Große, zu große Fußspuren?

Jesaja 61, 1 – 11

1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Vergeltung unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.

             Wer spricht hier? Ist es der Prophet – Jesaja? Der dritte Jesaja? Oder ist es der Knecht Gottes, ebed jahwe, von dem Gott sagt:  „Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.“ (42,1) Man kann auch vorsichtig einer festen Zuweisung aus den Weg gehen und sich beschränken: Man kann die Worte „als Selbstvorstellung verstehen, verbunden mit einer Berufungs- und Sendungserklärung, die in großer Vollmachtsgewissheit ergeht.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.212)Es ist schon so: der hier das Wort nimmt, weiß sich gesalbt, mit dem Geist Gottes begabt. Es ist zugleich eine königliche Komponente, die hier mit ins Spiel kommt – die Könige Israels sind Gesalbte des Herrn. Von daher liegt es nahe: „Der Geistgesalbte ist ein maschiach, ein Messias, gezeichnet durch Erwählung und Designation Jahwes.“ (H.J.Kraus, ebda.)  

Gottes Geist öffnet die Augen. Gottes Geist schafft Zuwendung. Es ist eine Zuwendung, die sich tief nach unten neigt. Das ist – im ganzen AT – das Wesen Gottes: Er neigt sich zu denen, die am Boden sind, geschlagen, gedemütigt, verzagt, eingefangen in ein Lebensschicksal, das ihnen keinen Raum lässt.

Ob sie ihm geglaubt haben, die Worte abgenommen haben, damals in Jerusalem, in den Trümmern ihrer Stadt? Es liegt ja nicht so ganz fern: sie haben sie gehört und gedacht oder auch gesagt: Er spinnt. Er redet sich die Zukunft schön, weil die Gegenwart so dürftig ist. Er macht sich selbst und uns Zukunftshoffnungen, weil hier und jetzt, in der Gegenwart, nicht zu hoffen ist.

Wer mit offenen Augen um sich schaut, der sieht Trümmer und Ruinen. Da sind die vielen, die einmal angefangen hatten, den Weg des Glaubens zu gehen. Aber irgendwann ist er stehen geblieben, verletzt vielleicht oder von anderen durch Spott und Ironie aus dem Gleichgewicht gebracht, durch die Langeweile des Gottesdienstes angeödet ‑ und nun sind von dem Anfang nur noch Trümmer übrig. Da sind die Trümmer in den Familien ‑ wo Ehepaare sich entfremdet haben, wo das Gespräch abgerissen ist, wo die einzige Umgangsform der Streit und die gemeinsame Haushaltskasse geworden ist. Da sind die Trümmer der Lebensgeschichten, die von Schuld erzählen, von Versäumnissen, die nicht wieder gut zu machen sind, die von Verlust und Abschied reden. Da sind die Ruinen der guten Vorsätze. Und all diese Trümmer sagen es uns mit lauter Stimme: nicht wieder gut zu machen. Es gibt wohl neue Jahre, aber keinen neuen Anfang. Ihr nehmt euch doch immer wieder ins neue Jahr mit und deshalb bleibt alles beim Alten.

Und nun: Der Gesalbte ist gesandt: Gute Botschaft für alle, die im Schatten stehen. Gute Nachricht für alle, die Opfer sind, Verlierer, Looser. Gute Nachricht für alle, die sich selbst nicht mehr trauen und dem Leben nichts Gutes mehr zutrauen. Gute Nachricht für alle, die gefangen sind in den Schuldgeschichten des eigenen Lebens und gefangen in den Festlegungen, die über sie verfügt worden sind. Gute Nachricht den Elendenanawím, die mit ihren Trümmern nicht fertig werden; den Trauernden, die am Zerbruch ihres Lebens leiden, den Schuldigen, die unter der Last ihrer Schuld stöhnen: dass die Zukunft dieser Welt Gott gehört, dass die Zeit, in die wir hinein gehen, Gott gehört, dass die  Zukunft der Familie Gott gehört, dass die Zukunft des Lebens Gott gehört. „Seelisch kann ein Mensch nur gesunden, wenn er körperlich frei ist, und das heißt primär, wenn er weder als Kriegsgefangener noch als eingekerkerter lebt.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S.188) Darin gipfelt das Jahr der Erlösung: den Gefangenen die Freiheit.

Es gibt einen Neuanfang auf den Trümmern. Es gibt eine Chance zum neuen Bauen mitten in Ruinenfeldern, in den Ruinen des Glaubens und den Ruinen eines verpfuschten Lebens, in den Ruinen einer zerstörten Ehe und eines gescheiterten Kindschaftsverhältnisses. Es gibt eine neue Chance für dein Leben: das Gnadenjahr Gottes ist aufgerichtet. Denn: „Heil verkündigen ist fast so viel wie Heil aufbieten, bewirken.“ (C.Westermann, aaO.; S.291) Das ist das Wesen prophetischer Worte, die aus Gott schöpfen! Man könnte sagen; die neue Wirklichkeit wird herbei geredet.

