine Hände aus den ganzen Tag nach einem ungehorsamen Volk, das nach seinen eigenen Gedanken wandelt auf einem Wege, der nicht gut ist; 3 nach einem Volk, das mich beständig ins Angesicht kränkt: Sie opfern in den Gärten und räuchern auf Ziegelsteinen, 4 sie sitzen in Gräbern und bleiben über Nacht in Höhlen, essen Schweinefleisch und haben Gräuelsuppen in ihren Töpfen 5 und sprechen: Bleib weg und rühr mich nicht an, denn ich bin für dich heilig. Die sollen ein Rauch werden in meiner Nase, ein Feuer, das den ganzen Tag brennt.

Aber wie werden seine ausgestreckten Arme beantwortet! Sie werden ignoriert. Weil der Tempel zerstört ist, muss Israel neu klären: wo ist Gott zu finden? Die ernüchternde Antwort: Große Teile von Israel suchen ihn da, wo sie vorzeiten die Götzen gefunden haben – in Ritualen, die fremden Göttern geschuldet sind, an Orten, an denen Gott sich noch nie finden lassen wollte. Es ist, als hätten sie nichts gelernt, als seien sie unbelehrbar. Fast könnte man auf die Idee kommen: Das normale Verhalten des Menschen ist der Götzendienst. Der Glaube ist alle Male Wunder. Abweichen von der menschlichen Normalität.

Und heute? Bei uns? Ich erschrecke manchmal darüber, dass Leute Gott irgendwo suchen, aber nicht da, wo er sich finden lassen will. In der Natur, in der Sexualität, im Spaß, im Rausch, im Engagement, im eigenen Inneren – überall soll Gott sich finden lassen.

Wir opfern nicht mehr auf den Höhen. Wir kochen keine Gräuelsuppen. Wir räuchern nicht in irgendwelchen Gärten. Aber wir haben auch unsere Götzen. Wir beten die Macht an, wir huldigen dem Fortschritt, wir beschwören immerwährendes Wachstum. Darin sind wir die, die Raubbau mit der Erde treiben, die Zukunft unserer Enkel und ungeborenen Urenkel opfern. Wir regen uns auf über Kinderpornographie und Kindesmissbrauch. Aber dass wir unseren Enkeln und Urenkeln die Welt stehlen, in der sie einmal leben sollen, dass wir ihnen die Zukunft verbauen, das scheint kein Skandal zu sein, das fällt nicht unter die Missbrauchs-Paragrafen.  Wir vergötzen die Gegenwart und vernichten für ungezählte Pflanzenarten, Tiergattungen und Menschen die Zukunft ihre Lebenswelt.

Und Gott ruft: Hier bin ich. Wir aber verstehen so schlecht: Wer durch eine Tür gehen will, darf sich nicht an der Mauer probieren. Er muss die Tür öffnen. „Ich bin die Tür(Johannes 10,7) – sagt Jesus. Geh durch mich ein in die Gegenwart Gottes. Aber das ist vielen zu einfach.

6 Siehe, es steht vor mir geschrieben: Ich will nicht schweigen, sondern heimzahlen; ja, ich will es ihnen heimzahlen, 7 beides, ihre Missetaten und ihrer Väter Missetaten miteinander, spricht der HERR, die auf den Bergen geräuchert und mich auf den Hügeln geschändet haben. Ja, ich will ihnen heimzahlen ihr früheres Tun.

Gott ist langmütig, aber nicht vergesslich. Er sieht ja auch den Zusammenhang: In dem Verhalten der jetzigen Generation wird nur weitergeführt, was die früheren Generationen schon getan haben. Irgendwann ist das Schuldkonto so angewachsen, dass seine Auszahlung eingefordert werden wird –  ; ja, ich will es ihnen heimzahlen. Keine Sippenhaftung, auch keine Kollektivstrafe. Die es treffen wird, stehen ja nicht nur in einer unverschuldeten Kette, sie sind selbst Leute voller Missetaten. 

8 So spricht der HERR: Wie wenn man noch Saft in der Traube findet und spricht: Verdirb es nicht, denn es ist ein Segen darin!, so will ich um meiner Knechte willen tun, dass ich nicht alles verderbe.  

„Es ist noch  Segen drin.“ „Der Docht glimmt noch – das Rohr ist geknickt, aber noch nicht gebrochen.“(42,3) Wunderbare Bilder für die Hoffnung Gottes. Da liegt ein stinkender Haufen ausgepresster Traubenreste. Trester. Nur noch gut dafür, weggeworfen zu werden. Aber der Winzer sieht mehr und riecht mehr. Er sieht, dass in diesem Dreck noch verborgen Kostbarkeiten stecken. Er riecht sozusagen schon das, was noch werden soll.

Man kann es kaum anders sagen: Gott ist verrückt in seiner Hoffnung. Er ist so inkonsequent, wie kein Vater sein darf. Er droht, er kündigt Strafen an und fällt sich immer wieder selbst in den Arm. Er glaubt sich seine eigene Härte nicht. Am Ende siegt das Erbarmen, die Hoffnung: „Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn herum grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht….“Lukas 13,8)

Es gehört zu den großen Themen der Bibel, dass Gottes Hoffnung weiter reicht als wir glauben. Gott verzögert sein Kommen, damit wir Zeit zur Umkehr gewinnen. Ist es nicht unglaublich, dass Gott nach all seinen Erfahrungen mit dem Volk, mit der Menschheit nicht die Geduld verliert, sondern die Hoffnung bewahrt? Wie verrückt vor Liebe muss Gott sein, dass er so zuwartet und zuwartet, hofft und hofft. Da ist doch noch Leben drin, das gelebt werden will. Da sind Wege noch nicht gegangen, da sind Tage noch nicht erfüllt, da stehen noch Antworten aus. Es ist die Liebe zu dem Volk, die Gott warten lässt, zuwarten bis zur Lächerlichkeit. Gott ist nicht darauf aus, sein Gesicht zu wahren. Er ist allein darauf aus, dass noch Leben wird.

9 Ich will aus Jakob Nachkommen wachsen lassen und aus Juda Erben, die meine Berge besitzen; meine Auserwählten sollen sie besitzen, und meine Knechte sollen auf ihnen wohnen. 10 Und meinem Volk, das nach mir fragt, soll Scharon eine Weide für die Herde werden und das Tal Achor ein Lagerplatz für das Vieh.

             Darum bekommt der Rest Israel wieder Raum und Zeit, Land zum Leben. Konkret benannt:  Scharon, die Talebene im Westen  als  eine Weide für die Herde.  Das Tal Achor  im Osten. Und dazwischen das Bergland – meine Berge. Städte, Äcker und Vieh. Gott gibt, was gebraucht wird.   Das alles soll das Volk erhalten, das nach mir fragt. Das noch nicht mit Gott fertig ist, nicht mit ihm abgeschlossen hat.

Was wir sehen ist ein Gott, der hin und her gerissen ist, zwischen Zorn und  Liebe „schwankt“, zwischen Geduld und Strafausübung. Am Ende aber hat die Liebe immer den längeren Atem.

 

Gott, Du lässt Dich suchen. Du lässt Dich finden. Du hast uns den Platz gezeigt, an dem wir Dich finden können, das Kreuz auf Golgatha, Christus für uns.

Gib Du doch, dass wir den Eigensinn unseres Suchens aufgeben, dass wir nicht überall Deine Gottes-Spuren glauben, sondern Dir in Jesus auf die Spur kommen und dann auch Spur halten.  Ihm nach. Amen