Wir rufen den, den wir nicht kennen

Jesaja 63, 17 – 64, 3

17 Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?

             Es sind Fragen, die vom Gedanken der Alleinwirksamkeit Jahwes geleitet werden. Da ist kein Verführer am Werk, sondern nur das Zulassen Gottes, dass das Volk sich verrennt. Warum hast du uns nicht aufgehalten? Man muss doch dem Rad in die Speichen greifen, wenn man sieht, dass es in den Abgrund rollt. So kann man lesen und dann ist es eine Anklage gegen Gott. Hat er gewissermaßen seine Aufsichtspflicht verletzt? „Wird hier die Verantwortung Gott zugespielt? Keineswegs.“(H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.231)

Man kann die Fragen ja auch so lesen: Greife doch endlich ein. Dann sollen die Fragen Gott bewegen, Gott zum Handeln bringen. Es ist, als würde einer sagen: Du siehst doch, wie wir uns verirren. Sage uns doch, zeige uns doch, wie wir aus der Misere herauskommen Das Volk sieht, wie es sich mehr und mehr in einer Sackgasse verrennt und ruft um Hilfe, weil es spürt: wir kommen nicht allein aus unserer Abwärtsspirale heraus.

Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! 18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.

             Dazu passt dieser Ruf an Gott: Kehre zurück. Israel weiß, dass es keinen Neuanfang gibt, wenn Gott nicht mit seinen Knechten neu anfängt. Es ist ein Hoffnungssignal: was wir erleben an Ausgeliefertsein, was wir erfahren haben durch die Zerstörung deines Heiligtums – das ist nur eine Momentaufnahme. Nur für kurze Zeit.

 19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

             In diesem Volksklagepsalm wirft sich Israel Gott entgegen. Das Volk leidet darunter, dass es geworden ist wie alle Völker, dass es sich verirrt hat von Gott weg und verrannt hat in seine Irrtümer. Und die, die zurückgekehrt sind aus dem Exil, die haben nun die Folgen dieser Verirrungen und Verwirrungen täglich vor Augen – Trümmer und Trostlosigkeit überall. Es wäre kein Wunder, wenn sie aufgeben, in völliger Resignation verdämmern und versinken. Aber sie geben nicht auf. Sie halten sich Gott hin.

„Im Reden, im Flehen zu Gott kann auf den Abgrund gewiesen werden, der sich da auftut, wo das leidenschaftliche, hingegebene Bejahen Gottes an einer Wirklichkeit zu scheitern droht, die zu stark, zu überzeugend gegen Gott spricht: „Wir sind, als wärst du nicht unser Herr.“ Eine für die Gegenwart wichtige Bedeutung der Klagepsalmen des Alten Testamentes liegt darin, dass starke und vitale Argumente des Atheismus schon voraus genommen sind, in der Weise jedoch, dass diese Argumente von den Betenden selbst Gott in der Klage entgegengehalten werden.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.313) Wenn alles gegen Gott spricht, dann klagt Israel Gott und klagt ihn an. Aber es kommt, so scheint es, nie auf die Idee: Der Himmel ist leer.

So mit Gott zu reden, fällt nicht leicht. Fehlt es denn nicht am Respekt Gott gegenüber? Fehlt es nicht an der Gottesfurcht? Man muss sich doch wortlos fügen in das, was nicht zu ändern ist. Nur was man ändern kann, darüber kann man sprechen. Wie anders hier: Gott, der Herr der Welt, der Weltenrichter „lässt es sich gefallen, befragt zu werden. Sein Geist wird durch die Anklage nicht gekränkt. Offenbar sind ihm solche anklägerischen Fragen gerade recht. So heißt es im vierzehnten Psalm: „Der Herr schaut vom Himmel herb auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob ein Verständiger sei, der nach Gott fragt. – Unser Prophet ist demnach ein Verständiger. Er fragt nach dem Gott, den er in seinem Volk nicht am Werk sieht.“ (R. Bohren, Prophet in dürftiger Zeit, Auslegungen von Jesaja 56 – 66, Neukirchen 1969, S.131)

Nach solchen Sätzen kann man nur bestürzt fragen: Was haben wir damit angerichtet, dass wir dem Fragen in Sachen des Glaubens oft lieblos begegnet sind, es gedeckelt haben, Frager in die Schranken verwiesen haben: das musst du einfach glauben. Wer das Fragen unterbindet oder gar verbietet, erweist dem Glauben einen schlechten Dienst. Der entzieht Gott die Ehre, die ihm die Fragen erweisen!

  Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, 1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! – 3 und das man von alters her nicht vernommen hat.

             Der Weg aus dieser Not des Volkes findet sich nicht so, dass sich das Volk am Riemen reißt. Der Weg findet sich auch nicht durch ein bisschen guten Willen und neue Frömmigkeit. Nur durch ein neues Kommen Gottes wird der Weg nach vorne wieder frei. Deshalb mündet der Ruf der Volksklage in diesen Schrei: Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab. Am Anfang aller Erweckung zu neuem Glauben steht nie der Appell an uns Menschen, sondern immer der Ruf: „O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf.“ Die Wächter rufen nach dem, was die Not wirklich wenden kann: nach einem neuen Kommen Gottes.

            Es sind die alten Bilder der Theophanie, eines Kommens in Macht: Erdbeben, Feuer, Blitz und Donner. So wird das Kommen Gottes  seit je beschrieben.   Es ist die Demonstration der Macht Gottes, auf die die hoffen, die am Boden sind. Es ist die Macht, die ihnen helfen soll und vor der sie sich zugleich fürchten.

Es sind vertraute Elemente des Kommens Gottes, die hier in der Bitte angesprochen werden: Feuer,  Erdbeben. Die Erde kommt ins Wanken und wird in ihren Grundfesten erschüttert, wenn Gott kommt. Es bleibt nichts beim Alten. Nichts so, wie es immer war. Es ist die Erinnerung an die Erfahrungen, die am Anfang Israel stehen: „Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der HERR auf den Berg herabfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der ganze Berg bebte sehr. Und der Posaune Ton ward immer stärker. Und Mose redete und Gott antwortete ihm laut. Als nun der HERR herniedergekommen war auf den Berg Sinai, oben auf seinen Gipfel, berief er Mose hinauf auf den Gipfel des Berges und Mose stieg hinauf.“(2. Mose 19, 18 -20) Damit es anders werden kann mit Israel, damit es gut werden kann mit Jerusalem, muss Gott sich wieder so zeigen wie im Anfang – als der starke Helfer, als der gegenwärtige Herr.

Was man nicht gleich weiß und sieht: Solche Schilderungen vom Kommen Gottes stehen fast immer im Zusammenhang mit dem Lob Gottes. Psalm 18 ist ein gutes Beispiel: Da läuft die ganze Schilderung von Feuer, Rauch, Erdbeben, Blitzen, Donner, Wolken darauf hinaus: „Er errettete mich von meinen starken Feinden, von meinen Hassern, die mir zu mächtig waren;  sie überwältigten mich zur Zeit meines Unglücks; aber der HERR ward meine Zuversicht.(Psalm 18, 18-19) Es geht um Geschehen in der Vergangenheit, um dankbare Erinnerung. Hier dagegen kommt die Hoffnung auf ein neues Kommen Gottes zur Sprache. Das Kommen Gottes wird erfleht für die Zukunft. Näher noch: für die Gegenwart.

Ein neues Kommen Gottes erhofft der Ruf des Propheten, die Klage des Volkes – und greift dafür auf die alten, vertrauten Bilder vom Erscheinen Gottes zurück. Man darf schon kritisch nachfragen: Legen die alten Bilder nicht fest, was nicht festzulegen ist? Muss man sich nicht darauf einstellen, dass Gott ganz anders kommen wird? So, wie man das man von alters her nicht vernommen hat.

             Es ist auch biblisches Wissen und Erfahrung in Israel, dass das neue Kommen Gottes die alten Bilder von seinem Erscheinen zerbricht. „Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.“(1. König 19, 11 – 3)  Ganz anders geht es zu, wenn der Himmel aufgerissen wird.

Und noch einmal anders wird vom Kommen Gottes später zu erzählen sein. Die Sehnsucht erwartet den König Israel, mächtig und stark. einen, der das Land mit eiserner Faust zurecht ringt. Einer, der seine Macht zeigt, auch den Feinden Israels gegenüber. Und wieder kommt er anders, so wie es keiner erwartet hat, wie es keiner in seinen Gottesträumen erträumt hat.

