Gott legt sich selbst ins Mittel

Jesaja 59, 15b – 21 

 Das alles sieht der HERR und es missfällt ihm sehr, dass kein Recht ist. 16 Und er sieht, dass niemand auf dem Plan ist, und verwundert sich, dass niemand ins Mittel tritt. Da hilft er sich selbst mit seinem Arm, und seine Gerechtigkeit steht ihm bei.

Zweimal: Der Herr sieht.  Er sieht, es fehlt am Recht und es fehlt an Menschen, die für das Recht eintreten, Die Situation schreit förmlich nach dem Eingreifen Gottes. Denn es ist, zum Verwundern Gottes, keiner da, der Gerechtigkeit herauf führen wollte. Der in die Bresche treten würde, eintreten für das Volk, vor Gott und den Menschen. Die einen sagen „Gerechtigkeit“ und meinen damit ihre Privilegien, ihre Interessen, die anderen rufen „Gerechtigkeit“ und haben ihrerseits ihre Interessen und ihre fehlenden Beteiligungsmöglichkeiten vor Augen.

Gott ist anders als wir. Wir sind stark in der Analyse der zustände. Wir decken Missstände und Schwachstellen auf, oft genug gnadenlos und radikal. Darin sind wir geübt, im Aufdecken er Schwachstellen, ob bei einzelnen oder der Gesellschaft. Aber dieses Aufdecken ist noch keine Lösung. Es ändert noch nichts. Es führt noch nicht in die Zukunft. Es stellt denn Ist-Zustand fest und zementiert ihn, stellt ihn auf Dauer. Es bleibt hängen in der Vergangenheit und der Gegenwart.

Gott aber will Zukunft. Neue Zukunft, die anders ist als das, was war. In der alles anders werden kann. Dieser Zukunft soll sein Recht dienen. Weil aber keiner für das Recht Gottes eintritt, nimmt er es selbst in die Hand. Weil keiner dem Willen Gottes Geltung verschafft, tritt er selbst auf den Plan.

Es ist ein erschreckender Satz: Da hilft er sich selbst mit seinem Arm, und seine Gerechtigkeit steht ihm bei. Der gleiche Satz wird bei Jesaja noch einmal begegnen (63,3), um das Eingreifen Gottes gegen äußere Feinde zu beschreiben. Da ist Gott allein gefordert, weil das Volk viel zu schwach ist. Aber hier? Es wirkt fast, als würde der Satz signalisieren: So sehr kann sich Israel von seiner Berufung und Erwählung entfremden, dass es von Gott wie ein äußerer Feind angesehen und behandelt wird.

17 Er zieht Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzt den Helm des Heils auf sein Haupt und zieht an das Gewand der Rache und kleidet sich mit Eifer wie mit einem Mantel.

Es ist kein wehrloser und machtloser Gott, mit dem Israel es zu tun hat. Sein Arm ist stark, seine Gerechtigkeit durchsetzungsfähig. Er ist wehrhaft  und er ist engagiert. Gott bleibt nicht für immer in der abwartenden Zuschauerrolle. Es gehört zur Grundüberzeugung, nicht nur des dritten Jesaja, sondern wohl aller Propheten, dass die Welt und dass der Weg des Volkes Gottes ihm nicht gleichgültig ist. Gott lässt seine Welt nicht fahren. Gott überlässt sein Volk nicht seinen eigenen Wegen.

Diese Worte über die Waffenrüstung Gottes haben es in sich. Gott als Krieger. Das ist uns fremd, unheimlich. Für Israel ist das dagegen wichtig, weil es sich unter den Schutz dieses mächtigen Gottes bergen will. Weil es in einer Welt lebt, in der „die Götter für ihre Völker kämpfen“ und die Niederlagen der Völker im Kampf zugleich ein Zeichen sind: Dieser Gott ist schwach.

Es fällt dem Bibelleser wohl wie von selbst auf: Das Bild von der Waffenrüstung wird im Neuen Testament übernommen, aber auf die Christen übertragen. „Bei der Erklärung der Texte des Neuen Testamentes müsste es zu denken geben, dass die jeweils geschilderte Waffenrüstung im Alten Testament die Rüstung Gottes ist.“ (H.J.Kraus, aaO.;  S.202) Man könnte auf die Idee kommen: Er hat eine Art Gewaltmonopol. Dieses Gewaltmonopol Gottes anzuerkennen hätte der Christenheit viele Irrwege und blutige Irrtümer ersparen können

18 Nach den Taten wird er vergelten, mit Grimm seinen Widersachern, mit Vergeltung seinen Feinden; ja, den Inseln will er heimzahlen, 19 dass der Name des HERRN gefürchtet werde bei denen vom Niedergang der Sonne und seine Herrlichkeit bei denen von ihrem Aufgang, wenn er kommen wird wie ein reißender Strom, den der Odem des HERRN treibt.