In der Mitte steht das Gnadenjahr – uneingelöstes Versprechen aus der Frühzeit Israels. Das soll kommen, herbeigeführt durch das Wort des Gesalbten.  Gnadenjahr: die Schulden sind bezahlt, die Schuldknechtschaft ist abgegolten, die Vergangenheit ist nicht mehr die Last auf unserem Rücken. Dahinter ist die Überzeugung, dass Worte wirken, erst recht und zumal, wenn sie aus dem Geist Gottes geboren sind. Und dieses Wort redet vom großen Wechsel – von den Tränen zur Freude, von der Tristesse zum Glück, vom Weinen zum Lachen.

Diese Worte kann ich nicht lesen ohne darauf zu schauen, dass Jesus sie in Nazareth liest, in der Synagoge, zum Anfang seines Wirkens. Es sind Programm-Worte für sein Handeln, sein Predigen, seinen Weg. Er legt durch sein Leben diese Worte aus.

 

4 Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben. 5 Fremde werden hintreten und eure Herden weiden, und Ausländer werden eure Ackerleute und Weingärtner sein.

Merkwürdig? Oder vielleicht doch gerade realistisch: Die Ansage des Wechsel setzt Handeln frei. Die bloße Ankündigung führt dazu, dass Menschen anders denken, fühlen und dann auch handeln. Die diese Zusagen hören, „die Befreiten sind aufgerufen, nicht eine Neugründung der Stadt vorzunehmen, sondern die, denen die Verheißung gilt, sollen die Trümmer der Vorzeit aufrichten. Aus dem alten Material entsteht das neue – Zeichen für Gottes Anknüpfen an schon Gegebenes.“(D. Schneider, aaO.; S.291

Es ist stark: Neue Zukunft gibt es so, dass die alten Trümmer aufgenommen und aufgerichtet werden, verwandelt, neu errichtet. Sie sind nicht Museumsstücke und Erinnerung an böse Zeiten, sondern Bausteine der Zukunft. Mir kommt das wie eine Lektion vor, die wir immer neu zu lernen haben: wir haben die Zukunft nie anders, als dass wir die Vergangenheit annehmen und aus der angenommen, nicht verleugneten Vergangenheit heraus neue Schritte tun. Das gilt für das Leben des Einzelnen – wer seine Vergangenheit leugnet, wird die Zukunft verfehlen. Das gilt genauso für die Gemeinschaft, auch in der Kirche. Beispielhaft: Nur eine Kirche, die auch die Schattenseiten der Reformation annimmt, wird neu Zukunft bauen können.

Es kann ja sein: ein paar haben die Worte des Jesaja gehört und sie haben ihnen den Rücken gestärkt. So dass sie über die bescheidene Gegenwart hinaus Hoffnung gewonnen haben. Tatkräftige Hoffnung, die sie befähigt hat, anzupacken. Sie nehmen ihr Leben wieder selbst in die Hand. Sie machen sich an die mühsame Aufbauarbeit, die ihnen vorher sinnlos erschien. Ohne Perspektiven bekomme ich niemand dazu, sich zu engagieren. Wo aber Perspektiven auf-scheinen, wo Hoffnung geweckt wird, da fangen Menschen dann auch wieder an, selbst zu handeln. Das ist meine große Hoffnung – im Kleinen wie im Großen. Darum hänge ich an den Verheißungen.

Und wieder, was für eine Umkehr: Die sie früher bedrängt haben, werden ihre Helfer. „Fremde übernehmen als Hirten, Landarbeiter und Winzerknechte die harte tägliche Arbeit.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.215)  Aus dem Volk in der Knechtschaft wird ein Volk der Freien. Ob dahinter eine Abwertung der körperlichen Arbeit steht? „Wie weit ist diese Vorstellung entfernt von der alten Freude es israelitischen Bauern an seinem Land und von der Art, wie etwa iim Deuteronomium (5. Buch Mose) vom Segen der Feldarbeit gesprochen wird.“ (C.Westermann, aaO.; S.294) Mir kommt das wie eine romantische Verklärung der Mühsal des Bauernlebens vom Schreibtisch des Gelehrten aus vor. Ich verstehe gut: die Schinderei auf dem Acker – bei 40O übernehmen andere. Welch ein Aufatmen!

 6 Ihr aber sollt Priester des HERRN heißen, und man wird euch Diener unsres Gottes nennen. Ihr werdet der Völker Güter essen und euch ihrer Herrlichkeit rühmen.