            Das ist wahr und gleichzeitig gestehe ich mir ein: Manchmal richtet sich meine Sehnsucht dennoch auf den Gott, der groß und mächtig ist, der den schweigenden Himmel aufreißt und mit einem Machtwort die ganze Welt in Ordnung bringt. Weil die Verhältnisse und Zustände in der Welt – der großen, die mir die Nachrichten zeigen und der kleinen, in der ich lebe – regelrecht danach schreien, dass endlich der Shalom Gottes sich durchsetzt.

In düsteren Zeiten in Deutschland, als der Krieg das Land verwüstet, die Pest wütet  und der Hexenwahn viele Herzen umklammert und verhärtet, da greift der Jesuitenpater Friedrich Spee die Wort Jesajas auf und erneut den Schrei nach dem geöffneten Himmel:

 O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf;
reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

 Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.

 O klare Sonn, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein in Finsternis wir alle sein.

 Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.                                                                     Fr. Spee von Langenfeld 1622, EG 7

             Es bleibt aber nüchtern in der Spur des Propheten festzuhalten: wenn Gott so kommt, wird es zum Erschrecken sein. Alle alten Erzählungen vom Kommen Gottes werden wirken, als hätte es sie nicht gegeben. Die Erfahrungen von gestern wirken, als hätte man nichts vernommen. Das Kommen Gottes ist für Freunde und Feinde gleichermaßen: unfassbar. Überwältigend.

Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Daran „arbeitet“ der Prophet sich jetzt ab. Wir erbitten, was wir nicht kennen, was unser Begreifen übersteigt, was alle Erfahrungen sprengt, wenn wir das Kommen Gottes erbitten. Aber, erinnert der jüdische Ausleger: „Nicht Gott selbst ist sichtbar. Sichtbar ist lediglich Sein Tun.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S.210) Wenn man so will: Das Tun Gottes ist die den Menschen zugewandte Seite Gottes.  Es ist sein Wohltun. noraot Sein Wunderbares.

           Auch diese Worte sind in ein Lied eingegangen. Wieder ist das Lied ganz nahe am Gedanken des Propheten, wenn es Erwartung und Hoffnung singt, wenn es die Zukunft ins Auge fasst, die Zukunft weit über die armselige Gegenwart hinaus.

„Wachet auf; ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
wach auf, du Stadt Jerusalem!                                                                                                    Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelzungen,
mit Harfen und mit Zimbeln schön.
Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt,                                                                wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Äug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude.
Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.   P. Nicolai 1599, EG 147

            Über Philipp Nicolai lese ich: „Sein zweiter Kampf galt der Pest. Als Nicolai in Unna lebte, starb dort ein Drittel der Einwohner an der Pest, darunter zwei seiner Schwestern. Nicolai pflegte die Kranken, war Seelsorger und Leichenbestatter. Und er dichtet Lieder: Wachet auf, ruft uns die Stimme und Wie schön leuchtet der Morgenstern sind noch heute im evangelischen Gesangbuch enthalten. Nicolai will mit diesen Chorälen die unter der Pest leidenden Menschen wieder aufrichten, sie trösten und ihnen Mut machen. Seine Botschaft lautet: Wer nicht in der Düsternis versinken will, der blickt auf die Verheißung Gottes.“(regiowiki hna.de 12.9.2014)

             Das verbindet Nicolai über die Jahrtausende hinweg mit dem Propheten: Seine Worte voll  Hoffnung und Erwartung werden wie die Worte Jesajas in düsteren Zeiten hinein geboren und gesprochen. Es wird wohl so sein: Gerade das macht ihre Kraft aus – sie sind keine Sunshine-Worte.

 

Heiliger Gott, wir rufen nach Dir, aber wir wissen gar nicht wirklich, nach wem wir da rufen.

Du musst kommen, damit sich bei uns etwas bewegt, unser Glaube neuen Grund findet, unsere Sehnsucht neue Hoffnung, unser Beten nicht ins Leere läuft. Du musst kommen, damit wir verstehen, dass der Himmel auf uns wartet. Amen