Hoffnung für Jerusalem

Jesaja 62, 1 – 12

1 Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten, bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und sein Heil brenne wie eine Fackel, 2 dass die Heiden sehen deine Gerechtigkeit und alle Könige deine Herrlichkeit.

Die Worte, die wir lesen, wirken wie eine Antwort auf solche Klagen. Es könnte die Antwort Gottes sein: Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten. Dann lesen wir hier eine Zusage: Gott hüllt sich nicht in Schweigen und Gott hört auch nicht mit einer halbfertigen Heimkehr auf. Kein Stopp, auch kein Zwischenstopp, bis es erreicht ist: der Glanz der Gerechtigkeit Jerusalems und sein Heil wie eine Fackel. Weithin sichtbar. Weithin ausstrahlend.

Man kann aber auch überlegen: Macht sich der Prophet, Jesaja mit diesen Worten die Klagen des Volkes zu eigen? Dann würde er sagen: ich will nicht aufhören, Gott zu bedrängen, ihm in den Ohren zu liegen. Er verschärft die Klage des Volkes sogar noch, spitzt sie zu, klagt die Gerechtigkeit und das Heil ein, das Gott doch schon so oft zugesagt hat. „Dieses Nicht-Ablassen und Nicht-Innehalten kennzeichnet das Amt des Propheten als des Beauftragten, der Fürbitte für sein Volk zu leisten hat und unablässig für die Gemeinde eintritt.“(H.J.Kraus, aaO. S.219) Für dieses Verständnis könnte sprechen, was später, im Vers 6 folgen wird – die Bestellung von Wächtern durch Gott(!), die Gott in den Ohren liegen.

Ob man nun so oder so liest, man wird anfangen zu begreifen, dass und wie Jerusalem die Sehnsucht der Juden ist. Im Schicksal der Stadt spiegelt sich das eigene Leben. In der großen Wende für Jerusalem, die hier angesagt wird, erhofft wird, gründet alle Hoffnung auf eine Wende im eigenen Leben. Jerusalem soll von der Nähe Gottes von seinem Glanz und seiner Herrlichkeit geradezu durchflutet werden. Es strahlt auf in der Gerechtigkeit, die ihm von Gott her widerfährt. Es leuchtet auf, wird zum Leuchtfeuer für die Völker.

Und du sollst mit einem neuen Namen genannt werden, welchen des HERRN Mund nennen wird.

      Ein neuer Name! Eine neue Identität. Nicht selbst gewählt, nicht selbstbestimmt. Niemand kann sich eine neue Identität verschaffen. Man kann allenfalls einen neuen Pass bekommen, vielleicht auch einen gefälschten – und so vorspiegeln, es sei etwas anders geworden an einem selbst. Aber hier ist es eindeutig: Der neue Name kommt von Gott her. Er gibt ihn. Er ruft ihn aus. „Der neue Name beschreibt das neue Sein; denn was Gott benennt, das erhält daraus sein Wesen.“ (D. Schneider, aaO.; S.296) Das gilt ja für viele Namensgebung im Alten und im Neuen Testament: Aus Jakob wird Israel, aus Simon wird Petrus, aus Saulus wird Paulus. Immer ist der neue Name Signal eines neuen Weges.

Dass der neue Name von Gott her kommt, schiebt anderen Namen einen Riegel vor. Wie oft ist das Volk der Juden in der Geschichte mit Schimpfnamen belegt worden. Verlästert worden. Wie oft ist sein Name „Juden“  zum Synonym für Abwertung und Entwertung geworden. Allen diesen Schimpfnamen wird Gott durch seine Namensgebung entgegen treten.

3 Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN und ein königlicher Reif in der Hand deines Gottes. 4 Man soll dich nicht mehr nennen »Verlassene« und dein Land nicht mehr »Einsame«, sondern du sollst heißen »Meine Lust« und dein Land »Liebe Frau«; denn der HERR hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann. 5 Denn wie ein junger Mann eine Jungfrau freit, so wird dich dein Erbauer freien, und wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen.

Das ist Grund genug für alles Handeln Gottes: „Der Herr hat Lust an dir.“ Es ist Gott,  der den Trümmerhaufen Jerusalem in eine schöne Krone verwandelt,. Es ist Gott, der nun neu die Stadt in die Hand nimmt, von der er zuvor im Gericht seinen schützenden Arm zurückgezogen hatte. Er macht sie zu einem Schmuckstück, zu seinem Schmuckstück. tiphæræt. Schmuck. Pracht. „Jerusalem also ist als ein prächtiges Schmuckstück beschrieben, an dem Gott seine Freude hat, ja, das Gott zum Schmuck dient.“(C.Westermann aaO.; S.298) Es ist ein wechselseitiges Leuchten – der Glanz Gottes fällt auf die Stadt und der Glanz der Stadt lässt die Herrlichkeit Gottes erahnen.