             Entlastet von dieser Mühsal werden die Israeliten Priester des HERRN heißen, Diener unsres Gottes. Alle? Ein Volk von Priestern, die sich alle um den Tempeldienst drängen? Alle Liturgen werden? Das ist für mich schwer vorstellbar. So, wie ja auch für mich hinter diesem Wort an die Christen „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums.“(1. Petrus 2,9)nicht die Aufforderung steht, dass von Stund´ an alle Christen Priester sind, immer am  und um den Altar und alle Tage als Liturgen in der Kirche und beim Gottesdienst. Das Wort meint nicht die Eröffnung einer unmäßigen Vermehrung der Priester, heutzutage der Pfarrerinnen und Pfarrer.

Vielmehr deute ich: Israel wird so leben können, dass die Gegenwart Gottes aufleuchtet. Es wird priesterlich einstehen, für alle Völker. Es geht um eine Existenz, die priesterlich ist, die für  andere eintritt, die andere vor Gott vertritt und die Gott in der Welt vertritt. Es geht um ein Leben, das sich Gott verdankt und ihm auch wirklich dankt, seine Gaben genießt und mit seinen Gaben verantwortlich umgeht. Israel wird den Völkern zugänglich machen, wovon es selbst lebt: Die Gegenwart Gottes in der Welt. Ich glaube, dass hinter diesen Worten einmal mehr die Völkerwallfahrt zum Zion voraus gesetzt oder angekündigt wird: „Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“(2,3).

Mich beschäftigt der Gedanke: wenn diese Worte des Jesaja kein Echo in den Herzen der Hörerinnen und Hörer gefunden hätten, wenn sie nur auf müde und resignierte Skepsis  gestoßen wären, sie wären nicht an uns weiter überliefert worden, sondern wie so viele Worte im Irgendwo verhallt.. Sie wären auch nicht zum Hoffnungsmaterial weit über die damalige Zeit hinaus geworden. Sie sind von der Art, dass sie bis heute Hoffnungen auslösen.

 

 

7 Dafür, dass mein Volk doppelte Schmach trug und Schande ihr Teil war, sollen sie doppelten Anteil besitzen in ihrem Lande und ewige Freude haben.

 Schon einmal war die Rede von der doppelten Schmach und Schande: „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.“(40,2) Am Anfang des Trostbuches. Das wird hier aufgegriffen und weitergeführt: „Auf doppelte Schmach folgt ein doppeltes Erbe.“(H.J.Kraus, aaO.;  S.215) Die Strafe, die Schande findet eine Antwort, die ihr entspricht. Das Erbarmen der Liebe gibt doppelt zurück. Das erinnert auch an den Schluss des Hiob-Buches. „Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte.“ (Hiob 42,10) Waren die Schande und Strafe zeitlich begrenzt, so ist die Antwort Gottes, Anteil am Land und Freude ewig. Unbegrenzt. Das meint Verdoppelung.   

  8 Denn ich bin der HERR, und Raub und Unrecht hasst; ich will ihnen den Lohn in Treue geben und einen ewigen Bund mit ihnen schließen. 9 Und man soll ihr Geschlecht kennen unter den Heiden und ihre Nachkommen unter den Völkern, dass, wer sie sehen wird, erkennen soll, dass sie ein Geschlecht sind, gesegnet vom HERRN.

Diese Umkehr, die Verdoppelung hat ihren alleinigen Grund im Wesen Gottes: der das Recht liebt. Weil Gott ist, wie er ist, kann er nicht genug tun im Zurechtbringen, im Aufhelfen. Weil Gott ist, wie er ist, will er einen neuen, einen ewigen Bund mit ihnen schließen. Das Wort, das die Luther-Bibel mit „Bund“ übersetzt – berit – kann auch sachgemäß mit „Bestimmung, Verpflichtung oder Verfügung“ (H.J.Kraus, aaO.; S.216) übersetzt werden. Hilfreich daran ist, das so deutlich wird: Es geht nicht um eine privilegierte Partnerschaft Israels mit Gott, sondern es geht um eine Bestimmung, die Israel von Gott auferlegt wird: An diesem Volk soll erkennbar sein, wie Gott handelt und an diesem Volk soll erkennbar sein, wie die Antwort eines Volkes, einer Gemeinschaft auf das gnädige Handeln Gottes aussieht.

Es ist eine unglaublich große Erwartung, die Gott an seine Leute hat: Er will aus ihnen das Muster für alle Völker machen. Er will sie zum Licht in der Welt machen, zur Kontrast-Gesellschaft gegen die Gesellschaft, die die Traurigen trostlos lässt, die Hungernden hungrig, die Elenden im Elend, die Schwachen niedergedrückt und die Belasteten unter ihren Lasten, bis sie schließlich innerlich und äußerlich zusammenbrechen.