Hier ist die Erwartung: er schafft Recht. Er vergilt – das verkehrte Tun fällt auf die Täter zurück. Er eröffnet dem Volk einen neuen Lebensraum der Gerechtigkeit und des Friedens. Er tritt dem Hochmut in den Weg und zerstört die Gewaltpläne. Es sind die äußeren Feinde, bis hin zu den Inseln, die seine Macht zu spüren bekommen. Aber es sind auch seine Widersacher innerhalb des Volkes, die an ihm ihre Grenze finden.

Gott stellt das Recht und die Gerechtigkeit her. Weltweit. Auch dafür steht der Hinweis auf die Inseln. Es gibt – schon damals – kein Recht nur für ein Volk. Es braucht immer das Recht für alle Völker. Wer glaubt, eine Insel der Seligen schaffen zu können in einer Welt, in der das Unrecht regiert, gibt sich einer bitteren Illusion hin. Es ist ein wahrhaft „globaler Ansatz“: Der Gott, dessen Namen vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang gelobt werden soll, er selbst bringt sein Recht in dieser Weite zur Geltung. Es ist sein Lebensatem, der sich Bahn brechen wird.

20 Aber für Zion wird er als Erlöser kommen und für die in Jakob, die sich von der Sünde abwenden, spricht der HERR.

             Es ist Gericht, das er bringt, in dem er die Völkerwelt zu Recht bringt. Für Israel aber wird er in diesem Gericht der Erlöser sein, weil er einen neuen Anfang setzt, der alten Schuld zum Trotz. Der gerechte Gott greift ein. Nicht die erzwungene Gerechtigkeit will Gott, sondern die der Bereitschaft des Herzens entstammt, aus dem Überwunden-sein im Geist.  Dass er so kommt, das ermöglicht es auch, dass sich Menschen von ihrer Sünde abwenden.

Gott kommt – er selbst. Als Erlöser. Gott delegiert nicht an ein paar führende Köpfe oder ein paar weitsichtige Leute. Er wird so aktiv, dass er mittendrin ist und nicht nur am Rande dabei. Da, wo es weh tut, da geht Gott hin. In den Schmerz, in die Angst, in das Dunkel. Gott kommt so in unsere Wirklichkeit hinein, dass sie zu seiner Wirklichkeit wird. Darum ist es auch nicht wirklich verwunderlich, dass er am Ende des Weges verwundet ist.

21 Und dies ist mein Bund mit ihnen, spricht der HERR: Mein Geist, der auf dir ruht, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt habe, sollen von deinem Mund nicht weichen noch von dem Mund deiner Kinder und Kindeskinder, spricht der HERR, von nun an bis in Ewigkeit.

Aus der Beschreibung Gottes wechselt der Text und wird zum Wort Gottes. Zur Zusage. Genauer noch zur Bundeszusage. Das Stichwort „neuer Bund“ fehlt hier. Aber der Sache nach geht es jedenfalls um den erneuten und erneuerten Bund. Die Grundlage dieses Bundes: „Geist und Wort, die Israel anvertraut sind, sollen als Gaben stetig erhalten bleiben und nicht hinfällig werden.“ (H.J.Kraus, aaO.;S.203) Es ist nicht Gottes Art, Zwischenlösungen zu schaffen. Er will in allen seinen Lösungen, dass sie bleiben, von nun an bis in Ewigkeit.

          In letzter Konsequenz führt diese Art Gottes dazu, dass er Mensch wird, dass er sich in Jesus unter uns mischt, dass er einer wird wie wir, damit wir uns endlich wieder ihm anvertrauen, ihn fürchten, ihn suchen, ihn lieben. Für uns Christen ist das Bild des gerechten Gottes bestimmt durch den gekreuzigten Christus. Auf dem Weg des Sterbens wird Gerechtigkeit, die dem Leben dient. Das aber ist keine einmalige Aktion. Das mündet in seine Gegenwart, mitten in einer Welt, die so sich selbst überlassen scheint, so in sich selbst verfangen ist. Ich vermag es nicht, das zu Ende zu denken, was das für das Leben in der Welt bedeuten könnte, auch für mein Leben.

 

Heiliger Gott, in eine Welt voll Dunkel, Schmerz, Leid gibst Du Dein Wort.  In unsere Welt, blutend aus tausend Wunden, sendest Du Deinen Sohn. Und am Ende seines Weges ist er verwundet bis zum Tod, gezeichnet vom Schmerz, einsam und verlassen.

Er tritt ins Mittel, wird der Mittler, ruft Deinen Frieden aus, ist gerecht und wird ein Opfer des Rechtes nach Menschenart.

Verleihe es mir, dass ich ihm glaube, vertraue und folge. Amen