Dass Gott sich so zu seiner Stadt stellt, ist der Grund für den neuen Namen: Meine Braut, Meine Lust, Liebe Frau. Es ist die Nähe Gottes, die Zuwendung Gottes, die die alten Namen überholt. Die alten Namen wirken nur noch wie dunkle Erinnerungen, „shadows in the night“ (B.Dylan, CD 2015). Aber diese Erinnerungen haben  – Gott sei Dank – alle Macht über die Gegenwart verloren. Die Gegenwart ist ganz erfüllt von der Zuwendung, der Nähe Gottes.

Es ist das Bild von der Braut, das auch hier wieder verwendet wird und damit Innigkeit signalisiert, Treue, unverbrüchlichen Bund. „Neben dem Persönlichen ist hier der Akzent des Verbindlichen und Dauerhaften zu hören.“ (D. Schneider, ebda) Wie weit dieses Bild gespannt wird, zeigt die Offenbarung: „Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herab kommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.“(Offenbarung 21,2)

          Seit Hosea (Kapitel 2) wird das Bild von der Ehe als Gleichnis für das Gott-Israel-Verhältnis verwendet.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988, S.272)Bilder haben ihre Grenzen. Sie können auch auf falsche Spuren locken. Für uns ist das Bild von Braut und Bräutigam das Bild einer wechselseitigen, gleichwertigen Liebe. Vor allem ist es auch ein Bild, das auf Individuen bezogen ist. Mit Massenhochzeiten haben wir es im westlichen Kulturkreis nicht so.

Umso wichtiger ist es, dieses Bild vor Missverständnissen zu schützen: „An den nicht wenigen Stellen im Alten Testament, in denen das Bild der Ehe für das Gottesverhältnis gebraucht wird, ist der Partner Gottes immer eine Gemeinschaft, nie ein Einzelner. Das hat zur Folge, dass der subjektive Ausdruck dieses Verhältnisses immer nur auf der Seite Gottes dargestellt wird, so wie in dem obigen Satz: „ ..so wird sich dein Gott über dich freuen“, niemals auf Seiten des Menschen. Darin ist es begründet, dass die bräutliche oder eheliche Liebe als Bild oder sprachliche Darstellung der subjektiven Einstellung des Menschen zu Gott, wie sie in die christliche Kirche durch die Mystik kam, zutiefst unbiblisch ist.“ (C.Westermann, aaO.; S.299) Selbst wenn ich das harsche Urteil – unbiblisch – nicht teile, und es ein wenig auf die grundsätzliche Skepsis früherer evangelischer Theologie gegenüber der Mystik schiebe, lese ich hier die Aufforderung, sorgsam zu bedenken, ob es angemessen ist, von Nonnen oder Diakonissen als  Bräuten Christi zu reden, die sich ihm anverloben. Ob es angemessen ist, die eigene Liebe zu Gott, zu Christus so ins Bild der Ehe zu fassen.

Luther hat 1518 geschrieben: „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern erschafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand…. Die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“ (M. Luther, Heidelberger Disputation, These 28 in: Luther deutsch. Bd. 1, Göttingen 1983, S. 393) Genau diese Gedanken sind hier ablesbar: Es ist die Lust Gottes, die Jerusalem zur geliebten Stadt, zur liebenswerten Braut macht. Das gilt nicht nur und auch nicht erst  und schon gar nicht ausschließlich für das himmlische, sondern erst recht schon für das so irdische Jerusalem mit seinen tausend Wunden.

 

 

6 O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, 7 lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!

Wer ist das „ich“, das die Wächter bestellt? Der Prophet? Oder ist es Gott selbst, der sie einsetzt? So wie unsereiner gegen das Vergessen einen Knoten ins Taschentuch macht, so setzt Gott Wächter ein, die einem Vergessen wehren sollen, die ihn erinnern sollen. Wächter – Menschen oder Engel? „hamaskirímberufliche Erinnerer, Staatssekretäre Gottes.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 273) So wird der doch etliche Jahre spätere Prophet Sacharja sagen: Da hob der Engel des HERRN an und sprach: HERR Zebaoth, wie lange noch willst du dich nicht erbarmen über Jerusalem und über die Städte Judas, über die du zornig bist schon siebzig Jahre?“ (Sacharja 1,12) Der Engel des Herrn wehrt dem, dass Gott sein Erbarmen vergisst.