Zweimal wird denen, die sich von diesem Auftrag in Gang setzen lassen, die mit diesem Auftrag erreicht werden, Ewiges verheißen: Ewige Freude ‑ ein ewiger Bund. Das ist doch unsere Not, dass so wenig Ewiges in unserem Leben ist: Wir sind unbeständig in unserem Beten, in unserer Treue, in unserem Glauben, in unseren Taten. Wir sind so sehr vom Wechsel, vom ständig neuen Tun geprägt, dass wir schon eine Tugend daraus machen. Darum behauptet unsere Zeit:  Der Mensch braucht Abwechslung, Tapetenwechsel ‑ und so wechseln wir: Hemden und Frauen, Regierungen und Währungen, Vorbilder und Ideale, Überzeugungen und Götter.

Aber nun sagt Gott: Deine Flatterhaftigkeit, deine Unbeständigkeit umschließe ich mit meiner Treue, deine Schwankungen sind umschlossen von meiner Beständigkeit. Gott lässt das Werk seiner Hände nicht los ‑ nicht in der Zeit und nicht in der Ewigkeit. Wir sind eingeschlossen in Gottes Treue und damit kommt in unser Leben seine Ewigkeit.

Das Merkwürdige: Gott wird diesen Bund nicht leid. Auch nicht, wenn sein Volk hinter dieser seiner Bestimmung zurück bleibt. Wenn es den Bund als Privileg nur für sich selbst und nicht als Aufgabe an der Welt und den Völkern versteht. Er hält die Bundestreue und er arbeitet unermüdlich an der „Bundeserneuerung“. Darum erzählt die Hebräische Bibel von der Folge der Bundesschlüsse Gottes – über Noah zu Abraham, zu Mose mit dem Ausblick auf den neuen Bund, der in die Herzen geschrieben ist. In dieser Kette der Bundesschlüsse hält Gott zäh an seiner Bundestreue fest, aller menschlichen Untreue und allem Verzagen zum Trotz.

 

Im Hintergrund klingen auch Ausgleichs- und Entschädigungsgedanken mit. Wer vorher viel gelitten hat, der soll es jetzt umso besser haben. Wer vorher Not erlebt hat, der soll jetzt Gutes erfahren. Der „arme Lazarus“ ist so einer, der in Abrahams Schoß entschädigt wird für alles Leiden seines Lebens. Wir lehnen das leicht ab, zumal, wenn es uns gut geht. Aber ich glaube, dass es im Denken vieler anderer, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, so ein Denken gibt, das verständlich ist: Die Gerechtigkeit Gottes wird für einen himmlischen Ausgleich sorgen.

 10 Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 11 Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Heidenvölkern.

             Es ist ein langer Weg, den diese Verse vollziehen. Aus der Verheißung kommt neues Handeln. Der Blick weitet sich. Und am Ende steht „Ich freue mich im Herrn.“ Es ist eine Form der Aneignung dessen, was der Gesalbte Gottes angesagt hat, was da als inneres Bild vor Augen steht. Was in seinen Worten für alle gesagt wird, verheißen wird, verändert das persönliche Leben. Es kommt beim Ich an und lässt mich nicht so bleiben, wie ich war.

In den Texten des Jesaja ist das kein Widerspruch, sondern eine sachgemäße, notwendige Klammer: Neben das Loblied der Gemeinde tritt der Psalm des Einzelnen. Weil der neue Anfang des Volkes ja immer auch darauf zielt, dass Einzelne einen neuen Anfang machen. In den Augen des Jesaja kommt das Heil für das Volk immer auch in der Gestalt des Heils für den Einzelnen und wird das Heil des Einzelnen eingebettet in den Weg des Volkes.

Die Kleider des Heils, der Mantel der Gerechtigkeit – das ist die neue Gewandung von Gott her, die neue Lebenswirklichkeit. Festgewänder treten an die Stelle von Sack und Büßergewand, von Sklavenschurz und Trauerkleid. Es sind die Kleider der Rettung, die die Zeit der Entblößung und Schändung als Vergangenheit markieren. Gott zieht sie mir an, zieht sie uns an – nicht wir selbst. In sie darf das „ich“ hinein wachsen – das Ich des damals antwortenden Hörers so gut wie ich heute. Wo das geschieht, wird die enge Grenze des Volkes, der Rasse, der Religion auf-gesprengt und geweitet in die Völkerwelt hinein.

 

Du Gesalbter, Menschensohn und Gotteskind, Du hast das gelebt: Freiheit für Gebundene, Trost den Traurigen, neues Sehen für Blinde, neue Schritte den Lahmen. Du hat das gelebt

Du rufst uns in ein Leben in Deiner Spur. Du schenkst uns Deinen Geist, damit wir trösten, aufrichten, befreien, ermutigen, das Leben neu sehen und annehmen lehren und selbst lernen.

Gib uns Deinen Geist, Anteil an Deiner Weite, Deiner Liebe, Deiner Kraft, Deiner Zukunft. Amen