Man könnte also sagen: die Wächter sind Engel, die vor Gott für Israel einstehen. Und alle irdische Fürbitte vor Gott, für Israel, für die Welt, für Menschen, die einem lieb sind, ist nur ein Einstimmen in dieses Rufen der himmlischen Wächter. Aber das ist auch gewollt: Das Rufen der himmlischen Wächter findet seine Fortsetzung im Rufen der irdischen Wächter, auch auf den zerstörten Mauern Jerusalems.

Wenn das so stimmt, gilt also: Die Wächter auf der Mauer rufen nicht nach den Menschen. Sie rufen nicht nach Glauben bei uns. Sie rufen nach Gott. Es sind Wächter, die Gott erinnern! Das ist am Ende, wenn es um ein menschliches Rufen geht, ein kühnes Unternehmen: Menschen voller Schuld erinnern den heiligen Gott. In die Herrlichkeit Gottes hinein soll der Wächterruf dringen, damit Gott aus seiner Herrlichkeit heraustritt in unsere Nacht.

Es braucht Menschen, die um Gottes Aufmerksamkeit ringen, darum, so dass sie diese Aufmerksamkeit unaufhörlich auf ihren Ort lenken. Es braucht Menschen, die vor Gott für ihren Ort einstehen. Der Prophet sagt im Auftrag Gottes: Es ist wichtiger, dass ihr mir, Gott, in den Ohren liegt als dass ihr den Menschen auf die Nerven geht!  Das ist die Kühnheit, in der Fürbitte getan wird: Wir rufen Gott sein Volk ins Gedächtnis. Das ist die tiefste Begründung aller Fürbitte, bis heute – Gott selbst will sie. Und es ist das Versprechen Gottes: Ich will mich von eurem Rufen bewegen lassen. Wie lange sollen wir noch warten, Gott? Tue endlich was für unser Heil. Lass dich nicht hängen. Mache dein Wort an uns wahr. Lass es kein leeres Wort sein und unsere Hoffnungen auf dich nicht leere Hoffnungen bleiben.

8 Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, 9 sondern die es einsammeln, sollen’s auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.

Das war die Wirklichkeit der Juden: Sie mussten für die Supermacht Babylon arbeiten und hatten selbst nichts davon. Sie waren Fremdarbeiter ohne Rechte, gerade so geduldet, aber nie geachtet. „Bislang geschah es immer wieder, dass die eingebrachte Ernte von Feinden genommen und verzehrt wurde, dass auch die mit großer Mühe zustande gebrachte Lese an die Feinde verfiel, der Wein von ihnen getrunken wurde.“ (H.J.Kraus, aaO.; S. 220)  Wenn sie jetzt in ihr eigenes Land, in ihre Stadt zurückkehrten, dann sollte es damit ein Ende haben.

Was das Erinnern Gottes  bewirkt: Es soll aufhören, dass Menschen arbeiten, ohne die Früchte ihrer Arbeit genießen zu können. Es soll aufhören, dass die einen sich krumm legen und die anderen davon profitieren. Es soll aufhören, dass die einen ein Leben voller Mühe und Sorgen zubringen und die anderen das Leben schrankenlos – und manchmal darin schamlos – genießen. Es ist nicht mehr und nicht weniger als das Ende der „entfremdeten Arbeit“, von dem Karl Marx geträumt hat – als jüdischer Mensch in den Spuren der biblischen Prophetie -, das hier angesagt wird. Keine Abschöpfung mehr durch die Besitzer der Produktionsmittel, durch die Kapitalgeber, um das schlimmere Wort zu meiden. „Feinde“ und „Fremde“ gibt es nicht nur von außen. Ihre Rolle wird oft genug von den eigenen Volksgenossen gespielt.

 

10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! 11 Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! 12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

Es sind irdische Verheißungen, die nach einem Handeln jetzt und hier verlangen. Prophetie meint immer auch veränderte Gegenwart und meint nie Vertröstung auf den St. Nimmerleinstag. Das Hören der Prophetie beansprucht Hände und Füße und eben nicht nur die Träume. Darum: Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Wer an die Zukunft des kommenden Reiches glaubt, der wird Zeichen aufrichten, jetzt. Wer glaubt, dass Erlösung und Gemeinschaft das Gottes Ziel mit uns ist, der wird gar nicht anders können als hier und heute schon die Gemeinschaft der Glaubenden und auch die Gemeinschaft mit denen, die noch nicht oder nicht mehr glauben, zu suchen. Der wird gar nicht anders können, als in kleinen Schritten darum zu ringen, dass das Leben bei uns schon mehr gelingt, gerechter wird, liebevoller, aufmerksamer füreinander.

Das Versprechen Gottes gilt uns: Wer so mit meiner Gegenwart rechnet, wird Wege finden, auf die schon das Licht der Zukunft Gottes fällt. Und Gemeinde wird erfahren, wie sie  zum  Lebens-Ort wird, an dem schon das Licht der Zukunft aufleuchtet, auf die wir bei Gott hoffen. Das will Gott von uns: Wir sollen als Gemeinde sein Einladungsprospekt sein und werden, der in vielen den Gedanken weckt: Das ist das Leben, nach dem ich mich sehne.

Die Art und Weise, wie Israel Zeichen für die Völker wird, ist schlicht: Leben in der Spur Gottes. Im Vertrauen auf seine Wegweisung und im Vertrauen auf sein Erbarmen. So wird Mission nicht nur beschworen, sondern gelebt: Christen gehen so miteinander um, wie es dem Erbarmen Gottes entspricht. Das Evangelium wir schmackhaft, wenn es gelebt und nicht nur gepredigt wird. Wenn unser Leben unsere Worte unterstreicht und sie nicht durchstreicht, sie nicht zum schönen Gerede verkommen lässt.

Dass wir so leben, ist auch, aber nicht nur, eine Frage der eigenen Anstrengung, der eigenen Lebenskonsequenz. Des Ernstnehmens dessen, was wir uns selbst und anderen sagen. Es ist aber vor allem anderen eine Folge des Vertrauens auf Gott. solche Lebenspraxis kann nd werden, wo wir uns dem Einfluss Gottes öffnen, seinem Geist in unserem Herzen und von da aus in den Händen und Füßen die Regie übertragen und auch wirklich überlassen.

Es ist das Bild, das den Lesern des Alten Testamentes vertraut ist: Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Als Jakob aus Mesopotamien, aus der Zeit in der Fremde, bei Laban zurück kehrt, da ist es genau so: Was er in der Fremde gewonnen hat,  „Ziegen, Böcke,  Schafe, zwanzig Widder, säugende Kamele mit ihren Füllen, Kühe und Stiere,  Eselinnen und zehn Esel, dazu seine Frauen und Kinder“ (1. Mose 32,15) – das alles zieht vor ihm her. Wie Jakob damals kommt auch Gott nicht mit leeren Händen.  

             Es ist eine wechselseitiger Zug: aus dem Exil kehren Menschen zurück und ziehen auf die Stadt zu. Aus der Stadt ziehen ihnen die entgegen, die schon früher heimkehren durften. Die Spätheimkehrer stören nicht, sondern sie sind willkommen. „Aufgerufen sind die jetzt in Jerusalem schon Wohnenden, durch die Tore Jerusalems auszuziehen, um „dem Volk“, den noch zu erwartenden Exilierten den Weg zu bahnen.“ (C.Westermann, aaO.; S.301)

Noch einmal: andere Namen. Namen, die Hoffnung tragen und Hoffnung wecken, weil sie von Gott kommen. „Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, »Gesuchte«, »Nicht mehr verlassene Stadt«. Es sind Namen, die vor aller Welt bezeugen, dass Gott mit seinem Volk und seiner Stadt einen neuen Anfang gesetzt hat. Es sind dennoch auch Namen, in denen die schwierige Vergangenheit nicht übersprungen, nicht einfach ausgeblendet und weggedrückt wird – war doch Jerusalem lange eine verlassene Stadt, eine, die sich verlaufen hat und die es vergessen hatte, dass Gott sie sucht.

                    „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!“ Dieser Vers ist wunderschön – und gefährlich zugleich. Es singt sich leicht: Tochter Zion freue dich! Aber es lebt sich nicht so leicht. Jesus, den ich in diesem Vers ungenannt doch mithöre, wurde als der Kommende in Jerusalem hinaus gestoßen, vor die Tore der Stadt, hingerichtet auf Golgatha. Der Jubel des Einzugs war schnell verklungen. Die falsche Sicherheit zu wissen, wie der Messias, das Heil zu kommen hat, hat die Erfüllung der Verheißung zur verborgenen Erfüllung gemacht und hat Menschen blind sein lassen für diese Erfüllung. Das ist eine bleibende Mahnung an alle Sicherheit, die schon alles zu wissen glaubt.

 

Gott, Du siehst Deine Stadt Jerusalem mit ihren Wunden, ihrem Schmerz  – und hast sie lieb. Du siehst Deine Menschen, uns, mit unseren Wunden, unserem Schmerz, unserer Schuld – und hast uns lieb. Deine Liebe macht liebenswert, schön, wertvoll.

Danke, dass Du Deine Liebe nicht davon abhängig machst, was ist, wie wir sind. Deine Liebe öffnet uns den Weg in ein neues Leben als Antwort auf das Geschenk Deiner Liebe. Amen